Reinhold Stumpf

Die Hand im Mund

Der erste Tag, an dem Morris ohne Hungergefühl aufwachte,
begann mit einem Klopfen an der Eingangstür. Der Hausmeister
stand draußen und hielt ein Kuvert an den Spion. Morris öffnete
nicht, sondern wartete, bis der Umschlag durch den Schlitz
geflattert kam. Er hob ihn auf und ließ ihn ungeöffnet in den
Papierkorb fallen, denn er kannte bereits den Inhalt. Während
er zurück in sein Zimmer ging, erschütterten die Flüche des
Alten die Wände ringsum. Morris registrierte nur Schallwellen.
Die Entsorgung der dritten oder vierten Mahnung der letzten
drei oder vier Monatsmieten kostete ihn soviel Energie, wie er
für einen ganzen Tag gerade aufbringen konnte. Mit Mühe
schleppte er sich wieder zu seinem Bett und schlief bald darauf
ein.
Seit Weihnachten hatte er keinen Cent mehr ausgegeben.
Jetzt war Ostern auch schon vorüber. Er zahlte keine
Rechnungen, kaufte keine Kleider, trank nur ein paar Schlucke
Leitungswasser und aß nur, was er selbst produzierte. Er war
kein Landwirt und züchtete auch keine Pflanzen oder Tiere in
seiner Wohnung. Er lebte vollkommen autark. Selbst das Leitungswasser
wollte er weglassen, sobald der Flüssigkeitsgehalt
seiner Nahrung genug Urin hergab.
Am letzten Heiligabend hatte alles angefangen. Er war
bei Bekannten zum Festmahl eingeladen und einziger Gast im
Haus. Therese, seine Studienkollegin, ihr Mann Kurti und das
Kleinkind, dessen Namen er nicht behalten konnte, saßen mit
ihm zusammen um den Gabentisch. Die Christbaumkugeln glitzerten
in den Augen des Kindes, das immerfort plärrte, weil es
ruhig am Tisch sitzen sollte. Therese rief nach vier Gläsern
Sekt bei „Licht ins Dunkel“ an, um einem hübschen Gardesoldaten
Fröhliche Weihnachten zu wünschen. Sie wollte auch
fünf Euro spenden, aber nur, wenn sie namentlich im Fernsehen
genannt wurde. Auf CNN zeigten sie verhungernde Kinder,
darunter eine Laufleiste mit den aktuellen Börsekursen. Der
Kater der Familie schoss schließlich den Jackpot ab. Die Bestie
verfing sich im Christbaumschmuck und verschmähte die Speisereste,
von denen die Familie noch zwei Tage hätte anständig
essen können. Therese schüttete alles ins Klo und riss dem
Vieh ein Päckchen für Katzen-Gourmets auf. Morris verabschiedete
sich daraufhin, ging nach Hause und verließ seine
Wohnung seither nicht.
Er wollte fortan allen Abhängigkeiten entsagen und übte
sich in winterlicher Kontemplation. Er betrachtete den fa llenden
Schnee und reiste auf den Flocken durch seine fiebergeschüttelten
Träume.
Nachdem er fünf Tage nichts gegessen hatte, begann er
zögernd seine Fingernägel abzunagen. Er ließ sich beim Kauen
viel Zeit, sodass er das Horn zermalmen und mit der Spucke zu
einem Brei vermengen konnte. So hielt er einen weiteren Tag
durch.
Ich brauche nichts von dieser Welt, meditierte er, und die
monotone Wiederholung der Worte versetzte ihn in einen Trancezustand.
Allein sein Körper sollte ihn ernähren und am Leben
erhalten. Und Leitungswasser. Als er wieder aufwachte, fiel
sein Blick auf die viel zu langen Zehennägel. Er schnitt sie ab
und nahm sie auf gewohnte Weise zu sich. Das Hinauszögern
des Essvorganges bat zudem den Vorteil, möglichst lange mit
der Nahrungsaufnahme beschäftigt zu sein und die Zeit des
Vegetierens verstreichen zu erleben. Allein die beiden großen
Zehen gaben für zwei Tage Nahrung. Auf diese Weise hielt er
eine ganze Woche durch. Die Nägel aber wuchsen nicht so
schnell nach, wie er es erhofft hatte. Er dachte nicht daran,
nach einer Woche aufzugeben, also schmiedete er einen Plan,
der ihm bis zur letzten Konsequenz alle Möglichkeiten bieten
sollte. Morris konnte nur noch scheitern, wenn ihm sein Körper
keine Nahrung mehr bot. Einstweilen wich er auf die Hornhaut
an den Handflächen und Fußsohlen aus. Mit einem Stanle ymesser
schabte er sie ab und genoss die Abwechslung auf
dem Speiseplan. Das war schon fast wie Fleisch.
Während er in einen weiteren Tag versank, kitzelte ihn
etwas in der Nase. Er kam zu sich und bohrte danach. Auf dem
Zeigefinger blieb eingetrockneter Nasenschleim kleben. Morris
versuchte sich daran zu erinnern, als er ein Kind war, und seine
Mutter ihm in einer solchen Situation auf die Finger klopfte.
Seither graute ihm vor dem Pöbel draußen auf den Straßen,
den Rotzfressern und Bauernlümmeln, vor Sitznachbarn in
Straßenbahnen, vor Bürokollegen und Fernsehköchen, vor Apothekern
und Parlamentariern, vor Helden und Göttern. Nachdem
beide Nasenlöcher peinlichst gesäubert waren, legte er
