Die Karthause von Parma von Stendhal, 2007, Hanser

Stendhal

Die Kartause von Parma
(Leseprobe aus: La Chartreuse de Parma/Die Kartause von Parma, Roman, 1839/1845/2007, Hanser - Übertragung Elisabeth Edl)

Plötzlich sah Fabrizio aus feindlicher Richtung vier Männer in
gestrecktem Galopp herankommen. Ah! wir werden angegriffen,
sagte er sich; dann sah er zwei dieser Männer mit dem Marschall
sprechen. Einer der Generäle aus dem Gefolge des Marschalls
galoppierte in feindliche Richtung, hinter ihm zwei Husaren der
Eskorte und die vier eben erst eingetroffenen Männer. Nachdem alle
über einen kleinen Kanal gesetzt hatten, fand sich Fabrizio neben
einem sehr gutmütig aussehenden Wachtmeister. Mit dem muß ich
reden, sagte er sich, vielleicht hören sie dann auf, mich anzustarren.
Er überlegte lange.
»Monsieur, ich nehme zum ersten Mal an einer Schlacht teil«, sagte
er endlich zu dem Wachtmeister; »ist das auch eine richtige
Schlacht?«
»Das will ich meinen. Aber wer sind Sie überhaupt?«
»Ich bin der Bruder der Frau eines Rittmeisters.«
»Und wie heißt dieser Rittmeister?«
Unser Held kam in schreckliche Verlegenheit; diese Frage hatte er
nicht erwartet. Zum Glück galoppierten der Marschall und die
Eskorte weiter. Was für einen französischen Namen soll ich sagen?
dachte er. Endlich fiel ihm der Name des Hotelwirts ein, bei dem er
in Paris logiert hatte; er ritt nahe an den Wachtmeister heran und
schrie aus Leibeskräften:
»Rittmeister Meunier!« Der andere hörte wegen des
Kanonengedröhns schlecht und antwortete: »So! Rittmeister Teulier?
Na, der ist gefallen.« Bravo! sagte sich Fabrizio. Rittmeister Teulier;
ich muß bestürzt wirken. »Oh, mein Gott!« rief er und setzte eine
Leidensmiene auf. Sie hatten den tiefer liegenden Weg verlassen und
ritten in gestrecktem Galopp über eine kleine Wiese, wieder sausten
Kanonenkugeln, der Marschall wandte sich zu einer
Kavalleriedivision. Die Eskorte stand zwischen Leichen und
Verwundeten; aber dieses Schauspiel machte schon nicht mehr so
viel Eindruck auf unseren Helden; seine Gedanken waren anderswo.
Während die Eskorte hielt, entdeckte er den kleinen Wagen einer
Marketenderin, und da seine Zuneigung zu diesem ehrenwerten
Berufsstand stärker war als alles andere, ritt er hinüber.
»Hiergeblieben, Himmelherrgotts…!« schrie ihm der Wachtmeister
nach.
Was kann er mir hier schon tun? dachte Fabrizio und ritt weiter auf
die Marketenderin zu. Als er seinem Pferd die Sporen gab, hatte er
ein wenig gehofft, es sei die gute Marketenderin vom Vormittag; die
Pferde und die kleinen Karren glichen einander sehr, aber die
Besitzerin war ganz anders, und unser Held fand, daß sie böse aussah.
Als Fabrizio näher kam, hörte er sie sagen: »Schade drum, er war ein
schöner Mann.« Ein gräßliches Schauspiel erwartete den neuen
Soldaten; gerade wurde einem Kürassier, einem schönen jungen
Mann von fünf Fuß und zehn Zoll, das Bein abgeschnitten. Fabrizio
schloß die Augen und trank vier Gläser Branntwein hintereinander.
»Du bist ja ganz schön flott, Bürschchen!« rief die Marketenderin.
Der Branntwein brachte ihn auf einen Gedanken: Ich muß mir das
Wohlwollen meiner Kameraden, der Husaren von der Eskorte,
erkaufen.
»Geben Sie mir die restliche Flasche«, sagte er zu der Marketenderin.
