Feuer des Herzens von Susanna Tamaro, 2003, Pattloch

Susanna Tamaro

Die Revolution des Herzens 27. September
(Leseprobe aus: Feuer des Herzens, 2003, Pattloch)

Die Zeit der Trennung ist gekommen. Der Herbst naht und mit dem Herbst die neuen Aufgaben, denen wir uns stellen müssen.

In diesem Jahr, das zumindest für mich wie im Flug vergangen ist, haben wir ein großes Stück Wegs gemeinsam zurückgelegt. Während wir langsam und stetig unseren Weg voranschritten und über unser Seeleninneres sprachen, schäumte und zischte die Welt um uns wie ein Dampfkochtopf kurz vor der Explosion. Es ist möglich, dass dich das verwirrt hat. Vielleicht hast du manchmal gemeint, dass ich vor der Verantwortung fliehe und mich in ein Paradies schöner Worte und edler Gefühle zurückziehe, um das Grauen, das uns alle umgibt, nicht ertragen zu müssen.

Es stimmt, dass unsere Erde von Blut trieft. Menschen vergießen das Blut von Menschen wie sie die Schöpfung, die ihnen anvertraut wurde, in jenem kaum sichtbaren, aber umso rasenderen Wahnsinn zu zerstören versuchen. Während eine kleine Gruppe immer unnützere Gegenstände aufhäuft und dabei die Ressourcen, die allen gehören, verschwendet, um anschließend die Welt mit Müll zu überschwemmen, verschwinden die Glühwürmchen und die Maulwürfe, verdorren die Wiesen und die Wälder, werden die Meere und die Flüsse vergiftet. Alle, die nicht zu dem reichhaltigen Bankett geladen sind, sterben vor Krankheit und Hunger. Was für einen Sinn hat es also, seine inneren Gefühlsregungen zu erörtern? Ist das nicht Zeitverschwendung und eine Form von nicht akzeptablem Egoismus?

Das Jahrtausend des Friedens, das uns in Aussicht gestellt wurde, wurde von Szenarien eingeleitet, die uns mehr an die Apokalypse denn an ein neues Goldenes Zeitalter erinnern. Wut, Hass und Stolz oder Verteidigung und Rache sind Worte, die viele im Munde führen. Das sind keine Worte der Unschuld. Es sind Worte des Kampfes, der Waffen und der Angst. Sie verwandeln das Leben all derer, die sie auf den Lippen führen, in etwas sehr Kleines und Einengendes. Es ähnelt den Käfigen, von denen ich in meinem ersten Brief geschrieben habe. Dieser Raum ist meiner, dieser Fressnapf gehört mir und ich bin bereit, meine Zähne und Krallen zu benutzen, um jedem Eindringling den Zutritt zu verwehren. Je härter die Zeiten sind, desto leichter verfangen wir uns in Angst und halten daher noch stärker an unserem Besitz fest. Ebenso leicht ist es aber, den Sirenen des Schuldgefühls, die leider immer lebendig sind, Gehör zu schenken. Der Welt geht es schlecht und ich fühle mich dafür verantwortlich, deshalb beschließe ich, in die Opposition zu gehen und mich einer Ideologie zu verschreiben, die im Gegensatz zu der herrschenden steht. Ich gehe zu Demonstrationen und nehme an Diskussionen teil, ja, ich male mir sogar mein Gesicht an, um meinen Protest deutlich zu machen.

Alles selbstverständlich berechtigt, weil die Gleichgültigkeit gegenüber dem Bösen vielleicht schlimmer ist als das Böse selbst, aber das sind Entscheidungen, die sich als gefährliche Vereinfachungen herausstellen können. Ich ergreife Partei mit den Gerechten gegen die Ungerechten und mit den Guten gegen die Bösen. Infolgedessen ist alles, was ich tue, automatisch gut und gerecht. Aber ist das wirklich so?

