Hex in the City con Shanna Swendson, 2006, S. Fischer

Shanna Swendson

Hex in the City
(Leseprobe aus: Hex and the City, Roman, 2006, S. Fischer - Übertragung Birgit Schmitz)

Auf einem Stein hinter dem Gebüsch
kauerte ein nackter Mann. Glücklicherweise
konnte ich wegen seiner Haltung nicht mehr von ihm sehen,
als für so eine kurze Bekanntschaft angemessen war. Er schaute zu
mir hoch und sagte: »Quak.«
»Äh, wichtige Mitteilung: Sie sind gar kein Frosch«, wandte ich
mich an ihn.
Die anderen kamen angeeilt. Ari und Trix waren zuerst bei mir,
da sie den direkten Weg durch die Luft nehmen konnten. Ein lautes
Poltern in meinem Rücken verriet mir, dass Isabel ebenfalls im
Anmarsch war und dabei alles platt walzte. »Was ist los, Katie?«
Ich zeigte auf den nackten Mann. Mir fehlten die Worte.
»Da ist ein Frosch«, sagte Ari.
Isabel gesellte sich heftig keuchend zu uns. »Alles in Ordnung?
Was ist passiert?«
»Katie hat einen Frosch gefunden«, erklärte Trix.
»Nein, hab ich nicht. Ich habe einen nackten Mann gefunden,
der sich für einen Frosch zu halten scheint. Der andere Typ eben
sah aus wie ein Frosch, bevor Ari ihn geküsst hat. Hier liegt der
Fall anders.«
»Quak!«, kam es begeistert von dem Nackten.
Ich wusste ja, dass es in den Straßen und Parks von New York
jede Menge geistig Verwirrte gab, und es war durchaus möglich,
dass auch mal einer darunter war, der glaubte, er wäre ein Frosch.
Da meine Begleiterinnen diesen Mann dort jedoch tatsächlich für
einen Frosch hielten, dämmerte mir, dass hier irgendetwas nicht
stimmen konnte. Der Mann war wohl eher das Opfer eines Illusionszaubers
als ein exhibitionistischer, verrückter Obdachloser
oder ein echter verzauberter Prinz.
»Dann ist es wahrscheinlich irgendein dummer Scherz oder ein
Studentenstreich«, sagte Ari. »Wenn du da unten einen Menschen
sitzen siehst, dann muss jemand die entsprechende Illusion erzeugt
haben, damit er selbst und alle anderen denken, er wäre ein
Frosch. Du siehst den Frosch nicht, weil du immun gegen Zauberei
bist.«
»Und was machen wir jetzt?«, fragte ich. »Wir können ihn
doch nicht einfach hier sitzen lassen. Dann holt er sich den Tod.
Nachts ist es kalt, und er ist nackt und hält sich in der Nähe von
Wasser auf.«
»Quak?«, kam es fl ehentlich von unten.
Ich schnippte mit den Fingern vor seinem Gesicht herum. »Sie
– sind – kein – Frosch«, sagte ich laut und deutlich.
»Du wirst ihn küssen müssen, um ihn zu erlösen«, sagte Isabel.
»Ihn küssen?«
Ari verdrehte die Augen. »Wie willst du ihn denn sonst erlösen?
So funktioniert das nun mal mit den Fröschen.«
»Aber warum ich? Warum muss ich diejenige sein, die ihn
küsst?«
Trix zählte mir die Gründe an den Fingern auf: »Erstens: Du
hast ihn gefunden. Zweitens: Du würdest wenigstens einen Menschen
küssen. Wenn eine von uns ihn küssen würde, hätte sie einen
Frosch vor Augen. Und einen Menschen zu küssen ist immer noch
besser, als einen Frosch zu küssen.«
Der nackte Froschmann sagte: »Quak, quak, quak!« und hüpfte
fast vor Begeisterung.
»Beruhigen Sie sich, ja?«, sagte ich zu ihm. Ich hatte nicht
grundsätzlich etwas dagegen, nackte Männer zu küssen, aber es
kam schon extrem auf die Umstände an. Zunächst mal war es mir
weitaus lieber, wenn ich den Typen kannte und eine Beziehung zu
ihm aufgebaut hatte. Und ich fand es auch nicht zu viel verlangt,
dass ich ihn nett fi nden oder gar in ihn verliebt sein wollte (auch
wenn mir klar war, dass einem das Zusammensein mit einem
nackten Mann das Hirn vernebeln konnte). Man mochte mich
prüde nennen, aber ich zog es außerdem vor, zum Küssen irgendwo
drinnen oder zumindest ein bisschen ungestört zu sein.
Kurz: Einen nackten Mann zu küssen, der nicht mehr als »quak«
zu mir gesagt hatte, während ich umgeben von Freundinnen im
Central Park stand, gehörte nicht unbedingt zu den Dingen, die
mich anturnten.
Aber was ich vorher gesagt hatte, stimmte auch: Wenn wir ihn
hier draußen sitzen ließen, würde er wahrscheinlich sterben. Und
wenn ich ihn küsste, brauchte ich in dieser Nacht vielleicht keinen
echten Frosch mehr zu küssen. »Na, wenn’s denn sein muss«, murmelte
ich und kniete mich neben ihn. Das alles hätte mir weniger
ausgemacht, wenn ich betrunkener gewesen wäre. Vielleicht sollten
wir ja in eine Bar gehen und später nochmal wiederkommen?
Aber da ich nun schon mal hier war, konnte ich es auch gleich hinter
mich bringen. Es brauchte ja kein Zungenkuss zu sein. Glücklicherweise.
Was, wenn er Fliegen gegessen hatte? Igitt!
Ich kniff meine Augen zusammen, beugte mich vor und gab
ihm einen fl üchtigen Kuss, der ihn seitlich am Mund traf. Bevor
ich zurückweichen konnte, hielt er meinen Kopf fest und presste
meine Lippen auf seine, sodass doch noch ein längerer Kuss zustande
kam. Der Gedanke an die Fliegen sorgte allerdings dafür,
dass ich meine Lippen mit äußerster Entschlossenheit zusammengepresst
hielt.
Als er mich schließlich losließ, fuhr ich mir unwillkürlich mit
dem Handrücken über den Mund. Unmittelbar danach nahm er
meine Hand und bedeckte sie mit Küssen. »Oh, danke, danke,
danke«, sagte er, was sprachlich schon eine deutliche Steigerung
war, auch wenn sein Wortschatz noch ein wenig zu wünschen übrig
ließ. »Ich bin Ihnen zu großem Dank verpfl ichtet.«
»Ach, was, keine Ursache«, sagte ich, machte meine Hand los
und wischte sie an meinem Rock ab, während ich zurückwich und
aufstand.
Er schien ebenfalls aufstehen zu wollen, schaute dann jedoch an
sich herab und stellte fest, dass er nackt war. »Oh, äh, ich werde
jetzt aufstehen, aber bevor Sie vorschnelle Urteile fällen, möchte
ich Sie bitten zu berücksichtigen, dass es ganz bitterkalt ist«, sagte
er.

