Die Pendragon-Legende von Antal Szerb, 2004, dtv

Antal Szerb

Die Pendragon-Legende
(Leseprobe aus: Die Pendragon-Legende, Roman, 2004, dtv - Übertragung Susanna Großmann-Vendrey)

»My way is to begin with the beginning, ich pflege mit dem Anfang zu beginnen«, sagte Lord Byron, und er muß schließlich gewußt haben, was sich ziemt, wenn von vornehmen Engländern die Rede ist.

Eigentlich fangen meine Geschichten immer damit an, daß ich in Budapest auf die Welt gekommen bin und schon nach kurzer Zeit so geheißen habe, wie ich heute auch noch heiße: János Bátky. Aber wie ich heiße, das wußte ich damals noch nicht.
Um mich kurz zu fassen, lasse ich jetzt die Dinge, die sich zwischen meiner Geburt und meiner Bekanntschaft mit dem Earl of Gwynedd abgespielt haben, außer acht, also meine ersten zweiunddreißig Lebensjahre mit dem Weltkrieg mittendrin. Ich darf sie getrost außer acht lassen, da die Hauptrolle in meiner wundersamen Geschichte nicht mir zusteht, sondern dem Earl of Gwynedd.
Ich komme nun zur Geschichte unserer Bekanntschaft. Im Frühsommer, gegen Ende der Saison, war ich zu einer Soiree bei Lady Malmsbury-Croft eingeladen. Die Lady war meine Gönnerin, und sie hatte mich schon damals, als ich noch wissenschaftlicher Sekretär von Donald Campbell war, unter ihre Fittiche genommen. Denn beruflich beschäftige ich mich damit, daß ich älteren Engländern, die von der fixen Idee geplagt sind, einer geistigen Tätigkeit nachgehen zu müssen, als Sekretär zur Verfügung stehe. Aber ich lebe nicht nur davon. Ich habe mütterlicherseits ein kleines Vermögen geerbt, und daher habe ich in jedem Land, in dem es mir gefällt, mein bescheidenes Auskommen. England ist seit vielen Jahren meine Wahlheimat. Ich liebe die Noblesse der englischen Landschaft.

Im Laufe des Abends bekam mich die Dame des Hauses in der Menge zu fassen und ruderte mit mir zu einem hochgewachsenen Herrn mit prächtigem Kopf und grauen Haaren, der still lächelnd tief in einem Fauteuil saß.

»Mein lieber Earl«, sagte sie, »das ist Herr János Bátky. Ich weiß jetzt nicht so genau, ob er sich mit Insektenfressern des englischen Mittelalters oder mit Dreschmaschinen des italienischen Altertums beschäftigt. Aber auf jeden Fall tut er irgend etwas, das auch Sie sehr interessieren wird.«
Und damit ließ sie uns allein.

Zunächst lächelten wir uns nur freundlich an. Der Kopf des Earls war wirklich faszinierend. Nur auf alten Titelblättern findet man noch solche Köpfe, aber dort meistens mit Lorbeer bekränzt. Heutzutage gedeihen solche Köpfe leider viel zu selten.

Ich war einigermaßen verlegen und hatte das Gefühl, wegen der Vorstellung durch die edle Lady eine etwas komische Figur zu machen.
»Wenn es Ihnen recht ist«, sagte der Earl endlich, »dann erlauben Sie mir die Frage: Was wollte mir die Dame des Hauses eigentlich sagen?«
»Mylord, es tut mit leid, aber die Lady hat im Grunde genommen die Wahrheit gesagt. Ich bin Doktor der Philosophie, ein Gelehrter überflüssiger Wissenschaften, und ich beschäftige mich zudem mit Dingen, um die sich kein normaler Mensch mehr kümmert.«

Mit meiner Witzelei wollte ich lediglich ein ernstes Thema umgehen, zum Beispiel die Frage nach meinem Beruf. Denn ich wußte ja schon, daß die Engländer es übelnehmen, wenn jemand beim Plaudern geistige Interessen verrät.
Aber ich entlockte dem Earl nur ein seltsames Lächeln.

»Bitte, mit mir dürfen Sie ruhig ernst reden. Ich bin kein Engländer. Ich komme aus Wales, und das bedeutet, daß ich sozusagen mit der Hälfte meines Wesens zu den Kontinentaleuropäern zähle. Ein Engländer würde Sie niemals nach ihrem Beruf fragen, das schickt sich hier nicht. Aber ich bestehe jetzt auf dieser Frage, allein schon meines geistigen Anspruches wegen.«

Er hatte einen so klug wirkenden Kopf, daß ich mit der Wahrheit herausrücken mußte.
»Ich beschäftige mich gerade mit den englischen Mystikern des 17. Jahrhunderts.«