»Weißt du auch«, antwortete sie, »daß dieser Rest an einem Tag wie
heute zehn Franc kostet?«
Als er wieder zu der Eskorte stieß:
»Ach! du bringst uns Schnaps!« rief der Wachtmeister, »deshalb bist
du ausgerissen? Gib her.«
Die Flasche ging reihum; der letzte, der sie bekam, warf sie in die
Luft, nachdem er getrunken hatte. »Danke, Kamerad!« rief er
Fabrizio zu. Alle Augen ruhten wohlwollend auf ihm. Diese Blicke
nahmen Fabrizio eine hundert Pfund schwere Last vom Herzen: er
hatte eines jener allzu empfindlichen Herzen, die der Freundschaft
ihrer Umgebung bedürfen. Endlich wurde er von seinen Kameraden
nicht mehr scheel angesehen, es gab etwas, was sie verband! Fabrizio
atmete auf, dann sagte er unbefangen zum Wachtmeister:
»Wenn Rittmeister Teulier gefallen ist, wo kann ich dann meine
Schwester finden?« Er fühlte sich wie ein kleiner Machiavelli, so gut
wie er Teulier statt Meunier sagte.
»Das werden Sie heute abend erfahren«, erwiderte der Wachtmeister.
Die Eskorte ritt weiter und hielt auf einige Infanteriedivisionen zu.
Fabrizio fühlte sich ganz berauscht; er hatte zuviel Branntwein
getrunken, er schwankte ein wenig im Sattel: im rechten Augenblick
fiel ihm ein Spruch ein, den der Kutscher seiner Mutter immer so
gern anbrachte: Wenn man einen gestemmt hat, muß man zwischen
den Ohren seines Pferdes hindurchschauen und tun, was der
Nebenmann tut. Der Marschall verweilte lange bei mehreren
Kavallerieeinheiten, die er in den Angriff schickte; doch während ein,
zwei Stunden nahm unser Held kaum wahr, was um ihn herum
vorging. Er fühlte sich ganz matt, und wenn sein Pferd galoppierte,
fiel er wie ein Stück Blei zurück in den Sattel.
Plötzlich schrie der Wachtmeister seine Männer an:
»Seht ihr den Kaiser nicht, Himmelherrgotts…!« Sofort schrie die
Eskorte aus voller Kehle Es lebe der Kaiser! Man kann sich ja
denken, daß unser Held die Augen aufriß, doch er sah nur Generäle
vorbeigaloppieren, denen ebenfalls eine Eskorte hinterherritt. Das
lang herabfallende Roßhaar, das die Dragoner des Gefolges an ihren
Helmen trugen, hinderte ihn, die Gesichter zu erkennen. Jetzt habe
ich den Kaiser auf dem Schlachtfeld nicht sehen können, und schuld
ist nur der verdammte Branntwein! Diese Überlegung weckte ihn
endgültig auf.
Wieder ritten sie hinab zu einem überschwemmten Weg, die Pferde
wollten trinken.
»Der Kaiser ist also hier vorbeigekommen?« sagte er zu seinem
Nebenmann.
»Ja, freilich! der keinen bestickten Rock anhatte, der war’s. Wieso
haben Sie ihn nicht gesehen?« erwiderte der Kamerad wohlwollend.
Fabrizio hatte große Lust, der Eskorte des Kaisers nachzusprengen
und sich ihr anzuschließen. Was für ein Glück, wirklich Krieg zu
führen im Gefolge dieses Helden! Deshalb war er nach Frankreich
gekommen. Ich bin Herr meiner Entschlüsse, sagte er sich, denn
immerhin habe ich keinen anderen Grund für den Dienst, den ich hier
tue, als den Willen meines Pferdes, das den Generälen einfach
hinterhergaloppiert ist.
Was Fabrizio zum Bleiben bewog, war die Freundlichkeit, mit der
ihm die Husaren, seine neuen Kameraden, begegneten; er fing an,
sich für einen engen Freund all der Soldaten zu halten, mit denen er
seit ein paar Stunden umhergaloppierte. Zwischen ihnen und sich sah
er dieselbe edle Freundschaft wie bei den Helden Tassos und Ariosts.
