Klassenliebe von Karin Struck, 1973, Suhrkamp

Karin Struck

Klassenliebe
(Ausschnitte aus: Klassenliebe, Roman, S. 83-86 + S. 241-245,1973, Edition Suhrkamp/Zitiert mit freundlicher Genehmigung der Karin-Struck-Stiftung e. V.)

18. Juni 72 Kaum aufgewacht, im Kopf: Ficken als Kraut gegen den Tod, Ficken als Revolte gegen den übermächtigen Vater, Zwerenz und Z. Können Z. und ich nicht gemeinsam die Revolte gegen beides machen? Ich will alles: Ficken, Geist, Gefährtin gegen den Tod, Gefährtin in der Gefahr, gegen den aseptischen Tod, gegen den Tod der Familie, gegen den Schrumpfungstod, gegen den Alterstod ... Ein Buch immer noch ein Schrei um Hilfe ... Und man muss antworten ... Und ich meine den Schrei ernst, der Schrei soll nicht buchstabentot sein. Wie man aus dem Buch die "Ingestalt" des Schreibenden spürt. Das ist keine Pornografie. Ich weiß gar nicht, was Pornografie ist. Ich wundere mich, dass ich plötzlich Wörter wie "ficken" so leicht gebrauche. Aber was soll ich tun, um nicht als prüde angesehen zu werden. Das Bedürfnis bleibt, meine eigenen Wörter zu erfinden, schöner, wilder, lieblicher, krasser. "Die Wichtigkeit eines Gegenstandes zeigt sich immer in seiner sprachlichen Differenzierung: Es gibt Wüstenstämme, die an die vierzig Ausdrücke für Braun haben, für die Farbe ihrer Umgebung und die Farbe ihrer Kamele. Die Japaner haben viele Ausdrücke für die verschiedenen Formen des Wasserfalls: Fall in Rautenform, Tuchfall, Fadenfall ..." Ich beneide die Wüstenvölker. Die paar Wörter: vögeln, ficken, schlafen, lieben ... mehr nicht. Ich will nicht zu einer Wohnung gegen den Tod degradiert werden. Z. schreibt in einem Tonbandbrief: Du zitierst Zwerenz ... ich weiß nicht, wenn es ein Vorwurf gegen mich gewesen sein sollte habe ich nicht das Gefühl dass ich dich zu einer Wohnung gegen den Tod degradiere ... und wenn wir Wohnungen gegen den Tod werden können wäre das keine Degradierung denn in dieser Wohnung würdest du mitwohnen ich will dich jedenfalls nicht degradieren... wenn unsere Liebe eine Wohnung gegen den Tod ist eine Wohnung dann ist das gut so dann ist es eine gute Wohnung gegen den Tod und da wohnst du auch drinne solange wir zwei darin wohnen ... mir liegt nichts an dem Ordinären des Wortes ... vögeln ist ein lieblicheres Wort schlafen ist ein prüderes Wort ficken ist mir zu autoritär eigentlich ist es mir zu männlich so transitiv vögeln ist intransitiver da vögeln beide und beim Ficken fickt der Mann die Frau und deshalb ist es nicht gut da ist die Frau ein Opfer ich glaube nicht dass eine Frau sagt ich habe den gefickt ein Mann würde sagen ich habe die Frau gefickt wenn man ficken intransitiv begreifen könnte so ist es auch gemeint es heißt nämlich glaube ich etwas reibt etwas bewegt sich reibend aneinander Ficksein der Name kommt manchmal vor ist ein Hemmschuh der gebraucht wurde um Leitern zu bremsen das Eisen fickt am Rad es reibt am Rad so stark dass es das Rad bremst aber das transitive Wort ficken mag ich eigentlich nicht besonders allerdings ist auch für mich kein Wort so stark dass es mich umwerfen würde all die Sachen sind unschuldig wenn man sie so unschuldig in die Hand nimmt ... in den Mund nimmt wie überhaupt alles was man in den Mund nimmt in den Mund nehmen ist eine unschuldige Beschäftigung das gilt auch vom Küssen die Zunge die Brüste dich mich alles deine Haut man kann sich ablecken so wie eine Mutter ihr Neugeborenes ablecken müsste wenn sie noch unschuldig wäre wie ein Tier die Tiere tuns die lecken ihre Neugeborenen vollkommen ab ... Lieber Z., du sagst, im Schreiben sei ich viel befreiter als im Tun, ja, wozu ist das Schreiben sonst gut, doch zum Üben. Die Haare lose lassen: ohne Angst allein im Wald spazieren gehen. Meine Mutter hat sich im Krieg einmal voll Staub geschmiert, um sich vor der Gier der Soldaten zu verstecken. H. höhnt über meine Angst, im Wald bedroht zu werden. Warum kann eine Frau nicht allein im Wald gehen? Die Haare lose lassen. Grüne Raupen sehen und sich nicht ekeln, wenn sie sich winden und schlängeln. Schreien, und der Schrei steigt höher, höher, höher.
(S. 83-86)

