Früchte des Zorns von John Steinbeck, 2002, Zsolnay

John Steinbeck

Früchte des Zorns
(Leseprobe aus: The Grapes of Wrath/Früchte des Zorns, Roman, 1939/2002, Zsolnay - Übertragung Klaus Lambrecht)

Ein mächtiger roter Lastwagen stand vor der kleinen Raststätte. Aus dem senkrechten Auspuffrohr knatterte es leise, und ein fast unsichtbarer Dunst von stahlblauem Rauch schwebte darüber. Es war ein neuer Lastwagen, glänzend rot, und auf seinen Seitenwänden stand in Zwanzig-Zentimeter-Lettern: OKLAHOMA CITY TRANSPORT COMPANY. Seine Doppelreifen waren neu, und ein Messingschloß stand stramm ab von der Krampe an den großen Hintertüren. Im Gasthaus spielte ein Radio Tanzmusik. Es war leise gestellt, so, wie es ist, wenn niemand zuhört. In seinem runden Loch über der dicht verrammelten Eingangstür summte ein Abzugsventilator, und Fliegen brummten aufgeregt an den Türen und Fenstern herum und stießen gegen die herabgelassenen Jalousien. Ein Mann, der Lastwagenfahrer, saß auf einem Schemel, hatte die Ellbogen auf die Theke gestützt und blickte über seinen Kaffee hinweg die magere, einsame Kellnerin an. Er redete mit ihr in der flotten, nachlässigen Sprache der Leute auf der Landstraße. "Vor drei Monaten habe ich ihn mal gesehen. Hat 'ne Operation gehabt. Irgendwas rausgeschnippelt. Habe vergessen, was." Und sie: "Mir kommt's vor, als hätte ich ihn erst vor 'ner Woche gesehen. Sah gut aus. Er ist 'n netter Kerl, wenn er nicht besoffen ist." Hin und wieder dröhnten die Fliegen leise an der Tür. Die Kaffeemaschine spie Dampf aus, und ohne sich umzublicken, griff die Kellnerin hinter sich und drehte sie ab. Draußen ging ein Mann am Rand der Straße entlang, überquerte sie und trat an den Lastwagen heran. Er ging langsam um ihn herum, legte seine Hand auf den glänzenden Kühler und blickte auf einen Aufkleber an der Windschutzscheibe, auf dem "Keine Mitfahrer" stand. Einen Augenblick schien es, als wollte er weitergehen, statt dessen aber setzte er sich auf das Trittbrett. Er war nicht über dreißig. Seine Augen waren dunkelbraun, und selbst das Weiße hatte einen Schimmer von braunem Pigment. Seine Backenknochen waren hoch und breit, und starke, tiefe Linien hatten sich zu beiden Seiten des Mundes eingeschnitten. Seine Oberlippe war lang, und da seine Zähne vorstanden, dehnten sich die Lippen, um sie zu verdecken; denn dieser Mann hielt seine Lippen geschlossen. Seine Hände waren hart, mit breiten Fingern und Nägeln, die so dick und gekerbt waren wie kleine Muschelschalen. Die Spannen zwischen Daumen und Zeigefinger und die Handflächen waren voller Schwielen.
Die Kleider des Mannes waren neu - billig und neu war alles, was er anhatte. Seine graue Mütze war so neu, daß der Schirm noch steif war und daß sie sogar den Knopf noch hatte, nicht formlos und ausgebeult, wie sie gewesen wäre, wenn sie bereits den verschiedenen Zwecken einer Mütze gedient hätte - als Tragsack, Handtuch, Taschentuch. Sein Anzug war aus billigem grauem Tuch und so neu, daß die Hosen noch Bügelfalten hatten. Sein blaues Hemd war steif und glatt von Appretur. Die Jacke war zu groß, die Hosen waren zu kurz: er war ein hochgewachsener Mann. Die Schulternähte der Jacke hingen an den Ärmeln herunter, und selbst dann noch waren die Ärmel