Isabel zog ihre Strickjacke aus und warf sie ihm zu. Er band
sie um seine Taille und zupfte sie sorgsam zurecht, bevor er sich
erhob. Sie reichte ihm bis zu den Knien. Als er aus dem Gebüsch
an eine besser beleuchtete Stelle trat, erkannte ich, dass er gar
nicht schlecht aussah. Er war ungefähr so alt wie ich – für einen
Studentenstreich eigentlich ein bisschen zu alt – und hatte eine
gute Figur. Seine Haare waren blond und zottelig, und auf einem
seiner wohlgeformten Bizepse prangte ein Tattoo. Er sah nicht aus
wie der typische New Yorker, sondern eher wie ein kalifornischer
Surfer. Ari pfi ff leise durch die Zähne und stieß Isabel in die Rippen:
»Warum hast du ihm bloß die Jacke gegeben?«, zischte sie.
»Jetzt, wo Sie von dem Zauber befreit sind, sollten Sie nach Hause
gehen und sich aufwärmen«, sagte ich schroff. Ich wollte vermeiden,
dass er sich einbildete, ich hätte ihn nicht nur geküsst, um
ihn zu erlösen. Wäre ich ihm unter anderen Umständen begegnet,
hätte ich gegen einen kleinen Flirt bestimmt nichts einzuwenden
gehabt. Aber dass er sich bei unserer ersten Begegnung für einen
Frosch gehalten hatte, war mir dann doch zu durchgeknallt. Jetzt,
wo ich wusste, dass für mich niemals ein Mann in Frage kam, der
mal ein Frosch gewesen war, selbst dann nicht, wenn er in Wirklichkeit
ein Prinz war, schwor ich mir, nie wieder zu sagen, man
müsste viele Frösche küssen, um den richtigen Mann zu finden.

