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Entfernung
(Leseprobe aus: Entfernung,
Roman, 2006, S.
Fischer)
Niemand kannte sie. Ein Widerwille stieg ihr auf.
Das war
doch alles blöd. Das war doch alles seltsam. Und sie hatte
keine Berechtigung. Wenn sie ein Ticket bekommen hätte.
Einen solchen Stempel. Dann hätte sie etwas vorweisen
können. Sie hatte nichts. Und ihre dumme Tasche. Diese
unmodische Tasche. Niemand in der ganzen Welt ging noch
mit so einer Tasche herum. Businesswoman, dachte sie.
Powerwoman be blasted. An ihrer Tasche konnte man ihr
Alter ablesen. Und ihre Probleme. Jeder, der ihre Tasche sah.
Der sie sah, wie sie ihre Tasche umklammert hielt. Unter die
Achsel geklemmt. Man konnte ihre ganze Geschichte ablesen,
wenn man sie mit dieser Tasche sah. Sie stand da. Der
Bass war leiser geworden. Das Stampfen vorsichtiger. Sie
schob die Tasche auf den Rücken. Sie zog die Riemen nach
vorne und schob die Tasche mehr nach hinten. Sie hatte
Angst. Sie hatte vollständige Angst vor dieser Tür. Vor dem
Eintreten. Durch diese Tür. Das. So etwas. Das hatte es nie
gegeben. Sie war überall hineingegangen. Sie hatte sich alle
Türen aufgemacht. Sie durfte das nicht zulassen. Und wann
hatte sie sich ernster genommen. Wichtiger. Als sie gedacht
hatte, dass sie überall hingehen konnte. Weil sie so wichtig
war. Oder jetzt. Wo sie dachte, dass sie so unwichtig war.
Und sie sich selber so wichtig nehmen musste. In diesem
Gedanken. Sie ging zur Tür. Die Musik zu Ende. Sie hörte
Applaus. Gejohle. Pfiffe. Und dann wieder Rhythmus.
Jagend. Noch gejagter. Wütend nervös. Sie stieß die Tür auf.
Die Stimme hatte sie nicht gehört. Draußen. Die Stimme.
Eine Frau. Ein Mädchen. Lieblich. Eine zarte Stimme. Vorsichtig.
Sehnsüchtig. Weit über dem Bass. Weit über der
Bassgitarre.
»I want a walker
I want a stalker.
I want a rapist.
I want a murderer.
I want a man.
Just a man. Any man. Any any man. Any any
any any man.«
Dann die Bassgitarre in einer langen
Improvisation. Jaulend.
Und dann Lachen. Perlendes Lachen. Selma musste
lächeln. Sie sah sich um. Kaum Licht in dem Raum. Rund
um sie Frauen. Die Frauen standen nach rechts zur Bühne
hin. Dicht. Die Arme hochgereckt und im Rhythmus hochspringend.
Nach links. Hohe Tischchen. Schwarze Tischchen.
Frauen standen an die Tische gelehnt. Im Gespräch
miteinander. Die Wand gegenüber eine lange Bartheke.
Kaum Licht im Raum. Dunkler Nebel. Selma sah alles dunkelschattig.
Vor ihr eine Frau mit Getränken auf einem
Tablett. Sie trug einen schwarzen Catsuit. Glänzendes Material.
Leder. Latex. Dann wieder das Lachen. Dann lachten
alle. Die Gitarristin hielt ein Mikrophon über das Publikum
und die Frauen lachten. So lachten wie die Sängerin. Das
Lachen Text und Melodie. Selma ging in den Raum. Die
Frauen waren nach vorne gerichtet. Nach rechts. Auf die
kleine Bühne hin. Dann. Es war nur das Schlagzeug zu
hören. Zischende leise Schläge. Die helle Stimme. »To
refresh ourselves after the ›Desperate little girl blues‹.« Alle
lachten wieder. Das Schlagzeug wurde intensiver. Die große
Trommel drängte das Zischen des Besens, auf dem Becken
schneller zu werden. Dann der Einsatz der Gitarre. Selma
stellte sich auf die Zehenspitzen, die Bühne sehen zu können.
Eine kleine Person mit Gitarre. Ein Persönchen. Sie
stand gebannt in das Furioso, das sie ihrer Gitarre abrang.
Dann sprang sie mit den Akkorden. Sprang in die Akkorde.
Stürmte den Bühnenrand entlang. Lief an das Standmikrophon
vorne. Schrie den Refrain. Kehlig. Wütend. Anklagend.
Die Person trug einen schwarzen Anzug. Weißes
Hemd. Schwarze Krawatte. Ihre dunklen Haare standen
vom Kopf ab. Bildeten einen Strahlenkranz um ihr Gesicht.