zu kurz, und das Vorderteil hing ihm lose über den Bauch. Er trug ein Paar neue braune Schuhe, "Armeeschuhe", wie sie genannt wurden, genagelte Schuhe mit Hufeisen an den Hacken, damit sie sich nicht abnützen. Dieser Mann saß nun auf dem Trittbrett und nahm seine Mütze vom Kopf und wischte sich mit ihr über das Gesicht. Dann setzte er sie wieder auf, und indem er sie herunterzog, begann der künftige Ruin des Mützenschirms. Er betrachtete seine Füße. Er bückte sich und lockerte die Schnürbänder und band die Enden nicht wieder zu. Über seinem Kopf stieß der Auspuff des Dieselmotors blaue Rauchwolken aus.
Im Restaurant brach die Musik ab, und eine Männerstimme ertönte aus dem Lautsprecher, aber die Kellnerin drehte ihn nicht ab, denn sie wußte nicht, daß die Musik aufgehört hatte. Ihre suchenden Finger hatten unter ihrem Ohr eine Beule entdeckt. Sie bemühte sich, sie in einem Spiegel hinter der Theke zu betrachten, ohne daß der Lastwagenfahrer es merkte. Daher tat sie so, als ordnete sie ihr Haar. Der Lastwagenfahrer sagte: "In Shawnee war 'ne große Tanzerei. Ich habe gehört, sie haben einen umgebracht oder so ähnlich. Wissen Sie was davon?"
"Nein", sagte die Kellnerin und betastete liebevoll die Beule unter ihrem Ohr. Draußen stand der Mann vom Trittbrett auf, blickte über die Motorhaube des Lastwagens hinweg und betrachtete einen Moment lang das Restaurant. Dann setzte er sich wieder und zog ein Säckchen Tabak und ein Paket Zigarettenpapier aus seiner Seitentasche. Er rollte seine Zigarette langsam und sorgfältig, sah sie kritisch an und glättete sie. Schließlich zündete er sie an und warf das brennende Streichholz in den Staub zu seinen Füßen. Die Sonne vertrieb den Schatten des Lastwagens, als der Mittag näher kam.
Im Restaurant bezahlte der Fahrer seine Rechnung und steckte die zwei Nickel, die er zurückbekam, in einen Glücksautomaten. Die wirbelnden Zylinder aber ließen ihn nicht gewinnen. "Die richten's so ein, daß man nichts gewinnen kann", sagte er zu der Kellnerin.
"Vor zwei Stunden hat einer den Großen rausgeholt. Drei achtzig hat er gekriegt. Wann kommen Sie wieder zurück?"
Er hatte die Schwingtür halb geöffnet. "In acht bis zehn Tagen", sagte er. "Hab 'ne Fuhre nach Tulsa, und ich komme eh nie so bald zurück, wie ich denke."
Sie sagte ungehalten: "Lassen Sie doch nicht die Fliegen rein. Entweder Sie gehen raus oder Sie bleiben drin."
"Also - bis dann!" sagte er und ging hinaus. Die Schwingtür schlug hinter ihm zu. Er stand in der Sonne und pellte von einem Stück Kaugummi das Papier ab. Er war ein kräftiger Mann, breit in den Schultern und dick um den Bauch herum. Sein Gesicht war rot, und seine blauen Augen waren lang und geschlitzt vom vielen Blinzeln gegen blendendes Licht. Er trug Kniehosen und hohe Schnürstiefel. Bevor er sich das Stück Kaugummi in den Mund steckte, rief er durch die Schwingtür hinein: "Und daß mir keine Klagen kommen, verstanden?" Die Kellnerin stand an der Rückwand vor dem Spiegel. Sie knurrte eine Antwort. Der Fahrer kaute langsam sein Stück Gummi und öffnete bei jedem Biß den Mund weit. Er formte das Stück Gummi in seinem Mund und rollte es unter die Zunge, während er auf den Lastwagen zuging.

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