Stierhunger von Linda Stift, 2002, Deuticke

Linda Stift

Stierhunger
(Leseprobe aus: Stierhunger, Roman, 2007, Deuticke)

Sie betrachtete die rosa und grünen Cremeschnitten, die
glasurverschweißten Törtchen und die komplizierten Baisergebilde,
die sich in der Auslage der Konditorei stapelten. Ihr Kleid berührte
den Boden, nur die Spitzen ihrer Schuhe ragten hervor. Das Kleid
war aus Wolle und schwarz, über den Schultern lag eine schwarze
Spitzenmantilla, deren zipfelige Enden zwischen ihren Achseln
steckten. Nicht gerade die passende Kleidung für einen warmen
Maianfang. Sie schien keine Auswahl treffen zu wollen, sondern sich
einfach an den hellen und dunklen Schokoschichten zu erfreuen, den
weißen Sahnehäubchen und den buntgefärbten Zuckergiebeln. In dem
Moment, als ich an ihr vorbeigehen wollte – ich hatte es eilig an
diesem Freitagabend, der Supermarkt schloss in einer halben Stunde
–, drehte die Frau sich um und blickte mir ungeniert ins Gesicht.
Dabei ließ sie ihren Taschenbeutel fallen. Kichernd hielt sie sich die
Hand vor den Mund. Ich bückte mich und hob den Beutel auf. Sie
nahm ihn, sah auf meine vernarbten Fingerknöchel und hob die
gezupften Augenbrauen zu spitzen Winkeln. Wollen Sie sich mit mir
einen Gugelhupf teilen? Ein ganzer ist mir zuviel, sie verkaufen hier
keine halben. Sie sagte das mit einer Liebenswürdigkeit, die gar nicht
zu ihrem unhöflichen Anstarren von vorhin passte. Ich brachte kein
Wort heraus und betrat mit ihr die Konditorei. Sie erklärte ihren
Wunsch der Verkäuferin, die ein schachtelförmiges rosa Hütchen
trug, das mit Haarklammern an ihrem schwarzen Dutt befestigt war.
Die Verkäuferin schnitt einen Marmorgugelhupf in zwei Hälften und
verpackte sie in Schachteln, die jener auf ihrem Haar glichen. Jeweils
drei Euro die Damen. Ich zahlte meinen Anteil, nahm das Päckchen
und wollte mich von der seltsamen Frau verabschieden, nun in Besitz
eines halbierten Gugelhupfes, mit dem ich nichts anzufangen wusste,
seit Jahren aß ich kaum Süßes. Ich ärgerte mich über den sinnlosen
Kauf, in den ich hineingedrängt worden war, und wollte so schnell
wie möglich weiter. Die Frau ignorierte meinen
Verabschiedungsversuch. Wissen Sie, auch ein halber Gugelhupf ist
im Grunde zuviel. Ich und meine Haushälterin können nicht soviel
essen. Und einzelne Stücke zu kaufen, das liegt mir nicht. Es entbehrt
nicht einer gewissen Tristesse, unberufen, und außerdem sind sie
ausgetrocknet, weil schon in der Früh aufgeschnitten. Meine
Wohnung ist gleich um die Ecke, machen Sie mir doch die Freude
und kommen Sie mit auf Kaffee und Kuchen. Nur für einen Sprung,
ich will Sie nicht lange aufhalten. Warum, das kann ich im
Nachhinein nicht mehr sagen, aber ich ging mit ihr mit. Der Samstag
war ruiniert. Ich würde in einen Supermarkt gehen müssen, der vor
Menschen überquoll. Und was ich nachher mit meiner
Gugelhupfhälfte anfangen sollte, wenn ich mich bei dieser Frau mit
Kuchen vollstopfte, war mir nicht klar. Schon das
Nachdenkenmüssen darüber, was mit dem Kuchenteil geschehen
sollte, verursachte mir Kopfschmerzen. Ich ärgerte mich bereits, dass
ich mich darauf eingelassen hatte und in eine fremde Wohnung
musste. Am besten wäre es, den Kuchen stehenzulassen, vielleicht
gab es jemanden, der sich darüber freute. Wahrscheinlich aber würde
das Ding im Müll landen, wer nimmt schon herrenlose Konditorware
mit sich nach Hause. Während sie vor sich hin sprach, versuchte ich
das Alter der Frau zu erraten. Ihre Stimme war sehr leise. Sie zwang
den Zuhörer, sich auf sie zu konzentrieren. Die Haut in ihrem Gesicht
war braun und wettergegerbt, wie bei Menschen, die häufig wandern
oder in der Sonne liegen, und sie hatte ausgeprägte Falten um Augen
und Mundwinkel. Trotzdem wirkte sie jung, elastisch fast, vielleicht
wegen ihrer geraden Haltung, die ihre hohe schlanke Gestalt betonte.
