Es wird
immer später
(Leseprobe aus:
Es wird immer später,
Roman in Briefform (2002, Hanser - Übertragung Karin
Fleischanderl)
Liebe, liebste Liebe,
Ausgangspunkt: Es war einmal ein Wald. Und mitten in
diesem Wald stand eine Villa. Und vor der Villa lag ein Park. Und im Park
standen Buchsbaumhecken, die so gepflanzt waren, daß sie ein Labyrinth im
italienischen Stil bildeten, und zwei schöne Palmen. Und unter den Palmen
standen vier Holzbänke, die mit der Lehne zueinander aufgestellt waren, so daß
man sich nicht sehen konnte, wenn man darauf saß. Haha, Du hast schon
verstanden? Sicher hast Du verstanden, ich wollte Dir ja nur einen Anhaltspunkt
geben. Du selbst hast mich ja vorgestern an diesen schönen Ort geführt, damit
ich es mir hier ein wenig gutgehen ließe, nur ganz kurz, bis übermorgen, hast
Du gesagt, soweit ich mich erinnere, oder bis übermorgen von übermorgen, denn
hier wirst du dich erholen, du wirst schon sehen, die Schlaflosigkeit wird sich
bessern, und auch diese Manie, herumzulaufen, so kann es ja nicht weitergehen,
mein Liebling, du kannst nicht immer herumlaufen, deine Freunde nennen dich
schon "den Wanderer", weil du immer so herumläufst, du weißt es
nicht, aber sie machen sich lustig über dich, sie rufen an, obwohl sie wissen,
daß du nicht da bist, und fragen mich in spöttischem Tonfall: Ich würde gern
mit dem Wanderer sprechen. Wenn du dich wenigstens einverstanden erklärt hättest,
mit Sylvies Freund zu sprechen, was wäre schon dabeigewesen, wenn du nach Zürich
gefahren wärst? Er hätte dir ganze Nachmittage lang zugehört, und zwar nicht,
weil das sein Beruf ist, sondern wirklich aus Freundschaft, er hat Verständnis
für Leute wie dich, er hat sogar ein Buch geschrieben über Fälle wie dich.
Meine Liebe, meine liebste Liebe, ich wollte Dir nur einen Anhaltspunkt geben,
denn gestern, oder vielleicht auch vorgestern, bin ich von hier aufgebrochen,
von genau diesem Ort, von einer der schönen Bänke. Ich schwöre Dir, ich habe
gefrühstückt, Du kannst beruhigt sein, obwohl ich auch darauf hätte
verzichten können, denn für gewöhnlich trinke ich am Morgen nur eine Tasse
Kaffee. Aber glaube mir, das Buffet war unwiderstehlich. Damit Du es Dir
vorstellen kannst: Unterhalb der Veranda war ein Tisch gedeckt, mit einem
handbestickten Leinentischtuch, auf dem volkstümliche Motive in Brauntönen zu
sehen waren, wirklich sehr schön. An einem Ende des Tisches stand, gewissermaßen
als Auftakt, eine Schüssel Joghurt. Das Joghurt ist hausgemacht und wird mit
frischen Waldbeeren angerührt, die am Vortag gepflückt werden: Erdbeeren,
Johannisbeeren, Himbeeren; und wenn man Früchte im Joghurt nicht mag, kann man
sie auch so essen, denn es gibt Joghurt pur, und die Beeren kann man mit einem Löffel
Zucker oder Portwein verfeinern, wie man will. Die Gläser sind aus Muranoglas,
eindeutig, aber keine Dutzendware, sondern alte Stücke, die heute ein Vermögen
kosten würden, in Wien vielleicht nicht ganz so viel, vor allem wenn man sie
bei meinem Freund Hans kauft (die bunten Fäden im Glas sind türkis und bilden
ganz zarte Wellen), aber das Geschäft meines Freundes Hans ist in letzter Zeit
immer geschlossen, vielleicht ist er gestorben, das täte mir leid. Neben der
Schüssel mit den Waldfrüchten steht ein Körbchen mit winzigen Brioches, die
von einem Tuch aus Hanf warm gehalten werden. Man kann der Versuchung kaum
widerstehen, das mußt Du mir glauben. Die Buttersorten und die Marmeladen lasse
ich lieber aus.