»Gibt es ein Problem, meine Damen?«, fragte plötzlich eine
Stimme. Ich fuhr erschrocken herum. Man hatte uns zwar nicht
auf frischer Tat beim Frösche-Belästigen ertappt, aber nachts mit
einem halbnackten Mann im Park herumzustehen, machte bestimmt
auch keinen so ganz unschuldigen Eindruck. Der Sprecher
entpuppte sich als Parkwächter – ein Parkwächter mit Flügeln auf
dem Rücken und leicht spitz zulaufenden Ohren. Das musste ein
Spirit sein.
»Dieser Gentleman ist gerade von einem bösen Zauber erlöst
worden«, sagte Trix. Sie und der Spirit sahen sich auf eine Weise an,
die mir sehr bekannt vorkam. Es war ein intensiver, unverwandter
Blick, der verriet, dass die beiden spontan aufeinander abfuhren.
Nicht dass ich so etwas schon einmal persönlich erlebt hätte, aber
ich war dabei gewesen, als es Freundinnen passiert war.
»Wir bringen ihn besser ins Warme und kümmern uns um ihn«,
sagte der Spirit-Ranger.
»Ich komme mit«, sagte Trix schnell und winkte uns kurz zu,
während sie den nackten Froschmann am Arm nahm und mit dem
Wächter davonging.
»Das macht sie nur, um sich zu trösten. Das hält niemals«, urteilte
Ari, als sie in der Dunkelheit verschwanden.
»Und du lässt ihn einfach so ziehen?«, fragte Isabel mich.
»Äh, ja, sieht so aus«, gab ich zurück.
»Aber warum denn? Du hast tatsächlich einen Prinzen gefunden.
Wie sich herausstellt, hast du also Recht gehabt mit diesem
Satz über die ganzen Frösche, die man küssen muss.«
Mich schauderte. »Nein, überhaupt nicht. Diese Art der Begegnung
ist noch schlimmer, als Männer in einer Single-Bar kennen
zu lernen.«
Isabels Miene hellte sich auf. »Wir könnten in eine Single-Bar
gehen.«
»Nein, heute nicht mehr«, sagte ich seufzend. »Tut mir leid,
wenn ich euch den Spaß verderbe, aber ich würde jetzt lieber nach
Hause gehen.«
»Amüsierst du dich denn nicht mit uns?«, fragte Isabel besorgt.
»Doch, sehr, wirklich. Aber ich hatte eine anstrengende Woche,
und das ist alles ein bisschen viel auf einmal für mich. Ich bin trotzdem
froh, dass ich mitgekommen bin.«
»Wir verschieben es einfach auf das nächste Mal.«
»Nächstes Mal können wir die Frosch-Nummer auch überspringen.«

Isabel und Ari lachten. »Es war deine Idee«, sagte Isabel. Ich
versuchte nicht einmal mehr klarzustellen, dass ich keineswegs
damit gerechnet hatte, beim Wort genommen zu werden, als ich
das Thema aufbrachte. Ich winkte ihnen halbherzig noch einmal zu
und lief dann eilig zur Fifth Avenue hoch, um zu sehen, ob ich meinen
Bus noch bekam. Eine von Marcias Sicherheitsregeln für die
Großstadt besagte, dass Busfahren besser war als U-Bahn fahren,
wenn man abends allein unterwegs war. Denn im Bus konnte man
sich in die Nähe des Fahrers setzen und wurde nicht so leicht von
Verrückten belästigt. Ich schaute auf die Uhr und staunte, wie früh
es noch war. Ich fühlte mich, als schleppte ich mich nach einer
durchzechten Nacht in den frühen Morgenstunden nach Hause,
dabei war ich bestimmt früher zu Hause als die anderen.
Binnen kurzem kam ein Bus, und ich stieg ein. Zum ersten
Mal in meinem Leben kam ich mir vor wie eine Irre unter lauter
Normalen statt anders herum. Egal was die anderen Fahrgäste an
diesem Abend gemacht hatten, durchgeknallter als das, was ich
gerade getan hatte, konnte es unmöglich sein.
Innerhalb einer knappen Woche hatte ich mich von der wahrscheinlich
langweiligsten Bewohnerin Manhattans in eine typische
New Yorker Verrückte gewandelt. Aber ich war nicht sicher, ob
das eine Verbesserung darstellte.

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