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Schwarzes
Wasser
(Leseprobe aus:
Schwarzes Wasser, Erzählung, 2003. Beck).
I.
Wir verlassen das Wohnzimmer mit seinen Polstermöbeln und schweben geräuschlos durch das Esszimmer in Richtung Flur, vorbei an einem Wald von Stuhlbeinen, an dem Gitter der Lehnen vor dem Hintergrund der Tischdecke, und rechts geht es in den Garten, wo sich der Tag vorbereitet auf seinen Auftritt, mit blauem Lichteinfall und rastlos ihren Part übenden Vögeln in dieser überaus frühen Stunde, dann in den Flur über den Steinfußboden, den schon seit vielen Nachtstunden keine nackte Fußsohle mehr angewärmt hat, tappend auf der Suche nach einem Glas Milch, wir gleiten über den borstigen Fußabstreifer, unter dem Fensterbrett vorbei, auf dem die ungeöffnete Post liegt, in die Garderobe mit ihren stickigen Mäntel und Pelzen, dann in die Toilette, in deren Schüssel sich seit vielen Nachtstunden die gleiche Wasseroberfläche spiegelt, als sei auch sie aus Porzellan, dann zurück in den Flur und in den Treppenschacht hinauf, ganz ohne Knarzen in das lichtere Stockwerk, wo viele weiße Türen abgehen, deren eine wir öffnen und in ein Schlafzimmer schlüpfen, in ein dunkles warmes Schlafzimmer, das mit goldbrokatenen Vorhängen sich gegen den Andrang da draußen zäh zur Wehr setzt, eine belagerte Festung, eine letzte Zuflucht für das warme kostbare Dunkel, aber es genügt, dass wir die Stoffe ein wenig teilen, um es in Aufruhr zu versetzen, flüsternd und aufschauernd sammelt es sich in den Ecken, und als wir den Messinggriff drehen und mit einem Ruck die Balkontür öffnen, dass sich die Vorhänge blähen unter dem Ansturm, ist es schon zerstoben und entwischt, die Vorhänge erblasst zu weihelosem Leinen, und wir treten hinaus auf den Balkon in die Kühle und übergeben dem Tag die Schlüssel, dem Eroberer, die Morgenfeuchte in den Haaren, dass er eintrete, das Reich zu erben.
Den Schaden hat dabei Wolodja: Er schnauft und kauert sich tiefer in die Kissen, aber die Zugluft und der plötzliche Lärm der Vögel stechen durch die Hülle seines Schlafs. Aufstehen und die Tür zumachen? Er blinzelt. Dann findet er nicht mehr in den Schlaf zurück, weiß er, um diese überaus frühe Zeit ist er dann wach. Andererseits: Ist er sowieso. Gib auf, denkt er. Du bist besiegt. Er schlägt die Decke zurück und gibt so das Häuflein Verwegener preis, die im ihrem Schutz noch überdauert hatten, und er weiß, dass er jetzt ebensogut auch aufstehen kann, weil er die Kühle in sein Bett gelassen hat, um halb fünf Uhr in der Frühe.
Er tritt hinaus auf den Balkon, egal ist ihm seine morgentliche Erektion, die jetzt niemand sieht draußen um diese Zeit, und er entschädigt sich mit ein paar Atemzügen, mit der Empfindung des Taus auf dem Geländer und unter seinen Fußsohlen, so dass er die Zehen einkrümmt, und einem angenehmen Gefühl, etwas Abenteuerliches zu tun.
Er wird sich jetzt einen Tee machen. Auf dem Weg nach unten in die Küche hört er, wie die Treppe knarzt unter seinen Schritten, und er wundert sich, was man alles wahrnehmen kann, wenn man zu einer ungewohnten Zeit aufsteht. Albert schläft noch, und die Anwesenheit von Schlafenden reicht nie über ihr Bett hinaus; es ist, als sei man allein im Haus.
Er füllt den Wasserkocher und wartet. Heute ist Elisabeths Geburtstag. Abends wird das große Fest sein. Dann wird diese Küche summen vor Geschäftigkeit, und das Chaos wird wuchern in allen Ecken, überall knutschende Paare und im Keller werden die Drei Undurchsichtigen und ihre gefährlichen Freunde sitzen und koksen, und es wird eine fürchterliche Unordnung herrschen.
Befriedigt beobachtet er, wie der Teebeutel seine braunschlierige Essenz abgibt an das Wasser. Aber es ist ja Elisabeths Geburtstag. Sie schläft wohl noch und weiß noch gar nicht, dass ihr Geburtstag schon angefangen hat. Sie wollte erst um zehn kommen. Das ist in fünf Stunden. Er muss gähnen.