***

27. Juli. "Ein Verlangen habe ich nach dir, dass es mir auf der Brust liegt wie Tränen, die man nicht heraus weinen kann." Wie die anderen mich auslachen, dass ich Schriftliches so ernst nehme, "so tierisch ernst". Auf dem Bild des russischen Malers Victor Michailowitsch Wasnetzow aus dem Jahre Achtzehnhundertundfünfundsiebzig betrachten Bauern staunend und furchtsam die Ware eines Bilderbogenhändlers in seiner Holzbude, das Gedruckte, die Realität aus zweiter Hand ist ihnen völlig fremd. Die Bilder der Glasfenster in den Kirchen seien in erster Linie für die Einfachen, die nicht schriftkundig sind, die Bilder sollen ihnen zeigen, was sie glauben sollen. Wie meine Oma vor dem Fernsehen sitzt, ein Kind, das die Weihnachtsbescherung erwartet, das Gesicht vor Aufregung gerötet, und sie sagt sich immer laut vor, was gerade passiert, die Bilder der Glasfenster in den Kirchen, die Bilder die bunten Bilder der Illustrierten die bunten Bilder der schönen bunten Farbfernseher seien in erster Linie für die Einfachen, die schönen bunten Bilder sollen ihnen zeigen, was sie glauben sollen, die Schrift und die Differenz, die Schrift und die Distanz, und die Leute lachen über mich, dass ich Schriftliches "so tierisch ernst nehme". Auf längere historische Zeiträume denken, und die Ursachen in längeren historischen Zeiträumen suchen. Die Treppe raufwollen und gleich die dreißigste Stufe nehmen wollen, so dass ich mir die Glieder zerreiße und schreie. Helio-Carinthia, ein Platz in den Bergen, abgelegen, nur Bergbäche machen "Lärm", ich liege wach abends in Anspach, Irre rasen die Straße vor meinem Zimmer unaufhörlich mit krachenden Motorrädern herauf und herunter, Autos fahren an und ab, der Lärm ist für meine Ohren in seiner Intensität verzehnfacht, ich möchte mir die Ohren abschneiden, ich möchte mit einer Pistole in die Reifen der Autos und Motorräder schießen, dass sie lautlos ausrollen, am Morgen der fast gleichmäßige, nur leicht anschwellende und sich abschwächende Krach des Baggers auf einem schräg gegenüberliegenden Grundstück, dieser zum Wahnsinn treibende Krach, die Gedanken zerstückelnd, aber den Bagger kann ich nicht erwürgen, dass ich nicht schon längst Ohrenkrebs habe, Z. sagt, was ist der Unterschied zwischen dem Rauschen eines Bergbachs und dem Rauschen des Großstadtverkehrs, ja was ist der Unterschied, wenn ich nur Stille hätte, zum Nachdenken, zum Horchen, zum Erinnern. Hab ich wirklich die Motive, diese "Recherche ... der verlorenen möglichen Möglichkeiten ... Recherche der unsichtbaren Bewusstseinsvorgänge in meiner Familie ... meiner Klasse ..." zu schreiben? Ein Kreisel in meinem Gehirn: "Suche nach Motivierung ..." Sich mit der bürgerlichen Klasse verbinden, um von ihren jahrhundertelangen Exerzitien inspiriert und infiziert und befruchtet zu werden. Das Wort "Veröffentlichung" fast so magisch wie das Wort "Ehebrecherin", im ersten Wort "offen", im zweiten das Hören des Brechens von dickem Eis auf einem See. Kann ich wirklich mit meinen zwei Kindern zu Grotowski nach Polen gehen? Sind das nicht alles "überkandidelte" Pläne? Da sitze ich und lese gerade die ersten dreißig Seiten von Prousts "Recherche. ..", auf deutsch. Zu ungeduldig, um französisch  lesen zu können. Wie lerne ich denn richtig französisch? Ich