Die Unbeholfenen von Botho Strauß, 2007, HanserBotho Strauß

Die Unbeholfenen
(Leseprobe aus: Die Unbeholfenen, Bewusstseinsnovelle, 2007, Hanser)

Das Haus, in dem mich die Familie meiner neuen Freundin erwartete,
lag draußen vor der Stadt und war das einzige Wohngebäude mitten
in einem öden Gewerbepark.
Verloren und trotzig übriggeblieben stand es zwischen den
Fertigteilkonstruktionen der Lagerhallen und Containerbüros. Ein
dreigeschossiger Fachwerkbau aus späterer Zeit, mit
nachempfundenem mittelalterlichen Zierat, galt es seinen jetzigen
Bewohnern je nach Laune für das einstige Domizil einer zu
Wohlstand gelangten Wahrsagerin oder gar für das Haus des
Scharfrichters außerhalb der Stadtmauer. Vor allem Nadjas jüngere
Geschwister hielten es für fluchbeladen, wenn sie einmal der Koller
der Abgeschiedenheit überkam und sie ihr entlegenes Wohnen als
Strafe empfanden. Aber dies geschah eher selten und war allenfalls
Ausdruck einer flüchtigen Überreizung, denn man hatte sich ja
freiwillig in die gemeinsame Isolation begeben und von der äußeren
Alltagswelt entfernt.
Als erster begrüßte mich der ältere Bruder, ein Mann knapp über
dreißig, mit einem Kopf voll silbergrauer Locken und ungewöhnlich
breitem Oberkörper. Natürlich sah ich, daß es die Brust eines
Verwachsenen war, die mir auf Anhieb so vertrauenswürdig erschien
und bei der ich am liebsten schon jetzt Zuflucht gesucht hätte. Denn
ich fühlte mich unversehens entwurzelt, kaum daß ich in dieses mir
völlig unbekannte Gemeinschaftsleben eingetreten war. Sein
Brustkorb saß beinahe ohne Übergang auf den Oberschenkeln, ein
Bauch oder Unterleib war nicht zu erkennen. Er fuhr im Rollstuhl auf
mich zu, und ich kann mich nicht erinnern, daß mir der Anblick
dieser Mißgestalt in den Zimmern meiner neuen Geliebten auch nur
das geringste Unbehagen bereitet hätte.
»Albrecht!« rief er seinen Namen und streckte mir die Hand
entgegen. Im selben Moment faßte ich eine überschwengliche
Zuneigung zu ihm, ziemlich haltlos und verfrüht. Das einfache
Wechselspiel von anziehenden
und abstoßenden Kräften, das für
gewöhnlich unter noch unbekannten Menschen eine erste
Orientierung erlaubt, schien bei mir zu diesem Zeitpunkt außer
Kontrolle geraten. Jedenfalls war ich in der fremden Umgebung, die
die häusliche meiner mir ebenfalls noch fremden Freundin war, nicht
imstande, zwischen Scheu und Überschwang, tiefer Beklommenheit
und spontaner Vertrauensseligkeit eine gemäßigte Empfindungslage
zu wählen.
Dieser mißwüchsige Albrecht könnte bald schon dein bester Freund
hier sein! So pochte das Herz vor lauter Sympathie, als ich mit ihm
die ersten Worte wechselte. Seine Aufmerksamkeit, seine Vorsicht
und Güte – alles Vorteilhafte an ihm hatte ich im Nu ermittelt, mit
der Gemütssonde des ängstlichen Neuankömmlings.
Er wird dir immer eine Zuflucht bieten wird dir zur Seite sein bei all
den Ungewißheiten und Mißverständnissen, die vielleicht
unvermeidlich sind bei einer so plötzlichen Entscheidung für einen
anderen Menschen.
Mein bester Freund würde dieser Albrecht sogar bleiben über den
Tag hinaus, an dem seine schöne Schwester und ich kein Paar mehr
wären.
Dann traten aus ihren Zimmern im hinteren Korridor die beiden
jüngeren Schwestern meiner Nadja, ein Zwillingspaar, wenn auch
offenkundig nicht eineiig, kaum älter als Mitte zwanzig. Sie
verwickelten mich gleich auf unbefangene Weise in ihre behende
Unterhaltung und wollten mich mit flinken Fingerspielen an ihren
Rätseln beteiligen. Es gab meinerseits ein paar ungeschickte
Versuche, mitzutun, bis ich merkte, daß die eine der Schwestern taub
war und die andere lediglich bemüht, mir diesen Umstand in
einfacher Zeichensprache mitzuteilen, ohne das
Taubstummenalphabet zu benutzen. Nicht zuletzt um zu prüfen, ob
mit mir auf diese behelfsmäßige Weise eine Verständigung möglich
sei. Ich zeigte aber mein Bedauern, zuckte die Achseln und wechselte
stattdessen mit beiden einen kräftigen Händedruck, der beinahe
einem Paktschluß glich.
In diesem Moment – bei der Begrüßung der Zwillinge – war mir, als
spürte ich die vielen falschen Hände, die ich in meinem Leben gefaßt
hatte, in Windeseile, Druck für Druck, durch meine Rechte laufen
wie einen zurückgespulten Film. Die unzähligen verkrampften und
schlappen Begrüßungen, in die ich eingewilligt hatte, die unzähligen
Handschläge, die ich mit heuchlerischen und verräterischen
Menschen getauscht hatte und mit solchen, die mir mit Vorbehalt
oder schlecht verhohlenen Hintergedanken begegnet waren, darunter
auch Frauen, die mir gar keine Hand geben konnten, sondern nur ihre
lasche, kraftlose Pfote. Oder andere, die sie sofort wieder entzogen
und mich mit vorgeblicher Verächtlichkeit ansahen, doch unterhalb
der Augen, mit zweideutiger Scheu, um den Kerl im Mann zu
provozieren und ihm mitzuteilen, daß er nicht zur Freundschaft tauge,
sondern einzig zum sexuellen Verzehr. All dies erinnerte blitzschnell
meine Hand.
Denn hier, gerade eben, hatten zwei junge Frauen mit einer
Warmherzigkeit meine Hand gedrückt, als wünschten sie den ganzen
Menschen unter Vertrag zu nehmen. Und zuvor war das helle Gesicht
eines Verwachsenen vor mir aufgegangen wie ein Tor, das aus der
eitlen Beliebigkeit des Menschenverkehrs in den stillen Garten einer
festen Freundschaft führte.
Am liebsten hätte ich mich in meinem Übermut an die ganze
Weltgemeinschaft gewandt und ihr zugerufen: Hütet eure Rechte!
Spart sie für die wahrhaft Vertrauenswürdigen auf!

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