Ich sage Buttersorten, weil es hier drei verschiedene gibt, darunter eine
gesalzene, die von den Bauern in den Bergen hergestellt und in Weidenkörbchen
geliefert wird, die mit Lorbeerblättern ausgelegt sind: Stell Dir nur vor, wie
die Butter schmeckt. Die Marmeladen sind dickflüssig, wie es hier üblich ist,
und werden nach traditionellen Rezepten hergestellt, und abgesehen von der
Waldbeerenmarmelade, die natürlich die Spezialität des Hauses ist, gibt es
auch noch meine Lieblingsmarmelade, Zitronenmarmelade, ein Mittelding aus Konfitüre
und kandierter Frucht, mit einer Zuckergelatine, die ganz zart nach Kirschlikör
schmeckt, aber wirklich nur hauchzart.
Mit einem Wort, ich habe mir das Frühstück richtig schmecken lassen, von allem
probiert, und zum Abschluß habe ich mir Orangensaft und eine Tasse starken
Kaffee gegönnt. Dann auf der Bank, von der ich Dir eben erzählt habe, noch ein
paar Züge aus der Pfeife, und los ging's! Wenn ich mich nicht irre, haben wir
abgemacht, daß Du mich übermorgen oder spätestens übermorgen von übermorgen
abholen würdest, was, alles in allem, drei Tage bedeutet hätte. Nun, ich habe
mich an die Abmachung gehalten, mir kam es sogar doppelt so lang vor. Bis ich
mir gestern das alte Sprichwort vorgesagt habe: Wenn der Berg nicht zum
Propheten kommen will, muß der Prophet zum Berge gehen. Ich habe mein Bündel
geschnürt, das übrigens, wie Du ja weißt, ganz leicht ist, jetzt noch
leichter als früher, und habe mich in aller Ruhe auf den Weg gemacht. Man kann
die Villa ja ganz einfach verlassen, denn das wunderschöne schmiedeeiserne Tor
wird nur am Abend abgeschlossen. Und so habe ich mich auf die Reise begeben, die
ich Dir nun beschreibe, obwohl Du sie gut kennst, wir haben sie ja gemeinsam
unternommen, als Du mich hierhergebracht hast, wenn auch
in entgegengesetzter Richtung. Und nach einer langen Reise, wie es im Märchen
heißt... denn natürlich habe ich den ganzen Weg zu Fuß zurückgelegt, und ich
kann Dir versichern, meine liebste Liebe, daß mir das Gehen sehr gut getan hat,
denn in dem blöden Park hatte ich allzuoft nur ein paar Schritte machen können.
Du wirst dich vielleicht fragen: Aber wie hat er es geschafft, den langen Weg an
einem einzigen Tag zurückzulegen? Nun, so ist es eben. Ich könnte Dich anlügen
und Dir was vorschwindeln, denn der Weg ist wirklich lang, wirklich sehr lang,
meine liebste Liebe, aber ich habe es in nur vierundzwanzig Stunden geschafft.
Am liebsten würde ich einen Deiner alten Freunde, den, der sich immer was
darauf eingebildet hat, daß er mehr geht als ich, auffordern, es mir
nachzumachen, aber dieser Leporello wird im Augenblick nicht dazu imstande sein,
weil er die Radieschen von unten betrachtet. Aber nichts ist völlig unmöglich,
denn hin und wieder steht einer auf und geht, das ist bereits vorgekommen.
Nach einer langen Reise habe ich also mein erstes Ziel erreicht, eine kleine
Stadt am Meer. Häßlich, potthäßlich, um nicht zu sagen schreklich (ich
schreibe es mit einfachem K, weil es ck gar nicht verdient). Um mich ein wenig
auszuruhen, nahm ich mir ein kleines Zimmer, an dessen Wand ein Fischernetz mit
zwei Seesternen darin hing. Für die Bewohner des Ortes gehört das zur
Folklore, denn wahrscheinlich kommen im Sommer Deutsche und Skandinavier her,
die das Meer lieben. Aber die Seesterne hatte man allem Anschein nach nicht gut
getrocknet, denn sie stanken nach verwesendem Fisch. Was jedoch den Vorteil
hatte, daß der Gestank die Mücken fernhielt und ich mich nicht mit summenden
Insekten und juckenden Insektenstichen herumschlagen mußte, wie es uns eines
Abends (ich hoffe, Du erinnerst dich) in einer häßlichen kleinen Pension
passiert ist. In einer Schornsteinpension, womit ich nicht sagen will, daß die
Pension Schornsteine hatte, sondern das Städtchen, in dem sie sich befand, das
übrigens auch sehr häßlich war. Wenn Du Dich nicht erinnerst, macht es auch
nichts, denn das war auf einer anderen Reise. Wie dem auch sei, ich habe mich in
dem Zimmer mit den Seesternen ausgeruht. Und dann bin ich weitergezogen. Das
einzige ernsthafte Problem bestand darin, daß ich mir während dieses
unbeschreiblichen Aufenthalts einen sehr lästigen Ausschlag auf der Eichel
zugezogen habe. Entschuldige, wenn ich Dich mit unappetitlichen Details belästige:
Es handelte sich um winzige violette Punkte, die plötzlich auf der Haut
aufgetaucht waren und Brennen und Juckreiz verursachten, dabei benutze ich die
Eichel gar nicht, sie hat immer brav ihre Kapuze auf, wie ein Mönch bei der
Prozession. Na ja.
