Kältere Schichten der Luft
(Leseprobe aus: Kältere Schichten der Luft,
Roman, 2007, S. Fischer)
Vom Licht wußten sie alles.
Sie kannten es in jeder Schattierung. Sie hatten gesehen,
wie es den Himmel brüchig und zerrissen erscheinen
ließ oder blauschwarz gewachst. Sie wußten, wie
das Licht unter anschäumenden Wolken aussah, wie es
schräg einfiel am Fjäll, wie es die Felsen, hoch oben den
Wald und am Seeufer das dichte Unterholz traf. Sie wußten,
wie flüchtig, wie trügerisch es war. Erstrahlte der
See eben noch türkis bis zum Grund, lag er im nächsten
Moment schon stumpf und geschlossen da wie Asphalt.
Sie hatten gesehen, wie das Licht bei Regen Kiefern und
Brombeerbüsche matt erscheinen ließ, sie hatten gesehen,
wie es morgens um vier auf vom Steinschlag verwüsteten
Straßen und mittags auf dem kurzgeschnittenen
Rasen schwedischer Vorgärten war. Sie kannten es in
von Hitze fl irrendem Gelb, im grünlichen Schimmer des
Abends, sie konnten sagen, wie es über dem Dach des
Geräteschuppens an verhangenen Tagen aussah.
Sie wußten, wie sich Gesichter verändern, wenn grell
das Licht auf sie fällt. Wer morgens aus den Zelten kam
und zur Waschstelle ging, mußte den Grasplatz überqueren,
den sie aus dem Wald geschlagen hatten. Dort
wurden die Gesichter stabil.
Sie wechselten vom milchigen Grau, der Farbe der
Nacht, in eine herbe, geschliffene Bräune. Das wußten
sie. Sie sahen es jeden Morgen.
Und später, wenn nur noch wenige Wolken am Himmel
waren, bekam diese Bräune eine Schärfe, wie sie
Gesichter nur hier, auf dieser Landspitze hatten. Es war
brutal, wie die Sonne schien.
Keiner von ihnen hat über das Licht gesprochen.
Es gab andere Dinge zu bereden. Sie mußten sich um
die Zeltwände kümmern, die im Sturm gerissen waren,
die jetzt wie abgezogene Häute auf dem Rasen lagen
und ausgebessert werden sollten. Sie hatten für Nachschub
zu sorgen, für die Verpflegung, die jeden Sonnabend
aus Berlin kam, sie telefonierten oft. Sie bestellten
Kartoffeln und Kaffee nach, Grillkohle und Würstchen
und Reis, und niemals vergaßen sie Obst, denn das Obst
war in diesem Sommer in Schweden besonders teuer.
Sie schickten die eintreffenden Jugendgruppen in festgelegter
Reihenfolge auf die Seen, zuerst in den kleinen
Stora Le und dann auf den windgepeitschten Foxen, sie
gaben kopierte Outdoor-Kochbücher an die Teamer aus,
damit die wußten, wie viele Bohnenbüchsen abends in
die Chili-Pfanne kamen. Im Küchenzelt wurden Verpflegungstonnen
für eine Woche gepackt.
Sie erklärten, wie man über offenem Feuer kocht, und
gaben unten am Steg die Boote aus. Es waren schmale
Kanus für zwei Personen aus hellgrauem Leichtmetall.
Der Ghettoblaster lief den ganzen Tag.
Sie lebten wurzellos. Zeitenthoben. Sie waren in eine
unbekannte Gegend gekommen, in ein anderes Land, in
eine fremde Region, in der sie nur das waren, was sie
den Sommer über hier jeden Tag machten; sie waren
Kanu-Scouts, sie bauten Tipis, sammelten Beeren, sie
brieten Lachse und schwammen im See. Für sie war es,
als schlösse sich das jetzige Leben ihrem früheren nicht
mehr an, ein paar Blessuren und abstrakte Betrachtungen
ausgenommen. Retrokacke, wie jemand am Lagerfeuer
sagte.
Es gab wenig Abwechslung. Jedes Gerücht bauschten
sie auf. Und wenn die Gerüchte zu versiegen schienen,
dachten sie sich neue aus, oder sie reicherten die alten mit
neuen Fakten an, und es war unmöglich herauszufinden,
was an diesem Gerede stimmte. Sie hatten sich daran gewöhnt.
