Der Duft der Dinge von Paolo Teobaldi, 2001, Liebeskind

Paolo Teobaldi

Der Duft der Dinge
(Leseprobe aus: Der Duft der Dinge, Roman, 2001, Verlagsbuchhandlung Liebeskind - Übertragung Peter Klöss)

Diesmal war keiner von beiden laut geworden, ja es war, wie man so schön sagt, eine Trennung unter zivilisierten Leuten, ohne Geschrei, Türenschlagen, Tränen, ohne eine um mindestens eine Oktave höhere Stimmlage; und ohne daß Lia, wie sonst, sofort bei ihren Schwestern angerufen hätte, wie früher immer bei der Mutter, um Bericht zu erstatten über jedes Problem, jede Diskussion und jeden Streit, jede Reise, jeden Tag und sogar jede Nacht: Was ist denn schon dabei? Es bleibt ja in der Familie...
Also hatten sie beschlossen, getrennte Wege zu gehen, auch wenn keiner von beiden hätte sagen können, wie lang diese Wege noch sein würden: Beide hatten die Fünfzig schon überschritten, die Zwillinge waren schon erwachsen und standen auf eigenen Beinen, das heißt, beide hatten Arbeit, Frau und Kinder, mit denen sie sich ab und zu zankten, was ja in den besten Familien vorkommt, ganz zu schweigen von den schlechtesten, wo Teller und Ohrfeigen hin und herfliegen und man einander anschließend in die Notaufnahme fährt und dem diensthabenden Polizisten hoch und heilig schwört, das Kind oder der Gatte habe sich den Kopf am Heizkörper angeschlagen.
Und so riß Tizio am folgenden Morgen, nach acht aufeinanderfolgenden Stunden Erquickungsschlaf, das Fenster auf und setzte sich im sträflingsgestreiften Pyjama der Bora aus, die in heftigen Böen von Norden blies. Zur Musik aus dem endlich laut aufgedrehten Radio rasierte er sich sorgfältig, seifte sich in aller Ruhe mit einer Rasiercreme made in Finland ein, die wie alles, was aus diesem wunderbaren Land stammt, gut frisch rational sauber solide elegant ordentlich demokratisch reich an Chlorophyll sein und nach Harz duften mußte, übrigens war auch die Rasierklinge skandinavisch, aus bestem Kiruna-Stahl (Sverige), und so rasierte er sich mit dem Strich und dagegen, ohne sich zu schneiden und ohne daß irgend jemand ihn von draußen zur Eile drängte.

Rezension I Buchbestellung I home III07 LYRIKwelt © Liebeskind