Verlockung von János Székely, 2005, SchirmerGraf

János Székely

Ich und der Hund Ihrer Exzellenz
(Leseprobe aus: Verlockung, Roman, 2005, SchirmerGraf - Übertragung Ita Szent-Iványi)

   Budapest war weiß und wirklich wie ein Weihnachtsmärchen. Kein Lüftchen regte sich in den Straßen, es herrschte eine sonderbar beklemmende Windstille, als halte die ganze Stadt den Atem an. Große glitzernde Schneeflocken schwebten in dem gelben Glorienschein der hohen Laternen träumerisch hernieder, und meine Purzelbäume schlagende Phantasie vermutete die wunderbaren Schlösser eines Feenreiches in dem schimmernden Dunst. Hinter dem Schneevorhang glitten geheimnisvolle Fahrzeuge vorbei: lautlose herrschaftliche Limousinen, flinke kleine Taxis, schwerfällige, plattfüßige Omnibusse und hin und wieder ein Schlitten mit silbernem Schellengeläut, der aus einem Märchen von Andersen zu kommen schien. Aus den Kaffeehäusern und Restaurants quollen Lichtfluten und Zigeunermusik, die überdachten Eingänge waren von bunten Lampen erhellt, und ein als General gekleideter alter Herr öffnete mit gekrümmtem Rücken die Türen der vorfahrenden Autos.
   »Ein glückliches neues Jahr!« schmetterte er mit blecherner Stimme, obwohl bis Mitternacht noch einige Stunden fehlten. »Ein glückliches neues Jahr!«
   Aus den Wagen stiegen Damen, in kostbare Pelze gehüllt, und trippelten in hochhackigen, glänzenden Atlasschuhen am Arm ihrer mit Zylinder und schwarzem Abendumhang geschmückten Galane über den Bürgersteig. In ihrem Haar glitzerten Schneeflocken, an ihren Ohren Edelsteine, auf ihren porzellanfarbenen Gesichtern strahlte ein Lächeln. Sie waren überirdisch schön, und mir kamen Elek Benedeks Märchen in den Sinn, da ich im Leben dergleichen noch nie gesehen hatte.
   Die Donau lag weiß und regungslos da wie eine verschneite Landstraße. Erst als wir auf unserem Weg nach Pest die Kettenbrücke überquerten, bemerkte ich, daß schwere Eisschollen auf dem Fluß trieben und darunter pechschwarzes Wasser strudelte. Meine Mutter blieb plötzlich stehen.
   »Schau dir das an!« sagte sie in einem Ton, als gehöre ihr die ganze Stadt und sie wolle sie nun mit großem Gewinn an mich verkaufen. »Sogar der Prinz von Wales soll Mund und Nase aufgesperrt haben, als er das hier zum erstenmal sah.«
   Ich weiß nicht, wie sich der Prinz von Wales verhalten hat, ich jedenfalls sperrte tatsächlich Mund und Nase auf, während mein Blick von Buda nach Pest wanderte, die durch schwebende, glänzende Brücken miteinander vereint waren. Aufgeregt wandte ich den Kopf nach links und rechts, ich wußte nicht, wohin ich zuerst schauen sollte. Aus dem milchigen Dunst tauchte hier und dort ein von geheimnisvollem Licht überflutetes, märchenhaft anmutendes Denkmal oder ein Kirchturm auf. Hoch oben, gleichsam in den Wolken schwebend, leuchtete die Ruine einer alten Festung, und rechts davon erhob sich auf einem anderen Berg ein phantastisches Bauwerk mit vielen weißen Türmen. Ich hatte keine Ahnung, was das für Gebäude waren.
   »Die Fischerbastei«, erklärte meine Mutter. »Und das da drüben ist die königliche Burg.«
   Mir fielen die Augen fast aus dem Kopf. Die königliche Burg, die hinter dem Schneeschleier in gelbem Scheinwerferlicht strahlte, sah so unwirklich aus, daß ich mir einfach nicht vorstellen konnte, sie sei bewohnt. Mit ihren verschneiten Kuppeln, die hoch in den Himmel ragten, erinnerte sie eher an das mit Zuckerguß überzogene Meisterstück eines Konditors. Ich beugte mich über das Brückengeländer, und ein tiefes Glücksgefühl trieb mir die Tränen in die Augen. Wie schön, daß ich hier leben kann, dachte ich. Wie schön! Wie gut, daß …
   »Heda, was lungern Sie hier herum?« riß mich eine rauhe, heisere Stimme aus meinen Träumereien.

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