aus: Wer war Patrick March?
Kapitel 7
AN DER SPITZE DES
WELLENBRECHERS, der die Grenze des zum Haus meines Onkels gehörenden Strandes markiert,
befindet sich ein Felsen mit einer ausgewaschenen Stufe am Rand. Bei Flut oder
aufgewühltem Meer ist es zu gefährlich, sich dorthin zu wagen - eine einzige Welle
könnte einen bewußtlosschlagen. Aber an einem windstillen Tag, wenn der Ozean so glatt
ist wie der Zuckerguß auf einer Biskuittorte, kann man von dort wunderbar ins Wasser
springen. Als meine Familie noch miteinander sprach, spielten wir oft dort, wenn wir
imSommer auf Ionia zu Besuch waren.
Das Spiel ging so: Wir mußten einzeln von dem Felsen springen und uns im Sprung drehen,
um einen Fußballzu fangen, bevor wir im Wasser landeten. Es gab viele Variationen: Man
durfte eine Schraube oder einen Salto machen, oder man konnte auch zu zweit springen,
wobei die beiden Springer den Ball zwischen sich hin und her und dann wieder zurück zum
Werfer schleudern mußten.
Es war unser bestes Spiel, und es war - nicht zufälligerweise - das einzige
konkurrenzfreie Familienspiel. Wir nannten es «Klarer als Mandingo» , weil man das rufen
mußte, bevor man ins Wasser platschte.
Es war Patricks Idee, das zu sagen, und wegen seines Bostoner Tonfalls und der
Unverständlichkeit des Ausdrucks und vielleicht wegen Patricks obsessiver Angst vor
Haarausfall (das war noch vor dem Toupet) dachten Vivian und ich immer, wir würden sagen
«Kahler als Mandingo», wenn wir von dem Felsen sprangen. Aber Mandingo war der Titel
eines Sechziger- Jahre- Romans über eine gemischtrassige Beziehung, und «klarer als
Mandingo» war ein Lob, das sich irgendein Rezensent für ein anderes Buch hatte einfallen
lassen.
«Klarer als Mandingo» wurde in der Familie zum Kürzel für einen Sprung ins Ungewisse,
und so beschloß ich, es auf die Einladungen für die Party zu schreiben, die ich gab,
bevor ich London verließ, um nach lonia zu gehen. Die meisten Gäste hielten es für eine
Anspielung auf einen längst vergessenen Italowestern, und mein Freund Stevo erschien mit
einer Riemenkrawatte wie aus einem Cowboyfilm.
Am selben Tag war meine vierwöchige Kündigungsfrist bei der BBC abgelaufen. Irgendwie
fühlte ich mich an meinen letzten Tag in der Schule erinnert, an dem ich auf dem
Nachhauseweg meine Krawatte in einem Anfall untypischer Spontaneität an einen
Laternenpfahl gehängt hatte. Später hatte ich von meiner toten Mutter geträumt, die mir
eine Standpauke hielt, und ich hatte ein schlechtes Gewissen bekommen und war
zurückgegangen, um die Krawatte zu holen, deren Nylonstreifen feucht vom Regen waren.
Wahrscheinlich habe ich sie noch irgendwo.
Mich wunderte, wie rasch der Entschluß, meinen Job zu kündigen, in mir gewachsen war.
Eine Zeitlang hatte ich überlegt, nur ein halbes Jahr unbezahlten Urlaub zu nehmen, um
mir ein Türchen bei der BBC offen zu halten. Doch dann entschied ich, daß ich, wenn ich
nach sechs Monaten auf lonia nach London zurückkehren wollte,l ieber neu anfangen würde,
als mit einem Job weiterzumachen, der mir inzwischen verhaßt war.
Die Möglichkeit einer Veränderung veränderte alles. In meinem alten Leben hatte mich
nur der Gedanke gehalten, daß ich keine Alternative hatte, und jetzt, da sich die Dinge
ändern konnten, konnten sie nicht mehr so bleiben, wie sie waren. Ich konnte kein
Stammesmensch auf lrian Jaya werden und kein Tartarenreiter. Aber ich konnte so leben, wie
Patrick gelebt hatte. Diese Möglichkeit bot sich mir durch sein Testament. Und so wie er
offenbar gelebt hatte, war es genau die Veränderung, nach der ich mich sehnte. Inzwischen
war mir der Gedanke, frei zu sein, derart vertraut geworden, daß ich nichts anderes mehr
in Erwägung zog. Es war der Augenblick, in dem man zwischen Fels und Meer in der Luft
hängt, wenn man die Beine anzieht und den kalten Schock des Wassers erwartet. Jetzt war
es zu spät, zurück auf den Felsen zu gelangen. Klarer als Mandingo.