Dann wieder Rhythmus. Dann Orgel. Eine Melodie. Die
Stimme sang. Die Stimme in einem Sprechgesang.
»Lie low little girl. Don’t shut the door.
Let the wolves in. One by one.
Give them cider and cake.
But. Little girl. Don’t forget.
Spike the cider with
Henbane and toad stool
Only dead wolves are dead.
And nothing to dread.«
Und dann nur die Orgel und die Stimme.
»So you don’t get. So you don’t get. So you don’t get.
Crow’s feet and wrinkles. Crow’s feet and wrinkles.
Before you turn 29.
And your life will be over.«
Dann die Wiederholung von »dead wolves are dead.« an.
Die Stimme kaum zu hören. Das Schlagzeug. Die Gitarren.
Noch zwei Gitarristinnen auf der Bühne. Langbeinige Blondinen
in Jeans und rot karierten Flanellhemden. Sie standen
am hinteren Rand. Die Mick Jagger ähnliche Person. Sie
spielte ein lang gezogenes Solo nach dem anderen. Dann
wieder alle. Laut. Dringlich. Selma fand sich im Rhythmus
mitwippend. Sie sprang nicht. Wie die anderen. Das wäre
mit der Tasche auch gar nicht gegangen. Selma blieb am
Rand. An der Wand rechts. Rund um sie die Frauen. Alle
konnten die Texte. Sangen im Chor mit. Die Musik hielt alle
umfangen. Der Song war vorbei. Die Bassgitarre spielte eine
Überleitung. Leise. Lyrisch. Die Akkorde sanft ineinander
gleitend. Dann die Stimme.
»Little girl beware.
The things you hate today.
Might be the ones you do tomorrow.«
Die Stimme sagte das. In den Gitarren klang ein bisschen
Country mit. Ein kleiner Twang am Ende jeder Phrase.
Dann im Chor. Noch lauter. Selma schien die Musik mit
jeder Sekunde noch lauter zu werden. Sie kam neben einen
Lautsprecher zu stehen. Ihr Herz. Es rumpelte und dann.
Der Herzschlag passte sich dem Bassrhythmus an. Begann
im Rhythmus mitzuschlagen.
»Cooking. Fucking.Mending. Sucking. Shopping.
Selling. Kiss and telling.«
Die Liste ging weiter. War endlos. Selma verstand nichts
mehr. Sie war nach vorne gedrängt worden. Sie war dicht
umstellt. Dann die Stimme ganz hoch und alleine.
»You cost me my dignity.
You cost me my serenity.
You cost me my propriety.
You cost me my sobriety.
My sensitivity.My serendipity.
You cost me my life.«
Bei life setzte die band wieder ein. Die schwarze Gestalt warf
sich über ihre Gitarre. Dann hüpfte sie nach hinten. Zur
Sängerin. Die Sängerin stand auf einem kleinen Podest.
Hinten rechts. Sie hatte ein Standmikrophon vor sich. Sie
stand ganz still. Ruhig. Sang in das Mikrophon. Sie war
groß. Graublonde lange Haare. Sie trug ein Chanel-Kostüm.
Der Stoff war weiß und schwarz durchwebt. Die Ränder
waren schwarz und silbern abgesetzt. Weiße Knöpfe mit
Goldrand. An den Taschen und an den Jackenärmel die Borte
und die Goldknöpfe. Die Frau trug eine hellrote Seidenbluse
unter der Jacke mit einem Maschenkragen. Die
Masche hing vorne über die Jacke. Wie ein Jabot. Schwarze
Slingpumps. Sehr hohe Absätze. Die Gitarristin sprang zu
ihr auf den Podest und sang den Refrain mit. Sie wiederholten
den Refrain. Dann sprang sie wieder herunter. Lief
an den Bühnenrand. Und wieder die gejagte, jagende Musik.
Der drängende Rhythmus. Der Zwang, sich bewegen zu
müssen. Selma begann, den Kopf mit der Musik. Sie fand
sich im Takt nicken. Heftig mit dem Kopf zu nicken. Der
Refrain war zum Kreischen geworden. Alle schrien mit. Alle
reckten die Arme. Schlugen mit den Fäusten in die Luft.
Dann ein Spinett. Eine Barockphrase. Die Stimme. Vorschlagend.
Bittend. Freundlich drängend.
»Little girl. Promote yourself.
Rip out your ribs.
Bust up your tits.
Cut in. Cut out. Cut up.
Promote yourself. Little girl. Promote yourself.«
Alle sangen mit. »Cut in. Cut out. Cut up.« Die Sängerin
lachte wieder. Die Sängerin war keine junge Frau. Sie stand
hinten. Sie sah von hinten ihrer Band zu. Dem Publikum.
Sie stand in ihren high heels ganz ruhig da. Sie bewegte sich
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