Das helle Licht des Tages von Graham Swift, 2003, Hanser

Graham Swift

aus: Das helle Licht des Tages

Vor etwas über zwei Jahren. Noch Oktober, aber ein Tag wie heute, blau und klar und frisch. Rita machte meine Tür auf und sagte: »Mrs. Nash.«
Ich stand bereits und knöpfte mein Jackett zu. Den meisten von ihnen fehlt der Vergleich – es ist für sie das erstemal. Es dürfte so sein wie ein Besuch beim Arzt. Sie hatten etwas Schäbigeres erwartet, etwas Suspekteres, Beschämenderes. Die gepflegte Atmosphäre (Ritas Werk) überrascht und beruhigt sie. Und die Vase mit Blumen.
Weiße Chrysanthemen, wie ich mich erinnere.
»Bitte nehmen Sie Platz, Mrs. Nash.«
Ich könnte irgendein Rechtsanwalt in der Innenstadt sein. Füllfederhalter in der Hand. Arzt, Rechtsanwalt – Eheberater. Man muß von allen dreien ein bißchen sein.
Der übliche Blick, der besagt, daß sie all ihren Mut zusammengenommen hat, ihr Zögern unterdrückt hat, daß sie war, wo sie lieber nicht gewesen wäre.
»Mein Mann trifft sich mit einer anderen Frau.«
Es gibt nicht so viele Möglichkeiten, das zu sagen – aber man muß so aussehen, als hätte man es noch nicht auf alle nur erdenkliche Weise sagen hören. Jeder ist einzigartig: Nur er allein kommt mit dieser seltenen Krankheit zum Arzt.
»Verstehe. Tut mir leid. Darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten? Oder Tee?«
Ein Arzt – ein Spezialist. Man ist bereits dabei, die Symptome abzuschätzen. Jeden Augenblick kann es jetzt zu Tränen kommen, zu Flüchen, zu Wut- oder Verzweiflungsausbrüchen. Zu all dem gehört ein Text, bis zur Perfektion geprobt. Und irgendwann wird dann alles über Bord geworfen.
Etwas, womit ich nicht gerechnet hatte: daß dies der schwierigste, der fesselndste – der dankbarste Teil meines Berufes sein würde. Dinge, die einem bei der Polizei nicht beigebracht worden sind.
Sie wollte weder Kaffee noch Tee. Aber Rita, das wußte ich, wartete draußen wie eine Krankenschwester in der Notaufnahme, die Ohren gespitzt, den Wasserkessel gefüllt, bereit, im Nu mit dem Tablett hereingestürzt zu kommen.
Und als ein spezieller Notnagel die Flasche Whisky in dem Schränkchen in der Ecke. Einzig und allein für die Klienten und niemanden sonst. Obwohl erstaunlich ist, wie oft sie sagen: »Wollen Sie mir nicht Gesellschaft leisten?«

