Es wird immer später von Antonio Tabucchi, 2002, Hanser-VerlagAntonio Tabucchi

Es wird immer später
(Leseprobe aus: Es wird immer später, Roman in Briefform (2002, Hanser - Übertragung Karin Fleischanderl)

Liebe, liebste Liebe,

Ausgangspunkt: Es war einmal ein Wald. Und mitten in diesem Wald stand eine Villa. Und vor der Villa lag ein Park. Und im Park standen Buchsbaumhecken, die so gepflanzt waren, daß sie ein Labyrinth im italienischen Stil bildeten, und zwei schöne Palmen. Und unter den Palmen standen vier Holzbänke, die mit der Lehne zueinander aufgestellt waren, so daß man sich nicht sehen konnte, wenn man darauf saß. Haha, Du hast schon verstanden? Sicher hast Du verstanden, ich wollte Dir ja nur einen Anhaltspunkt geben. Du selbst hast mich ja vorgestern an diesen schönen Ort geführt, damit ich es mir hier ein wenig gutgehen ließe, nur ganz kurz, bis übermorgen, hast Du gesagt, soweit ich mich erinnere, oder bis übermorgen von übermorgen, denn hier wirst du dich erholen, du wirst schon sehen, die Schlaflosigkeit wird sich bessern, und auch diese Manie, herumzulaufen, so kann es ja nicht weitergehen, mein Liebling, du kannst nicht immer herumlaufen, deine Freunde nennen dich schon "den Wanderer", weil du immer so herumläufst, du weißt es nicht, aber sie machen sich lustig über dich, sie rufen an, obwohl sie wissen, daß du nicht da bist, und fragen mich in spöttischem Tonfall: Ich würde gern mit dem Wanderer sprechen. Wenn du dich wenigstens einverstanden erklärt hättest, mit Sylvies Freund zu sprechen, was wäre schon dabeigewesen, wenn du nach Zürich gefahren wärst? Er hätte dir ganze Nachmittage lang zugehört, und zwar nicht, weil das sein Beruf ist, sondern wirklich aus Freundschaft, er hat Verständnis für Leute wie dich, er hat sogar ein Buch geschrieben über Fälle wie dich.
Meine Liebe, meine liebste Liebe, ich wollte Dir nur einen Anhaltspunkt geben, denn gestern, oder vielleicht auch vorgestern, bin ich von hier aufgebrochen, von genau diesem Ort, von einer der schönen Bänke. Ich schwöre Dir, ich habe gefrühstückt, Du kannst beruhigt sein, obwohl ich auch darauf hätte verzichten können, denn für gewöhnlich trinke ich am Morgen nur eine Tasse Kaffee. Aber glaube mir, das Buffet war unwiderstehlich. Damit Du es Dir vorstellen kannst: Unterhalb der Veranda war ein Tisch gedeckt, mit einem handbestickten Leinentischtuch, auf dem volkstümliche Motive in Brauntönen zu sehen waren, wirklich sehr schön. An einem Ende des Tisches stand, gewissermaßen als Auftakt, eine Schüssel Joghurt. Das Joghurt ist hausgemacht und wird mit frischen Waldbeeren angerührt, die am Vortag gepflückt werden: Erdbeeren, Johannisbeeren, Himbeeren; und wenn man Früchte im Joghurt nicht mag, kann man sie auch so essen, denn es gibt Joghurt pur, und die Beeren kann man mit einem Löffel Zucker oder Portwein verfeinern, wie man will. Die Gläser sind aus Muranoglas, eindeutig, aber keine Dutzendware, sondern alte Stücke, die heute ein Vermögen kosten würden, in Wien vielleicht nicht ganz so viel, vor allem wenn man sie bei meinem Freund Hans kauft (die bunten Fäden im Glas sind türkis und bilden ganz zarte Wellen), aber das Geschäft meines Freundes Hans ist in letzter Zeit immer geschlossen, vielleicht ist er gestorben, das täte mir leid. Neben der Schüssel mit den Waldfrüchten steht ein Körbchen mit winzigen Brioches, die von einem Tuch aus Hanf warm gehalten werden. Man kann der Versuchung kaum widerstehen, das mußt Du mir glauben. Die Buttersorten und die Marmeladen lasse ich lieber aus.
