Tristano stirbt von Antonio Tabucchi, 2005, HanserAntonio Tabucchi

Tristano stirbt
(Leseprobe aus: Tristano stirbt, Roman, 2005, Hanser - Übertragung Karin Fleischanderl)

Ich möchte beim Anfang anfangen, sofern es überhaupt einen Anfang gibt, denn... wo beginnt die Geschichte eines Lebens, ich meine, für welchen Beginn entscheidet man sich? Man kann natürlich mit einer Tatsache beginnen, und ich muß mich auch für eine Tatsache entscheiden, eine Tatsache, die in erster Linie dieses mein Leben betrifft, über das du schreiben sollst. Deshalb werde ich eine Tatsache auswählen. Aber beginnt eine Tatsache mit einer Tatsache? Entschuldige, ich bin etwas durcheinander, ich weiß nicht recht, wie ich es ausdrükken soll... ich meine, jemand tut irgend etwas, und das beeinflußt den Lauf seines Lebens, aber was er tut, ergibt sich ja nicht wie durch ein Wunder, es war bereits in ihm angelegt, und wer weiß, wie es begonnen hat... Eine Kindheitserinnerung vielleicht, ein zufällig gesehenes Gesicht, ein Traum, den man vor langer Zeit einmal hatte und glaubte, vergessen zu haben, und so ereignet sich eines Tages die Tatsache, aber der wirkliche Anfang... wer kennt den schon... Tristano sprach über Schubert an diesem Tag in der Plaka, es war Winter, und auf dem gespenstischen Platz stellten sich die Menschen mit einer Schüssel in der Hand an und warteten auf die Koine-Suppe, weißt du, was das ist? Eine Brühe, die die Griechen damals von ihrer komischen Regierung bekamen, damit sie nicht verhungerten, heißes Wasser mit Kartoffeln und Kohlstücken darin... Variationen, sagte Antheos, den Tristano jedoch Marios nannte, weil er ihn an einen Freund aus der Peripherie Turins erinnerte, der ihm wie aus dem Gesicht geschnitten war, an einen lieben Freund, der sich seit neununddreißig mit seiner Gefährtin, einer außergewöhnlichen Frau, in einem Getreidespeicher versteckt hatte, ich möchte lieber nicht, hatte er gesagt und mit seinem Widerstand vorzeitig begonnen, ich meine, noch bevor es die Resistenza überhaupt gab, aber das kommt in deinem Roman nicht vor... Hin und wieder muß ich lächeln, wenn ich daran denke, was in deinem Buch vorkommt, aber davon abgesehen hat es mir gefallen, wirklich, es ist der beste Augenzeugenbericht über diese heroische Zeit, die einzige heroische Zeit übrigens, die wir hatten... Nicht so ganz ein Augenzeugenbericht, denn du kannst ja gar nicht dabeigewesen sein, obwohl du den Eindruck erweckst, dabeigewesen zu sein, als Augen-zeuge einer Atmosphäre, einer Entscheidung, einer moralischen Haltung... aber du hast auch Tatsachen hineingepackt, den achten September, die Republik von Salò, die sich anmaßte, das Geschick Italiens zu entscheiden und den Krieg nicht als Bürgerkrieg zu bezeichnen, heutzutage ist das eine gewagte, vielleicht sogar zu gewagte These, du weißt besser als ich, daß damals auf Freund und auf Feind geschossen wurde, aber das ist nicht wirklich von Belang, an deinem Roman hat mir vor allem gefallen, wie gut du das Wesen des Heroismus, der Treue, der Untreue, des Genusses und der Gefühle erfaßt hast... Wenn du nicht so geduldig wärst, wärst du schon wieder gegangen, nach dem unfreundlichen Empfang, den ich dir bereitet habe, du hättest alles hingeschmissen, die Aufgabe, die du übernommen hast, und das Buch, das du an meiner Stelle schreiben wirst, du hättest alles liegen- und stehenlassen und mir die Meinung gesagt... Aber du rührst dich nicht vom Fleck, du bist mir ein schöner Typ, Schriftsteller, ich weiß nicht, ob du mich erträgst, weil du feig bist oder weil du mutiger bist als ich... Ich glaube, das Summen einer Fliege zu hören, hörst du es auch? In diesem Zimmer ist ein Summen, ein enormes Summen, ob das wohl Sphärenklänge sind? Aber das Universum erzeugt nicht so ein Summen, dieses unangenehme schrille Geräusch erzeugen Schriftsteller, wenn sie mit der Feder über das Papier kratzen, aber du kratzt nicht über das