sich zur Seite und erwartete den nächsten Morgen.
Er wachte nicht auf. Sein geschwächter Leib fand keinen
Weg aus der Welt der Träume. Erst als er den Geistern sich
gegenseitig auffressender Gedärme begegnete, schrie er in das
kahle Zimmer und hielt seinen Kopf unter den Wasserhahn. Er
trank und wusch sich, er kühlte sich ab und schüttelte das nasse
Haar. Dann blickte er auf seine Finger und seine Zehen.
Nichts. Keine Nägel und keine Hornhaut. Er suchte in der Nase.
Nichts. Die Vision von den Gedärmen wurde ihm zur Wahnvor4
stellung, die ihn selbst am helllichten Tag heimsuchte. Das
Stanleymesser lag noch da. Morris griff danach und rief sich
den nächsten Schritt seines Vorhabens in Erinnerung. Dann
setzte er das Messer auf dem nackten Oberschenkel an. Er
kniff die Augen zu und biss sich auf die Lippen, während er ein
Stück Haut ablöste.
Das tut doch gar nicht so weh, stellte er fest und vertilgte
den blutenden Lappen. Von dieser Erfahrung ermutigt verbrachte
Morris die folgenden Tage in schmausender Glückseligkeit.
Sein gesamter Organismus schien wieder gestärkt. Er
urinierte sogar und konnte auf die einzig verbliebene Fremdquelle,
die Wasserleitung, verzichten. Morris merkte es kaum,
aber je ungezügelter er dem Kulinarium seiner Körperoberfläche
frönte, schnitt er unwillkürlich tiefer und tiefer, bis er mit der
Haut auch Fasern von Fleisch erwischte. Schmerzen spürte er
längst nicht mehr.
Der Winter nahm langsam Abschied und von draußen
drang der Duft des sprießenden Grüns und die ersten Vogelgesänge
in Morris Wohnung. Morris aber war nicht mehr da. Zumindest
nicht als der Morris, der er einmal gewesen war. Zwischen
Zimmer und Kabinett wandelte eine Gestalt, die nicht
mehr als Mensch durchging, ein Zombie. Von den blankliegenden
Knochen hingen Fleischfetzen, wie ein Schwein wühlte es
im eigenen Dreck und fraß den Unflat, den es selbst hervorgebracht
hatte. Sein Hunger kannte keine Grenzen. Selbst als
sämtliche Verdauungsorgane seiner Fresssucht zum Opfer gefallen
waren, verbrachte es die einsamen Tage mit einem einzigen
Gedanken - der Exekution seiner fixen Idee. Es hatte kein
Herz mehr geschweige denn ein Hirn. Es lag nur doch da, klapperte,
wenn es aufstand und fiel danach wieder zusammen. Der
Hunger verging nicht. Die letzte Konsequenz war noch nicht
erreicht.
Es knabberte an seinen Fingern, wie ganz am Anfang
seiner Pein, doch da waren keine Nägel daran, kein Rotz und
keine Haut, kein Fleisch. Nicht nur die Finger, die Hände und
Arme sahen so aus, auch die Zehen, Füße und Beine, Brust
und Rücken, sogar der Kopf. Morris war nur noch ein Skelett.
Die Geister des Hungertodes hatten sich selbständig gemacht
und lauerten ihm in jedem Winkel seiner bizarren Existenz auf.
Es gab nur noch eine Möglichkeit sie abzuschütteln. Er musste
den letzten Schritt tun, die letzte mögliche Schleife des Programms,
das er am vergangenen Heiligabend angeworfen hatte,
ausführen. Entweder/Oder.
Morris führte schließlich die knöcherne Hand in diese
Öffnung seines Schädels, die einmal sein Mund gewesen war
und biss zu. Doch nicht nur der abgebissene Knochen fiel durch
das Gebiss, zwischen Rippen und Becken durch, auch die
Zähne rasselten zu Boden, wo sie wie die Murmeln aus Morris
Kindheit in den Ritzen und Löchern verschwanden. Seines letzten
Apparates beraubt und somit unfähig sich in das ersehnte
Nichts zu fressen, legte er sich hin.
Die Sonne wärmte von Tag zu Tag stärker, und je länger
Morris nichts mehr essen konnte, umso mehr verging sein
Hunger. Ostern war schon vorüber. Die Flüche des Hausmeisters
hatten sich verflüchtigt. Therese und Kurti und das Kind,
dessen Namen wir nicht kennen, hatten vergeblich auf ihren
Gast gewartet, der nach drei oder vier schriftlichen Einladungen
nicht erschienen war.
Der Hausmeister fand das Skelett schließlich, als er ein
paar Tage später die Tür aufbrechen ließ. Gekrümmt wie ein
Kind im Mutterleib lag es auf dem Bett, friedlich anzusehen, die
Hand im Mund, als wäre der Mensch, der es einmal war, daumenlutschend
eingeschlafen. Die fehlenden Glieder an einigen
Fingern und das zahnlose Gebiss fielen dem Hausmeister gar
nicht auf. Der Polizei gab er die Auskunft, den Mann schon seit
Monaten nicht mehr gesehen zu haben.
"Seltsam." murmelte der Gerichtsmediziner, nachdem er
das Skelett obduziert hatte. "Ich könnte schwören, der Typ ist
noch keine Woche tot."

(2002)

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