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Fallers Held
(Leseprobe aus: Fallers Held, Roman, 2006, Klett-Cotta)
Er war da. Die ganze Nacht durch war er gefahren.
Jetzt saß er in seinem alten VW Golf im Hof und schaltete den Motor aus. Die
Lichter auf der Armaturenanzeige erloschen. Draußen war es noch immer dunkel
und ruhig. Leise hallte der Motor in Fallers Kopf nach, die Lüftung blies keine
warme Luft mehr ins Wageninnere. Das Auto schien mit Schaumstoff ausgestopft zu
sein. Faller dachte an Juri Gagarin und das Foto aus dem sechs Kilo schweren
100-Jahre-Buch, in dem das vergangene Jahrhundert in 1000 Abbildungen
festgehalten war. Er hatte sich das Foto herauskopiert und über den
Schreibtisch gehängt. Der sowjetische Kosmonaut wartete halb liegend in seinem
roten Raumfahrtanzug, den weißen Helm über dem Kopf, auf den Start zur ersten
bemannten Raumfahrt. Die Augen halb geschlossen, die Gesichtszüge völlig
entspannt. Er sah aus, als würde er schlafen oder wäre tot; nur noch von den
breiten Gurten an den Sitz gebunden. Wenige Minuten später würde er durch den
Weltraum fliegen und die Erde als erster Mensch in 300 Kilometer Entfernung
umkreisen. Beim Blick aus dem Fenster funkt er an die Bodenstation:
"Dunkel, Genossen, ist der Weltraum, sehr dunkel."
Langsam ging die Sonne auf. Faller hätte jetzt aussteigen, den Schlüssel unter
der Gartenbank vor dem Haus nehmen und die Tür aufsperren können. Statt dessen
blieb er sitzen. Er sah durch die sich langsam beschlagende Windschutzscheibe in
den Hof und kurbelte das Seitenfenster herunter. Kühle Morgenluft strömte
zwischen Glas und Dachholm ins Wageninnere. Es roch nach Jauche, nach Bauernhof
und Dorf. Es roch nach Herbst und dem lange nicht mehr wahrgenommenen Geruch,
mit dem er früher einmal Heimat assoziiert hatte. Die Kälte legte sich
auf die Polyestersitze, auf die Armatur und auf Faller. Es fröstelte ihn. Die
Härchen auf den Armen richteten sich auf. Seine Haut zwischen Wangenknochen und
Kinn juckte. Nicht kratzen, dachte er, sonst wird es nur noch schlimmer.
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