Ich sage Buttersorten, weil es hier drei verschiedene gibt, darunter eine gesalzene, die von den Bauern in den Bergen hergestellt und in Weidenkörbchen geliefert wird, die mit Lorbeerblättern ausgelegt sind: Stell Dir nur vor, wie die Butter schmeckt. Die Marmeladen sind dickflüssig, wie es hier üblich ist, und werden nach traditionellen Rezepten hergestellt, und abgesehen von der Waldbeerenmarmelade, die natürlich die Spezialität des Hauses ist, gibt es auch noch meine Lieblingsmarmelade, Zitronenmarmelade, ein Mittelding aus Konfitüre und kandierter Frucht, mit einer Zuckergelatine, die ganz zart nach Kirschlikör schmeckt, aber wirklich nur hauchzart.
Mit einem Wort, ich habe mir das Frühstück richtig schmecken lassen, von allem probiert, und zum Abschluß habe ich mir Orangensaft und eine Tasse starken Kaffee gegönnt. Dann auf der Bank, von der ich Dir eben erzählt habe, noch ein paar Züge aus der Pfeife, und los ging's! Wenn ich mich nicht irre, haben wir abgemacht, daß Du mich übermorgen oder spätestens übermorgen von übermorgen abholen würdest, was, alles in allem, drei Tage bedeutet hätte. Nun, ich habe mich an die Abmachung gehalten, mir kam es sogar doppelt so lang vor. Bis ich mir gestern das alte Sprichwort vorgesagt habe: Wenn der Berg nicht zum Propheten kommen will, muß der Prophet zum Berge gehen. Ich habe mein Bündel geschnürt, das übrigens, wie Du ja weißt, ganz leicht ist, jetzt noch leichter als früher, und habe mich in aller Ruhe auf den Weg gemacht. Man kann die Villa ja ganz einfach verlassen, denn das wunderschöne schmiedeeiserne Tor wird nur am Abend abgeschlossen. Und so habe ich mich auf die Reise begeben, die ich Dir nun beschreibe, obwohl Du sie gut kennst, wir haben sie ja gemeinsam unternommen, als Du mich hierhergebracht hast, wenn auch
in entgegengesetzter Richtung. Und nach einer langen Reise, wie es im Märchen heißt... denn natürlich habe ich den ganzen Weg zu Fuß zurückgelegt, und ich kann Dir versichern, meine liebste Liebe, daß mir das Gehen sehr gut getan hat, denn in dem blöden Park hatte ich allzuoft nur ein paar Schritte machen können. Du wirst dich vielleicht fragen: Aber wie hat er es geschafft, den langen Weg an einem einzigen Tag zurückzulegen? Nun, so ist es eben. Ich könnte Dich anlügen und Dir was vorschwindeln, denn der Weg ist wirklich lang, wirklich sehr lang, meine liebste Liebe, aber ich habe es in nur vierundzwanzig Stunden geschafft. Am liebsten würde ich einen Deiner alten Freunde, den, der sich immer was darauf eingebildet hat, daß er mehr geht als ich, auffordern, es mir nachzumachen, aber dieser Leporello wird im Augenblick nicht dazu imstande sein, weil er die Radieschen von unten betrachtet. Aber nichts ist völlig unmöglich, denn hin und wieder steht einer auf und geht, das ist bereits vorgekommen.
Nach einer langen Reise habe ich also mein erstes Ziel erreicht, eine kleine Stadt am Meer. Häßlich, potthäßlich, um nicht zu sagen schreklich (ich schreibe es mit einfachem K, weil es ck gar nicht verdient). Um mich ein wenig auszuruhen, nahm ich mir ein kleines Zimmer, an dessen Wand ein Fischernetz mit zwei Seesternen darin hing. Für die Bewohner des Ortes gehört das zur Folklore, denn wahrscheinlich kommen im Sommer Deutsche und Skandinavier her, die das Meer lieben. Aber die Seesterne hatte man allem Anschein nach nicht gut getrocknet, denn sie stanken nach verwesendem Fisch. Was jedoch den Vorteil hatte, daß der Gestank die Mücken fernhielt und ich mich nicht mit summenden Insekten und juckenden Insektenstichen herumschlagen mußte, wie es uns eines Abends (ich hoffe, Du erinnerst dich) in einer häßlichen kleinen Pension passiert ist. In einer Schornsteinpension, womit ich nicht sagen will, daß die Pension Schornsteine hatte, sondern das Städtchen, in dem sie sich befand, das übrigens auch sehr häßlich war. Wenn Du Dich nicht erinnerst, macht es auch nichts, denn das war auf einer anderen Reise. Wie dem auch sei, ich habe mich in dem Zimmer mit den Seesternen ausgeruht. Und dann bin ich weitergezogen. Das einzige ernsthafte Problem bestand darin, daß ich mir während dieses unbeschreiblichen Aufenthalts einen sehr lästigen Ausschlag auf der Eichel zugezogen habe. Entschuldige, wenn ich Dich mit unappetitlichen Details belästige: Es handelte sich um winzige violette Punkte, die plötzlich auf der Haut aufgetaucht waren und Brennen und Juckreiz verursachten, dabei benutze ich die Eichel gar nicht, sie hat immer brav ihre Kapuze auf, wie ein Mönch bei der Prozession. Na ja.
