Wer war Patrick March? von Marcel Theroux, 2002, BeckMarcel Theroux

aus: Wer war Patrick March?

Kapitel 7

 AN DER SPITZE DES WELLENBRECHERS, der die Grenze des zum Haus meines Onkels gehörenden Strandes markiert, befindet sich ein Felsen mit einer ausgewaschenen Stufe am Rand. Bei Flut oder aufgewühltem Meer ist es zu gefährlich, sich dorthin zu wagen - eine einzige Welle könnte einen bewußtlosschlagen. Aber an einem windstillen Tag, wenn der Ozean so glatt ist wie der Zuckerguß auf einer Biskuittorte, kann man von dort wunderbar ins Wasser springen. Als meine Familie noch miteinander sprach, spielten wir oft dort, wenn wir imSommer auf Ionia zu Besuch waren.
Das Spiel ging so: Wir mußten einzeln von dem Felsen springen und uns im Sprung drehen, um einen Fußballzu fangen, bevor wir im Wasser landeten. Es gab viele Variationen: Man durfte eine Schraube oder einen Salto machen, oder man konnte auch zu zweit springen, wobei die beiden Springer den Ball zwischen sich hin und her und dann wieder zurück zum Werfer schleudern mußten.
Es war unser bestes Spiel, und es war - nicht zufälligerweise - das einzige konkurrenzfreie Familienspiel. Wir nannten es «Klarer als Mandingo» , weil man das rufen mußte, bevor man ins Wasser platschte.
Es war Patricks Idee, das zu sagen, und wegen seines Bostoner Tonfalls und der Unverständlichkeit des Ausdrucks und vielleicht wegen Patricks obsessiver Angst vor Haarausfall (das war noch vor dem Toupet) dachten Vivian und ich immer, wir würden sagen «Kahler als Mandingo», wenn wir von dem Felsen sprangen. Aber Mandingo war der Titel eines Sechziger- Jahre- Romans über eine gemischtrassige Beziehung, und «klarer als Mandingo» war ein Lob, das sich irgendein Rezensent für ein anderes Buch hatte einfallen lassen.
«Klarer als Mandingo» wurde in der Familie zum Kürzel für einen Sprung ins Ungewisse, und so beschloß ich, es auf die Einladungen für die Party zu schreiben, die ich gab, bevor ich London verließ, um nach lonia zu gehen. Die meisten Gäste hielten es für eine Anspielung auf einen längst vergessenen Italowestern, und mein Freund Stevo erschien mit einer Riemenkrawatte wie aus einem Cowboyfilm.
Am selben Tag war meine vierwöchige Kündigungsfrist bei der BBC abgelaufen. Irgendwie fühlte ich mich an meinen letzten Tag in der Schule erinnert, an dem ich auf dem Nachhauseweg meine Krawatte in einem Anfall untypischer Spontaneität an einen Laternenpfahl gehängt hatte. Später hatte ich von meiner toten Mutter geträumt, die mir eine Standpauke hielt, und ich hatte ein schlechtes Gewissen bekommen und war zurückgegangen, um die Krawatte zu holen, deren Nylonstreifen feucht vom Regen waren. Wahrscheinlich habe ich sie noch irgendwo.
Mich wunderte, wie rasch der Entschluß, meinen Job zu kündigen, in mir gewachsen war. Eine Zeitlang hatte ich überlegt, nur ein halbes Jahr unbezahlten Urlaub zu nehmen, um mir ein Türchen bei der BBC offen zu halten. Doch dann entschied ich, daß ich, wenn ich nach sechs Monaten auf lonia nach London zurückkehren wollte,l ieber neu anfangen würde, als mit einem Job weiterzumachen, der mir inzwischen verhaßt war.
Die Möglichkeit einer Veränderung veränderte alles. In meinem alten Leben hatte mich nur der Gedanke gehalten, daß ich keine Alternative hatte, und jetzt, da sich die Dinge ändern konnten, konnten sie nicht mehr so bleiben, wie sie waren. Ich konnte kein Stammesmensch auf lrian Jaya werden und kein Tartarenreiter. Aber ich konnte so leben, wie Patrick gelebt hatte. Diese Möglichkeit bot sich mir durch sein Testament. Und so wie er offenbar gelebt hatte, war es genau die Veränderung, nach der ich mich sehnte. Inzwischen war mir der Gedanke, frei zu sein, derart vertraut geworden, daß ich nichts anderes mehr in Erwägung zog. Es war der Augenblick, in dem man zwischen Fels und Meer in der Luft hängt, wenn man die Beine anzieht und den kalten Schock des Wassers erwartet. Jetzt war es zu spät, zurück auf den Felsen zu gelangen. Klarer als Mandingo.