Die ziemlich komplizierten Bedingungen meines Erbes waren durch die Gerüchteküche im
Büro vereinfacht worden. Mir war ein Vermögen zugefallen, so tratschte man, und jetzt
machte ich mich aus dem Staub, um es mit vollen Händen auszugeben. An meinem letzten Tag,
als ich gerade meinen Schreibtisch ausräumte, kam einer der Regisseure, ein Mann namens
Derek Braddock, mit einem gespielt verwunderten Ausdruck im Gesicht auf mich zu.
«Damien», sagte er. «Da hat jemand für dich angerufen, Kumpel. Hab den Namen noch nie
gehört.» Er reichte mir einen von diesen dünnen Zetteln, auf denen wir
Telefonnachrichten notierten. «Irgendsoein Italiener namens Dolce. Hat behauptet, er
hätte dir seinen Lebenslauf zugeschickt.»
Ich sah ihn einen Moment lang an. «Dolce Vita. Sehr gut, Derek. Mit deinem Talent bist du
hier wirklich fehl am Platze.»
Derek kicherte wie ein Vollidiot. Er hatte ein blasses, verdrossenes Gesicht - wie ein
Foto von einem Soldaten im Ersten Weltkrieg. Ich dachte, nichts ist unangenehmer als ein
schlechter Witz.
Wendy war neben ihn getreten, die Hände auf dem Rücken. Die rund ein Dutzend Leute im
Büro drängten sich um sie, während sie eine kleine Rede hielt, was für ein Vergnügen
es doch gewesen sei, mit mir zusammen - zu arbeiten, und daß ich jederzeit wiederkommen
könne, falls das Leben der reichen Müßiggänger mir irgendwann zuviel würde. Es kam
mir unhöflich vor, ihr zu widersprechen, also lächelte ich und sprach selbst ein paar
Worte, daß mir die Arbeit großen Spaß gemacht habe und daß ich mich freuen würde,
wenn mich mal einer von ihnen auf lonia besuchen käme, vorausgesetzt, es würde ihnen
nichts ausmachen, am Strand zu schlafen; bloß einScherz, sie wären mir natürlich stets
willkommen.
Einer von den Produktionsassistenten hatte in der Mittagspause Sekt besorgt, und der wurde
mir jetzt zusammen mit einem Geschenk und einer Karte überreicht, wobei ausgiebig über
das Geld der Lizenzgeber und dasProducer-Choice-Konzept gewitzelt wurde. Das Geschenk war
ein Buch, eine sorgsam ausgewählte Anthologie vonTexten über Aussteiger, und ich bat
alle, sie für mich zu signieren. Ich verspürte eine Welle der Zuneigung für meine
Kollegen, selbst für Derek Braddock, der mir immer auf die Nerven gegangen war. Ich
dachte bei mir,daß die Arbeit, selbst wenn sie alle Fehler meiner Familie reproduziert
hatte, zumindest auch ein paar ihrerTugenden reproduziert hatte: den Humor, die
Intelligenz, die Kameradschaft. Zum erstenmal hatte ich das Gefühl, etwas zu verlieren.
Das Leben in London mit all seinen Vor- und Nachteilen war etwas, das mir gehörte, und
das ließ ich jetzt hinter mir. Ich tauschte etwas Wirkliches gegen etwas Unwirkliches
ein. Plötzlich kam mir dieser Tausch bedrohlich vor.
Um fünf Uhr gingen wir, ein großer, abgearbeiteter Trupp, ins Pub. Wir sahen auffällig
blaß aus, und obendrein waren wir außerhalb des Büros befangener im Umgang miteinander.
Derek Braddock spendierte eine große Runde und klopfte mir auf den Rücken.
«Du bist mir ein Rätsel», sagte er. «Seit zehn Jahren kenne ich dich, und heute ist
das erste Mal, daß wir zusammen ein Bier trinken.»
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