Zwölfter Gesang
(Leseprobe aus: La Gerusalemme liberata/Das
befreite Jerusalem, Epos (1824, Fromann/1885, Cotta'sche - Übertragung Johann
Diederich Gries)
1.
Längst war es Nacht; doch immer noch genossen
Die müden Völker weder Schlaf noch Rast;
Denn draußen baun die Franken unverdrossen
Am Turme fort, auf Angriff stets gefaßt;
Und drinnen, wo das Bollwerk von Geschossen
Beschädigt ward, da stellt der Heiden Hast
Die Mauern her, die fielen oder wanken;
Und jeder Teil besorgt und pflegt die Kranken.
2.
Der Wunden Pfleg' ist endlich nun vollendet,
Der größre Teil der Arbeit schon vollbracht;
Der Fleiß erschlafft, und dichtre Schatten sendet
Zum Schlummer lockend jetzt die stillre Nacht.
Die Heldin nur, vom Glanz des Ruhms geblendet,
Ruht nicht und lenkt, da jeder Stillstand macht,
Auf neue That den ehrbegier'gen Willen.
Argant ist bei ihr, und sie spricht im stillen:
4.
Wie besser wär's, im Wald, auf Bergesheiden
Mit Pfeil und Spieß dem Wilde nachzugehn,
Als, wo der Männer Mut und Arm entscheiden,
Hier unter Rittern nur ein Weib zu stehn!
Warum nicht auch in Frauentracht mich kleiden?
Warum, verdien' ich's, das Gemach verschmähn?
Sie spricht's und sinnet nach; und nun entschlossen
Zu großem Werk enthüllt sie's dem Genossen:
6.
Doch wehrt vielleicht mir meines Schicksals Grauen
Die Wiederkehr vom Felde der Gefahr,
Dann will ich meine Mädchen dir vertrauen
Und einen Mann, der mir ein Vater war.
Du sende heim sie nach Aegyptens Auen,
Den schwachen Greis, der Weiber bange Schar.
O, thu es, Herr, um Gott! Dein ganz Erbarmen
Verdient das Alter, das Geschlecht der Armen.
8.
Auch mein Herz, glaub', erbanget nicht zu sterben
Und hat für Ruhm des Lebens wenig acht. –
Des wird ein ew'ges Zeugnis dir erwerben,
Erwidert sie, dein Ausfall in der Schlacht.
Ich aber bin ein Weib, und mein Verderben
Kommt der bedrängten Stadt nicht in Betracht.
Doch fielest du – Gott wende solchen Schauer! –
Wer bliebe dann zurück zum Schutz der Mauer?
10.
Argant verspricht – und hält es, sei nicht bange! –
Des Turms Vernichtung durch der Flammen Glut.
Ich gehe mit; wir warten nur so lange,
Bis dort die Schar in festerm Schlummer ruht.
Der Fürst erhebt die Händ', und von der Wange
Rinnt ihm hinab der Freudenthränen Flut:
Preis dir, so spricht er, der die Augen wendet
Auf seinen Knecht und Schutz dem Reiche sendet!
12.
So spricht der greise Fürst und drücket beide
Abwechselnd an sein Herz, gerührt und mild.
Doch Soliman, entflammt von edlem Neide,
Verhehlet nicht, wovon sein Busen schwillt:
Auch dieses Schwert dient nicht zum Prunkgeschmeide;
Mit geh' ich oder folg' euch in's Gefild.
Ha! ruft Clorinde nun, so ziehn wir alle
Ins Feld hinaus? Und wer bleibt auf dem Walle?
14.
Gingst du hinaus, du thätest, darf ich glauben,
Kriegsthaten, deiner wert; allein nicht gut
Bedünkt es mich, mir alle die zu rauben,
Die am berühmtsten sind durch Stärk' und Mut.
Auch würd' ich diesen nicht zu gehn erlauben –
Denn wert der Schonung ist ihr edles Blut –
Wenn minder nützlich sich die That erwiese,
Und sie ein andrer könnte thun als diese.
16.
Du wart' am Thor – gewähre mir die Bitte –
Wie sich's geziemt dem königlichen Rang.
Und kehren jene, hoff' ich, aus der Mitte
Des Feinds zurück, nachdem die That gelang,
Verfolgt vielleicht ein Haufen ihre Schritte,
Dann treib ihn ab und nimm sie in Empfang.
Als so der eine Fürst den Streit entschieden,
Verstummt der andre zwar, doch unzufrieden.