Wenn er sich dem Gefolge des Kaisers anschloß, mußte er neue
Bekanntschaften knüpfen; vielleicht würde man ihm unfreundlich
begegnen, jene anderen Reiter waren ja Dragoner, und er trug eine
Husarenuniform wie das gesamte Gefolge des Marschalls. Die Art,
wie er jetzt angesehen wurde, machte unseren Helden überglücklich;
für seine Kameraden hätte er alles auf der Welt getan; seine Seele
und sein Geist schwebten in den Wolken. Alles schien ihm verändert,
seit er mit Freunden zusammen war, er brannte darauf, Fragen zu
stellen. Aber ich bin noch ein wenig betrunken, sagte er sich, ich muß
an die Kerkermeisterin denken. Als er aus dem Hohlweg herauskam,
merkte er, daß die Eskorte nicht mehr bei Marschall Ney war; der
General, dem sie folgten, war groß, schlank und hatte ein hageres
Gesicht und einen furchterregenden Blick.
Dieser General war niemand anders als Graf von A***, der
Oberleutnant Robert des 15.Mai 1796. Wie glücklich wäre er
gewesen, Fabrizio del Dongo zu sehen!
Schon lange nahm Fabrizio die von Kanonenkugeln als schwarze
Krümel durch die Luft gewirbelte Erde nicht mehr wahr; man
gelangte hinter ein Kürassierregiment, er hörte deutlich
Kartätschenkugeln auf die Brustpanzer schlagen und sah mehrere
Männer fallen.
Die Sonne stand schon tief und war am Untergehen, als die Eskorte,
aus einem Hohlweg kommend, einen kleinen, drei bis vier Fuß hohen
Hang zu einem umgepflügten Feld hinaufritt. Fabrizio hörte dicht
neben sich ein seltsames leises Geräusch: er schaute sich um, vier
Männer waren samt ihren Pferden gestürzt; auch der General war
umgerissen worden, doch stand er blutüberströmt wieder auf.
Fabrizio betrachtete die zu Boden geschleuderten Husaren: drei
zuckten noch ein wenig, der vierte schrie: »Zieht mich raus!« Der
Wachtmeister und zwei, drei Männer waren abgesessen, um dem
General zu helfen, der, auf seinen Aide-de-camp gestützt, ein paar
Schritte versuchte; er wollte weg von seinem Pferd, das sich am
Boden wälzte und wild mit den Hufen um sich schlug.
Der Wachtmeister näherte sich Fabrizio. In diesem Augenblick hörte
unser Held, wie jemand hinter ihm und ganz nah an seinem Ohr
sagte: »Es ist das einzige, das noch galoppieren kann.« Er spürte sich
an den Füßen gepackt; sie wurden hochgehoben, während ihn
gleichzeitig jemand unter den Armen faßte; er wurde über die Kruppe
seines Pferdes gezogen, dann ließ man ihn zu Boden rutschen, wo er
auf sein Hinterteil fiel.
Der Aide-de-camp nahm Fabrizios Pferd am Zügel; der General saß
mit Hilfe des Wachtmeisters auf und ritt davon; die sechs
übriggebliebenen Männer sprengten ihm nach. Fabrizio rappelte sich
wütend auf und lief ihnen schreiend hinterher: Ladri! Ladri! (Diebe!
Diebe!) Es war komisch, mitten auf einem Schlachtfeld Dieben
hinterherzulaufen.
