Das blaue Buch von August Strindberg, 2005, EichbornAugust Strindberg

Das dreizehnte Axiom
(Leseprobe aus: Das blaue Buch, Prosa, 1906/2005, Eichborn - Übertragung Angelika Gundlach)

Euklids zwölftes Axiom lautet bekanntlich: Wenn eine
Gerade zwei andere Geraden so trifft, daß die Innenwinkel,
die auf derselben Seite liegen, zusammen kleiner sind
als zwei rechte, dann sollen diese beiden Geraden, wenn
sie ins Unendliche verlängert werden, auf der Seite zusammentreffen,
auf der diese Winkel liegen, die zusammen
kleiner sind als zwei rechte.
Wenn dies ein selbstverständlicher Satz ist, der weder
bewiesen werden kann noch muß, um wieviel klarer ist da
nicht das Axiom von der Existenz Gottes?
Wer ein Axiom zu beweisen versucht, gerät in Unsinnigkeiten,
deshalb sollen wir nie versuchen, die Existenz
Gottes zu beweisen.
Und wer das Selbstverständliche in einem Axiom nicht
begreifen kann, der gehört zu den Menschenkindern, denen
das Begreifen schwerfällt, und diese Benachteiligten soll
man bedauern, aber nicht bestrafen.
Will man nun eine Definition von Gott geben, sagt man
zuerst, daß er allmächtig ist; daraus folgt als Korollar,
daß er die Gesetze, die er gegeben hat, aufheben kann; da
wir aber nicht all seine Gesetze kennen, wissen wir nicht,
wann er ein uns unbekanntes Gesetz anwendet oder ein
uns bekanntes aufhebt. Was wirWunder nennen,kann also
nach strengen Gesetzen zustande kommen, die wir nicht
kennen, und wir müssen deshalb angesichts ungewöhnlicher
und unerklärlicher Ereignisse darauf achten, daß wir
keine Fehlschlüsse ziehen, durch die wir uns das Gelächter
und die Verachtung von Mitmenschen einhandeln, denen
das Begreifen leichtfällt.

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