18.
Clorinde nimmt nunmehr von Brust und Rücken
Die prächt'gen Waffen ab, die sie umfahn,
Und schwarze, die nicht Gold noch Federn schmücken –
Unsel'ge Vorbedeutung! – legt sie an,
Und leichter so die Feinde zu berücken
Und unerkannt dem Turme sich zu nahn.
Nur der Eunuch Arset ist ihr zur Seite,
Der von der Wieg' an ihrem Dienst sich weihte.
20.
Ach! spricht er endlich, seh' ich denn mit Zagen,
Daß du hartnäckig in dein Unglück rennst
Und ohne Rücksicht auf mein Flehn und Klagen,
Mein Alter und Verdienst, dich von mir trennst:
Wohlan, so will ich jetzt dir Dinge sagen
Von deiner Herkunft, die du noch nicht kennst;
Dann sei dein Wille, sei mein Rat dir Leiter.
Sie hört aufmerksam zu, er redet weiter:
22.
Der Gatte glüht für sie, doch unterm Eise
Der Eifersucht birgt sich der Liebe Glut.
Und solche Macht erringet leis' und leise
In der gequälten Brust die tolle Wut,
Daß er sie ganz verhehlt dem Männerkreise,
Ja, vor dem Himmel möcht' er sie in Hut.
Sie, klug und demutsvoll, sucht im Verfügen
Des strengen Herrn ihr Heil und ihr Vergnügen.
24.
Sie kam indes in Schwangerschaft und brachte
Ein weißes Kind zur Welt; dies warest du.
Die fremde Farbe, dir ihr Grauen machte –
Ein seltsam Wunder – raubt' ihr alle Ruh'.
Des Gatten Wut, die sie voll Angst bedachte,
Wies die Verhehlung der Geburt ihr zu;
Denn aus dem reinen Weiß an deinem Leibe
Schlöss' er befleckte Treu' bei seinem Weibe.
26.
Sie gab dich weinend mir, dich zu ernähren
Und aufzuziehn, entfernt von jenem Ort.
Wer könnt' ein Bild von ihrem Gram gewähren?
Wie oft umarmend nahm sie dich mir fort!
In ihre Küsse floß ein Strom von Zähren,
Und Schluchzen unterbrach ein jedes Wort.
Gott, rief sie endlich aus, der du erspähest
Verborgne Thaten und mein Herz verstehest:
28.
Du Himmelskrieger, der aus wilden Klauen
Des Ungeheurs die Jungfrau dort befreit;
Ach! solltest du die Opfer gnädig schauen,
Gold, Weihrauch, Kerzen, die ich dir geweiht:
So bitte für mein Kind, daß mit Vertrauen
Es flüchten mag zu dir in jeder Zeit.
Sie schwieg, ihr Herz erlag des Leids Gewichte,
Und blasser Tod erschien im Angesichte.
30.
Indem ich mich auf einem Baum versteckte,
Ließ ich verwirrt den Korb im Grase stehn.
Die Tigrin kam, und als sie dich entdeckte,
Bog sie das stolze Haupt, dich anzusehn,
Und ließ die Wildheit, die so furchtbar schreckte,
In Freundlichkeit und Sanftmut übergehn.
Sie naht sich leis' und streckt, um dich zu streicheln,
Die Zung' hervor; du lachst mit holdem Schmeicheln.
32.
Ich stieg vom Baum herab und nahm dich wieder
Und setzte nun die vor'ge Reise fort.
In einem Dorf ließ ich zuletzt mich nieder
Und zog dich auf an diesem stillen Ort;
Und bis die Sonn' in ihrem Lauf hernieder
Uns sechzehn Monden brachte, weilt' ich dort.
Du lalltest noch in unverstandnen Tönen
Und konntest kaum den Fuß zum Gehn gewöhnen.
34.
Ich ging und zog mit dir nach meinem Lande –
Du weißt, Aegypten ist's, das mich gebar –
Und kam an einen Fluß, von dessen Rande
Ich hier, von Räubern dort umschlossen war.
Was sollt' ich thun? Von dir, dem teuern Pfande,
Mich trennen? Nein; doch drängte die Gefahr.
Ich spring' hinab, mit einer Hand dich haltend
Und mit dem andern Arm die Fluten spaltend.
36.