Niemand störte es, wenn Svenja, die Campchefin,
über Ralf lästerte. Als er sich einen Jagdschein ausstellen
ließ, sagte sie, sie sei sicher, er hätte in seinem Leben
auch schon Menschen vor der Knarre gehabt. Man fragte
sich allerdings hinter vorgehaltener Hand, wie Ralf da mit
einer wie Svenja überhaupt klarkommt.
Sie lebten wurzellos, sie versuchten, das Beste daraus
zu machen.
Eines Morgens lief ein Mädchen allein über den Strand.
Das Mädchen stieg zwischen den Booten durch, ihr
Kleid wehte. Es war ein helles Kleid, niemand trug hier
Kleider. Im Camp trugen sie Gore-tex-Sandalen und
graue oder beige Funktionshosen mit Reißverschlüssen
auf Höhe der Oberschenkel. Wenn es warm wurde, nahmen
sie mit einem Griff die Hosenbeine ab.
Das Mädchen lief über den Steg, sie bewegte sich
trunken. Sie lief, ohne innezuhalten oder das Kleid abzulegen,
sie lief über die Kante des Stegs hinaus und stürzte
ins Wasser.
Bei den Booten waren sie vom Klatschen des Körpers
aufgeschreckt. Sie sahen hinüber. Der See war glatt. Dann
tauchte das Mädchen neben einer Boje auf, ihr Haar klebte
am Kopf. Sie schwamm langsam zurück. Die anderen
verloren das Interesse. Sie kehrten zu ihren Plänen auf
Klemmblöcken zurück und schrieben die Nummern der
Boote auf, die heute rausgehen würden. Vor Monaten
hatten sie festgelegt, daß das Baden an der Bootsanlegestelle
verboten war. Jetzt taten sie, als ginge sie der Vorfall
nichts an.
Das Mädchen stieg langsam an Land. Sie kam das Ufer
hinauf. Das Wasser, das ihr übers Gesicht rann, schien
sie nicht zu spüren.
In der Nähe der Kiefern blieb sie stehen.
»Schmoll«, sagte sie und wandte sich zu mir um. »Sie
sind ein kluger Junge. Sie haben die ganze Zeit gut aufgepaßt.
« Sie schaute nach rechts, wo die Badestelle lag, von
Himbeerbüschen und Sanddorn nahezu verdeckt, und
ich sah, daß sie kein Mädchen mehr war. »Sie können
mir doch bestimmt sagen, wo hier Handtücher sind.«
Ich war zufällig in der Nähe, als sie ans Ufer kam. Ich
war nicht bei den Booten, ich stand etwas abseits vom
Steg, jetzt bewegte ich mich, als hätte ich stundenlang in
derselben Haltung verharrt.
»Ich heiße nicht Schmoll«, sagte ich. »Und ich bin
kein Junge.«
Sie legte den Kopf zur Seite, um mich zu betrachten.
Ihre Brauen waren dunkel vom Wasser in einem sehr
blassen Gesicht.
»Handtücher sind bei der Ausrüstung nicht vorgesehen«,
sagte ich.
Der See war ruhig an diesem Morgen, weiter draußen
trieben Seevögel. Graureiher. Schwäne. Die anderen
mußten inzwischen mit den Booten fertig sein. Als ich
gehen wollte, versperrte sie mir den Weg.
»Ich will nur was nachgucken«, sagte sie und kam nä
her. Ihre Haut war weiß. Ein Weiß, das an leuchtendes,
glattgeschliffenes Holz erinnerte, wie man es manchmal
an Wildstränden fand. Ihre Zehen streiften kurz über
den Sand. Sie wollte meinen nackten Fuß berühren, verfehlte
ihn aber und strauchelte.
Sie wäre gefallen, hätte ich sie nicht gehalten.
Sie legte mir die Arme um den Hals. Ich roch ihre nassen
Haare.
Es war früher Morgen, der Sand war noch kühl, die
Schatten fielen lang. Gegen Mittag würde es heiß werden,
bis dahin mußten alle Boote umgekippt und verzeichnet
sein, niemand wollte unten am baumlosen Strand bleiben
in der Hitze, die von den glitzernden Aluminiumbäuchen
der Boote doppelt zurückgeworfen wurde.