Ihre dunklen Haare waren zu einer komplizierten Zopffrisur
geflochten. Wir bogen in eine schmale Seitengasse, die nur ein paar
Straßen von meiner Wohnung entfernt war. Sie sperrte das Haustor
eines alten Wiener Zinshauses auf, wir stiegen bis in den dritten
Stock. Ich unterdrückte meine Kurzatmigkeit so gut es ging. Seit ich
im Erdgeschoß wohnte, fiel mir das Treppensteigen schwer. Als wir
ihre Wohnung betraten, sprang ihr ein zerfranster Hund entgegen, der
sich auf die Hinterbeine stellte und sie mit den Vorderpfoten
umarmte. Es war ein Irischer Wolfshund, fast so groß wie eine
Dogge, mit einem rauen Fell in Graubraun und eingeklappten Ohren.
Die langen dünnen Läufe trugen zu seiner ausgemergelten
Erscheinung bei. Er sah genauso aus wie das Bild, das in mir
aufsteigt, wenn das Wort Hund fällt und keine bestimmte Gattung
gemeint ist. Dennoch handelte es sich um eine hochgezüchtete, über
1500 Jahre alte Windhundrasse, im 17.Jahrhundert beinahe
ausgestorben und nur durch Einkreuzung von anderen, ähnlich
großen Hunden am Leben erhalten, gefestigt, wie es in der
Züchtersprache heißt. Das wusste ich von Charlotte, die ständig
Bücher über Hunderassen las, obwohl sie gar keinen Hund hatte.
Promenadenmischung, dachte ich bei seinem Anblick. Die Frau rang
eine Zeit lang mit dem Hund, dann rief sie Ida!, mit einem
hysterischen Unterton. Sie musste diesen Namen schon tausende
Male gerufen haben. Eine dünne Tapetentür ging auf und eine dicke
Frau um die Sechzig schlurfte aus einem Kabuff, dessen mit
Möbelgerümpel vollgeräumtes Inneres sich hinter ihr abzeichnete.
Die Frau blieb vor dem Türausschnitt stehen, mit zerzausten Haaren,
die sie ungeschickt aufgesteckt hatte. Offensichtlich hatte sie bis vor
kurzem geschlafen, sie blinzelte und ihr Gesicht war zerknautscht,
zeigte die faltigen Spuren eines Kopfpolsters. Sie trug das gleiche
schwarze Kleid wie die andere, ohne Mantilla, allerdings passte es ihr
nicht besonders, es war verschnitten, die Ärmel zu lang und zu weit,
an den Schultern und unter den Achseln spannte der Stoff. Nicht zu
glauben, dass sie vier Jahre jünger ist als ich, nicht wahr? Was war
sie doch für ein süßer Schneck, mein kleines Idalein, mein kedves
Idám, sagte sie mit einem Seitenblick auf mich. Und jetzt? Schauen
Sie sie an! Na ja, wir werden alle nicht jünger. Sie schüttelte den
Hund ab und gab Ida, die diese Bemerkungen hinter ihrem Rücken
mit einer Grimasse quittierte, Anweisungen, Kaffee zu kochen und
den Tisch im Salon zu decken. Der Hund beschnüffelte mich, er
versuchte seine stumpfe Schnauze zwischen meine Beine zu drängen,
die ich ängstlich zusammenpresste. Da er hier nichts ausrichtete,
trottete er in Idas Zimmer und legte sich hin. Wenn Sie wüssten, was
ich alles unternehme, um meine Figur zu halten, unberufen! Aber es
lohnt sich, ich kann essen was ich will und werde trotzdem nicht zu
schwer. Madame essen wie ein Spatz, rief Ida ungefragt aus der
Küche.