Froh nehm' ich dich, und als die Nacht in dichte
Umschattung hüllt ringsum Gebirg und Thal,
Erscheint ein Krieger mir im Traumgesichte
Und setzt mir auf die Brust den blanken Stahl
Und spricht mit Zorn: Ich sage dir, verrichte,
Was früher schon die Mutter dir befahl,
Und taufe dieses Kind; der Himmel schauet
Es liebend an und hat es mir vertrauet.
38.
Noch deiner Mutter Flehn. Ich zog dich eben
Als Heidin auf und barg der Wahrheit Spur.
Du wuchsest kräftig, kühn, dem Krieg ergeben,
Besiegtest dein Geschlecht und die Natur,
Erkämpftest Ruhm und Land. Doch wie dein Leben
Beschaffen war, weißt du am besten nur;
Weißt, daß ich stets, wo man am kühnsten streitet,
Als Diener und als Vater dich begleitet.
40.
Du hörest nun: seltsame Fährlichkeiten
Droht, teures Kind, der Himmel deinem Mut.
Den Glauben seiner Väter zu bestreiten,
Vielleicht, ich weiß nicht, heißt er das nicht gut;
Vielleicht auch ist er wahr. Leg' ab beizeiten
Die Kriegestracht und diese wilde Glut!
Er schweigt und weint. Sie sinnt, nicht ohn' Erbangen;
Ein gleicher Traum hat ihr Gemüt befangen.
42.
Sie tröstet ihn; und da die Zeit jetzt eben
Gekommen war, die man zum Werk bestimmt,
So eilt sie, zum Argant sich zu begeben,
Der nun mit ihr das Wagstück unternimmt.
Auch kommt Ismen und facht ihr feurig Streben
Noch heller an, das schon von selber glimmt.
Zwei Kugeln auch, aus Pech und Harz gegossen,
Gibt er dem Paar, und Lunten wohl verschlossen.
44.
Stumm geht sie weiter; doch mit lautem Tone
Ruft jetzt der Frank': Der Feind ist da, erwacht!
Das edle Paar, der Todsgefahr zum Hohne,
Hat nun nicht länger der Verhehlung acht.
So, wie der Wetterstrahl, wie die Kanone
In einem Wink zugleich erblitzt und kracht,
War losgehn, nahn, die Schar angreifen, trennen,
Durchbrechen und zerstreun, ein Wink zu nennen.
46.
Sieh! dunkelrote Feuerballen sausen,
Mit Wirbeln Rauchs vermengt, zum Himmelsrand,
Zerstreute Flammen mehrt des Windes Brausen
Und sammelt sie in einen großen Brand.
Die Franken sehn die wilde Glut mit Grausen,
Und schnell nimmt jeder seine Wehr zur Hand;
Doch geht der ungeheure Bau zu Grunde,
So langer Arbeit Frucht in kurzer Stunde.
48.
Das goldne Thor ist offen; an der Schwelle
Harrt schon der Fürst mit seinem ganzen Heer,
Daß er in Sicherheit die Krieger stelle,
Beglückt das Schicksal ihre Wiederkehr.
Sie springen in das Thor mit kühner Schnelle;
Der Franken Schar wogt hinter ihnen her.
Doch Soliman treibt sie zurück; geschwinde
Schließt sich das Thor, und draußen bleibt Clorinde.
50.
Doch als des Feindes Blut im Rächerwerke
Den Zorn gekühlt, beruhigt ihren Sinn,
Sieht sie das Thor gesperrt, von Feindesstärke
Sich selbst umringt und glaubt ihr Leben hin.
Allein sie schaut, daß niemand sie bemerke,
Und neue List ersinnt die Kriegerin:
Sie mischt sich schweigend als der Christen einer
Ins Volksgedräng', und es gewahrt sie keiner.
51.
Und wie ein Wolf ganz heimlich und beklommen,
Nach stiller Unthat, in den Wald sich macht,
So sucht sie jetzt den Feinden zu entkommen,
Begünstigt vom Gewirr und von der Nacht.
Allein Tankred, der kaum hierher gekommen,
Hat sie bemerkt und nimmt sie wohl in acht;
Er sah, wie Arimon von ihrem Schwerte
Den Tod erhielt, und blieb auf ihrer Fährte.
52.
Er will mit ihr zum Waffengange schreiten
Und glaubt, sie sei ein Mann, der Probe wert.
Sie schleicht indes rings um der Mauer Seiten,
Ob Eingang ihr ein andres Thor gewährt.
Er folgt so ungestüm, daß schon vom weiten
Der Waffen Klang vom Kommen sie belehrt.