Wir standen wie auf einer Werbetafel am Bahnhof
Zoo. Auf einem dieser Hochglanzbilder. Anschmiegsame
Mädchen, klein, in kräftige Schultern gekuschelt,
und selbstsichere Jungs. Jungs, die auf ihr Mädchen und
den Ku’damm hinuntersahen. Wir waren in dieses Bild
eingepaßt.
»Alles in Ordnung?« sagte ich.
Sie preßte sich an mich. Für die anderen bei den Booten
mußte es aussehen, als wolle ich ihr das Kleid abstreifen,
den Stoff langsam über die Oberschenkel hochschieben,
die Vorstellung mußte entstehen, wie nackt sie dann
wäre, ihre Hüfte, ihr Hintern, wie ich sie halten würde
im Sand, am Ufer, dort, wo die Badestelle war, hinter den
Büschen verborgen.
Ihr Körper pulsierte, die Haut unter der Nässe war
glühend.
»Sehen Sie«, sagte sie mir ins Ohr. »Ich habe Sie endlich
gefunden. Ich wußte es.«
Gleich darauf ließ sie mich los. Sie holte ihr Handtuch,
das bei den Kiefern lag, und lief über den Sand in
Richtung Straße. Sie lief schnell, sie drehte sich nicht
um. Ihre Beine waren schlaksig unter dem Kleid, das ein
Kinderkleid war, eines für sehr junge Mädchen. Ich war
nicht sicher. Ich sah ihr nach, und als niemand bei den
Booten auf sie achtete, rief ich: »Hey! Wollen Sie sich
nicht erst mal umziehen und dann mit uns frühstücken?
Es gibt Brötchen!«
Sie reagierte nicht, sie erreichte die Straße. Trotz ihres
nassen Kleides wandte sie sich unbekümmert nach links,
wo die Straße eine Biegung machte.
Ich ging hinüber zu den anderen. Sie zogen ein paar
Boote aus dem Wasser und kippten sie bauchoben auf
den Strand. Langsam wurde es wärmer.
Später, im Waschraum, sah ich in den Spiegel. Ich
trug Jeans und eine helle Bluse, unisex, wie es bei Outdoor-
Kleidung üblich war. Ich war kräftig und schlank,
ich war braun wie alle, meine Haare hatten diesen strohigen,
verwaschenen Schliff vom Schwimmen im See,
ich lebte seit vier Wochen draußen. Die Narbe an der
Augenbraue war das einzige, was mich von den anderen
unterschied.
Ich ging wieder hinaus in die Sonne, wo sie mit Hobeln
beschäftigt waren. Sie hatten vor, ein Tipi zu bauen
aus schlanken, geraden Stämmen, und kamen gut voran.
Die Rinde gab in weichen, langen Spänen nach, sie
wußten, wie man mit leichtem Druck die oberen Schichten
entfernt, ohne das Holz zu verletzen. Sie hatten das
schon oft gemacht. Zwei meterhohe Tipis standen fertig
mit Zelthaut umschlungen am Waldrand im Gras.
Ich machte ein bißchen mit. Ich fi ng oben bei den
Spitzen an. Heimlich beobachtete ich die Männer und
fand, daß nichts an ihnen mir glich.
Gegen Mittag kam der Verpflegungsnachschub an, ein
Kleinlastwagen drehte hupend eine Runde durchs Camp.
Der übermüdete Fahrer parkte auf den ausgefahrenen
Spuren, die von der Straße zum Grasplatz führten. Er
war in der Nacht in Berlin aufgebrochen, jetzt verlangte
er mit fiebrigen Augen ein Bett.
Hey, Marco, wo sind die Listen? Und die Grillkohle? Haben
die Idioten in Berlin das wieder vergessen? Grillen steht
bei den Kids im Programm, warum kapiert das keiner?
Das kapiert keiner, weil das keinen interessiert. Das sind
Kids, verstehste, die machen nicht gleich ’n Lageraufstand,
wenn se nicht haargenau das kriegen, wofür ihre Alten bezahlt
haben.
Arschlöcher.
Guckt mal hinterm Beifahrersitz nach, selber Arschlöcher.
Marco zwängte sich unter den Wäscheleinen durch
und verschwand im Haus. Das Haus war nur ein Schuppen
aus dünnen Holzbrettern, der mit drei Fenstern versehen
worden war, man hörte jedes Geräusch.