Die zweite Pause habe ich in einem unscheinbaren kleinen Appartement eingelegt,
das sogar billig gewesen wäre, aber wie Du weißt, konnte ich bei dem bißchen
Geld, das ich in der Tasche hatte, nicht länger als ein paar Stunden bleiben.
Wenigstens konnte ich ein entspannendes Fußbad nehmen; das Appartement war ganz
leer, kein einziges Möbelstück stand darin, kommt Dir das nicht merkwürdig
vor? Nur eine Gitarre lehnte an der Wand, und ich habe ein paar Minuten darauf
gespielt, obwohl ich gar nicht Gitarre spielen kann und nur ein paar Akkorde
kenne; und so habe ich eben die Akkorde gespielt, denn aus dem Zimmer daneben
war ein Wimmern zu hören, und vielleicht schlief der Kleine ein, wenn er ein
paar Akkorde hörte. Ich habe gesummt: Come prima, più di prima, t'amerò, la
mia vita, per la vita, ti darò. Und das Wimmern hörte auf. Der Kleine hatte
tatsächlich nach einem Liedchen verlangt, und mehr konnte ich ja auch nicht für
ihn tun. O ja, ich weiß, daß man für die Kleinen viel mehr tun sollte, aber
ich konnte ihm nicht mehr als ein Liedchen geben: Glaubst Du, daß es nicht
genug war? Und so ist der Augenblick gekommen, weiterzugehen.
Und nach einer langen Reise... erwartest Du jetzt zu hören, denn inzwischen
kennst Du mich ja. Aber nein, meine liebste Liebe. Habe ich Dir nicht gesagt, daß
das Appartement ein wenig merkwürdig war? Ich gehe also hinaus, schließe die Tür
hinter mir und befinde mich
in einer Art felsiger, aschgrauer Wüste mit kahlen Hügeln, ich wüßte nicht,
wie ich sie Dir beschreiben sollte,
ich könnte sagen, Hügel wie weiße Elefanten, aber ich fürchte, das trifft
die Sache nicht ganz, und außerdem stammt der Ausdruck von jemand anderem. Und
die Sonne im Zenit, unbarmherzig, man hätte einen Sombrero gebraucht. Ich
dachte: An diesem ungastlichen Ort werde ich elend zugrunde gehen vor Erschöpfung,
und die Geier werden das Fleisch von meinen Knochen hacken, die, gebleicht von
der Sonne, blödsinnigerweise liegenbleiben werden, als einziger Beweis dafür,
daß hier einmal jemand vorbeigekommen ist. Aber Gott hilft den Mutigen: Plötzlich
höre ich die Stimme eines Mädchens hinter mir, es war zwar winzig klein, denn
ich konnte es nicht einmal im Rückspiegel sehen, ich meine, in meiner Brille
mit den getönten Gläsern, die ich nur ein wenig kippen muß, um sie als
solchen zu benutzen. Es war also ein dem Erdboden gleichgemachtes Mädchen, oder
vielleicht war es nicht einmal ein Mädchen, vielleicht gab es nur seine Stimme,
wie bei der Cheshire-Katze, und die Stimme sang den Ziegen ein Liedchen vor.
Vielleicht war es eine unsichtbare und nur in meinem Geist existierende Schäferin,
wie die der Troubadoure, eine Schäferin, die auftaucht und verschwindet, während
der Ritter vorbeireitet, und das hat mich veranlaßt, ein Schäfergedicht zu
erfinden, das vielleicht ein wenig holprig war, aber was soll ich machen, Lyrik
war noch nie meine Stärke, bei Geschichten bin ich ganz gut, aber die haben
auch keinen Reim, bei Geschichten reimt sich nichts, und sie haben auch kein
Versmaß, das sie unterteilt.
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