Frau Reinelt von Gertrude Stein, 2001, Achilla-PresseGertrude Stein

Frau Reinelt
(Leseprobe aus:
Frau Reinelt, Roman, Achilla Presse - Übertragung Klaus Schmirler).

ERSTES KAPITEL

Es braucht Mut zum Mutigsein sagte Frau Reinelt.
Sie sagte es war immer Sonntag und jetzt war es Dienstag.
Wenn es Sonntag und Dienstag wäre, dann wäre es doch ein Tag zuviel.
Frau Reinelt seufzte nie, sie weinte manchmal aber sie seufzte nie.
Die ganze Welt weiß wie man weint aber nicht die ganze Welt weiß wie man seufzt.
Seufzen ist besonders.
Frau Reinelt war eine hübsche Frau und sie war immer nur gesund gewesen.
Ihr Mann war ein netter Mann er sah nett aus und er war nett.
Er war nicht gesund und kräftig aber er kam sehr gut zurecht.
Sie waren ein gutaussehendes Paar und sie hatten ihr Leben begonnen und so lebten sie eben. Sie hatten so gelebt.
Sie hatten eine Schwägerin namens Esperanza die die Frau von Herrn Reinelts jüngerem Bruder war.
Frau Reinelt hatte gern wenn Rosen Rosen waren. So dachte sie über Rosen. Sie dachte über alle Rosen so.
Sie hatte einen Neffen, der war still und arbeitete von morgens bis abends, er arbeitete gern. Er hatte immer einen anderen Jungen gekannt der auch still war nicht ganz so still aber still und der nicht ganz so gut von morgens bis abends arbeitete aber gut genug. Sie hatten sich immer gekannt, sie sind zusammen zur Schule gegangen, sie waren beide fünfundzwanzig Jahre alt und dann wurden sie beide Soldaten und sie wurden beide von einer Bombe am gleichen Tag getötet.
Frau Reinelt tat das sehr leid, ihre Augen waren voller Tränen und sie sagte er wäre tot, ihr war klar daß er tot war weil ihnen gesagt wurde daß er tot war. Sie waren beide tot.
Frau Reinelt und ihr Mann hatten nichts gegen Wind und Regen, sie hatten nichts gegen Hitze, sie mochten Schnee nicht so besonders, Herr Reinelt blieb dann im Haus und Frau Reinelt konnte dann nicht sehr weit gehen, sie sprachen oft über Datteln im Kuchen und sie sprachen oft über Brot in der Suppe, sie sprachen auch oft über Eier und Butter aber am häufigsten sprachen sie über Perlhühner und Gänse. Das hatten sie von allen Gesprächsthemen am liebsten. Natürlich hörten sie Nachrichten, sie hatten einen also nicht richtig adoptierten Sohn, aber einen der nie einer werden könnte und der hieß Roger.
Sie verloren oft einen Hund, das heißt er überlebte nicht und das betrachteten sie als großes Unglück.
Frau Reinelt beschwerte sich nie aber sie erzählte es.
Frau Reinelt war still und unkompliziert, wenn sie sagte gut, meinte sie gut. Wirklich.
Frau Reinelt geht nicht nur über Rosen, es ist mehr über Dienstage als über Rosen. Frau Reinelt hatte viele Arten Dienstage. Es gab die Dienstage die nach Montagen kamen, es gab die Dienstage die vor Mittwochen kamen, es gab die Dienstage die nach den ersten Sonntagen kamen es gab eine große Vielfalt von Dienstagen und alles fing mit dem Dienstag an dem Frau Reinelt geboren wurde. Das war ein Dienstag.

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