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Eine fast perfekte Affäre
Wie ein Roboter hängte er seinen Mantel in den Schrank.
Dann ging er ins Bad und wusch sich die Hände. Als er in
den Spiegel schaute, warf ihm der Silberbelag ein müdes
Gesicht zurück. Müdigkeit sah er und sonst nichts. Er ging
ins Schlafzimmer und legte sich auf das alte Messingbett.
Eine Weile starrte er an die Decke. Er wollte schlafen, den
Journalisten und alles, was geschehen war, vergessen, aber
sein von Bildern überquellender Geist gab ihm keine Ruhe.
Wie oft hatte er mit Amalia in diesem Bett gelegen, ein
Buch gelesen oder der Stille des Nachmittags gelauscht,
oder sie hatten über die Abenteuer ihres Onkels Floro und
dessen Leidenschaft für griechische Mythologie geredet. In
der Brokatdecke hingen noch Spuren ihres Parfums.
So durchlebte er in den folgenden beiden Stunden noch
einmal die morgendlichen Ereignisse, von dem Moment,
als er um sechs Uhr früh aufgestanden war, bis zu jenem im
Gericht, als der Journalist sein Büro betreten hatte.
Es war ein klarer Morgen. Hinter den grünen Hügeln erhob
sich das Felsmassiv der Kordillere wie eine steinerne
Taube, und unten tauchte Santiago auf, gehüllt in ein vom
Regen reingewaschenes Licht, strahlend und in friedlicher
Stille. Um kurz vor acht parkte er in der Calle Luz, lief einige
Meter zurück und kroch durch ein Loch im Zaun, das er
und Amalia zu einer Zeit entdeckt hatten, die er lieber vergessen
wollte. Der Golfplatz war noch feucht vom morgendlichen
Tau. Der Ort wirkte düster, noch immer dunkel,
noch hatte sich die Nacht nicht ganz aus den Zweigen
gelöst. Es roch nach Gras und feuchter Erde. Amalia musste
in der Nähe von Loch achtzehn sein. Sie würde staunen,
wenn er plötzlich vor ihr stand, denn sie hatten sich den
ganzen Monat nicht gesehen. Zwar hatten sie fast täglich
telefoniert, aber Amalia hatte sich geweigert, ihn zu treffen.
» Bitte, Amalia, fünf Minuten «, hatte er sie angefl eht,
» nur fünf Minuten, sagen Sie nicht, Sie haben keine fünf
Minuten Zeit für mich. «
Und sie :
» Es hat keinen Sinn, dass wir uns sehen, Juan Manuel,
nicht jetzt, es würde alles nur noch schlimmer machen. «
Sie hatte mit ihm geredet, als sei sich zu verabschieden
eine bloße Belanglosigkeit, eine fi eberlose Erkältung, ein
Mückenstich am Bein. » Nimm es nicht so schwer. Das
Letzte, was ich will, ist, dir wehzutun, versuch bitte, das zu
ver stehen … so etwas kommt eben vor. «
Natürlich kam so etwas vor ! Es kamen noch ganz andere
Dinge vor. Er hatte diese Stimme gehasst, diese abgedroschenen
Phrasen. » Es geht um uns beide, Amalia ! «,
hatte er sie bei jenem letzten Mal im Restaurant angeschrien.
» Ich bin doch nicht irgendjemand, mit dem Sie
sich irgendwann mal auf einen Kaffee getroffen haben.
Schauen Sie mich an ! «, hatte er befohlen, und sie hatte ihn
verunsichert und ängstlich angesehen. Damals hatte er
eines Nachts geträumt, er würde sie duzen – in den sechs
Jahren, die sie zusammen gewesen waren, hatte er nie Du
zu ihr gesagt. » Ich bitte dich ! Tu mir das nicht an ! « Und sie
war gegangen, ohne ein einziges Wort.
» Ich bitte Sie «, sagte er später am Telefon zu ihr und
spürte, wie die Verzweifl ung sich in seiner Kehle staute.
» Ich muss Sie sehen, in Ihrer Nähe sein, ich kann nicht am
Telefon darüber sprechen, ich hole Sie ab, und wir trinken
einen Kaffee. Nur fünf Minuten, ich bitte Sie ! «
(...)
Rezension I Buchbestellung I home II10 LYRIKwelt © Pendo Verlag