Kannst du dich an die vorletzte Seite von Geh, wohin dein Herz dich trägt erinnern? „Jedes Mal, wenn du, wachsend, Lust haben wirst, die falschen Dinge in richtige Dinge zu verwandeln, erinnere dich daran, dass die erste Revolution, die man machen muss, die im eigenen Inneren ist, das ist die erste und die wichtigste. Für eine Idee zu kämpfen, ohne eine Idee von sich selbst zu haben, ist mit das gefährlichste, was man tun kann.“ Sich eine Ideologie zu eigen zu machen beruhigt meine Schuldgefühle und gibt mir ein ruhiges Gewissen. Doch die eigene Missbilligung nach außen zu tragen, ohne das eigene Leben zu verändern, lässt wieder aufs neue die Beschränktheit eines Käfigs erkennen.

Der Weg des Friedens entsteht nicht durch Opposition, sondern allein dadurch, dass ich mich auf den Weg mache. Erst in dem Augenblick, in dem ich mich entscheide, die Dunkelheit meines Herzens zu überwinden, kann ich eine Veränderung in meinem tiefsten Sein bewirken. Auf einmal entdecke ich, dass das Böse durchaus nicht auf der andern Seite des Zauns in Gestalt eines sichtbaren Feindes zu finden ist, sondern tief in mir selbst lebt und atmet, sich in mir bewegt, mit mir schläft und wacht. Deshalb ist es mir unmöglich, es mit irgendwelchen Parolen zu verunglimpfen, es zu verfolgen und mit Steinen zu bewerfen.

Um das Böse in seinem Herzen aufzustöbern, benötigt man das Gute. Nicht die Vorstellung vom Guten in philosophisch-ethischer Hinsicht, sondern das Gute, das sich vom Himmel auf uns herabsenkt. Das Gute als Impuls, das Gute als Vollendung versteckt sich im tiefsten Inneren unseres Seins.

Jede Verwandlung meines Ichs ist eine Bewegung von innen nach außen. Wenn ich es schaffe, mich in meinem tiefsten Inneren zu ändern, verändere ich auch die Welt um mich herum. Verändere ich allerdings nur meine Worte, Ideen und geistige Ausrichtung, dann bleibt um mich herum alles gleich. Um zur Vollendung zu gelangen, wartet die Geschichte auf die Erlösung der Herzen.

Dies allein ist der Grund, warum wir über das, was in unserem Inneren geschieht, und nie über äußere Ereignisse gesprochen haben. Die Kriege und Anschläge, die Verwüstungen und Übergriffe fanden in unsere Briefe keinen Eingang. Das lag jedoch nicht daran, dass sie mich nicht berührt oder getroffen hätten, ganz im Gegenteil, sondern daran, dass der richtige Zeitpunkt, ihnen entgegenzutreten, noch nicht gekommen war. Wir haben an unserem Herzen und an unserem innersten Sein gearbeitet, um in uns ein Gefühl des Staunens und der Wachsamkeit entstehen zu lassen.

Wenn man nicht von der Strömung einfach weggetrieben oder von der Banalität des Bösen verschluckt werden will, muss man lernen, seine eigenen Gedanken und Gefühle zu kontrollieren, ganz wie ein Hirte, der am Abend seine Herde zurück in den Stall treibt. Um die Lähmung der Langeweile, des Zynismus und der sich daraus ergebenden unvermeidlichen Depressionen zu vermeiden, müssen wir in unser Leben das Prinzip der Neugier und des Staunens einbringen. Neugier für das, was geschieht und was nie auf den ersten Blick offenkundig ist, und Staunen über die Kreativität, die in allem, was uns umgibt, zu entdecken ist.

Der Weg in das innere Sein ist jenen Anstrengungen vergleichbar, die einst die Menschen unternahmen, um Feuer zu entfachen. Immer wieder, pausenlos stießen sie einen Stein auf den anderen, bis endlich ein Funke übersprang. Doch um daraus ein Feuer zu nähren, benötigt man Holz, und um es schließlich auflodern zu lassen, muss man auf den Wind warten. Suche daher immer nach dem Feuer in deinem Leben und warte dann auf den Wind. Denn ohne Feuer, das Feuer der Liebe, und ohne Wind, den Wind des Geistes, wird unser Leben nichts weiter sein als eine Gefangenschaft in der Mittelmäßigkeit.

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