Eins
(Leseprobe aus: Das Recht des Fremdlings, Roman, 2001, Zsolnay)
EINS
Wir fanden die verstümmelte Leiche
Lord Peters am frühen Abend des 13. August 1970, einem Dienstag. Die Ereignisse, in deren
Folge er als erstes Opfer zu beklagen war, setzten gegen Ende des vergangenen Sommers ein,
als ich Vanessa Forde kennenlernte - oder sogar noch früher, mit Audrey Oliphant und
ihrer Geschichte von Roth.
In jeder Gemeinde gibt es eine Audrey Oliphant, manchmal auch mehrere; das Leben dieser
Frauen dreht sich um die Pfarrkirche, und in gewisser Hinsicht dreht die anglikanische
Kirche sich um diese Frauen. Natürlich besuchte Audrey regelmäßig das Pfarrhaus, und es
war mir peinlich, daß ich sie nicht immer so herzlich empfing, wie ich es eigentlich
hätte tun sollen. Außerdem ärgerte es mich, daß der Kater von Tudor Cottage das
Pfarrhaus, ungeachtet des Verkehrs auf der Hauptstraße, als sein zweites Zuhause
betrachtete.
"Miss Oliphant wohnt praktisch schon hier", sagte meine Tochter Rosemary nach
einem besonders ausgedehnten Besuch der Dame. "Und wenn sie nicht selber kommt,
schickt sie ihren Kater."
"Sie geht uns immer zur Hand", verteidigte ich sie. "Und in der Gemeinde
macht sie sich auch nützlich."
"Ach, Vater. Du versuchst wirklich, bei allen Menschen die positiven Seiten zu
sehen", sagte Rosemary mit einem Lächeln. "Aber mir wär's lieber, wenn sie uns
in Ruhe lassen würde. Es ist viel schöner mit dir allein."
Audrey war Ende Vierzig und unverheiratet. Sie hatte
ihr ganzes Leben in Roth verbracht. Ihr Haus mit dem Namen Tudor Cottage befand sich an
der nördlichen Seite des Gemeindeangers, zwischen Malik's Minimarket und dem Queen's
Head. Der Garten vor dem Häuschen, nicht mehr als eine größere Tagesdecke, wurde durch
einen Eisenzaun vom Gehsteig abgeschirmt. Neben dem Tor war ein Schild mit alljährlich
erneuerter Aufschrift angebracht:
DIE ALTE TUDOR-TEESTUBE
(Gegr. 1931)
INHABERIN: MISS A.M.OLIPHANT
Tel.: Roth 6269
Frühstück - Kleine Mahlzeiten - Nachmittagstee
Gruppen nach Voranmeldung
Ich kannte die Teestube seit zehn
Jahren, und in dieser Zeit war die Zahl von Miss Oliphants Gästen, die nie sonderlich
hoch gewesen war, stetig zurückgegangen. So hatte Audrey Muße, ungeheure Mengen von
Detektivromanen zu lesen und sich mit voller Kraft Gemeindefragen zu widmen.
Eines Abends im Frühjahr 1969 tauchte sie ohne Vorwarnung vor meiner Tür auf.
"Mir ist gerade eine wunderbare Idee gekommen."
"Ach."
"Ich störe doch nicht, oder?" fragte sie zur Einleitung des üblichen
Austauschs von Floskeln, sozusagen ein weltlicher Versikel mit dazugehöriger Antwort.
"Überhaupt nicht."
"Sind Sie sicher?"
"Die Arbeit läuft mir nicht davon." Diese Höflichkeitslüge war ich ihr
schuldig. "Ich wollte ohnehin eine Pause machen."
Ich führte sie ins Wohnzimmer und bot ihr, aus der Not eine Tugend machend, einen Sherry
an. Audrey war klein und ziemlich rundlich. Ihre Gesichtszüge wirkten zusammengedrückt;
sie sahen aus, als sei ihr Kopf, als er noch formbar war, in einen Schraubstock gezwängt
worden - das Gesicht wäre wunderbar proportioniert gewesen, hätten sich die Augen und
Wangenknochen und Mundwinkel nicht ganz so nahe beieinander befunden.
Sie nippte an ihrem Sherry und ließ ihn ein wenig auf der Zunge verweilen, bevor sie ihn
hinunterschluckte. "Ich bin heute nachmittag in der Bibliothek gewesen, und da haben
ein paar Schulkinder Mrs. Finch gefragt, ob sie irgendwelche Bücher über die Geschichte
der Gegend hat. Es stellte sich heraus, daß es einiges über die Nachbarorte und -dörfer
gibt, aber nur sehr wenig über Roth selbst."
Sie nahm noch einen Schluck. Ich zündete mir unterdessen eine Zigarette an, schon ahnend,
was als nächstes kommen würde.
"Da hatte ich einen Geistesblitz." Ihre schweren Wangen bebten vor Erregung.
"Ich könnte doch eine Geschichte von Roth schreiben. So etwas würden sicher viele
Leute gern lesen. Gerade weil jetzt so viele Menschen hier leben, die keine Ahnung vom
wahren Roth haben."
"Wirklich ein interessanter Gedanke. Sagen Sie mir Bescheid, wenn ich irgendwie
helfen kann. Vielleicht mit dem Kirchenregister? Möglicherweise hat Lady Youlgreave
Unterlagen, die Ihnen nützen könnten. Sie..."
"Danke", fiel Audrey mir ins Wort. "Ich hatte gehofft, daß Sie mir helfen
würden. Eigentlich hatte ich sogar an eine Zusammenarbeit gedacht. Ich könnte mir
vorstellen, daß wir gut harmonieren."