»Wissen Sie es, oder glauben Sie es?«
»Ich weiß es.«
Ohne einen Augenblick zu zögern. Sie hatte Augen, die – bei einer leichten Frostigkeit – von Schwarz zu Braun zu wechseln, zu changieren schienen. Schildpatt. Ihr Haar war genauso. Schwarz, dachte man zunächst, aber wenn die Sonne vom Fenster darauf fiel, sah man, daß es tiefbraun war.
Noch etwas, womit ich nicht gerechnet hatte – obwohl es auf der Hand liegt, man braucht nur nachzudenken. Größtenteils Frauen. Oder sagen wir sechzig Prozent.
Ich habe zu Helen, meiner Tochter, gesagt: »Es sind größtenteils Frauen, Helen.«
Und sie: »Stört dich das etwa?«
Einige von ihnen kommen nicht einfach nur und haben ihren Text geprobt, sondern sie kommen wie zu einem richtigen Vorsprechen, so als hätten sie die letzten zwei Stunden vor dem Spiegel zugebracht. (Rita zum Beispiel.) Todschick angezogen. In einer Wolke von Parfüm. Sie wollen nicht, daß man denkt, es sei aus dem Grund, weil sie sich hätten gehenlassen. Sie haben den Entschluß gefaßt, aber sie haben auch ihren Stolz.
Arzt, Rechtsanwalt, Besetzungsleiter...
Aber sie gehörte nicht zu denjenigen, die auf Star machen – auch wenn sie nicht gerade billig angezogen war. Der schwarze Mantel – reiner Kaschmir. Sie hatte sich zurechtgemacht, aber, nahm ich an, auf die eilige, automatische Art und Weise von Frauen, die keine zentimeterdicke Kriegsbemalung nötig haben – auch wenn sie möglicherweise in den Krieg zog.
Man denkt natürlich an den Ehemann. Man denkt: Was mag hier los sein? Man versetzt sich in die Lage des Ehemanns (und genau damit rechnen sie).
Anfang Vierzig – zweiundvierzig, dreiundvierzig – und gut beieinander. Ihre Augen mit diesem Anflug 
von Frost. Kluge, wache Augen, denen der Frost etwas Strenges gibt. Aber man kann sich vorstellen, daß sie schmelzen.
Lehrerin, wie sich herausstellte. Dozentin. Daran gewöhnt, den Laden zu schmeißen.
Bei Lehrern ist mir früher (selbst noch bei der Polizei auf Fortbildungsveranstaltungen) immer ganz schummerig geworden.
Klug. Und betucht: der Kaschmirmantel. Vermutlich ein Leben ohne Hindernisse, bis jetzt. Also ging die Strenge nicht tief. Eine jener Frauen, die einen Anflug von berufsbedingter Knappheit und Entschlossenheit an den Tag legen, aber darunter immer noch die um vieles Jüngere, das Mädchen erkennen lassen.
»Verstehe. Sie wissen also, wer die Frau ist?«
Sie hatte ihren Mantel aufgeknöpft, aber nicht ausgezogen, und ihre Umhängetasche, eine schlichte schwarze Tasche aus weichem Leder, von der Schulter genommen und zu Boden gleiten lassen. Unter ihrem geöffneten Mantel ein schwarzer Rock aus einem samtartigen Stoff, ein sandfarbenes Oberteil über einer weißen Bluse. Der Sonnenstreifen zwischen uns erfaßte ihre Knie und ließ sie beinahe goldfarben glänzen. Sie sahen nicht aus wie Frauenknie sonst, die in alle möglichen Richtungen und alles mögliche bedeutend unter einem Rock hervorsehen. Es waren einfach Knie, auf welche die Sonne scheint.
Vielleicht lag es an ihren Knien.
»Ja. Sie heißt Kristina Lazic.«
»Das klingt nicht englisch.«
»Sie kommt aus Kroatien.«
»Könnten Sie den Namen bitte buchstabieren?«
Ich zog meinen Notizblock zu mir heran. Es gibt einen Punkt, wo man gut daran tut, geschäftsmäßig zu werden.
»Und wissen Sie, wo sich Ihr Mann und Miss Lazic – ist es Miss? – treffen?«
»Es ist Miss. Ja, ich kann Ihnen die Adresse geben. Es ist eine Wohnung in Fulham. Eine Wohnung im ersten Stock. Wir haben sie für sie gemietet – das heißt, mein Mann hat sie für sie gemietet.«
»Verstehe.«
»Davor – das heißt, bevor sie in die Wohnung zog – wohnte sie bei uns.«
»Verstehe.«
Ich spürte, wie sie der Bewegung meines Füllers über das Papier mit dem Blick folgte, so als ginge es zu langsam. Rita hatte mir den Füller gekauft (als sie meinen Geburtstag herausgefunden hatte). »Der sieht nobel aus, George, der hat Stil. Ein Füllfederhalter, nicht diese Scheißkulis.«
Ein Füllfederhalter. Schildpatt. Rita hatte das Wort benutzt.
»Verstehe. Und Sie möchten, daß ich Ihren Mann... Ihren Mann und Miss Lazic observiere? Sie möchten, daß ich Beweismaterial beibringe?«
»Nein.«
»Nein?«
»Nein. Es ist zu Ende, verstehen Sie? Es ist zu Ende. Kristina kehrt nach Kroatien zurück – wahrscheinlich in drei, vier Wochen. Verfolgen Sie die Nachrichten? Es ist abgemacht. Sie wird fliegen. Was ich möchte, ist, daß Sie den beiden zum Flughafen folgen. Sie beobachten. Das ist alles.«
»Habe ich Sie richtig verstanden – mit ›zu Ende‹ meinen Sie, daß es zwischen Miss Lazic und Ihrem Mann zu Ende ist?«
»Ja.«
»Aber Sie haben gesagt, ›den beiden‹... ›den beiden folgen‹. Soll das heißen, daß Ihr Mann Miss Lazic zum Flughafen bringen wird?«
»Ja. Zum Abschied. Es ist... ein letztes Zugeständnis. Es sind seine letzten drei Wochen.«
»Aber... wenn die Sache zu Ende ist, wenn sie abreist, warum möchten Sie dann, daß ich den beiden folge?«
Die erste echte Pause. Das erste leichte Zittern der Lippen. Sie sah aus wie jemand, der etwas eingesteht.
»Um zu sehen, ob sie wirklich abreist. Um zu sehen, ob sie wirklich zum Flughafen fahren. Und wenn ja, 
um zu sehen, ob sie wirklich das Flugzeug besteigt – ich meine, allein. Ob die beiden nicht einfach zusammen wegfliegen, irgendwohin. Mit irgendeinem Flugzeug, egal, wohin. Wollen Sie das für mich tun? Wollen Sie den beiden folgen und sie beobachten und mir sagen, was geschieht?«
Als bäte sie plötzlich einen Freund.
»Selbstverständlich.«
Und ich dachte: Einen leichteren Job kann’s gar nicht geben. Geschenktes Geld. Ich hätte ihn ohne weiteres Rita übertragen können.
Aber ich sah den Glanz in ihren Augen. Sah das Eis schmelzen. Manchmal werden sie sentimental, manchmal explodieren sie. Manchmal ist da nur eine Feuchtigkeit in den Augen. Sie kann zu anderem führen, aber wenn das nicht der Fall ist, muß man so tun, als wäre sie nicht vorhanden.
Während der ganzen Zeit hielt sie den Riemen ihrer Umhängetasche fest, hatte ihn um die Hand geschlungen wie eine Hundeleine.
»Natürlich kann ich das, Mrs. Nash, kein Problem. Aber ich brauche Einzelheiten. Natürlich Datum und Uhrzeit, Einzelheiten hinsichtlich des Fluges... des beabsichtigten Fluges. Sprechen wir von Heathrow? Die Adresse, die Sie erwähnt haben – werden sie von dort abfahren? Mit dem Wagen Ihres Mannes? Werden sie mit seinem Auto fahren? Was fährt er für eins?«
Die Tränen liefen nicht herab, sie versiegten auch nicht.
»Und ich brauche Fotos, von beiden, wenn das möglich ist. Wegen des Erkennens, Sie verstehen. Darf ich fragen, was Ihr Mann beruflich macht?«

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