Gesänge vom Meer des Todes von Abraham Sutzkever, 2009, AmmannAbraham Sutzkever

Ein Wagen Schuhe
(Leseprobe aus:
Gesänge vom Meer des Todes, Gedichte, 2009, Ammann - Übertragung Hubert Witt).

Die Räder jagen, jagen,
was tragen sie mir zu?
Sie bringen einen Wagen
voll zuckender Schuh.

Der Wagen – ein Traubaldachin
im abendlichen Glanz;
die Schuh – ein wirbelnder Haufen
wie Menschen in einem Tanz.

Eine Hochzeit, eine Feier?
Narrt mich mein Verstand?
Die Schuhe, so nah vertraute,
hab ich doch wiedererkannt.

Es klappern all die Sohlen:
Wohin, wohin, wohin?
Aus alten Wilner Gassen
treibt man uns nach Berlin.

Wessen? Ich kann nicht fragen.
Es zerreißt mir das Herz, ihr Schuh,
ich bitt euch, sagt mir die Wahrheit:
Wo sind die Füße dazu?

Die Füße aus den Pantoffeln
mit Knöpfen wie Tropfen Tau –
und da, wo ist das Körperchen,
und dort, wo ist die Frau?

In all den Kinderschuhen
seh ich kein einziges Kind.
Die Schuh der Braut, und ich weiß nicht,
wo die Beine sind.

In all dem Schuhgewimmel
erkenn ich Mutters Schuh!
Die guten, die sie doch immer
nur am Schabbes trug.

Es trappeln all die Sohlen:
Wohin, wohin, wohin?
Aus alten Wilner Gassen
treibt man sie nach Berlin.

(Wilner Getto, 1. Januar 1943)

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