Papier, du zähmst es, wie ein Zirkusdompteur die wilden Tiere zähmt... die Sphärenklänge, von denen ich spreche, sind ganz große Musik, bestimmte Engel, die sich die Maler in meiner Toskana ausgedacht haben, spielen diese Musik, der keine genau fixierte Partitur zugrunde liegt, denn sie besteht nur aus Variationen... Variationen, gab der dünne, blasse griechische Soldat zur Antwort, der an jenem Tag Tristano gegenübersaß an seinem Kaffeehaustischchen in der Plaka, während die Apokalypse drohte... Variationen, sagte er, im Augenblick beschränke ich mich darauf, Variationen einzufügen, schauen Sie, die Musik ist schon zur Gänze gespielt worden, uns armen Teufeln bleibt nichts anderes über, als Variationen hinzuzufügen, denken Sie zum Beispiel an das Impromptu Nr. 142 für Klavier von Schubert, erinnern Sie sich? Meiner Meinung nach ist es so melancholisch, daß sich das Herz wie belagert fühlt, es vermittelt eine Vorstellung vom Leben unter euch Besatzern, von der Belagerung, unter der meine Heimat leidet, irgend etwas Besessenes ist in dieser Musik, vielleicht war auch Schubert von diesem Thema besessen, es taucht auch in der Musik der Oper auf, die er Rosamunde nannte. Und da machte Tristano eine müde Geste in Richtung Parthenon, als wollte er sagen, daß auch die Götter von den Stiefeln der Besatzer zertreten worden waren... und in diesem Augenblick tauchte ganz hinten auf dem Platz ein Junge auf, der ein altes Fahrrad schob, es war ein dünner Junge, fast noch ein Kind, er steckte in einem schweren Militärmantel, der am Boden schleifte, mit einer Schnur hatte er sein Eßgeschirr aus Aluminium um den Hals gebunden, und als er die Deutschen sah, die die Leute bewachten, die sich anstellten, begann er die Melodie eines Liedes zu pfeifen, das Lied derer, die zu den Partisanen gegangen waren, mit einem langsamen und feierlichen Refrain, der aus seinem Mund jedoch beinahe fröhlich klang, wie ein Marsch... ein Deutscher kam ihm entgegen und richtete die Maschinenpistole auf ihn, aber der Junge blieb nicht stehen, sondern ging kühn weiter, als ob es sich um ein Spiel handelte, mit spöttischem Gesichtsausdruck... alle schauten, alle wußten, was gleich passieren würde, aber keiner rührte sich vom Fleck, keiner machte eine Bewegung, wie gebannt von einem Zauber, als das Magazin mit einem metallischen Geräusch einrastete, klang es, als würde ein Stein auf das Pflaster fallen, der Soldat schoß, und der Junge fiel zu Boden, ohne das Fahrrad loszulassen... und da trat eine alte Frau aus der Reihe, machte einen Schritt nach vorn, und ihre Stimme durchbrach das eisige Schweigen in der Plaka, sie schrie ein Schimpfwort, Tristano erkannte es, es war ein uralter Fluch, der ewige Verdammnis heraufbeschwor, die Deutschen unter den Arkaden hörten ihn und erkannten ihn nicht am Wortlaut, sondern am Tonfall, der Soldat zielte und schoß noch einmal, der Körper der Frau fiel aufs Pflaster, eine schwarzgekleidete Gestalt, die im Todeskampf mit den Armen um sich schlug, und Tristano setzte dem Deutschen das Gewehr an die Brust, das er aufgrund einer himmlischen Fügung oder vielmehr einer dienstlichen Fügung trug, denn es war eine Dienstwaffe, und legte ihn um... Und wie durch einen Zauber belebte sich die Plaka, Menschen tauchten aus dem Nichts auf, weil unverhofft ein Bühnenarbeiter wie Tristano beschlossen hatte, daß es an der Zeit war, die rächenden Furien der griechischen Tragö-die auftreten zu lassen, er hatte nicht damit gerechnet, daß aufgrund einer spontanen, unüberlegten Geste eine Revolte ausbrechen könnte, aber es war, als ob sich ein Mechanismus von selbst in Gang gesetzt hätte, mit dem Tod hatte das Leben von neuem begonnen, und alles bewegte sich nun mit unkontrollierbarer Geschwindigkeit, denn so ist das Leben, und die Geschichte hinkt ihm hinterher, hast du darüber schon einmal nachgedacht, Schriftsteller...?

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