Sie hält und ruft: Was hoffst du zu erwerben?
Was bringst du mir? Krieg, spricht er, und Verderben.
53.
Krieg und Verderben sollst du bald erringen,
Wenn du es suchst; sie spricht's und hält ihm stand.
Der Ritter eilt, vom Roß herab zu springen,
Sobald er seinen Feind zu Fuß erkannt.
Schon greifen beide zu den scharfen Klingen,
Vom Stolz gespornt, vom wilden Zorn durchmannt;
Und wie zwei Stiere rennen sie zusammen,
Wann sie von Eifersucht und Zorn entflammen.
54.
Der hellsten Sonne wert im Angesichte
Des vollsten Schaugerüstes war ihr Streit.
O Nacht, die ihn, von ihres Schleiers Dichte
Umwoben, hingab der Vergessenheit:
Vergönne mir, daß ich in schönem Lichte
Ihn zeigen mag der fernsten Folgezeit!
Es leb' ihr Ruhm, ein glänzendes Vermächtnis,
Und mit ihm strahle deines Grauns Gedächtnis!
56.
Zur Rache wird der Zorn durch Schmach getrieben,
Worauf die Rache neue Schmach gebärt,
So daß zu neuer Eil' und neuen Hieben
Der Sporn und Anlaß immer wiederkehrt.
Geschloßner wird der Kampf; sie drängen, schieben
Mit Leibeskraft, und unnütz ist das Schwert.
Schon brauchen sie in grimmigem Erboßen
Den Degenknopf, den Helm und Schild zum Stoßen.
58.
Sie schaun sich an, und jeder stützt den lassen
Blutleeren Leib auf seines Schwertes Knauf.
Und da nunmehr die letzten Stern' erblassen,
Der erste Strahl im Osten flammt herauf,
Gewahrt Tankred, wie seinem Feind in Massen
Das Blut entströmt, ihm selbst in schwächerm Lauf.
Er freut sich und wird stolz. O wie geschwinde
Bläht sich das Herz von jedem günst'gen Winde!
60.
Wohl ist es hart, so tapfer sich zu schlagen,
Wenn ew'ges Schweigen uns des Lohns beraubt.
Doch da die Stern' uns Ruhm und Preis versagen,
Kein würd'ges Zeugnis unsern Kampf beglaubt:
So wollst du, bitt' dich, Stand und Namen sagen,
Sind Bitten im Gefecht nicht unerlaubt;
Damit ich wiss' im Fallen oder Siegen,
Wer meinen Sieg ehrt oder mein Erliegen.
62.
Rasch kehrt der Grimm zurück und reißt sie wieder,
Wie matt sie sind, zum Kampf. O grause Schlacht,
Wo Kunst verbannt ist, tot die Kraft der Glieder,
Und Wut allein an beider Stelle wacht!
Nie sinkt das Schwert der wilden Kämpfer nieder,
Daß es nicht weite, blut' ge Pforten macht
In Stahl und Fleisch; und flieht durch solche Spalten
Das Leben nicht, kann nur der Grimm es halten.
64.
Doch sieh, es naht die dunkelste der Stunden,
Da nun ihr Ziel Clorind' erreichen soll.
Schon hat sein Schwert die schöne Brust gefunden
Und trinkt das Blut, das ihm entgegen schwoll,
Und feuchtet ihr Gewand, mit Gold durchwunden,
Das leicht und zart um ihren Busen quoll,
Mit warmer Flut. Sie fühlt die kalten Schatten
Des Todes nahn, und die Gebein' ermatten.
66.
Du siegst, Freund, ich verzeih's; auch du verzeihe –
Dem Leibe nicht, der keiner Furcht mehr frönt –
Der Seele nur; für diese bet', und weihe
Mit Taufe mich, die meine Schuld versöhnt.
Der matten Laut' oft unterbrochne Reihe,
Die ihm so süß, so schmerzlich ihm ertönt,
Beschleicht sein Herz, vertilgt des Hasses Wähnen
Und lockt und drängt ins Auge milde Thränen.
68.
Doch stirbt er nicht; er stellt mit mut'gem Streben
All' seine Kräft' als Wächter um sein Herz
Und hemmt, um sie durch Wasser zu beleben,
Die er durch Stahl getötet, seinen Schmerz.
Wie seinem Mund die heil' gen Wort' entbeben,
Blickt sie mit frohem Lächeln himmelwärts,
Als spräche sie, schon von der Welt geschieden:
Der Himmel thut sich auf, ich geh' in Frieden.
