John Steinbeck

Das Tal des Himmel
(Leseprobe aus: Das Tal des Himmels, Roman, 2001, dtv 12951).

I

Dies ist die Geschichte eines Tales, dessen Anblick für viele Menschen eine große Verheißung war.Manche träumten davon, einmal an diesen Ort zurückzukehren, dessen Schönheit sie einst geschaut hatten, um für immer dort zu bleiben.

Als um das Jahr 1776 die Carmelo-Mission von Alta California aufgebaut wurde, geschah es,daß eines Nachts sich etwa zwanzig kaum bekehrte Indianer gegen die neue Religion erhoben und am Morgen aus ihren Hütten verschwunden waren. Dieses kleine Schisma war nicht nur ein schlechtes Vorbild für die andern Bekehrten, sondern es drohte auch die Arbeitsdisziplin in den Lehmgruben der Mission zu beeinträchtigen,wo die luftgetrockneten Ziegel hergestellt wurden.

Nach kurzer gemeinsamer Beratung der kirchlichen und militärischen Behörden wurde ein spanischer Korporal mit einem Trupp Reiter ausgeschickt, um die verirrten Schäfchen in den Schoß der Kirche zurückzuführen. Die Reiter folgten den Abtrünnigen auf mühevollen Wegen das Carmeltal hinauf und in die Berge, die jenseits des Tales liegen. Die Suche war um so schwieriger,als die Flüchtlinge ihre Spuren meisterhaft zu verwischen wußten. Eine Woche verging, bis die Soldaten sie endlich in einem farnbewachsenen Canyon entdeckten,wo sie sich an einem Fluß auf dem Talboden niedergelassen hatten und noch immer in einem Schlaf der Erschöpfung lagen.

Das durch die lange Suche aufgebrachte Militär rüttelte die Schlafenden unsanft wach, band sie an eine lange dünne Kette und achtete nicht auf das Geheule und Wehklagen, das alsbald den Canyon erfüllte. Dann machte sich die Kolonne auf den Heimweg nach Carmel, wo die armen Ketzer Gelegenheit zu tätiger Reue in den Lehmgruben finden sollten.

Am späten Nachmittag des zweiten Tages ihrer Heimkehr geschah es, daß ein junges Reh von den Reitern aufgeschreckt wurde und in voller Flucht hinter einem Hügelkamm verschwand. Hatte der Korporal den vielen anderen Tieren, denen sie auf ihrer Expedition begegnet waren, kaum Beachtung geschenkt, so spürte er nun plötzlich ein eigenartiges Verlangen, dem Reh zu folgen. Er löste sich aus der Kolonne, und sein schweres Pferd kletterte mühsam den steilen Abhang hinauf.

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