aus: Familienalbum mit Bildnissen von Unbekannten
Einer Fistel wegen
verschlug es Richard Grove Hamex (seine Mutter Esther war eine Hamex) nach Paris, wo er
Doktor Gervais in die Hände fiel, der die historische Fistel Ludwigs XIV. zu heilen
versuchte und vor allem darauf aus war, das erhabene Problem Seiner Majestät zu lösen.
Grove war nicht der erste Engländer, der zu Versuchszwecken diente. Schon John Ayemer
riß sich als Bischof von London vor Königin Elisabeth zwei gesunde Zähne aus, um ihr zu
beweisen, daß Zähneziehen nicht tödlich sei, und da erst war die Königin bereit, sich
aus einer schwärenden Wunde die grünlichen Wurzeln eines Backenzahns entfernen zu
lassen. Richard Grove Hamex kam dem Doktor wie gerufen und wurde bei dieser Gelegenheit
eine von vier Personen, die ihr Leben mit der Gesundheit des Souveräns verknüpften,
insofern an ihnen bekanntermaßen unwirksame Behandlungsmethoden und die Allheilmittel der
Barbiere erprobt wurden, bevor sie beim König zur Anwendung kamen. Der besuchte in dem
als Wohnung freigegebenen Teil des Louvre täglich seine vier Figurinen nach deren
Rückkehr von den Quellen des Bourbonnais, wohin sie der Arzt zur Erprobung des Wassers
gebracht hatte, mit dem die Marquise von X. von einer ähnlichen Fistel geheilt worden
war. Salben und Wässerchen, die in Denkschriften an den für die königliche Gesundheit
verantwortlichen Minister Louvois höchstes Lob fanden, wurden den vier Doppelgängern
verabreicht, die Monsieur Gervais dem kranken Souverän unter der leidenden Menschheit
gefunden hatte. Die Wasser von Barèges waren das letzte Experiment vor der
schwerwiegenden Entscheidung des Chirurgen Herrn von Bessières, in Ermangelung anderer
Lösungen die hochwohlgeborene Geschwulst des Königs mit dem Skalpell zu kurieren. Zuvor
kam die Reihe an Richard Grove, der wie immer als Versuchsperson diente. Die Operation war
ein voller Erfolg. Unvergeßlich blieben ihm die Besuche, die der Souverän ihm während
seiner Genesung abstattete, wobei er mit dem kleinen Finger in der Wunde pulte, die sich
so großer Neugier nicht verschließen konnte. Als der König unter die Chirurgen,
Apotheker und sonstigen Helfer Belohnungen verteilte, gedachte er seiner mit vierhundert
Pfund.
Richard Grove Hamex kehrte völlig verändert nach London zurück; nach einem Jahr der
Ruhe und feudalen Ernährung strotzte er vor Gesundheit und war über die Maßen fett.
Auch war es der Wunsch der französischen Ärzte gewesen, daß ihre Versuchsperson dem
königlichen Modell so ähnlich wie möglich wäre, sich ihm also nach Kräften physisch
annäherte. Wie Ludwig XIV. sollte er 11 Arroben wiegen. Und Grove wog so viel. Ein
leichtes für ihn, da er als Hebräer ruhig fett sein durfte.
Mit den königlichen Pistolen kaufte Richard Grove bei einem Holländer zwei Ringe. Der
eine war nach italienischem oder byzantinischem Geschmack aus Gold und Edelsteinen
gefertigt; der andere war schlicht, mit einem einzigen Diamanten von aufsehenerregender
Größe. Die Fettleibigkeit, auf die er nicht eingerichtet war, zumal die Ausbildung eines
voluminösen Bauches, verkürzte den Aktionsradius seiner Arme, die er wie Anhängsel
seiner Brust mit sich herumtragen mußte, wobei die für den Körper viel zu kleinen
Hände abstanden wie die gerupften Flügel von Hähnchen am Grill. Auf diese Weise
schienen seine Hände den Neugierigen immerzu die prächtigen Ringe vorführen zu wollen.
Die Fettleibigkeit sollte verheerende Folgen für Groves Gesundheit haben. Als er eines
feuchten Tages in den Rabatten um Westminster Cathedral ausglitt, zog er sich einen
lebensgefährlichen Hodenbruch zu. Erneut fiel er den Ärzten in die Hände, diesmal
allerdings nicht von der vertrauenswürdigen Sorte, sondern solchen, mit denen die
Engländer bis heute ihre Kinder erschrecken; wie es überhaupt in England üblich ist,
den Kindern mit dem Doktor oder dem Zahnarzt zu drohen, während man sie in den
romanischen Ländern mit dem Sandmann oder dem Teufel einschüchtert, was billiger ist. Um
seinem Leiden die Krone aufzusetzen, waren die Londoner Ärzte hinsichtlich der
Behandlungsmethode in zwei unversöhnliche Lager gespalten. Die einen vertraten die
Ansicht, daß sich der Bruch zurückbilden müsse, wenn man die den Hoden versorgenden
Blutbahnen mittels eines Hanffadens abschnürte; die anderen versicherten, daß der Erfolg
der Operation nur durch eine Entfernung des gesamten Organs gewährleistet sei.
Der Grove operierende Doktor Blagni gehörte zu den Verfechtern der letztgenannten
Schulmeinung; er operierte mit so viel Geschick, daß keiner der Anwesenden etwas von der
Entfernung des Skrotums bemerkte, das der Arzt in einer Hand verschwinden und in die
Tasche seines Kittels gleiten ließ, in der sich rückwärtig ein Loch befand, durch
welches das exstirpierte Organ zu guter Letzt entwich und unter den Tisch fiel, wo es der
Hund der Familie genuß-voll in Empfang nahm. Keiner der Zeugen hatte etwas von dieser
Taschenspielerei bemerkt, und alle schworen übereinstimmend, Grove habe bei dem
chirurgischen Eingriff nichts Wertvolles verloren.
Groves Fettleibigkeit nahm stetig zu, bis sie ihm jede Fortbewegung unmöglich machte. In
einer Sänfte trug man ihn vor die Tür seines Hauses, von wo aus er die Wagen, Pferde und
Bauern des Wegs kommen sah. An Markttagen grüßte er mit engelhaftem Lächeln auf den
jugendlich rosigen Wangen die Neugierigen, die an seinen Händen die phantastischen Ringe
bestaunten, die er gewissermaßen im Innern der königlichen Fistel gefunden hatte.
Rezension I Buchbestellung IV01 LYRIKwelt © Zsolnay