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Das Wesen
(Leseprobe aus:
Das Wesen, Roman, 2010,
S. Fischer).
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22. Juli 2009
Kriminalhauptkommissar Bernd Menkhoffs Handy klingelte,
als wir nur noch wenige Meter von der Garagenauffahrt
seines Einfamilienhauses im Aachener Stadtteil
Brand entfernt waren. Während er umständlich sein Telefon
aus der Hosentasche fingerte, lenkte ich den A6 an
den Straßenrand. Seit 16 Jahren waren wir Partner, und
meistens setzte ich ihn nach Dienstschluss zu Hause ab
und nahm ihn am nächsten Tag wieder mit.
»Ja«, meldete sich Menkhoff knapp und senkte den
Kopf ein wenig, während er dem Anrufer zuhörte. Ich
warf einen Blick auf die Uhr. Hoffentlich nichts Dienstliches
mehr. Den Motor des Audis ließ ich laufen, die Klimaanlage
blies angenehm kühle Luft in den Innenraum.
Draußen war es drückend.
»Ja, der bin ich«, sagte Menkhoff neben mir mürrisch.
»Woher haben Sie diese Nummer?« Er hörte wieder eine
Zeitlang zu, dann kniff er die Augen zusammen. »Was?«
Es war etwas Dienstliches.
»Aha. Und wie kommen Sie darauf ?« Menkhoffs Stimme
hatte einen unpersönlichen Klang angenommen. »Sagen
Sie mir bitte erst mal Ihren Namen.« Es vergingen
weitere Sekunden, dann ließ er das Handy sinken. »Aufgelegt«
»Anonym?«
»Ja. Eine Männerstimme. Hat was erzählt von einem
kleinen Mädchen, das angeblich seit mehreren Tagen verschwunden
ist. In der Zeppelinstraße.«
»Nicht gerade die feinste Gegend. Und?«
»Was und? Sonst nichts.«
Er öffnete die Beifahrertür und sagte beim Aussteigen:
»Bin gleich wieder da.«
Ich sah ihm nach, wie er über die Auffahrt zur Haustür
ging, aufschloss und im Inneren verschwand.
Schon nach sieben. Melanie wartete zu Hause auf
mich. Ich sah die herrlichen Rinderhüftsteaks vor mir, die
ich an diesem Abend für uns beide zubereiten wollte. Es
sollte ein romantisches Essen werden, mit Rotwein und
Kerzen, eine kleine Entschädigung dafür, dass es in letzter
Zeit oft sehr spät geworden war. Seit meiner Beförderung
zum Hauptkommissar ein paar Monate zuvor …
Die Beifahrertür wurde geöffnet, und Menkhoff ließ
sich wieder in den Sitz fallen. »Alles in Ordnung, Frau
Christ bleibt da und passt weiter auf Luisa auf.« Er deutete
mit dem Kopf nach vorne. »Na komm, fahr los.«
Ich dachte an die Steaks und legte mit einem Seufzer
den Gang ein. Vielleicht war der Anrufer ja nur ein Spinner,
das kam öfter vor. Vielleicht würden wir in zwanzig
Minuten wieder zurück sein.
Als ich vor einer Ampel an der Trierer Straße anhalten
musste, sah ich zu Menkhoff herüber, der sein Handy in
das Ablagefach der Mittelkonsole warf. »Keine Nummer,
klar.« Er strich sich eine Strähne seiner von silbernen Fäden
durchsetzten schwarzen Haare aus der Stirn. »Unterdrückt«
Zehn Minuten später standen wir vor einem Mehrfamilienhaus,
dessen Außenfassade dringend einen Anstrich nötig gehabt hätte.
(...)
Rezension I Buchbestellung I home II11 LYRIKwelt © S. Fischer Verlag