70.
Kaum aber ist die edle Seel' entschwunden,
Als auch die Kraft, die er gesammelt, bricht,
Vom Ungestüm des Grames überwunden,
Der mit des Wahnsinns Wut sein Herz umflicht,
Im engsten Sitz das Leben hält gebunden,
Mit Tod umhüllend Sinn' und Angesicht.
Schon gleicht der Lebende beinah der Leiche
An Schweigen, Ansehn, Blutverlust und Bleiche.
72.
Der Führer sah noch fern hier auf den Auen
Den, der den Waffen nach Tankred ihm scheint;
Er naht sich und erkennt nicht ohne Grauen
Die schöne Tote neben ihrem Feind.
Nicht lassen will er für der Wölfe Klauen
Den holden Leib, den er noch heidnisch meint;
Er läßt vielmehr, so wie sie beid' hier lagen,
Sie ins Gezelt des Frankenritters tragen.
74.
Mit mancher Art Hilfsleistung für den Kranken
Sind die getreuen Knappen um ihn her.
Der Tag durchbricht des matten Auges Schranken,
Er fühlt die Helferhand, er horcht umher;
Allein der Geist, in ungewissem Schwanken,
Ist noch nicht sicher seiner Wiederkehr.
Zuletzt da er die Diener samt dem Orte
Deutlich erkennt, verleiht der Schmerz ihm Worte:
76.
Durchbohre diese Brust! Tauch' ein den frechen
Mordgier' gen Stahl in meines Herzens Blut!
Allein, gewöhnt zu scheußlichern Verbrechen
Hältst du, mich töten, wohl für Edelmut.
So leb' ich denn, um meine Schuld zu rächen,
Ein elend Scheusal unglücksel' ger Glut!
Ein elend Scheusal, des verruchtem Streben
Nichts würdig lohnt, als dies unwürd' ge Leben.
78.
Wo ruhen sie, die heiligen Gebeine
Des schönen Leibes? O zu herbe Qual!
Vielleicht zerstört des Wildes Zahn im Haine,
Was noch verschont blieb von des Mörders Stahl.
O viel zu edle Beute, viel zu reine,
Zu süße Speise, viel zu teures Mahl,
Zu dem die Nacht im dunkeln Waldreviere
Erst mich gelockt und dann die wilden Tiere!
80.
So spricht Tankred; und nun wird ihm berichtet,
Daß sein Gezelt die teure Leich' umfaßt.
Gleich Wolken, die ein Blitz im Fluge lichtet,
Errötet schnell sein Antlitz und erblaßt;
Und er verläßt das Ruhebett und richtet
Mühsam empor der Glieder träge Last,
Und schleppt den Leib, der schon so viel gelitten,
Nach jenem Ort mit matten, schweren Schritten.
82.
O schöne Rechte, du, die mit Vertrauen
Mir gab des Friedens und der Freundschaft Pfand!
Weh mir! wie muß ich jetzt euch wiederschauen?
Ihr Glieder, deren Reiz noch nicht entschwand,
Erblick' ich nicht mit namenlosem Grauen
An euch die Spuren meiner wilden Hand?
O Augen, grausam gleich der Hand zu achten!
Sie schlug die Wunden, ihr könnt sie betrachten!
84.
Man bracht' ihn fort und rief die flücht'ge Seele
Zur Pflicht zurück, die ihr so lästig war.
Schon aber macht des Rufs geschwätz'ge Kehle
Des Helden Schmerz und Unglück offenbar.
Bouillon erscheint; die Treuen sonder Fehle
Versammeln sich um ihn in dichter Schar;
Doch weder ernstes Wort noch sanfte Bitte
Vertreibt den Gram aus seines Herzens Mitte.
86.
Tankred, Tankred, o du, so ganz entwendet
Dem eignen Selbst, dem wir so fest vertraut!
Ha! welch ein Wahn hat dich betäubt, verblendet?
Welch eine Wolk' hat deinen Blick umgraut?
Ein Himmelsbot', ist dir dies Leid gesendet;
Siehst du ihn nicht, vernimmst nicht seinen Laut,
Wie er dich schilt? zum Pfade, dem verlornen,
Zurück dich ruft, dem einst von dir erkornen?
88.
Entsagen – blinder Thor! – dem teuern Pfande,
Das dir des Himmels ew'ge Huld verspricht?
Unglücklicher! In deines Wahnsinns Brande,
Wo rennst du hin mit schnöder Zuversicht?
