652 km nach Berlin von Silvia Szymanski, Hoffmann und CampeSilvia Szymanski

652 km nach Berlin
(Auszug aus dem ersten Kapitel von 652 km nach Berlin, 2002, Hoffmann und Campe)

- 1 -

Die Sonne brannte. Der trockene Rasen stach durch mein Frotteetuch, eine Ameise ätzte mir ihr Pipi in die Poren; verständlich, ich war ja auch gefährlich achtlos gegenüber ihr und ihren Leuten.
Ich lag im Schwimmbad Streifenfeld und hatte auch noch andre Gründe, von der Welt wieder verschwinden zu wollen.
»Welt«, das ist ja nur ein Deckname. Ihrer wahren Identität kommt man nur schwer auf die Spur, und ich bin von Dummheit benommen. Halb blind, wie eine Glasscheibe, die immer wieder beschlägt, bewege ich mich in der Fortsetzungsgeschichte, in die uns unsere Ahnenreihe gespuckt hat, und es gibt kein Geld fürs Mitmachen, im Gegenteil, man muß noch zahlen.
Manche Leute freuen sich, im Film zu sein.
Andere wären lieber aus dem Schneider.
»Vierzig ist ein angenehmes Alter«, hörte ich den Mann auf der Decke rechts neben mir zu seinem Kollegen sagen. »Die Anpassung ist vollzogen. Es war gut, das Kind zu haben. Es ist jetzt zehn. Wenn es aus dem Haus ist, schaff ich mir 'nen Hund an.«
Er meinte das nicht so. Hätte ich ihn darauf angesprochen, hätte er es bestimmt relativiert.
»Bleim wir noch en bißchen? Hol ich noch en Fläschjen Bier«, sagte der Mann zu seinem Freund und watschelte zum Büdchen.
Ich hatte eine Frauenzeitschrift dabei und machte den Psychotest darin, dann glaubte ich ihn halb und kriegte schlechte Laune. Aber alle Charaktertypen, in die sie die Leute sortierten, bestanden aus schlechten Eigenschaften, egal, was man angekreuzt hatte.
Ich dachte an die hohen Meereswellen heute nacht im Traum, vor denen alle fliehen mußten.

Auf der Decke links versuchte eine ältere Frau, ihre Bekannte in ein Gespräch zu verwickeln.
»Daß so viele Kinder heut im Schwimmbad sind!« sagte sie. »Ach, ich weiß, es gab bestimmt heut Ferien. Die sind in diesem Jahr sehr früh.«
Der andern fiel dazu nichts ein. Die Rednerin wartete, dann konnte sie nicht länger schweigen.
»Ich hatte mich schon die ganze Zeit gewundert, daß so viele Kinder draußen sind! « wiederholte sie nachdrücklich. »Es ist anscheinend wirklich Ferienanfang! Der soll in diesem Jahr sehr früh sein!« Auch bei diesem Anlauf stieß sie nicht auf Resonanz.

Ich habe Fotos gesehen von einem zoologischen Museum, mit Schränken voller präparierter Affen und Schubladen voller toter Papageien. Ich hab geträumt, wie Leute einen lebenden Hahn in rote Farbe tauchten, um ihr Wappentier aus ihm zu machen.
Im Traum schrie ich sie an. Doch manchmal denk ich auch: Bald ist's vorbei. Steh's einfach kommentarlos durch.
Meine Oma Finkenrath dachte so zum Schluß. Aber für mich ist das nicht das Richtige.

Der Mann von der Nebendecke kam zurück, mit Bier und Zeitung. Er sprach von »Greueln«.
»Man kann da nicht mehr wegschauen!« sagte er. Er hatte sich mit der Mehrheit der Leute auf einen Blick eingeschossen und schaute dafür von andren Sachen weg.
»Die jungen Leute wollen nicht mehr arbeiten. Sie liegen lieber andern auf der Tasche«, kam es kiebig von den älteren Frauen zu mir rüber.
»Ich halte es da mit der Bibel: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen«, sprach die andre fromm.
Ich merkte, wie ich begann, die beiden zu verfluchen.
»Ich geh 'ne Runde schwümmen«, sprach die eine. Viel Vergnügen und sauf ab, flüsterte ich und rieb mir die Hände wie eine Stubenfliege.
»Ich bleib hier und iß mich noch ön Brötchen«, sprach die andere Madame .
Auf daß es dir im Hals steckenbleibe.
Zum Glück trotzten die beiden meinen Verwünschungen und überlebten; ich hatte ja auch keinen Bock, wegen ihnen für den Rest meines Lebens mit Schuldgefühlen rumzulaufen.

Rezension I Buchbestellung I home 0I02 LYRIKwelt © Hoffmann und Campe