aus: Das Umkehrspiel
Madame empfing mich zu
dem Gespräch auf der Terrasse. Sie lag auf einer sehr spartanischen Binsenliege ohne
Kissen, Modell Yoga-Meditation, und trug einen blaßblauen Kimono. Bis zum letzten
Augenblick war ich unentschlossen gewesen, ob ich den blauen Plisseerock mit dem roten
Pullover anziehen sollte, im Stil "junges Mädchen aus guter Familie, das im
Tennisklub verkehrt", oder das nußbraune Tweedkostüm mit der beigen Bluse.
Schließlich hatte ich mich für das Kostüm entschieden, nicht ohne mich selbst zu
wundern, denn die Jahreszeit war keineswegs ideal für diesen eher schweren Tweed. In
jenem Jahr verlängerte ein leuchtender Oktober scheinbar mühelos einen Sommer, der
majestätisch gewesen war, und die allerletzten Touristen schlenderten noch in Shorts am
Seeufer entlang, als wollten sie die letzten Sonnenstrahlen aufspeichern.
Aber verdammt noch mal, dieses Kostüm hatte mich fast ein ganzes Gehalt gekostet, obwohl
ich es letzten Winter im Schlußverkauf erstanden hatte, außerdem hatte ich noch keine
Gelegenheit gefunden, es anzuziehen. Es war ein Saint-Laurent-Modell mit maskulinem
Einschlag - Hosenrock, eckige Schultern mit fester Polsterung im Stil der vierziger Jahre
und breite Revers mit zwei Knöpfen. Eine todschicke Angelegenheit: In der Vogue trug
Deborah Kerr, an der Veranda ihrer Ranch lehnend, haargenau das gleiche. Aber wer in der
blöden Schule hätte schon ein Saint-Laurent wie dieses zu schätzen gewußt? Meine
Kolleginnen erschienen morgens grauenvoll hergerichtet, es fehlten nur noch die Schürze
und die Lockenwickler. Da konnte ich ebensogut zum Gespräch mit Madame das Saint-Laurent
anziehen, so würde es wenigstens einmal jemand würdigen. Zumindest nahm ich das an, und
wie ich glaubte, aus gutem Grund. Ich meine, so eine Villa paßte einfach nicht zu einem
dieser dümmlichen Geschöpfe vom Typ reiche Metzgersgattin, wie sie die Hügel rund um
den See mit Häusern verunstaltet hatten, die es an Geschmacklosigkeit mit Disneyland
aufnehmen konnten, und wie sie zu Saisonende, wenn der Chef die "Versteigerung
ohnegleichen" veranstaltete, in die Galerie einfielen und mit Schinken davonzogen,
bei deren Anblick einem Pferd schlecht geworden wäre, um sie an den Wänden ihrer
Stadtdomizile aufzuhängen. Im übrigen brauchte man sich nur das schmiedeeiserne Tor zu
betrachten, von dem zwei schnurgerade Zypressenreihen ausgingen, die arabeskenverzierten
Türmchen im Stil der Jahrhundertwende, jedes mit eigenem Blitzableiter, den italienischen
Garten und die von Bougainvilleen überwachsene Terrasse. Und außerdem war ich der
Ansicht, daß sich mit Scharfsinn auch an einer einfachen Zeitungsannonce das Format einer
Dame ablesen ließ. Die Stellenanzeigen, die ich samstags begierig überflog, strotzten
nur so von plump sich anbiedernden oder bestenfalls dürftigen und leicht durchschaubaren
Angeboten, wo sich hinter der "Chance für eine brillante Karriere"das elende
Klinkenputzen mit einer Enzyklopädie für schwachsinnige Kinder verbarg. Ein Angebot wie
dieses für die Stelle einer Sekretärin kam nicht häufig vor: "Intelligenz,
Diskretion, Kultur. Französisch unerläßlich."
Ich war überzeugt, daß ich diese vier Vorzüge eindeutig besaß. Schade nur, daß weder
der Schuldirektor, der sich aufregte, weil ich mit den Kindern über die Maja desnuda
sprach, noch der Galerieinhaber, dem es nur darum ging, die Vareser Damen zu rupfen, es
jemals bemerkt hatten. Ihr Pech.
Rezension I Buchbestellung IV01 LYRIKwelt © Hanser