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Öland
(Leseprobe aus: Öland,
Roman, 2009, Piper -
Übertragung
Kerstin Schöps).
ÖLAND, SEPTEMBER 1972
Die Mauer bestand aus großen, runden Steinen, bedeckt von
grauweißen Flechten, und war so hoch, wie der Junge groß
war. Er konnte nur dann über sie hinwegsehen, wenn er sich
in seinen Sandalen auf die Zehenspitzen stellte. Auf der anderen
Seite war alles grau und neblig. Es hätte das Ende der Welt
sein können, aber der Junge wusste, das Gegenteil war der Fall
– die Welt begann auf der anderen Seite der Mauer. Die große
Welt war nämlich jenseits von Opas und Omas Garten. Diese
Welt hinter der Mauer zu entdecken hatte den Jungen den
ganzen Sommer über gelockt.
Zweimal hatte er über die Mauer zu klettern versucht, zweimal
hatte er den Halt an den unebenen Steinen verloren und
war ins feuchte Gras gefallen.
Doch der Junge gab nicht auf, und beim dritten Mal gelang
es ihm.
Er holte tief Luft, zog sich hoch, hielt sich an den kalten
Steinen fest und schaffte es auf die Mauer.
Das war ein Sieg für ihn – er war fast sechs und im Begriff,
zum ersten Mal in seinem Leben eine Mauer zu überwinden. Er
blieb eine Weile oben sitzen wie ein König auf seinem Thron.
Die Welt auf der anderen Seite war groß und grenzenlos,
aber auch grau und verschwommen. Wegen des Nebels, der im
Laufe des Nachmittags über die Insel gezogen war, konnte der
Junge kaum etwas sehen von der Welt draußen. Aber unterhalb
der Mauer sah er gelbbraunes Gras auf einer kleinen
Wiese. Und etwas entfernt entdeckte er ein paar geduckte,
knorrige Wacholderbüsche, neben denen bemooste Steine aus
der Erde ragten. Der Boden war so eben wie im Garten hinter
ihm, aber auf der anderen Seite sah alles viel wilder aus;
fremd und verlockend.
Der Junge setzte einen Fuß auf einen großen Stein, der zur
Hälfte im Boden steckte, und kletterte auf die Wiese jenseits
der Mauer hinab. Jetzt hatte er zum ersten Mal in seinem Leben
allein den Garten verlassen, und keiner wusste, wo er war.
Seine Mama hatte am Morgen die Insel verlassen. Sein Opa war
vor einer Stunde zum Strand gegangen, und als der Junge seine
Sandalen genommen und sich aus dem Haus geschlichen
hatte, schlief seine Oma.
Er konnte tun und lassen, was er wollte. Er war mitten in einem
großen Abenteuer.
Er ließ die Mauersteine los und machte einen Schritt in das
wilde Gras. Es wuchs spärlich, man kam mühelos voran. Er lief
weiter, und die Welt vor ihm wurde langsam deutlicher. Am
Ende der Wiese nahmen die Wacholderbüsche Form an, und
er ging auf sie zu.
Der Erdboden war weich und dämpfte alle Geräusche, seine
Schritte waren nur ein schwaches Rascheln. Selbst als er probierte,
mit beiden Füßen hochzuspringen und fest auf den Boden
zu stampfen, machte es nur leise ›fump‹. Und wenn er seinen
Fuß hochnahm, richtete sich das Gras darunter wieder
auf, und seine Spur verschwand augenblicklich.
So bewegte er sich ein paar Meter voran: Hüpf, fump. Hüpf,
fump.
Als der Junge die Wiese überquert und die Wacholder -
büsche erreicht hatte, hörte er auf zu hüpfen. Er atmete aus,
sog die kühle Luft ein und sah sich um.
(...)
Rezension I Buchbestellung I home IV09 LYRIKwelt © Piper Verlag