Die Eskorte und der General, Graf von A***, verschwanden bald
hinter einer Weidenreihe. Außer sich vor Zorn, kam auch Fabrizio zu
diesen Weiden; er stand an einem ziemlich tiefen Kanal, den er
durchquerte. Auf der anderen Seite angelangt, begann er von neuem
zu fluchen, denn er sah noch einmal, allerdings in sehr großer
Entfernung, den General und die Eskorte, die zwischen den Bäumen
davonritten. Diebe! Diebe! schrie er jetzt auf französisch. Verzweifelt
weniger über den Verlust seines Pferdes als über den Verrat, sank er
am Rand des Grabens nieder, müde und halbverhungert. Wenn ihm
sein schönes Pferd vom Feind geraubt worden wäre, hätte er keinen
Gedanken daran verschwendet; aber von diesem Wachtmeister, den
er so liebte, und von diesen Husaren, die er als Brüder betrachtete,
verraten und bestohlen werden! das brach ihm das Herz. Über so viel
Niedertracht konnte er sich nicht hinwegtrösten, und den Rücken an
eine Weide gelehnt, vergoß er bittere Tränen. Nacheinander
zerpflückte er all seine schönen Träume von ritterlicher und
erhabener Freundschaft, wie die Helden des Befreiten Jerusalem sie
kannten. Dem Tod entgegensehen bedeutete nichts, umgeben von
heldenmütigen und empfindsamen Seelen, von edlen Freunden, die
einem im Augenblick des letzten Atemzugs die Hand drücken! doch
wie sollte man seine Begeisterung bewahren, umgeben von ruchlosen
Schurken!!! Fabrizio übertrieb, wie jeder empörte Mensch. Nach
einer Viertelstunde des Selbstmitleids merkte er, daß die
Kanonenkugeln inzwischen bis zu der Baumreihe geflogen kamen, in
deren Schatten er grübelte. Er stand auf und versuchte sich zu
orientieren. Er blickte über die von einem breiten Kanal und der
Reihe buschiger Weiden gesäumten Wiesen: er glaubte sich
auszukennen. Er sah eine Infanterieeinheit, die den Graben
durchquerte und über die Wiesen marschierte, eine Viertelmeile vor
ihm. Fast wäre ich eingeschlafen, sagte er sich; ich darf nicht in
Gefangenschaft geraten; und er begann kräftig auszuschreiten. Als er
in ihre Nähe kam, war er beruhigt, er erkannte die Uniform; die
Regimenter, von denen er befürchtet hatte, sie könnten ihn
abschneiden, waren Franzosen. Er bog nach rechts, um sie
einzuholen.
Zu dem seelischen Schmerz, auf so erbärmliche Weise verraten und
bestohlen worden zu sein, kam noch ein anderer, der ihn mit jedem
Augenblick stärker quälte: Er war halbverhungert. Nachdem er zehn
Minuten gegangen oder vielmehr gerannt war, sah er deshalb mit
ungeheurer Freude, daß die Infanterieeinheit, die ebenfalls sehr
schnell vorrückte, haltmachte, als wolle sie Stellung beziehen. Ein
paar Minuten später war er bei den ersten Soldaten.
»Kameraden, könnt ihr mir ein Stück Brot verkaufen?«
»Da schau her! der Kerl hält uns für Bäcker!«
Diese harten Worte und das allgemeine Gelächter, das auf sie folgte,
entmutigten Fabrizio vollends. Der Krieg war also nicht mehr jene
edle und gemeinschaftliche Begeisterung ruhmverliebter Seelen, wie
er es sich nach den Aufrufen Napoleons vorgestellt hatte! Er setzte
sich oder ließ sich vielmehr ins Gras fallen: er wurde sehr bleich. Der
Soldat, der mit ihm gesprochen hatte und zehn Schritt entfernt
stehengeblieben war, um mit einem Taschentuch den Pfannendeckel
seines Gewehrs zu putzen, kam näher und warf ihm Brot hin; als der
Soldat sah, daß er er es nicht aufhob, steckte er ihm ein Stück von
diesem Brot in den Mund. Fabrizio schlug die Augen auf und aß das
Brot, hatte aber nicht die Kraft zu sprechen. Als er endlich nach dem
Soldaten schaute, um ihn zu bezahlen, war er allein, die nächsten
Soldaten waren hundert Schritt entfernt und marschierten.
Mechanisch stand er auf und folgte ihnen. Er trat in ein Wäldchen; er
war zum Umfallen müde und hielt schon Ausschau nach einem
bequemen Platz; doch wie groß war seine Freude, als er zuerst das
Pferd, dann den Wagen und am Ende die Marketenderin vom
Vormittag erkannte! Sie kam zu ihm gelaufen und war erschrocken
über sein Aussehen.
»Mach noch ein paar Schritte, mein Kleiner«, sagte sie; »bist du
verwundet? und dein schönes Pferd?« Während sie so redete, führte
sie ihn zu ihrem Wagen und half ihm hinauf, wobei sie ihn unter den
Armen stützte. Kaum auf dem Wagen, fiel unser Held, von
Müdigkeit übermannt, in tiefen Schlaf.*
* Para v. P. y E. 15 x. 38

Rezension I Buchbestellung I home IV07 LYRIKwelt © Hanser