Tristano stirbt
(Leseprobe aus:
Tristano stirbt, Roman, 2005, Hanser - Übertragung Karin Fleischanderl)
Ich möchte beim Anfang anfangen,
sofern es überhaupt einen Anfang gibt, denn... wo beginnt die Geschichte eines
Lebens, ich meine, für welchen Beginn entscheidet man sich? Man kann natürlich
mit einer Tatsache beginnen, und ich muß mich auch für eine Tatsache
entscheiden, eine Tatsache, die in erster Linie dieses mein Leben betrifft, über
das du schreiben sollst. Deshalb werde ich eine Tatsache auswählen. Aber
beginnt eine Tatsache mit einer Tatsache? Entschuldige, ich bin etwas
durcheinander, ich weiß nicht recht, wie ich es ausdrükken soll... ich meine,
jemand tut irgend etwas, und das beeinflußt den Lauf seines Lebens, aber was er
tut, ergibt sich ja nicht wie durch ein Wunder, es war bereits in ihm angelegt,
und wer weiß, wie es begonnen hat... Eine Kindheitserinnerung vielleicht, ein
zufällig gesehenes Gesicht, ein Traum, den man vor langer Zeit einmal hatte und
glaubte, vergessen zu haben, und so ereignet sich eines Tages die Tatsache, aber
der wirkliche Anfang... wer kennt den schon... Tristano sprach über Schubert an
diesem Tag in der Plaka, es war Winter, und auf dem gespenstischen Platz
stellten sich die Menschen mit einer Schüssel in der Hand an und warteten auf
die Koine-Suppe, weißt du, was das ist? Eine Brühe, die die Griechen damals
von ihrer komischen Regierung bekamen, damit sie nicht verhungerten, heißes
Wasser mit Kartoffeln und Kohlstücken darin... Variationen, sagte Antheos, den
Tristano jedoch Marios nannte, weil er ihn an einen Freund aus der Peripherie
Turins erinnerte, der ihm wie aus dem Gesicht geschnitten war, an einen lieben
Freund, der sich seit neununddreißig mit seiner Gefährtin, einer außergewöhnlichen
Frau, in einem Getreidespeicher versteckt hatte, ich möchte lieber nicht, hatte
er gesagt und mit seinem Widerstand vorzeitig begonnen, ich meine, noch bevor es
die Resistenza überhaupt gab, aber das kommt in deinem Roman nicht vor... Hin
und wieder muß ich lächeln, wenn ich daran denke, was in deinem Buch vorkommt,
aber davon abgesehen hat es mir gefallen, wirklich, es ist der beste
Augenzeugenbericht über diese heroische Zeit, die einzige heroische Zeit übrigens,
die wir hatten... Nicht so ganz ein Augenzeugenbericht, denn du kannst ja gar
nicht dabeigewesen sein, obwohl du den Eindruck erweckst, dabeigewesen zu sein,
als Augen-zeuge einer Atmosphäre, einer Entscheidung, einer moralischen
Haltung... aber du hast auch Tatsachen hineingepackt, den achten September, die
Republik von Salò, die sich anmaßte, das Geschick Italiens zu entscheiden und
den Krieg nicht als Bürgerkrieg zu bezeichnen, heutzutage ist das eine gewagte,
vielleicht sogar zu gewagte These, du weißt besser als ich, daß damals auf
Freund und auf Feind geschossen wurde, aber das ist nicht wirklich von Belang,
an deinem Roman hat mir vor allem gefallen, wie gut du das Wesen des Heroismus,
der Treue, der Untreue, des Genusses und der Gefühle erfaßt hast... Wenn du
nicht so geduldig wärst, wärst du schon wieder gegangen, nach dem
unfreundlichen Empfang, den ich dir bereitet habe, du hättest alles
hingeschmissen, die Aufgabe, die du übernommen hast, und das Buch, das du an
meiner Stelle schreiben wirst, du hättest alles liegen- und stehenlassen und
mir die Meinung gesagt... Aber du rührst dich nicht vom Fleck, du bist mir ein
schöner Typ, Schriftsteller, ich weiß nicht, ob du mich erträgst, weil du
feig bist oder weil du mutiger bist als ich... Ich glaube, das Summen einer
Fliege zu hören, hörst du es auch? In diesem Zimmer ist ein Summen, ein
enormes Summen, ob das wohl Sphärenklänge sind? Aber das Universum erzeugt
nicht so ein Summen, dieses unangenehme schrille Geräusch erzeugen
Schriftsteller, wenn sie mit der Feder über das Papier kratzen, aber du kratzt
nicht über das Papier, du zähmst es, wie ein Zirkusdompteur die wilden Tiere zähmt...
