Die Mähr von einer Nachtigall
Der Glöckner ist die Fledermaus;
Die sitzt im dunklen Glockenhaus
Und läutet traurig bim, bam, bem,
Damit ein Jeder es vernehm':
"Man fand im sanften Abendroth
Das liebste, beste Vöglein todt,
Die liebe, süße Nachtigall
Mit ihrem Frühlingszauberschall
In dunklen, grünen Zweigen!"
Die Leichenbitter Huhn und Hahn
Durchziehen mit der Trauerfahn'
Das Land, und haben's kundgemacht:
"Die Theure wird in's Grab gebracht!"
Da klagten alle Vöglein sehr:
"Wie traurig! Ach, nun singt nicht mehr
Die liebe, süße Nachtigall
Mit ihrem Frühlingszauberschall
In dunklen, grünen Zweigen!"
Die Dohle, welche Küster war,
Stellt drauf zurecht die Todtenbahr'
Im schönen, duft'gen Blumenhain,
Bei Sternenglanz und Mondenschein,
Wo sonst wohl Tag und Nächte lang
In Aller Freude herrlich sang
Die liebe,süße Nachtigall
Mit ihrem Frühlingszauberschall
In dunklen, grünen Zweigen!
Die Schwalbe mit dem Schnäblein fein
Macht schnell ein Todtenhemdlein;
"Mit ihm wirst, Theure, du geschmückt,
Die Ohr und Herz uns oft entzückt,
Die alle Tage früh und spat
So köstlich stets gesungen hat,
Du liebe, süße Nachtigall
Mit deinem Frühlingszauberschall
In dunklen, grünen Zweigen!"
Das Täubchen mit dem weißen Kleid
Weint bitterlich vor Herzeleid.
Sie bricht sich Blüthen, bindet draus
Als Jungfrau einen duft'gen Strauß.
"Ich brech' die Blümchen alle ab,
Zu schmücken bald das frühe Grab
Der lieben, süßen Nachtigall
Mit ihrem Frühlingszauberschall
In dunklen, grünen Zweigen!
Die Lerche mußte Bote sein;
Im frühen, gold'nen Sonnenschein
Steigt Sie empor zu Himmelshöh'n,
Den Segen droben zu ersteh'n.
"Habt, gute Englein, Mitleid doch!
O lebte meine Schwester noch,
Die liebe, süße Nachtigall
Mit ihrem Frühlingszauberschall
In dunklen, grünen Zweigen!"
Das Meislein fliegt bald auch herzu,
Hin ist der Armen Herzensruh.
"Ich thue gern die letzte Pflicht
Und zünde an das Herzenlicht,
Damit erhellt der dunkle Raum,
Wo sie jetzt träumt den Himmelstraum,
Die liebe, süße Nachtigall
Mit ihrem Frühlingszauberschall
In dunklen, grünen Zweigen!"
Die Eule hat die Todtenwacht,
Sie steht ja hell in dunkler Nacht;
Sie sitzt so ernst, der Trauer Bild,
Wobei ihr manche Thrän' entquillt.
"Ich hab' als Räuber hier gewohnt,
Doch dich hab' immer ich geschont,
Dich, liebe, süße Nachtigall
Mit deinem Frühlingszauberschall
In dunklen, grünen Zweigen!"
Die Ente muß der Kehrer sein;
Sie macht gar schnell die Wege rein,
Damit, wenn man zu Grab' sie trägt,
Die Bahn dahin auch rein gefegt.
"Ich thu' es gern zu Ehren dir,
Du warst der Sänger schönste Zier,
Du liebe, süße Nachtigall
Mit deinem Frühlingszauberschall
In dunklen, grünen Zweigen!"
Im schwarzen Kleid der alte Rab'
Gräbt für die Theure schon das Grab,
Wobei er, schmerzlich krächzend, ruft:
"Ich grabe dir die kühle Gruft!
Und decke morgen ich dich zu,
Dann schlafe sanft in ew'ger Ruh',
Du liebe, süße Nachtigall
Mit deinem Frühlingszauberschall
In dunklen, grünen Zweigen!"
Die Gänse gehen Schritt vor Schritt
In einer Reh' zur Leiche mit,
Sie stellen selbst ihr Schnattern sein
Und weinen Thränen hell und rein.
"Wir bringen dich zur Ruhestatt,
Dich, die zu früh geendet hat,
Dich, liebe, süße Nachtigall
Mit deinem Frühlingszauberschall
In dunklen, grünen Zweigen!"
Das Kreuz das hat der Specht gemacht
Und hat es traurig hingebracht
Zum Friedhof, wo das Grab bereit;
Er setzt's mit bittrem Herzeleid. -
"Das Kreuz macht mir so großen Schmerz,
Weil es für dich, du golden Herz,
Für dich, du liebste Nachtigall
Mit deinem Frühlingszauberschall
In dunklen, grünen Zweigen!"
Rotkehlchen fehlet gleichfalls nicht,
Bringt Rosen und Vergißmeinnicht
Und pflanzt sie sauber auf das Grab,
In das man senkte sie hinab. -
"Und wenn man dich auch hier begräbt,
Dein Bild uns stets im Herzen lebt,
Du liebste, süße Nachtigall
Mit deinem Frühlingszauberschall
In dunklen, grünen Zweigen!"
Der Dompfaff, Pastor, räuspert sich
Und spricht am Grabe feierlich:
"Du warst so gut, du warst so brav,
Drum, liebes Vögeln, ruhig schlaf'!
Du sangst so herrlich, sangst so süß,
Nun singe fort im Paradies,
Du liebe, süße Nachtigall
Mit deinem Frühlingszauberschall
in dunklen, grünen Zweigen!"
Doch wer hat Schuld an Vögleins Tod?
Wer hat geschaffen diese Noth?
Ich nenne laut den Namen nicht,
Ein Knabe warf's - ein Bösewicht!!
"Kind, thu' dem Vöglein Nichts zul eid,
Gott schuf sie ja zur Freudigkeit,
Die liebe, süße Nachtigall
Mit ihrem Frühlingszauberschall
In dunklen, grünen Zweigen!"
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