Die ziemlich komplizierten Bedingungen meines Erbes waren durch die Gerüchteküche im Büro vereinfacht worden. Mir war ein Vermögen zugefallen, so tratschte man, und jetzt machte ich mich aus dem Staub, um es mit vollen Händen auszugeben. An meinem letzten Tag, als ich gerade meinen Schreibtisch ausräumte, kam einer der Regisseure, ein Mann namens Derek Braddock, mit einem gespielt verwunderten Ausdruck im Gesicht auf mich zu. 
«Damien», sagte er. «Da hat jemand für dich angerufen, Kumpel. Hab den Namen noch nie gehört.» Er reichte mir einen von diesen dünnen Zetteln, auf denen wir Telefonnachrichten notierten. «Irgendsoein Italiener namens Dolce. Hat behauptet, er hätte dir seinen Lebenslauf zugeschickt.»
Ich sah ihn einen Moment lang an. «Dolce Vita. Sehr gut, Derek. Mit deinem Talent bist du hier wirklich fehl am Platze.»
Derek kicherte wie ein Vollidiot. Er hatte ein blasses, verdrossenes Gesicht - wie ein Foto von einem Soldaten im Ersten Weltkrieg. Ich dachte, nichts ist unangenehmer als ein schlechter Witz.
Wendy war neben ihn getreten, die Hände auf dem Rücken. Die rund ein Dutzend Leute im Büro drängten sich um sie, während sie eine kleine Rede hielt, was für ein Vergnügen es doch gewesen sei, mit mir zusammen - zu arbeiten, und daß ich jederzeit wiederkommen könne, falls das Leben der reichen Müßiggänger mir irgendwann zuviel würde. Es kam mir unhöflich vor, ihr zu widersprechen, also lächelte ich und sprach selbst ein paar Worte, daß mir die Arbeit großen Spaß gemacht habe und daß ich mich freuen würde, wenn mich mal einer von ihnen auf lonia besuchen käme, vorausgesetzt, es würde ihnen nichts ausmachen, am Strand zu schlafen; bloß einScherz, sie wären mir natürlich stets willkommen.
Einer von den Produktionsassistenten hatte in der Mittagspause Sekt besorgt, und der wurde mir jetzt zusammen mit einem Geschenk und einer Karte überreicht, wobei ausgiebig über das Geld der Lizenzgeber und dasProducer-Choice-Konzept gewitzelt wurde. Das Geschenk war ein Buch, eine sorgsam ausgewählte Anthologie vonTexten über Aussteiger, und ich bat alle, sie für mich zu signieren. Ich verspürte eine Welle der Zuneigung für meine Kollegen, selbst für Derek Braddock, der mir immer auf die Nerven gegangen war. Ich dachte bei mir,daß die Arbeit, selbst wenn sie alle Fehler meiner Familie reproduziert hatte, zumindest auch ein paar ihrerTugenden reproduziert hatte: den Humor, die Intelligenz, die Kameradschaft. Zum erstenmal hatte ich das Gefühl, etwas zu verlieren. Das Leben in London mit all seinen Vor- und Nachteilen war etwas, das mir gehörte, und das ließ ich jetzt hinter mir. Ich tauschte etwas Wirkliches gegen etwas Unwirkliches ein. Plötzlich kam mir dieser Tausch bedrohlich vor.
Um fünf Uhr gingen wir, ein großer, abgearbeiteter Trupp, ins Pub. Wir sahen auffällig blaß aus, und obendrein waren wir außerhalb des Büros befangener im Umgang miteinander. Derek Braddock spendierte eine große Runde und klopfte mir auf den Rücken.
«Du bist mir ein Rätsel», sagte er. «Seit zehn Jahren kenne ich dich, und heute ist das erste Mal, daß wir zusammen ein Bier trinken.»

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