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Die Ballade von Trenchmouth
Taggart
(Prolog aus:
Die Ballade von Trenchmouth Taggart Roman, 2010,
Nagel+Kimche
- Übertragung Renate Orth-Guttmann).
I have gulled the pith from a sumac limb
To play a tune that my blood remembers.
Louise McNeill
Am 3. Dezember 2010 nähte sich der alte Mann den Mund
mit salzwassertauglicher Angelschnur zu. Das Zahnfleisch
war wieder wund und schmerzte. Es war sein hundertachter
Geburtstag, und die Zeitschrift Time hatte ihm einen Reporter
ins Haus geschickt, nach Warm Hollow, West Virginia. Den
Besuch verdankte er seinem Ruf und Pearl Thackery. Pearl
Thackery, älteste Bürgerin West Virginias, war in der vergangenen
Woche gestorben, so dass nun der Alte, einstiger
Erfinder, Schlangenbändiger, Cunnilinguist, Scharfschütze,
Waldschrat, Holzfäller, Harmonikaspieler und Journalist,
der älteste Homo sapiens im Bundesstaat war.
Er hatte ein Löchlein in der Größe einer Pintobohne offen
gelassen, so dass er durch einen Strohhalm Zichorienkaffee
und Kiefernnadeltee trinken konnte und auch sprechen,
wenn es sein musste. Und seine Chesterfields rauchen.
Als der Reporter der Time sich ihm gegenüber an den Küchentisch
setzte, brach der Alte sein Schweigegelübde und
hatte es binnen Minuten geschafft, gleichzeitig zu rauchen
und zu sprechen, zwar schwer verständlich, aber immerhin.
Der Reporter drückte den Aufnahmeknopf des quäkenden
Rekorders. Ein rotes Pünktchen leuchtete auf, klein wie eine
Zecke. Der Alte bestaunte die Erfindung. Wie hypnotisiert
starrte er auf den kleinen roten Kreis auf dem Küchentisch,
bis der ihm vor den Augen verschwamm. Er drehte einen
mundgeblasenen gläsernen Aschenbecher zwischen den
dickadrig lilafleckigen Händen. Seine Haut war dünn. Das
Haar voll. Auge und Ohr welk und knitterfaltig, aber noch
scharf. Er furzte ungeniert.
Der Reporter legte los. «Ich würde Sie gern nach Ihrem
Leben befragen, wenn ich darf», sagte er.
Der Alte lehnte sich kurz in seinem Flechtholzsessel zurück
und beugte sich wieder vor. «Soll dir ein Ohr abquasseln,
was? Na schön, aber da wächst nichts nach, da kannst
du taub von werden.» Es klang wie «tuub», das au wollte
nicht gelingen, im Übrigen aber war es viel Stimme für ein so
kleines Loch. «Komme mir vor wie dieser abgebrochene
Riese, den dieser jüdische Schauspieler mal gespielt hat.
Hoffman. Little Big Man. Kennst du den?» Er zündete sich
eine Zigarette an und steckte sie in das Loch. Zog, bis das
weiße Papier rot aufglühte. «Früher hab ich nur zweierlei gekonnt»,
sagte er. «In Zungen reden und die Weiber untenrum beglücken.»
Der Reporter räusperte sich.
«Lieber eine Flasche auf dem Tisch als eine am Tisch»,
fuhr der Alte fort. «Hab ich irgendwo gelesen.» Das war eine
dicke Lüge. «Möcht sein, dass du irgendwo gehört hast, ich
hätt mal wen umgebracht.» Er besah sich den jungen Mann
und seine Art, die Hände auf den Tisch zu legen. Und dann
fing er mit dem Ohrabquasseln an.
Rezension I Buchbestellung I home IV10 LYRIKwelt © Nagel+Kimche