*
Oft war ich dabei, wenn man sie in ihre Kleider einnähte. Ich las ihr
dann Heinegedichte vor oder erzählte ihr von meinem schönen
Ungarn. Sie konnte nicht genug bekommen von den endlosen Ebenen
und geheimnisvollen Wäldern, den wilden Pferden und sagenhaften
Reitern. Die Kleider mussten so eng wie möglich anliegen, und das
war nur durch Einnähen möglich. Für darunter liebte sie kleine, dicht
anschmiegende Hemdchen. Ich rang selbst nach Luft, wenn ich sah,
wie fest sie sich schnüren ließ. Wie sie mit der Zofe schimpfte, wenn
diese zu locker schnürte, und wie die Zofe dann, schweißüberströmt
und keuchend, die Bänder noch stärker anzog, bis der Stoff knirschte.
Ihre Taille maß nicht mehr als 50 Zentimeter, ein Mann hätte sie mit
beiden Händen umfassen können. Kein Wunder, sie aß ja kaum
etwas. Damit sie noch schmäler aussah, trug sie keine von den
voluminösen Unterröcken, die ja enorm auftrugen, sondern lange
Beinkleider, im Sommer aus Seidentrikot, im Winter aus feinstem
Rehleder.
*
Der Salon war überfüllt mit Teppichen, Diwanen, kleinen Tischchen
und nachgemachten Rokokosesseln, was eine bedrückende Intimität
erzeugte, die einem das Gefühl gab, ein Eindringling zu sein. An den
Fenstern hingen dunkelrote Brokatvorhänge. Das Nest einer fremden
Spezies. In einer Ecke stand eine Volière, in der zwei hellgraue
Papageien mit roten Schwanzfedern und weißem Augenfeld
miteinander schnatterten. In einer anderen Ecke war ein altes
Fernsehgerät aufgestellt, daneben ein Videorecorder, davor ein
flaschengrüner Fernsehsessel mit Fußstütze und Kippfunktion. Die
einzigen Zugeständnisse an die Gegenwart. An die Gegenwart vor 20
Jahren. Überall lehnten grobkörnige Fotos aus dem 19. Jahrhundert:
Jungen im Matrosenanzug, im Seeräuberkostüm, Mädchen in
kegelförmigen weißen Rüschenkleidchen, Frauen mit Zylinder oder
in arabische Burnusse gewickelt, umgeben von großen Jagdhunden
oder gestutzten Pudeln mit Löwenmähne, junge Männer in Uniform
mit seitlichem Säbel, sogar ein Portrait von Kaiser Franz Joseph mit
dem unvermeidlichen Backenbart, der Inbegriff biederer
Bürgerlichkeit, und mehrere Bilder der jungen Kaiserin Elisabeth,
darunter eine kleine Kopie des berühmten Gemäldes, auf dem
Elisabeth nur mit einem Nachthemd bekleidet ist, die offenen langen
Haare vor der Brust zu einem dicken Knoten verschlungen. Ein Paar
Ringe, solche wie sie Turner verwenden, hingen vom Türstock
zwischen Salon und einem zweiten Zimmer, das mit ähnlichen
Teppichen und Möbeln bestückt war. Die Ringe lockerten das
unheimliche Ambiente etwas auf. Mein erster Gedanke in einer
fremden Wohnung ist immer, wie ich die Einrichtung verändern
würde, was man alles hinauswerfen könnte, damit der Raum besser
zur Geltung kommt. Oft liegt die mangelnde Harmonie nur an einer
Kleinigkeit, dem Festhalten an Gewohnheiten, die einmal einen Sinn
ergeben haben, oder an einem Provisorium, das sich im Laufe der
Zeit an das übrige Mobiliar angepasst hat und den Bewohnern als
solches nicht mehr auffällt. Hier war nichts zu machen. Das Interieur
samt den Turnringen war in seiner Weise perfekt, jedoch höchst
deprimierend. Je schneller ich hier rauskam, umso besser. Die
Gastgeberin, die sich mir nun endlich als Frau Hohenembs vorstellte
– Vornamen nannte sie keinen –, hatte sich in den einzigen Sessel mit
Armlehnen gesetzt. Die Haushälterin fuhr ein Serviertischchen in den
Salon und stellte die aufgeschnittene Kuchenhälfte – die Stücke
waren dick geschnitten –, eine Kanne Kaffee, drei Tassen und drei
kleine Teller auf den Tisch. Der Kaffee schwappte aus dem Schnabel