Jetzt macht nicht so ’n Streß, Leute, rief Marco aus dem
unteren Fenster. Wir müssen doch zusammenhalten, wo wir
schon hier gelandet sind.
Keiner nickte. Hätten sie genickt, hätten sie zugegeben,
daß sie hier gestrandet waren, und das wäre einer
Kapitulation gleichgekommen, dem Eingeständnis, daß
dieser Zustand dauerhaft sein würde.
Draußen begannen sie, Kisten auszuladen, sie schleppten
sie hinüber ins Küchenzelt, in dem Svenja mit dem
Vorbereiten der blauen Tonnen beschäftigt war. Riesige
Käseballen wurden halbiert, die Hälften kamen in je
eine Tonne zusammen mit Salamis und Büchsenbohnen
und Brot. In den Tonnen würden die Lebensmittel vor
Feuchtigkeit geschützt sein, wenn die Jugendgruppen sie
später mit auf ihre Kanu-Touren nahmen.
Freitagmittag trafen sich alle im Küchenzelt. Vielleicht
war es die Sehnsucht nach frischem Obst, die sie hertrieb.
Das Essen wurde gegen Ende der Woche eintönig.
Oder es lag am Geruch, der in den gepackten Tonnen
entstand, es roch nach Gemüse, Butter und Speck und
ein bißchen nach Plastik. Der Geruch war die einzige Erinnerung
daran, wie es draußen, unterwegs auf den Seen,
war, wo sie lieber gewesen wären. Aber das Camp war
unterbesetzt, und sie waren zu wenige, um dem Ansturm
der wöchentlichen Busladungen gewachsen zu sein, oft
brannten die Lichter die ganze Nacht.
Als ich aufstand, um hinauszugehen und mir mit dem
Wasserschlauch Schweiß und Schmutz vom Gesicht zu
spülen, sah ich die Frau auf der anderen Seite des Zufahrtsweges.
Sie saß mit dem Rücken an eine Kiefer
gelehnt. Die Beine hatte sie angewinkelt, den Kopf zur
Seite geneigt, ihr Gesicht lag im Schatten. Sie hatte sich
umgezogen. Sie trug jetzt ein blaues Kleid. Reglos saß sie
am Baum. Ihre Arme hingen herab. Die rechte Hand war
leicht in meine Richtung geöffnet, als wollte sie etwas
präsentieren, als böte sie mir das Gras und die Erde und
die Kiefernwurzeln an. Die Augen schien sie geschlossen
zu haben. Jedenfalls reagierte sie nicht, obwohl ich lange
zu ihr hinsah.
Ich dachte an die Heftigkeit, mit der sie mich am Ufer
an sich gedrückt hatte. An ihren glühenden Körper. An
das Weiß ihrer Haut, das zu dieser Glut in seltsamem Wi-
derspruch stand. Ich dachte an meine idiotische Antwort
und daß sie wahrscheinlich zurückweichen würde, wenn
ich jetzt hinüberginge und sie unvermittelt berührte. Sie
würde hochschrecken, sobald sie mich spürte, und die
Augen öffnen, die mir am Ufer ruhelos vorgekommen
waren und tragisch. Vielleicht war dieser Eindruck auch
nur durch das Licht entstanden. Grüne Punkte lagerten
in einer Iris von ansonsten klarem Braun.
Ralf war mir nachgelaufen. Er nahm mir den Gartenschlauch
ab und tauchte sein Gesicht in den Strahl.
»Ganz schön hektisch heute die Chose, was?« Das Wasser
rann ihm ins Hemd. »Paß mal auf. Ich helf dir beim
Verteilen der Schwimmwesten. Da kannste zwischendurch
auch mal ’ne Pause machen.«
»Ist schon in Ordnung, ich komm klar. Wirklich.«
»Jeder die Hälfte«, sagte Ralf. »Wir sind doch ein
Team, oder nicht.« Er legte seinen Arm um mich, packte
meine Schulter und zog mich fest zu sich heran. Dann
sah er zum Wald. »Wer ist das?«
»Wer?«
»Glotzt die, oder was. Ich werd ihr mal sagen, das ist
privat, hier gibt’s nichts zu glotzen.«
»Jetzt geht’s los!« rief Wilfried. »Die ersten sehen
schon Gespenster, das kommt davon, wenn man wochenlang
nur dieses beschissene Armeebrot zu fressen
kriegt.«
»Mensch, Ralle!« Svenja stand in ihren Halbstiefeln
aus Gummi am Eingang vom Küchenzelt. »Hier laufen
öfter kaputte Gestalten rum. Als ich mit einer Gruppe
draußen auf der Vierzig war –«
»Vierzig? Können wir die Rastplätze nicht mit ihren
richtigen Namen nennen? Da hat sich doch jemand
Mühe gemacht«, sagte Sabine, die Halbindianerin, jedenfalls
wurde sie so genannt, nachdem herausgekommen
war, daß sie ein paar Monate mit einer Schamanin
auf dem Land in der Nähe von Detroit verbracht hatte.