»Tatsächlich?« rief der Earl aus. »Lady Malmsbury-Croft hat es mal wieder wunderbar getroffen mit uns. Das ist typisch für sie! Wenn sie auf einer Party zwei Herren nebeneinandersetzt in der Annahme, sie seien beide in Eaton zur Schule gegangen, dann ist der eine bestimmt ein Deutscher und der andere ein Japaner, aber beide haben sie sich zufällig auf liberianische Briefmarken spezialisiert.«

»Also dann beschäftigen sich auch Mylord mit meinem Interessengebiet?«
»Sich beschäftigen? Das klingt zu schroff auf unserer Insel. Sie auf dem Kontinent studieren etwas, wir Engländer haben nur ein Steckenpferd. Ich befasse mich mit den englischen Mystikern etwa so, als wäre ich ein pensionierter General, der sich daranmacht, die Geschichte seiner Familie zu verfassen. Aber sagen Sie, Doktor … Mystizismus ist ein sehr weiter Begriff. Verstehen Sie darunter ein religiöses Phänomen?«

»Nein, für religiöse Fragen habe ich leider keinen Sinn. Am Mystizismus interessiert mich nur das, was man allgemein als mystisch bezeichnet: die geheimnisvollen Hirngespinste und Prozeduren, mit denen man versucht, die Natur zu beherrschen. Die Alchimisten, das Geheimnis des Homunkulus, Allheilmittel, die Wirkung von Mineralien und Amuletten … Fludds Naturphilosophie etwa, wenn er die Existenz Gottes mit Hilfe des Barometers beweisen will.«

»Fludd?« Der Earl horchte auf. »Fludd darf man nicht in einem Atemzug mit diesen Narren nennen. Fludd, mein Herr, hat zwar oft Unsinn geschrieben, weil er Dinge erklären wollte, die man damals noch nicht verstanden hat. Aber zu seiner Zeit hat er im wesentlichen, und über das Wesentliche, mehr gewußt als die heutigen Gelehrten, die nicht einmal ein Lächeln für seine Theorien mehr übrig haben. Ich weiß nicht, wie Sie dazu stehen, aber heute wissen wir über die winzigen Teilchen der Natur sehr viel; damals wußten die Menschen mehr über das Ganze, über die großen Zusammenhänge, die man nicht auf die Waage legen und in Scheibchen schneiden kann wie Schinken.«

Seine Augen leuchteten intensiver, als dies kühlen Engländern erlaubt ist. Dieses Thema war offenbar sein Thema schlechthin.

Er schien sich für seine Auslassung ein wenig zu genieren und schlug eine leichtere Tonart an, indem er lächelnd hinzufügte:
»Ja, Fludd ist tatsächlich mein Steckenpferd.«
Plötzlich trat eine hübsche junge Dame zu uns und plapperte lange Zeit nur Unsinn. Der Earl sekundierte ihr wie ein Kavalier. Ich hingegen saß wie auf heißen Kohlen, denn ich hätte unser Gespräch gerne fortgesetzt. Nichts interessierte mich mehr als die emotionale Beziehung eines Menschen zu etwas Abstraktem, etwa die Frage, warum Herr X überzeugter Anglikaner ist, oder weshalb sich Fräulein Y mit Bauchfüßern beschäftigt. Mich hätte brennend interessiert, wie ein Earl so fasziniert sein kann von der Persönlichkeit eines unerreichbaren, schon längst ziemlich toten und zu Recht vergessenen Arztes und Magiers wie Robert Fludd.

Aber Lady Malmsbury-Croft erwischte mich erneut, diesmal jedoch tat sie einen Fehlgriff. Sie führte mich zu einer äußerst vornehmen Dame von museumsreifem Aussehen, die mich nach dem Tierschutz in Rumänien fragte. Ich wehrte mich vergebens. Sie wollte mir offenbar eine Freude machen und erzählte von ihrer letzten Reise durch Armenien und von ihren schrecklichen kynologischen Erfahrungen: dort gab es fast nur herrenlose Hunde, die vom Abfall leben mußten.

Glücklicherweise stand plötzlich ein Freund vor mir, Fred Walker, in Begleitung eines gutfrisierten jungen Mannes. Fred setzte den jungen Herrn neben meine Dame, nahm meinen Arm und schleppte mich mit sich fort. Die ehrwürdige Dame bemerkte nichts von dem Tausch.

