Endlichkeit von Sándor Tatár, 2006, pernobilis editionSándor Tatár

Wer nicht durch die Schwingtür zu Gleisen eilt
(Leseprobe aus: Endlichkeit mit bittrem Trost, 2006, Edition Pernobilis)

Wie oft hast du es dir vorgestellt: vom Zug steigen,
abends, im feuchten Herbst, wenn schon der Atem zu sehen ist,
die Lichthöfe der Bahnhofslampen an den Rändern
irisieren, auf die von innen benebelten Fenster
von Zeitungskiosk und Buffet nur mehr blasses, fernes Licht rieselt;
dein Gepäck ist eher nur symbolisch, und wenn
es auch scheint, dass die Zweckmäßigkeit seinen Inhalt
zusammenstellte, so war es in Wirklichkeit nur die Strenge
dir selbst gegenüber: dass du nicht gleich in den ersten Tagen 
die Ausflucht hast, kein Deo dabei zu haben, dass dir 
die Nagelschere fehlt oder du nicht genügend Socken hast.
Und natürlich bist du allein, und es wartet niemand auf dich.
(Doch ein freies Zimmer wird es schon irgendwo geben.)
Dann würde sich innerhalb von ein paar Stunden oder Tagen, 
allerhöchstens ein-zwei Wochen alles fügen*.
Denn entweder du fährst zurück oder du wirst gewahr, dass es kein Zurück gibt.
*(Du selbst würdest dich freilich nicht - besonders dann nicht,
wenn du nicht zurückkehrst - fügen, die innere
Stimme würde vielmehr wissen wollen, Häftling, was dich 
            bis jetzt dort hielt.)

- - - Nicht deine Feigheit beschämt dich,
dass du nämlich nicht einsteigst
in den Zug allein, mit symbolischem Gepäck,
sondern, dass du nicht weißt, was du davon hältst / halten sollst,
dass du es dir jetzt nicht einmal mehr vorstellen kannst.

(aus dem Ungarischen von Karl Messer)

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