Schon bist du da, schon hängst du an dem Rande
Des ew'gen Abgrunds; und du siehst ihn nicht?
O sieh ihn, fleh' ich; fasse Mut in Nöten
Und zügle Schmerzen, die dich zwiefach töten!
90.
Sanft klagend ruft er sie beim Niedergange,
Sie ruft er, da das Morgenrot entglimmt:
So wie die Nachtigall, einsam und bange,
Wann ihr die Brut der harte Landmann nimmt,
Die Nächte füllt mit traurigem Gesange,
Der leise durch Gebüsch' und Lüfte schwimmt.
Der Schlummer kann erst mit der Stern' Erbleichen
Sich zwischen Thränen ihm ins Auge schleichen.
92.
Dir dank' ich dies; du hast aus jener armen
Freudlosen Welt im Irrtum mich befreit
Und würdig mich gemacht durch dein Erbarmen
In Gottes Schoß der ew'gen Seligkeit.
Dort leb' ich froh in liebendem Erwarmen
Und hoff' auch dir dort einen Platz bereit,
Wo bei der ew'gen Sonn' urkräft'gem Scheine
Du schaun wirst ihre Schönheit und die meine.
94.
Getröstet wacht er auf und gibt sich wieder
Den Aerzten hin und duldet den Verband.
Begraben läßt er nun die teuern Glieder,
Des edeln Geistes irdisches Gewand.
Und senkt' auf sie kein Marmor sich hernieder,
Kunstvoll behaun von eines Dädal Hand,
War Stein und Bildner doch so auserlesen,
Wie durch die Zeit es dort erlaubt gewesen.
96.
Als er die Gruft erreicht, so das Verhängnis
Zum ew'gen Kerker seinem Geiste gab,
Da heftet er in schmerzlicher Bedrängnis
Stumm, bleich und starr die Augen auf das Grab.
Nun bricht ein Ach! aus seiner Brust Gefängnis,
Ein Thränenstrom fließt seine Wang' hinab:
O Grab, so ruft er, das mein glühend Sehnen
Im Innern hat, und außen meine Thränen!
98.
Gib sie ihm du; und blickt die schöne Seele
Noch auf die schöne Hülle niederwärts,
Doch zürnt sie nicht, daß ich dir dies befehle;
Denn droben gibt es weder Zorn noch Schmerz.
Ja, sie vergibt mir huldreich meine Fehle;
Die Hoffnung hält in solchem Gram mein Herz.
Die Hand nur fehlte, weiß sie, und sie leidet,
Daß, der sie liebend lebt', auch liebend scheidet.
100.
Indes erhebt sich innerhalb der Mauer
Ein leises Flüstern von dem harten Fall;
Und bald erfährt man's sichrer und genauer,
Und in der bangen Stadt tönt überall
Das Wehgeheul der wilden Klag' und Trauer,
Als wäre schon erstürmt der hohe Wall,
Als stürzten durch die Wut der Feind' und Flammen
Die Häuser und die Tempel schon zusammen.
102.
Sobald ich mit dem ersten Blick erkannte,
Daß sich das Heldenweib von mir verlor,
Folgt' ohne Säumen ich ihr nach und rannte,
Um ihr Geschick zu teilen, wie ich schwor.
Was that und sagt' ich nicht? Welch Flehen wandte
Ich an den König: Oeffnen laß ein Thor!
Umsonst! ich konnt' es nicht von ihm erreichen,
Und seiner Oberherrschaft mußt' ich weichen.
104.
Jerusalem, vernimm Argants Versprechen!
Vernimm's, o Himmel! Deines Zorns Gericht
Sei meines Meineids Lohn: ich will sie rächen –
Ich schwör's– an jenem fränk'schen Bösewicht.
Mir kommt die Rache zu für dies Verbrechen;
Und dieses Schwert, ich lass' es eher nicht,
Bis es Tankred durchbohrt mit heißem Stahle
Und seinen Leib den Raben gibt zum Mahle!
105.
So spricht Argant, und laute Beifallszeichen
Des Volks umher sind seiner Rede Lohn;
Und dem Gedanken künft'ger Rache weichen
Der Gegenwart gewisse Schmerzen schon.
O thöricht eitler Schwur! Wie schlecht erreichen
Wird die Erfüllung dieses stolze Drohn!
Wie bald auch er in gleichem Kampf erliegen
Dem, den er glaubt zu fahn und zu besiegen!
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