»Wer ist dieser Earl?« fragte ich Fred.
»Kennst du ihn nicht? Er ist doch der einzige bemerkenswerte Mensch auf dieser Party. Owen Pendragon, Earl of Gwynedd. Ein hochinteressanter Narr. Ganz nach deinem Geschmack.«
»Erzähl mal von ihm.«

»All right. Vor einigen Jahren wollte der Earl seine Freundin heiraten, eine Dame, so to say, von nicht gerade bestem Ruf. Sie soll ihre Karriere auf den Straßen Dublins begonnen haben, auf und ab spazierend. Der Skandal hatte schon seinen Höhepunkt erreicht, da hat sich’s die Dame anders überlegt: Sie hat den Earl verlassen und den alten Milliardär Roscoe geheiratet, der schon mit dem Vater des Earls befreundet gewesen war.«
»Das Amüsante an der Geschichte ist«, fuhr er fort, »daß der Earl ansonsten ein strenger Aristokrat ist, fast bis zur Donquichotterie. Man erzählt, daß er als Student in Oxford Mitglied einer Gesellschaft gewesen ist, die so vornehm war, daß man nur drei Leute gefunden hat, die würdig genug waren, dort Mitglied zu werden. Mit der Zeit gingen zwei fort, und der Earl blieb übrig. Er hat sich zwei Jahre lang überlegt, wen er zum Vizevorsitzenden ernennen könnte, aber niemanden gefunden, der vornehm genug gewesen wäre für diesen Posten. Schließlich hat er Oxford verlassen, und die besagte Gesellschaft löste sich von selbst auf. Aus ähnlichen Gründen hat er das House of Lords nie betreten.«
»Es tut mit leid, Fred, aber ich kann nichts Ungewöhnliches an seiner Geschichte finden. Normalerweise erzählst du bessere stories. Diese Geschichte ist zu banal und paßt nicht zu diesem faszinierenden Kopf. Daran, daß ein Aristokrat eine Dame zweifelhafter Herkunft ehelichen will, ist nichts Besonderes. Seine Vornehmheit reicht ja auch für zwei.«

»Du hast recht, János. Nicht deswegen habe ich behauptet, der Earl sei ein Unikum. Nun, daß er eigenartig ist, darin sind sich alle einig. Aber alles, was ich sonst über ihn gehört habe, ist Nonsens und so idiotisch, daß ich keine Lust habe, davon zu berichten.«

»Ich bitte dich, laß mich den Nonsens hören.«
»Well … Wie sollte eine Geschichte wie die, der Earl habe sich wie ein Fakir begraben lassen und zwei Jahre oder zwei Wochen später, ich weiß es nicht mehr so genau, habe man ihn völlig unversehrt wieder ausgebuddelt, kein Nonsens sein … Man sagt, er sei bei Giftgasangriffen im Krieg seelenruhig ohne Maske spazierengegangen und es sei ihm nichts passiert. Er hat außerdem den Ruf, ein Wunderheiler zu sein. Die unglaublichste Geschichte ist die mit dem Duke of Warwick, den er geheilt haben soll, nachdem die Ärzte ihn am Tag zuvor für tot erklärt hatten. In seinem Schloß in Wales gibt es angeblich ein Laboratorium, wo er mit Tieren allerlei Experimente durchführt. Er hat sogar ein neues Tier erfunden, das nur im Dunkeln lebt … aber er stellt es der Öffentlichkeit deshalb nicht vor, weil er die Gleichmacherei des Wissenschaftsbetriebes verachtet. Aber all das ist Nonsens. Ich weiß nur, daß er bei gesellschaftlichen Anlässen immer sehr freundlich ist und man nichts Ungewöhnliches an ihm bemerkt. Aber er macht sich rar. Er verläßt sein Schloß manchmal monatelang nicht.«

Dann flüsterte Fred mir noch ins Ohr:
»Ein kompletter Narr!«
Und damit ließ er mich stehen.
Im Laufe des Abends gelang es mir dann doch noch einmal, mit dem Earl zusammenzutreffen. Ich spürte, daß er mich nicht ablehnte. Er sagte mir, meine Augen erinnerten ihn an einen Arzt aus dem 17. Jahrhundert, dessen Porträt in seinem Schloß hänge. An einen gewissen Benjamin Avravanel. Er sei ermordet worden.

Ich will unser langes Gespräch nicht wiedergeben, zumal ich derjenige war, der redete, der Earl stellte die Fragen. Ich konnte zwar nicht in Erfahrung bringen, was er eigentlich mit Fludd vorhatte, aber unser Gespräch endete doch nicht ergebnislos. Es schien so, als hätte ich seine Sympathie gewonnen, denn er sagte beim Abschied:
»Einige alte Bücher über den Themenkreis, der Sie interessiert, befinden sich im Besitz meiner Familie. Wenn Sie Lust haben, kommen Sie nach Wales; besuchen Sie mich in meinem Heim auf dem Land, und bleiben Sie ein paar Wochen … bis Sie die Bücher durchgesehen haben.«

Ich freute mich über diese Auszeichnung, aber ich bin ein viel zu träger Mensch und hätte das Angebot bestimmt nicht ernst genommen, wäre nicht ein paar Tage später eine schriftliche Einladung gekommen, mit allen Einzelheiten der Reise. So begann meine Geschichte.

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