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aus: Das helle Licht des Tages
Vor etwas über zwei Jahren. Noch
Oktober, aber ein Tag wie heute, blau und klar und frisch. Rita machte meine
Tür auf und sagte: »Mrs. Nash.«
Ich stand bereits und knöpfte mein Jackett zu. Den meisten von ihnen fehlt der
Vergleich – es ist für sie das erstemal. Es dürfte so sein wie ein Besuch
beim Arzt. Sie hatten etwas Schäbigeres erwartet, etwas Suspekteres,
Beschämenderes. Die gepflegte Atmosphäre (Ritas Werk) überrascht und beruhigt
sie. Und die Vase mit Blumen.
Weiße Chrysanthemen, wie ich mich erinnere.
»Bitte nehmen Sie Platz, Mrs. Nash.«
Ich könnte irgendein Rechtsanwalt in der Innenstadt sein. Füllfederhalter in
der Hand. Arzt, Rechtsanwalt – Eheberater. Man muß von allen dreien ein
bißchen sein.
Der übliche Blick, der besagt, daß sie all ihren Mut zusammengenommen hat, ihr
Zögern unterdrückt hat, daß sie war, wo sie lieber nicht gewesen wäre.
»Mein Mann trifft sich mit einer anderen Frau.«
Es gibt nicht so viele Möglichkeiten, das zu sagen – aber man muß so
aussehen, als hätte man es noch nicht auf alle nur erdenkliche Weise sagen
hören. Jeder ist einzigartig: Nur er allein kommt mit dieser seltenen Krankheit
zum Arzt.
»Verstehe. Tut mir leid. Darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten? Oder Tee?«
Ein Arzt – ein Spezialist. Man ist bereits dabei, die Symptome abzuschätzen.
Jeden Augenblick kann es jetzt zu Tränen kommen, zu Flüchen, zu Wut- oder
Verzweiflungsausbrüchen. Zu all dem gehört ein Text, bis zur Perfektion
geprobt. Und irgendwann wird dann alles über Bord geworfen.
Etwas, womit ich nicht gerechnet hatte: daß dies der schwierigste, der
fesselndste – der dankbarste Teil meines Berufes sein würde. Dinge, die einem
bei der Polizei nicht beigebracht worden sind.
Sie wollte weder Kaffee noch Tee. Aber Rita, das wußte ich, wartete draußen
wie eine Krankenschwester in der Notaufnahme, die Ohren gespitzt, den
Wasserkessel gefüllt, bereit, im Nu mit dem Tablett hereingestürzt zu kommen.
Und als ein spezieller Notnagel die Flasche Whisky in dem Schränkchen in der
Ecke. Einzig und allein für die Klienten und niemanden sonst. Obwohl
erstaunlich ist, wie oft sie sagen: »Wollen Sie mir nicht Gesellschaft
leisten?«
»Wissen Sie es, oder glauben Sie es?«
»Ich weiß es.«
Ohne einen Augenblick zu zögern. Sie hatte Augen, die – bei einer leichten
Frostigkeit – von Schwarz zu Braun zu wechseln, zu changieren schienen.
Schildpatt. Ihr Haar war genauso. Schwarz, dachte man zunächst, aber wenn die
Sonne vom Fenster darauf fiel, sah man, daß es tiefbraun war.
Noch etwas, womit ich nicht gerechnet hatte – obwohl es auf der Hand liegt,
man braucht nur nachzudenken. Größtenteils Frauen. Oder sagen wir sechzig
Prozent.
Ich habe zu Helen, meiner Tochter, gesagt: »Es sind größtenteils Frauen,
Helen.«
Und sie: »Stört dich das etwa?«
Einige von ihnen kommen nicht einfach nur und haben ihren Text geprobt, sondern
sie kommen wie zu einem richtigen Vorsprechen, so als hätten sie die letzten
zwei Stunden vor dem Spiegel zugebracht. (Rita zum Beispiel.) Todschick
angezogen. In einer Wolke von Parfüm. Sie wollen nicht, daß man denkt, es sei
aus dem Grund, weil sie sich hätten gehenlassen. Sie haben den Entschluß
gefaßt, aber sie haben auch ihren Stolz.
Arzt, Rechtsanwalt, Besetzungsleiter...
Aber sie gehörte nicht zu denjenigen, die auf Star machen – auch wenn sie
nicht gerade billig angezogen war. Der schwarze Mantel – reiner Kaschmir. Sie
hatte sich zurechtgemacht, aber, nahm ich an, auf die eilige, automatische Art
und Weise von Frauen, die keine zentimeterdicke Kriegsbemalung nötig haben –
auch wenn sie möglicherweise in den Krieg zog.
Man denkt natürlich an den Ehemann. Man denkt: Was mag hier los sein? Man
versetzt sich in die Lage des Ehemanns (und genau damit rechnen sie).
Anfang Vierzig – zweiundvierzig, dreiundvierzig – und gut beieinander. Ihre
Augen mit diesem Anflug
von Frost. Kluge, wache Augen, denen der Frost etwas Strenges gibt. Aber man
kann sich vorstellen, daß sie schmelzen.
Lehrerin, wie sich herausstellte. Dozentin. Daran gewöhnt, den Laden zu
schmeißen.
Bei Lehrern ist mir früher (selbst noch bei der Polizei auf
Fortbildungsveranstaltungen) immer ganz schummerig geworden.
Klug. Und betucht: der Kaschmirmantel. Vermutlich ein Leben ohne Hindernisse,
bis jetzt. Also ging die Strenge nicht tief. Eine jener Frauen, die einen Anflug
von berufsbedingter Knappheit und Entschlossenheit an den Tag legen, aber
darunter immer noch die um vieles Jüngere, das Mädchen erkennen lassen.