Sie trug Kordhosen, deren Farbe wegen der vielen
Moos- und Grasflecken nicht mehr zu erkennen war.
»Die Vierzig ist auf Trollön, Sabine, du bist die einzige,
die sich das nicht merken kann, und zwar oben auf dem
Monsterfelsen, wo die Kids ganz scharf drauf sind, Köpper
zu machen. Neulich taucht so ein Typ am gegenüberliegenden
Ufer auf, direkt aus dem Wald. Der steht da,
nur in Badehose und Schwimmweste, und fängt wie blöd
an zu winken. Vielleicht braucht er Hilfe. Also lass’ ich
die Gruppe warten und fahr rüber, und was macht der?
Fragt mich, welcher Wochentag heute ist. Hatte wahrscheinlich
Wasser in seine Festplatte gekriegt.« Svenja
drehte sich um. »Seinen Namen hat er wahrscheinlich
auch schon nicht mehr gewußt, Sabine.«
»Dann numerier ihn doch.« Sabine warf eine Salami
quer durch das Zelt, zielgenau, die Salami krachte in
eine Tonne. Als ich zum Waldrand sah, war die Frau verschwunden.
An den Nachmittagen war das Licht lange sehr weiß, es
hing in den Kiefern, bis es am höchsten Punkt der Wipfel
in das herbe Rot des Abends einging, unten bei den
Zelten war es schon dunkel.
Nirgends wurde es so dunkel wie auf dem Grasplatz
im Camp. Nirgends war es abends so kalt. Ich rollte zwei
Matten neben der Feuerstelle im Tipi aus, ich legte sie
übereinander, die Steine knirschten. Nachts war es zu
dunkel, um ohne Taschenlampe schlafen zu gehen. Ich
machte den Schlafsack bis oben zu. Ich konnte nicht einschlafen
in dieser Nacht. Ich hörte Tiere schreien, vielleicht
Elche. Sie sagten, man würde nachts manchmal
sogar hier auf dem Platz Elche sehen. Sie kannten das
aus vergangenen Jahren. Sie hatten sich auf eine Anzeige
beworben, die Uwe, der Chef dieses Unternehmens, jedes
Jahr im Mai inserierte.
Weg mit alten Hüten! Raus aus der eigenen Haut!
Lust auf was Neues?
Dann auf in die Wildnis! Die Natur stellt keine Fragen.
Engagierte Leute für Jugendcamp in Värmland,
einem der schönsten Seengebiete Schwedens, gesucht!
Bevor ich darauf geantwortet hatte, hatte ich gezögert.
Etwas an diesem Text gefiel mir nicht. Etwas darin klang
wie eine Unterstellung, er schien vorauszusetzen, daß
die, die sich bewarben, Dinge zu verbergen oder zu vergessen
hätten. Ich fi ng wieder an, darüber nachzudenken,
die Natur stellt keine Fragen, aber da ich so nie würde
einschlafen können, beschloß ich, darin weiterhin nur
die Begeisterung für die schwedischen Wälder zu sehen.
Ich drehte mich auf den Bauch. Ich benutzte meine
Hand, um leichter zu werden und dann vielleicht doch
einzuschlafen.
Ich sah feste Schultern unter einem Muskelshirt, das Abstreifen
einer Hose, spärlich bekleidete Körper, manch mal
hörte ich Sätze. Ich stellte mir nie Frauen vor, mit denen
ich zusammengewesen war. Seit meinem sechzehnten Lebensjahr
hatten sie einander abgelöst. Jede war die logische
Folge aus dem, was vorangegangen war, ihr Widerstand
war das einzige, worin sie sich ähnelten.
Rezension I Buchbestellung 0I07 LYRIKwelt © S. Fischer