Eine fast perfekte Affäre von Elizabeth Subercaseaux, 2010, Pendo

Elizabeth Subercaseaux

Eine fast perfekte Affäre
(Leseprobe aus: Eine fast perfekte Affäre, Roman, 2010, Pendo - Übertragung Maria Hoffmann-Dartevelle).

Wie ein Roboter hängte er seinen Mantel in den Schrank.

Dann ging er ins Bad und wusch sich die Hände. Als er in

den Spiegel schaute, warf ihm der Silberbelag ein müdes

Gesicht zurück. Müdigkeit sah er und sonst nichts. Er ging

ins Schlafzimmer und legte sich auf das alte Messingbett.

Eine Weile starrte er an die Decke. Er wollte schlafen, den

Journalisten und alles, was geschehen war, vergessen, aber

sein von Bildern überquellender Geist gab ihm keine Ruhe.

Wie oft hatte er mit Amalia in diesem Bett gelegen, ein

Buch gelesen oder der Stille des Nachmittags gelauscht,

oder sie hatten über die Abenteuer ihres Onkels Floro und

dessen Leidenschaft für griechische Mythologie geredet. In

der Brokatdecke hingen noch Spuren ihres Parfums.

So durchlebte er in den folgenden beiden Stunden noch

einmal die morgendlichen Ereignisse, von dem Moment,

als er um sechs Uhr früh aufgestanden war, bis zu jenem im

Gericht, als der Journalist sein Büro betreten hatte.

Es war ein klarer Morgen. Hinter den grünen Hügeln erhob

sich das Felsmassiv der Kordillere wie eine steinerne

Taube, und unten tauchte Santiago auf, gehüllt in ein vom

Regen reingewaschenes Licht, strahlend und in friedlicher

Stille. Um kurz vor acht parkte er in der Calle Luz, lief einige

Meter zurück und kroch durch ein Loch im Zaun, das er

und Amalia zu einer Zeit entdeckt hatten, die er lieber vergessen

wollte. Der Golfplatz war noch feucht vom morgendlichen

Tau. Der Ort wirkte düster, noch immer dunkel,

noch hatte sich die Nacht nicht ganz aus den Zweigen

gelöst. Es roch nach Gras und feuchter Erde. Amalia musste

in der Nähe von Loch achtzehn sein. Sie würde staunen,

wenn er plötzlich vor ihr stand, denn sie hatten sich den

ganzen Monat nicht gesehen. Zwar hatten sie fast täglich

telefoniert, aber Amalia hatte sich geweigert, ihn zu treffen.

» Bitte, Amalia, fünf Minuten «, hatte er sie angefl eht,

» nur fünf Minuten, sagen Sie nicht, Sie haben keine fünf

Minuten Zeit für mich. «

Und sie :

» Es hat keinen Sinn, dass wir uns sehen, Juan Manuel,

nicht jetzt, es würde alles nur noch schlimmer machen. «

Sie hatte mit ihm geredet, als sei sich zu verabschieden

eine bloße Belanglosigkeit, eine fi eberlose Erkältung, ein

Mückenstich am Bein. » Nimm es nicht so schwer. Das

Letzte, was ich will, ist, dir wehzutun, versuch bitte, das zu

ver stehen … so etwas kommt eben vor. «

Natürlich kam so etwas vor ! Es kamen noch ganz andere

Dinge vor. Er hatte diese Stimme gehasst, diese abgedroschenen

Phrasen. » Es geht um uns beide, Amalia ! «,

hatte er sie bei jenem letzten Mal im Restaurant angeschrien.

» Ich bin doch nicht irgendjemand, mit dem Sie

sich irgendwann mal auf einen Kaffee getroffen haben.

Schauen Sie mich an ! «, hatte er befohlen, und sie hatte ihn

verunsichert und ängstlich angesehen. Damals hatte er

eines Nachts geträumt, er würde sie duzen – in den sechs

Jahren, die sie zusammen gewesen waren, hatte er nie Du

zu ihr gesagt. » Ich bitte dich ! Tu mir das nicht an ! « Und sie

war gegangen, ohne ein einziges Wort.

» Ich bitte Sie «, sagte er später am Telefon zu ihr und

spürte, wie die Verzweifl ung sich in seiner Kehle staute.

» Ich muss Sie sehen, in Ihrer Nähe sein, ich kann nicht am

Telefon darüber sprechen, ich hole Sie ab, und wir trinken

einen Kaffee. Nur fünf Minuten, ich bitte Sie ! «

(...)

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