der Kanne und die Tassen klirrten auf ihren Untertellern eine Spur
länger als man erwartete. Sie klirrten in den Ohren nach. Die
Papageien machten Geräusche, die dem Klirren ähnelten, man hätte
es auch als Lachen interpretieren können. Ida hatte einen weißen
Arztkittel über ihr Kleid gezogen. Er spannte über der Brust und war
zu kurz, so dass unten das Kleid und bei den Händen die zu langen
Ärmel herausschauten. Sie legte eine Serviette, die sie zweimal
zusammenfaltete, auf das Tischtuch über die gerade von ihr
verursachten Kaffeeflecken, stellte ein gerahmtes Foto von einer Frau
darauf, die im Damensitz, die Beine von einem Kleid verdeckt, auf
einem Pferd saß und sich einen Fächer vor das Gesicht hielt. Sie
schenkte ein, zuerst Frau Hohenembs, dann mir, dann sich selbst. Ihre
Fingernägel waren bis aufs Fleisch abgebissen. Bei einer älteren Frau
hatte ich das noch nie gesehen. Ida zog den Arbeitsmantel aus, hängte
ihn über die Lehne des Sessels, auf den sie sich setzte, und richtete
den Blick auf Frau Hohenembs. Erst als diese einen Teller
genommen und mit zwei spitzen Fingern ein Kuchenstück
abgebrochen hatte, an dem sie zu knabbern begann, fing Ida ebenfalls
zu essen an. Sie sah jetzt etwas frischer aus als zuvor, die Haare
waren neu aufgesteckt, und das Gesicht zeigte keine Polsterspuren
mehr. Sie hatte durch ihre Leibesfülle weniger Falten als Frau
Hohenembs, die man eigentlich als mager, wenn nicht gar ausgezehrt
bezeichnen musste. Rasch hintereinander aß Ida vier Stücke und
schenkte sich zu jedem Kaffee nach, ohne sich darum zu kümmern,
ob Frau Hohenembs oder ich schon ausgetrunken hatten. Diese nippte
nur an ihrer Tasse, während meine bereits leer war. Obwohl mir der
Kaffee nicht besonders schmeckte – er war zu bitter –, hatte ich ihn
mit zwei Schlucken hinuntergestürzt. Ich krümelte mit meinem
Gugelhupf auf dem Teller herum. Wenn ich jetzt Kuchen aß, konnte
ich nichts zu Abend essen, ich hätte viel lieber Salat oder ein
Käsebrot mit Tomaten gegessen. Dieser elende Kuchen brachte mich
aus dem Gleichgewicht. Was ist denn mit Ihnen, schmeckt es Ihnen
nicht?, fragte Frau Hohenembs, wobei sie ihren angenagten Kuchen
wie einen Hühnerknochen zwischen Daumen und Zeigefinger hielt.
Ich schob ein großes Stück in den Mund. Wie kommen Sie darauf?
Um vom Thema abzulenken, fragte ich sie, warum überall diese
Bilder von der Kaiserin standen. Sie zuckte mit den Achseln und
antwortete nicht. Ich tat so, als hätte ich diese Unhöflichkeit nicht
bemerkt, und sah mich betont interessiert im Raum um. Ich deutete
auf die Ringe, sie hingen ziemlich hoch. Turnen Sie an den Ringen?,
versuchte ich es ein zweites Mal. Ach wissen Sie, früher einmal!
Manchmal schwinge ich mich noch ein wenig hin und her, ich bin zu
steif geworden. Sie können sie gerne ausprobieren, wenn Sie
möchten. Ich kann Ihnen auch ein paar Übungen erklären. Ida, lass
die Ringe herunter. Nein danke, ich wehrte ab, obwohl es mich
gereizt hätte. In der Schule war Ringturnen das Einzige gewesen, was
ich nicht verabscheut hatte. Lieber nicht, der Kaffee könnte mir
hochkommen, entschuldigte ich mich. Ida hatte auf den Befehl
ohnehin nicht reagiert, sondern sich stattdessen Kaffee
nachgeschenkt. Nehmen Sie wenigstens noch ein Stück, sagte Frau
Hohenembs und hielt mir den Teller hin, nach dem Ida bereits die
Hand ausgestreckt hatte, die nun ins Leere griff. Ich nahm ein zweites
Kuchenstück und schluckte es mit drei Bissen hinunter.

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