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Veza
Taubner-Calderon
(Veza Canetti)
Toogoods oder das Licht
(Leseprobe aus: Leseprobe: Der Fund", Roman, S.
197 f., 2001, Hanser -
Nachwort von Angelika Schedel)
Im Winter des Jahres 1940 übersiedelten wir aufs
Land in das geräumige Haus eines Pastors und seiner hageren Ehefrau. Die
Bedingungen waren durchwegs Verbote. Verboten war der Fleischgenuß, der
Alkohol, das Rauchen, der Theaterbesuch und der Verkehr mit den Nachbarn. Das
Prinzip des pensionierten Geistlichen lautete: wenn das Empire die von Gott
Gezeichneten einläßt, und ich sie gar ins Haus nehme, so haben sich mir diese
Flüchtlinge für die Großmut Englands dankbar zu erweisen, und sie haben mir möglichst
viel Nutzen zu bringen. Denn sie wetzen die Teppiche ab, ziehen den Zug im
Abtritt und schauen durchs Fenster. Sie zahlen, das ist richtig, aber was ist
Geld, wie eitel ist es, welcher Schein in den Augen eines Dieners Gottes.
Morgens in aller Früh wurde Kompost erzeugt. Die beiden Toogoods taten dies auf
eine eigene Weise, nämlich auf Zeitungspapier, und trugen diesen Schatz, der
ihrem Leib entsprossen, hinunter in den Gemüsegarten, wo sie ihn nach einem
Jahr in der Form von Karotten zurückbekamen. Denn sparsam sei der Mensch und
vergeude nichts, auch nicht seine Exkremente, dann wird der Herr es ihm lohnen.
Und richtig, der Herr lohnte es. Wer hat, dem wird gegeben, und sie hatten. Sie
hatten ein großes Haus mit vielen Teppichen und hellen Möbeln, sie hatten
feingeschnitzte Truhen und kostbare Altertümer. Und ein Zimmer voll mit Vorräten,
alle angekauft knapp ehe der Krieg ausbrach, um ihre alten Knochen aufs beste zu
versorgen.
Sie hatten und nährten sich redlich. Wir hatten nichts und hungerten.
Für diesen Hunger hörten wir salbungsvolle Reden, etwa, daß man im Krieg genügsam
leben müsse. Um sich für ihre Worte zu stählen, aßen sie heimlich ihre guten
Speisen, und wir bekamen die Karotten, die der Herr ihnen erwachsen ließ.
Dafür aber waren sie freundlich. Mit überaus freundlicher Miene häufte uns
Frau Pastor den in Wasser gekochten Kohl auf den Teller, dazu gab es
Wasserkartoffel, freilich nur eine, denn sie kosteten fast einen Penny das
Pfund, wiewohl nicht sie, nicht Frau Pastor, sie hatte eine Quelle, wo sich das
Hundert erheblich billiger stellte, diese Kartoffel war freilich säuerlich und
mit schwärzlicher Fäulnis durchsetzt, aber da blickte Frau Pastor weg und
sprach davon, wie schlecht die Welt, und sie dachte, wie gut sie selbst war, die
unserethalben, um unsere Seelen zu retten, diese schwarzen Trümmer aß. Ihr Lächeln
glich dem Saccharin, mit dem sie uns die Süßspeise versetzte. Während sie die
widerliche Grütze anrichtete, ging der Kopf des Pfarrers mit dem Löffel von
der Schüssel in den Teller und zurück mit seines Weibes Löffel in die Schüssel,
und er sah aus wie ein Hund, dem man den Zucker nach allen Richtungen zieht, um
ihn zu reizen, der Hund wurde immer gieriger, immer gieriger wurde der Priester,
und selbst wir waren so verhungert, daß wir Wasserkost und Wassergrütze
verzehrten und uns am Ende für das Lunch bedankten. Ich habe nie gelästert,
aber wenn Toogood mit ergebenem Blick diese Mahlzeiten einleitete mit:
»Go Bless thiss Food to our Health«
dann wollte ich keinen Segen auf dieser Kost und lieber keine Kost, als diesen
Segen.
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