habs ja gelernt, aber ich habs doch nicht gelernt, wie alles, was ich gelernt hab. Französisch ist auch wie ein Buch der Bürgerlichen, mit mehrhundertjährigen Siegeln. Während der ersten fanatischen Zeit als Kommunistin dachte ich, man könne Gedanken und Wahrnehmungen immer kurz und bündig in einem agitatorischen Satz, in einem Ergebnis liefern, an dem nicht mehr zu zweifeln wäre. Ich wunderte mich und dachte mit Schrecken daran, dass es nötig sein sollte, dicke Bücher und Romane zu schreiben und zu lesen. wie lange soll es dauern und wie schwer sollte es sein, das Wort "Dialektik" zu finden. Ich sitze im herbstlich winddurchwehten Garten, Sarah spielt, still, mit Kieselsteinen unter dem leergegessenen Kirschbaum, ich lese die ersten Seiten von Prousts "Recherche ..." Die Großmutter. "Meine Großmutter aber konnte man bei jedem Wetter, selbst wenn es in Strömen regnete und FranVoise hinausgestürzt war, um die kostbaren Rohrmöbel hereinzuholen, damit sie nicht nass würden, im leeren, vom Platzregen durchfegten Garten sehen, wie sie ihre zerzausten grauen Haare zurückstrich, damit ihre Stirn den heilsamen Kräften von Wind und Regen um so mehr ausgesetzt sei. ‚Endlich kann man einmal aufatmen!' pflegte sie dann zu sagen und eilte durch die aufgeweichten Alleen ...". Meine Oma sitzt vor dem Fernsehen, ein Kind, das die Weihnachtsbescherung erwartet, das Gesicht vor Aufregung gerötet, und sie sagt sich immer laut vor, was gerade passiert. Oma und Opa Strauch sehen einen Film mit Heinz Rühmann an, ich glaube "Der Pater". Opa Strauch schläft wieder mittendrin ein. In einem anderen Film mit Heinz Rühmann kommt der Enkel zu seinem Großvater ans Krankenbett, warum gibt es Krieg, fragt der Enkel, der Großvater sagt, ja das fragt man sich in deinem Alter, und das fragt man sich in meinem Alter, aber dazwischen darf man sich das nicht fragen, eine Zeile in Herbert Friedmanns Gedicht "Volksfest", "wir wissen, aber/wir wollen vergessen,/müssen vergessen,/sollen vergessen, - darum/ist heute Volksfest.", es ist ein alter Film, wie haben meine Eltern ihn gesehen, wie haben sie die Gesten des Großvaters, der sagt, dazwischen fragt man sich nicht warum gibt es Krieg, in sich aufgenommen, unbewusst haben sie die Gesten nachgeahmt. Das Leben eines Kindes fange erst an mit seiner Geburt, wenn jemand eine Krankheit habe, so forsche man nach, ob auch schon seine Eltern und Großeltern diese Krankheit gehabt hätten, und man spreche von "Vererbung", aus Bequemlichkeit spreche man von Vererbung, glaube, dass alles erklärt sei mit dem Wort "Vererbung", und tatsächlich geben sich die Leute mit diesem hingeworfenen Wort zufrieden, wie solle man denn von den Medizinern erwarten, dass die Wörter "Geschichte" und "Dialektik" für sie keine Fremdwörter sind, wenn die Mediziner sogar abstreiten, dass ein Kind schon sexuell empfindet, meine Eltern haben auch schon Diabetes gehabt, aber wie weißt du denn, dass nicht kleine Mengen Arsen über Generationen hinweg eine große Fähigkeit erzeugt haben, nie bricht eine Krankheit los, nie bricht ein Krieg aus, und nie fällt ein Meister vom Himmel.
(S. 241-245)

Rezension I Buchbestellung I home IV07 LYRIKwelt, zitiert mit freundlicher Genehmigung der Karin-Struck-Stiftung e. V. © Suhrkamp Verlag/Karin-Struck-Stiftung e. V.