Der Tee ist noch zu heiß. Er pustet in die Tasse.
Da sind Stimmen und Schritte im Flur. Was soll das denn? Er hat ein Recht darauf, allein zu sein an diesem empfindlichen frühen Morgen.
Herein kommen durch die Tür: die Drei Undurchsichtigen. Voraus Corinne, die bleiche Schöne, die sich lieber die Zunge abbeißen würde als ihn zu fragen, was er denn so früh hier mache. Und Marcus und der dünne Thorsti. Es wird wechselseitig mit der linken Augenbraue gegrüßt, und schweigend trollen sich die drei in den Keller. Wo kommen die denn jetzt her? Unten rumpelt es.
Jetzt kann er eigentlich wieder ins Bett gehen. Es könnte schon sein, dass er noch ein bisschen Schlaf bekommt, bevor der Tag anbricht.
Der Wecker fiept ein paar mal, dann wartet er. Dann noch einmal: Drei Sekunden Fiepen. Der Wecker hat Geduld, er tut nur seine Pflicht. Da, sie kneift schon die Augen zu. Eine Hand kommt unter der Decke hervor, ballt sich auf dem Kissen zusammen. Er hört nicht auf: Sie muss ihn fäustlings zum Schweigen bringen.
Elisabeth setzt sich auf in ihrem Bett. Es ist heiß, und das Laken unter ihr ist zu einem Knäuel zusammengeschoben. Sie schiebt die Decke zurück, um ihren bloßen Beinen Kühlung zu verschaffen. Sie weiß: Es ist ihr Geburtstag heute, und sie wird zwanzig. Die Teenager müssen künftig ohne sie zurecht kommen. Das werden sie auch, sehr gut sogar, genauso wie diese gutangezogenen jungen Leute mit einer Zwei vorne, zu denen sie jetzt gehören soll, bisher ohne sie zurechtgekommen sind. Sie hat nicht die geringste Lust. Wäre einer gekommen und hätte gesagt, es sei ein Irrtum passiert, es handle sich leider erst um den Neunzehnten, sie hätte gesagt: Klar, macht überhaupt nichts, wirklich. Das hätte seine Richtigkeit gehabt: Neunzehn ist in Ordnung, neunzehn ist gar nichts, ob achtzehn oder neunzehn interessiert keinen Menschen. Mit neunzehn, das weiß sie aus einer dieser Zeitschriften, sind noch elf Prozent aller Mädchen Jungfrauen. Mit zwanzig nur noch dreieinhalb.
Sie streift ihr Nachthemd hoch und öffnet die Schenkel: Diese haarige kleine Falte da, säuberlich geschlossen wie eine Geldbörse mit Schnappverschluss, ist neben ihrem Tagebuch das einzige, das kein Mensch außer ihr jemals zu sehen gekriegt hat. Von ihrer Mutter und dem Frauenarzt einmal abgesehen. Seit sie ihre Tage bekommen hat, hat sich nichts mehr getan bei ihr, sexuell. Sinja Babel war - wann? in der Achten? da waren sie vierzehn - ins Klassenzimmer gestürzt und hatte geschrien: Negativ! Erst Wochen später hatte sie verstanden, dass sie den Schwangerschaftstest gemeint hatte.
So ist es eben. Auf dem Weg ins Bad hört sie ihre Mutter in der Küche. Auf dem Spiegel klebt eine Haftnotiz: Happy Birthday!, steht darauf, und daneben ein Herz. Das ist immerhin nett.
Und den Frühstückstisch hat sie mit Blumen geschmückt für sie. Es gibt Kuchen. Die Mutter fragt nicht, was los ist, aber würde es trotzdem gern wissen. Sie sitzt und schaut zu, wie sich Elisabeth eine winzige Scheibe Kuchen abschneidet. Aber das geht nicht, mit der eigenen Mutter darüber reden: Dass man mit zwanzig noch Jungfrau ist.
Neben dem Kuchen liegt das Geschenk. Sie löst den Tesafilm, um das Papier nicht zu beschädigen, wie ihre Mutter sie gelehrt hat, obwohl das Papier danach immer weggeschmissen wird. Es ist ein Kleid, ein rotes Kleid. Elisabeth steht auf und hält es sich an den Körper: Es ist ein rotes Kleid, ein wirklich schönes rotes Kleid. Rot steht Dunkelhaarigen, Blau steht Blonden. Dafür gebührt der Mutter Anerkennung: Sie kann wirklich gut Kleider schenken.
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