Die zweite Pause habe ich in einem unscheinbaren kleinen Appartement eingelegt, das sogar billig gewesen wäre, aber wie Du weißt, konnte ich bei dem bißchen Geld, das ich in der Tasche hatte, nicht länger als ein paar Stunden bleiben. Wenigstens konnte ich ein entspannendes Fußbad nehmen; das Appartement war ganz leer, kein einziges Möbelstück stand darin, kommt Dir das nicht merkwürdig vor? Nur eine Gitarre lehnte an der Wand, und ich habe ein paar Minuten darauf gespielt, obwohl ich gar nicht Gitarre spielen kann und nur ein paar Akkorde kenne; und so habe ich eben die Akkorde gespielt, denn aus dem Zimmer daneben war ein Wimmern zu hören, und vielleicht schlief der Kleine ein, wenn er ein paar Akkorde hörte. Ich habe gesummt: Come prima, più di prima, t'amerò, la mia vita, per la vita, ti darò. Und das Wimmern hörte auf. Der Kleine hatte tatsächlich nach einem Liedchen verlangt, und mehr konnte ich ja auch nicht für ihn tun. O ja, ich weiß, daß man für die Kleinen viel mehr tun sollte, aber ich konnte ihm nicht mehr als ein Liedchen geben: Glaubst Du, daß es nicht genug war? Und so ist der Augenblick gekommen, weiterzugehen.
Und nach einer langen Reise... erwartest Du jetzt zu hören, denn inzwischen kennst Du mich ja. Aber nein, meine liebste Liebe. Habe ich Dir nicht gesagt, daß das Appartement ein wenig merkwürdig war? Ich gehe also hinaus, schließe die Tür hinter mir und befinde mich
in einer Art felsiger, aschgrauer Wüste mit kahlen Hügeln, ich wüßte nicht, wie ich sie Dir beschreiben sollte,
ich könnte sagen, Hügel wie weiße Elefanten, aber ich fürchte, das trifft die Sache nicht ganz, und außerdem stammt der Ausdruck von jemand anderem. Und die Sonne im Zenit, unbarmherzig, man hätte einen Sombrero gebraucht. Ich dachte: An diesem ungastlichen Ort werde ich elend zugrunde gehen vor Erschöpfung, und die Geier werden das Fleisch von meinen Knochen hacken, die, gebleicht von der Sonne, blödsinnigerweise liegenbleiben werden, als einziger Beweis dafür, daß hier einmal jemand vorbeigekommen ist. Aber Gott hilft den Mutigen: Plötzlich höre ich die Stimme eines Mädchens hinter mir, es war zwar winzig klein, denn ich konnte es nicht einmal im Rückspiegel sehen, ich meine, in meiner Brille mit den getönten Gläsern, die ich nur ein wenig kippen muß, um sie als solchen zu benutzen. Es war also ein dem Erdboden gleichgemachtes Mädchen, oder vielleicht war es nicht einmal ein Mädchen, vielleicht gab es nur seine Stimme, wie bei der Cheshire-Katze, und die Stimme sang den Ziegen ein Liedchen vor. Vielleicht war es eine unsichtbare und nur in meinem Geist existierende Schäferin, wie die der Troubadoure, eine Schäferin, die auftaucht und verschwindet, während der Ritter vorbeireitet, und das hat mich veranlaßt, ein Schäfergedicht zu erfinden, das vielleicht ein wenig holprig war, aber was soll ich machen, Lyrik war noch nie meine Stärke, bei Geschichten bin ich ganz gut, aber die haben auch keinen Reim, bei Geschichten reimt sich nichts, und sie haben auch kein Versmaß, das sie unterteilt.

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