Schwarze Weihnacht
(Postcardstory,
ars vivendi)
Am frühen Morgen des 24. Dezember klingelte es Sturm. Ich stand auf, öffnete das Fenster und sah auf die Straße hinunter. Vor dem Haus stand ein brikettbeladener Lastwagen und warf mit orangefarbenem Signallicht um sich, doch der Himmel blieb blaß. Von oben nach unten ist alles ferner als von unten nach oben. Ein Mann mit rußigem Gesicht blickte mir entgegen, trat die Haustür ein und schrie mich an: Wer saufen kann, der kann auch aufstehen! Ich bestelle Jahr für Jahr bei einem anderen Kohlenhändler, aber noch keiner hat seine Lieferung am Nachmittag gebracht. Schlaftrunken, unter dem Nachthemd nackt, stolperte ich die Treppen hinab, in der Hand meine letzten Ersparnisse. Ich hatte die zerrissenen Schnürsenkel durch filzstiftgeschwärzte Paketschnur ersetzt, ich hatte den Bleistift als Zahnbürste benutzt, ich hatte den Ofen wochenlang mit verschimmeltem Brot beheizt. Der Kohlenhändler trug seine Fracht Bündel für Bündel in den Keller. Wir verachteten einander. Du lebst von der Kälte und vom Tod, sagte ich und gab ihm das Geld, in jedem schwarzen Quader stecken die Leichname von Sauriern, Farnen und Archaeopteryxen.
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