Das Jerusalem-Syndrom vonRobert Stone, 2000, ZsolnayRobert Stone

aus: Das Jerusalem-Syndrom

Nuala saß am Steuer, Sonia auf dem Rücksitz, mit einem Buch auf dem Schoß, das sie vorhin gekauft hatte: Und ihre Augen schauten Gott, von Zora Neale Hurston. Sie hatte es geschafft, einen UN-Kleinbus zu beschaffen.
"Und dann bin ich hingefahren", sagte Lucas.
"Du bist in Yad Vashem gewesen?" fragte Sonia. "Du willst dir an ein und demselben Tag Yad Vashem und den Gazastreifen ansehen? Möchtest du gern lebensmüde werden?"
"Ich hatte Zeit."
"Und darum bist du mal eben nach Yad Vashem gefahren", sagte Sonia. "Und hast keine Überraschungen erlebt, nehme ich an."
"Oh, das würde ich nicht sagen."
Nuala sagte nichts.
"Ich habe gehört, in Gaza gibt es ein gutes Fischlokal", sagte Lucas.
"Es gibt guten Fisch", sagte Sonia. "Aber kein Bier."
"Was steht auf unserem Programm?" fragte Lucas.
"Die Foundation unterstützt ein paar örtliche Selbsthilfegruppen in Al-Amal", sagte Nuala. "Sie haben eine eigene Schule und ein Krankenhaus aufgebaut, und wir helfen ihnen. Wir bringen ihnen Zahnbürsten - die sind dort schwer zu bekommen. Seife. Alles ist überteuert. Aus israelischer Produktion. Ein bißchen wie Amerika und Kuba. Jedenfalls hab ich mir gedacht, du würdest dir das gern mal ansehen. Wir wollen über Nacht dortbleiben."
"Was ist mit dieser Bande von Schlägern, von der du mir erzählt hast? Sind die Burschen noch immer aktiv?"
"Abu und seine Bande waren letzte Woche in Rafah. Natürlich können sie jederzeit auftauchen. Zu schade, daß du dich gegen diese Story entschieden hast."
"Man kann nicht alle Stories schreiben."
"Wir haben hier jedenfalls mehr als genug", sagte Nuala.
Während sie dahinfuhren, wurde Lucas wieder einmal bewußt, daß das Verhältnis zwischen ihm und Nuala Rice immer kompliziert sein würde. Da war das Problem mit der starken, unsentimentalen Zuneigung, die er für sie empfand und die sich mit einer Art Wut und wehmütiger Widersinnigkeit vermischte. Darüber hinaus besaß sie den Snobismus der Abenteurerin und keine Spur von Mitleid für die Zaghaften, Nachdenklichen oder Zerrissenen. Sie rief sämtliche Versagensängste in ihm wach - moralische, sexuelle und berufliche.
Aus Gründen, die nicht ganz klar wurden, hielt Nuala südlich von Aschkelon an. Sie parkte vor einem braunen, nichtssagenden Lagerhaus und sprach kurz mit einem kleinen, kräftigen Mann, der wie ein orientalischer Jude aussah. Sie gab ihm einen großen braunen Umschlag.
"Wer ist der Typ?" fragte Lucas Sonia, während sie im Bus warteten. "Er sieht aus wie ein Schläger."
Sonia zuckte die Schultern.
"Wer war das?" fragte er Nuala, als sie wieder am Steuer saß.
"Ach", sagte sie, "er ist Großhändler für Obst und Gemüse. Er kauft bei einer palästinensischen Kooperative. Wir überbringen Nachrichten und vermitteln beim Aushandeln der Preise."
"Ist er Musikliebhaber?" fragte Lucas. "Ich glaube, ich habe ihn bei Stanley's gesehen."
"Unwahrscheinlich", sagte Nuala.
Lucas sah nach hinten zu Sonia, die seinen besorgten Blick erwiderte.
"Manchmal", erklärte Nuala, "sind unsere Wagen die einzigen, die durchgelassen werden. Die Grenzübergänge bleiben wochenlang geschlossen. Wir bringen ein bißchen von jedem mit."
Sonia sah Lucas an und hob die Augenbrauen. Es war mit einemmal schwierig, sich vorzustellen, daß die Ladung in den unbeschrifteten Kisten unter der Abdeckung lediglich aus Zahnbürsten und Aspirin bestand.

Rezension IV01 LYRIKwelt © Zsolnay