»Verstehe. Sie wissen also, wer die Frau ist?«
Sie hatte ihren Mantel aufgeknöpft, aber nicht ausgezogen, und ihre
Umhängetasche, eine schlichte schwarze Tasche aus weichem Leder, von der
Schulter genommen und zu Boden gleiten lassen. Unter ihrem geöffneten Mantel
ein schwarzer Rock aus einem samtartigen Stoff, ein sandfarbenes Oberteil über
einer weißen Bluse. Der Sonnenstreifen zwischen uns erfaßte ihre Knie und
ließ sie beinahe goldfarben glänzen. Sie sahen nicht aus wie Frauenknie sonst,
die in alle möglichen Richtungen und alles mögliche bedeutend unter einem Rock
hervorsehen. Es waren einfach Knie, auf welche die Sonne scheint.
Vielleicht lag es an ihren Knien.
»Ja. Sie heißt Kristina Lazic.«
»Das klingt nicht englisch.«
»Sie kommt aus Kroatien.«
»Könnten Sie den Namen bitte buchstabieren?«
Ich zog meinen Notizblock zu mir heran. Es gibt einen Punkt, wo man gut daran
tut, geschäftsmäßig zu werden.
»Und wissen Sie, wo sich Ihr Mann und Miss Lazic – ist es Miss? –
treffen?«
»Es ist Miss. Ja, ich kann Ihnen die Adresse geben. Es ist eine Wohnung in
Fulham. Eine Wohnung im ersten Stock. Wir haben sie für sie gemietet – das
heißt, mein Mann hat sie für sie gemietet.«
»Verstehe.«
»Davor – das heißt, bevor sie in die Wohnung zog – wohnte sie bei uns.«
»Verstehe.«
Ich spürte, wie sie der Bewegung meines Füllers über das Papier mit dem Blick
folgte, so als ginge es zu langsam. Rita hatte mir den Füller gekauft (als sie
meinen Geburtstag herausgefunden hatte). »Der sieht nobel aus, George, der hat
Stil. Ein Füllfederhalter, nicht diese Scheißkulis.«
Ein Füllfederhalter. Schildpatt. Rita hatte das Wort benutzt.
»Verstehe. Und Sie möchten, daß ich Ihren Mann... Ihren Mann und Miss Lazic
observiere? Sie möchten, daß ich Beweismaterial beibringe?«
»Nein.«
»Nein?«
»Nein. Es ist zu Ende, verstehen Sie? Es ist zu Ende. Kristina kehrt nach
Kroatien zurück – wahrscheinlich in drei, vier Wochen. Verfolgen Sie die
Nachrichten? Es ist abgemacht. Sie wird fliegen. Was ich möchte, ist, daß Sie
den beiden zum Flughafen folgen. Sie beobachten. Das ist alles.«
»Habe ich Sie richtig verstanden – mit ›zu Ende‹ meinen Sie, daß es
zwischen Miss Lazic und Ihrem Mann zu Ende ist?«
»Ja.«
»Aber Sie haben gesagt, ›den beiden‹... ›den beiden folgen‹. Soll das
heißen, daß Ihr Mann Miss Lazic zum Flughafen bringen wird?«
»Ja. Zum Abschied. Es ist... ein letztes Zugeständnis. Es sind seine letzten
drei Wochen.«
»Aber... wenn die Sache zu Ende ist, wenn sie abreist, warum möchten Sie dann,
daß ich den beiden folge?«
Die erste echte Pause. Das erste leichte Zittern der Lippen. Sie sah aus wie
jemand, der etwas eingesteht.
»Um zu sehen, ob sie wirklich abreist. Um zu sehen, ob sie wirklich zum
Flughafen fahren. Und wenn ja,
um zu sehen, ob sie wirklich das Flugzeug besteigt – ich meine, allein. Ob die
beiden nicht einfach zusammen wegfliegen, irgendwohin. Mit irgendeinem Flugzeug,
egal, wohin. Wollen Sie das für mich tun? Wollen Sie den beiden folgen und sie
beobachten und mir sagen, was geschieht?«
Als bäte sie plötzlich einen Freund.
»Selbstverständlich.«
Und ich dachte: Einen leichteren Job kann’s gar nicht geben. Geschenktes Geld.
Ich hätte ihn ohne weiteres Rita übertragen können.
Aber ich sah den Glanz in ihren Augen. Sah das Eis schmelzen. Manchmal werden
sie sentimental, manchmal explodieren sie. Manchmal ist da nur eine Feuchtigkeit
in den Augen. Sie kann zu anderem führen, aber wenn das nicht der Fall ist,
muß man so tun, als wäre sie nicht vorhanden.
Während der ganzen Zeit hielt sie den Riemen ihrer Umhängetasche fest, hatte
ihn um die Hand geschlungen wie eine Hundeleine.
»Natürlich kann ich das, Mrs. Nash, kein Problem. Aber ich brauche
Einzelheiten. Natürlich Datum und Uhrzeit, Einzelheiten hinsichtlich des
Fluges... des beabsichtigten Fluges. Sprechen wir von Heathrow? Die Adresse, die
Sie erwähnt haben – werden sie von dort abfahren? Mit dem Wagen Ihres Mannes?
Werden sie mit seinem Auto fahren? Was fährt er für eins?«
Die Tränen liefen nicht herab, sie versiegten auch nicht.
»Und ich brauche Fotos, von beiden, wenn das möglich ist. Wegen des Erkennens,
Sie verstehen. Darf ich fragen, was Ihr Mann beruflich macht?«
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