"Ich würde nicht -"
"Außerdem", fuhr sie ohne Unterbrechung fort, "läßt sich die Geschichte
des Dorfes nicht von der Geschichte der Kirche und der Gemeinde trennen. Wir könnten
sogar ein Kapitel über berühmte Bewohner des Ortes in der Vergangenheit verfassen, zum
Beispiel über Francis Youlgreave. Was halten Sie davon?"
"Ich weiß nicht, ob ich Ihnen da viel nützen könnte. Schließlich wissen Sie viel
mehr über den Ort als ich. Dann wäre da noch die Zeitfrage..."
Die Erregung wich aus Audreys Gesicht wie Wasser, das aus einer Badewanne gelassen wird.
Ich schämte mich und war gleichzeitig verärgert. Warum nur bestand sie darauf, Roth als
"Dorf" zu bezeichnen? Es war ein Vorort von London, in allen wesentlichen
Einzelheiten einem Dutzend anderer ähnlich. Die meisten Bewohner führten ihr
eigentliches Leben anderswo. In Roth befriedigten sie lediglich ihre körperlichen
Bedürfnisse, sahen fern und spielten am Sonntag Golf oder wuschen ihren Ford Cortina.
"Verstehe." Audrey starrte ihr leeres Glas an. "Es war nur so ein
Gedanke."
"Aber", meinte ich, um das Schuldgefühl ein wenig zu dämpfen, das in mir
hochkroch, "würde es Ihnen helfen, wenn ich mir Ihren ersten Entwurf ansehe?"
Sie hob, übers ganze Gesicht strahlend, den Blick. "Ja, mit Sicherheit."
Damit war die Sache abgemacht. Wenn Audrey nicht beschlossen hätte, ihre Geschichte von
Roth zu schreiben, wäre vielleicht nichts von dem passiert, was sich nun ereignete. Es
ist verführerisch, ihr die Schuld zu geben - ihr oder einem anderen, nur nicht sich
selbst. Aber das Schicksal sucht sich immer einen Weg: Wenn Audrey sich nicht erboten
hätte, ihm zur Hand zu gehen, hätte sich sicher jemand anders gefunden.
Audrey stellte ihr dünnes Buch Anfang August 1969 fertig. Ganz aufgeregt brachte sie mir
das fast unleserliche, mit Bleistift verfaßte Manuskript. Zum Glück war es kurz,
hauptsächlich deshalb, weil Roth vergleichsweise wenig Geschichte hatte. Seit dem
Mittelalter stand die Gemeinde im Schatten ihrer größeren Nachbarn. Sie lag zu weit von
der Themse und später von der Eisenbahn entfernt.
Trotzdem war Roth, den alten Fotos nach zu urteilen, die Audrey aufgespürt hatte, einst
ein hübscher, erstaunlich unverdorbener Ort gewesen, obwohl es nur etwa zwanzig Kilometer
von Charing Cross entfernt lag. All das hatte sich in den dreißiger Jahren mit dem Bau
des Jubilee Reservoir, des großen Wasserspeichers, geändert, als fast dreihundert Hektar
des Gemeindelandes, darunter auch der nördliche Teil des Ortes, mit Abermillionen Litern
Wasser geflutet wurden, um den nie enden wollenden Durst der Londoner zu stillen.
Schon bald stellte ich fest, daß Audrey in Rechtschreibung und Grammatik alles andere als
sattelfest war. Der Text bestand aus einer bunten Folge von Spekulationen - Wer weiß?
Vielleicht hat Heinrich VIII. auf dem Weg nach Hampton Court im Old Manor House
Zwischenstation gemacht - sowie oft ungenauen Zitaten aus Büchern, die sie in der
Bibliothek gefunden hatte. Ich überredete sie, das Manuskript abtippen zu lassen, und es
gelang mir - diplomatisch, wie ich hoffte -, die Frau, die das übernahm, dazu zu bringen,
daß sie stillschweigend einige meiner Korrekturen einfügte. Dann ging ich zusammen mit
Audrey den getippten Entwurf durch und überarbeitete ihn noch einmal. Mittlerweile war es
Anfang September.
"Wir müssen einen Verleger suchen", sagte Audrey.
"Vielleicht sollten Sie es selbst drucken lassen?"
"Aber es würde sicher Leser im ganzen Land interessieren", sagte sie. "Die
Geschichte von Roth ist in vielerlei Hinsicht die Geschichte Englands."
"Ja, aber -"
"Und, David", fiel sie mir ins Wort, "ich möchte, daß
die gesamten Tantiemen dem Restaurierungsfonds zufließen, wirklich jeder Penny. Also
müssen wir einen richtigen Verleger finden, der uns eine Menge Geld bezahlt. Kommen Sie
doch morgen zum Abendessen, dann können wir uns ausführlicher darüber unterhalten. Ich
würde gern etwas für Sie kochen, um mich für Ihre Arbeit zu bedanken." Dabei
tippte sie mir fast schon kokett auf den Arm. "Sie sehen aus, als könnten Sie was
Ordentliches zu essen vertragen."
"Leider geht's morgen nicht. Ich bin schon bei den Trasks zum Essen eingeladen. Aber
vielleicht ein andermal."
"Ja, ein andermal", sagte sie.
Ich war erleichtert, daß die Trasks mir eine über jeden Zweifel erhabene Ausrede
verschafft hatten. Doch meine Annahme dieser Einladung hatte zur Folge, daß zwei Menschen
starben, ein dritter ins Gefängnis mußte und ein vierter in die Psychiatrie.
Rezension I Buchbestellung IV01 LYRIKwelt © Zsolnay