Fluchten
(Leseprobe aus: Fluchten, 22 Schnitte, 2005,
Per H. Lauke Verlag)
2 Damen, 2 Herren / variable
Dekoration
Fluchten erzählt von Einsamkeit, Sehnsucht und Beziehungsunfähigkeit junger
Menschen, studiert die Annäherungen, Abstoßungen und Kollisionen dieser
„Elementarteilchen” unserer Gesellschaft. Ununterscheidbar werden die Suche
nach und die Flucht vor sich selbst. Die Charaktere sehnen sich nach Nähe, die
sie dann nicht ertragen, fliehen vor der Einsamkeit, die alleine ihnen
entspricht. Viel Sex und wenig Liebe. Dabei sind alle zugleich Täter und Opfer,
zerrissen zwischen Abhängigkeiten und Drang nach Selbstverwirklichung.
Eva und Micha haben ihre Eltern bei einem Autounfall verloren und leben in
latent inzestuösem Verhältnis zusammen. Er arbeitet als Nachtportier in einem
Hotel und besucht tagsüber einen VHS-Managementkurs. Als Micha nachts in einem
der Hotelzimmer die schöne Raquel mit seinem Kursleiter Robert beobachtet,
verliebt er sich in sie. Für Robert, der noch andere Affären hat, kein
Problem: Er bietet Micha das „Du” an, da man sich ja nun dieselbe Frau
teile. Aber zwischen Raquel und Micha geht es nicht nur um Sex. Eva fühlt, wie
ihr der Bruder und einzige Lebensinhalt zusehends entgleitet. Sie setzt Raquel
unter Druck und erfährt, was diese noch keinem der beiden Männer gesagt hat:
Raquel erwartet ein Kind von Robert. Eva droht, sie solle den sensiblen Micha da
raushalten. Als Raquel, angetrunken, Robert in aller Öffentlichkeit eine Szene
macht, ihn aus Verzweiflung provoziert und demütigt, schlägt er sie nieder.
Jetzt erst erzählt sie ihm von ihrer Schwangerschaft. An Raquels Krankenbett
treffen alle vier Beteiligten aufeinander. Micha erfährt als letzter, dass
Raquel ein Kind von Robert erwartet. Er packt die Koffer und lässt alles hinter
sich. Damit hatte Eva nicht gerechnet. Nun versucht sie, Robert an sich zu
binden, und nimmt Rache an Raquel, die zuletzt in ihr Elternhaus zurückkehrt -
alleine, wie jeder der vier am Ende des Stückes.
Klar umrissene Charaktere, eine unverblümte Sprache und hart gegeneinander
geschnittene Alltagsszenen, hinter denen ganze Seelenlandschaften aufscheinen,
machen Fluchten zu einem authentischen Generationenporträt. Ein wichtiger
Beitrag zur deutschen Gegenwartsdramatik.
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