die Sphärenklänge, von denen ich spreche, sind ganz große Musik, bestimmte
Engel, die sich die Maler in meiner Toskana ausgedacht haben, spielen diese
Musik, der keine genau fixierte Partitur zugrunde liegt, denn sie besteht nur
aus Variationen... Variationen, gab der dünne, blasse griechische Soldat zur
Antwort, der an jenem Tag Tristano gegenübersaß an seinem Kaffeehaustischchen
in der Plaka, während die Apokalypse drohte... Variationen, sagte er, im
Augenblick beschränke ich mich darauf, Variationen einzufügen, schauen Sie,
die Musik ist schon zur Gänze gespielt worden, uns armen Teufeln bleibt nichts
anderes über, als Variationen hinzuzufügen, denken Sie zum Beispiel an das
Impromptu Nr. 142 für Klavier von Schubert, erinnern Sie sich? Meiner Meinung
nach ist es so melancholisch, daß sich das Herz wie belagert fühlt, es
vermittelt eine Vorstellung vom Leben unter euch Besatzern, von der Belagerung,
unter der meine Heimat leidet, irgend etwas Besessenes ist in dieser Musik,
vielleicht war auch Schubert von diesem Thema besessen, es taucht auch in der
Musik der Oper auf, die er Rosamunde nannte. Und da machte Tristano eine müde
Geste in Richtung Parthenon, als wollte er sagen, daß auch die Götter von den
Stiefeln der Besatzer zertreten worden waren... und in diesem Augenblick tauchte
ganz hinten auf dem Platz ein Junge auf, der ein altes Fahrrad schob, es war ein
dünner Junge, fast noch ein Kind, er steckte in einem schweren Militärmantel,
der am Boden schleifte, mit einer Schnur hatte er sein Eßgeschirr aus Aluminium
um den Hals gebunden, und als er die Deutschen sah, die die Leute bewachten, die
sich anstellten, begann er die Melodie eines Liedes zu pfeifen, das Lied derer,
die zu den Partisanen gegangen waren, mit einem langsamen und feierlichen
Refrain, der aus seinem Mund jedoch beinahe fröhlich klang, wie ein Marsch...
ein Deutscher kam ihm entgegen und richtete die Maschinenpistole auf ihn, aber
der Junge blieb nicht stehen, sondern ging kühn weiter, als ob es sich um ein
Spiel handelte, mit spöttischem Gesichtsausdruck... alle schauten, alle wußten,
was gleich passieren würde, aber keiner rührte sich vom Fleck, keiner machte
eine Bewegung, wie gebannt von einem Zauber, als das Magazin mit einem
metallischen Geräusch einrastete, klang es, als würde ein Stein auf das
Pflaster fallen, der Soldat schoß, und der Junge fiel zu Boden, ohne das
Fahrrad loszulassen... und da trat eine alte Frau aus der Reihe, machte einen
Schritt nach vorn, und ihre Stimme durchbrach das eisige Schweigen in der Plaka,
sie schrie ein Schimpfwort, Tristano erkannte es, es war ein uralter Fluch, der
ewige Verdammnis heraufbeschwor, die Deutschen unter den Arkaden hörten ihn und
erkannten ihn nicht am Wortlaut, sondern am Tonfall, der Soldat zielte und schoß
noch einmal, der Körper der Frau fiel aufs Pflaster, eine schwarzgekleidete
Gestalt, die im Todeskampf mit den Armen um sich schlug, und Tristano setzte dem
Deutschen das Gewehr an die Brust, das er aufgrund einer himmlischen Fügung
oder vielmehr einer dienstlichen Fügung trug, denn es war eine Dienstwaffe, und
legte ihn um... Und wie durch einen Zauber belebte sich die Plaka, Menschen
tauchten aus dem Nichts auf, weil unverhofft ein Bühnenarbeiter wie Tristano
beschlossen hatte, daß es an der Zeit war, die rächenden Furien der
griechischen Tragö-die auftreten zu lassen, er hatte nicht damit gerechnet, daß
aufgrund einer spontanen, unüberlegten Geste eine Revolte ausbrechen könnte,
aber es war, als ob sich ein Mechanismus von selbst in Gang gesetzt hätte, mit
dem Tod hatte das Leben von neuem begonnen, und alles bewegte sich nun mit
unkontrollierbarer Geschwindigkeit, denn so ist das Leben, und die Geschichte
hinkt ihm hinterher, hast du darüber schon einmal nachgedacht,
Schriftsteller...?
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