|
|
Falsche Filme
(Leseprobe aus: Falsche
Filme, Roman, 2006, Nagel&Kimche)
Auch die paar Stunden ungetrübten Ferienglücks,
die mir in meinem bisherigen Leben zuteil wurden, liegen lange zurück. Zu
verdanken habe ich sie ebenfalls der Dienerin. Nachmittagsstunden waren es,
verbracht auf langen Fahrten durch die in der Sommerhitze brütende Stadt. Wir
gingen zur Piazza dei Ferrari hoch, bestiegen den erstbesten Bus, nur keine Fußmärsche,
sagte sie; meiner Abneigung gegen alles Spaziergangähnliche ist sie immer mit
denkbar großem Verständnis begegnet. Nach drei, vier Stationen wurde auf eine
andere Linie gewechselt, die Fahrt zu einer Endstation kam selten zustande, noch
seltener, dass wir uns daselbst zum Aussteigen entschließen konnten. Wir
blieben einfach sitzen, halbstundenlang zuweilen und immer auf der hintersten
Bank, melde dich, wenn du austreten musst, sagte die Dienerin und erzählte
weiter.
Ich habe mir solches Melden stets verkniffen; zu sehr war ich gebannt von all
den Geschichten über die Stadt, die sie zu erzählen wusste.
Die Frage, ob es sich um wahre Geschichten handelte, stellte ich mir nie, sie
wird schon wissen, wieso sie mir das erzählt, sagte ich mir, und wenn es nicht
ganz der Wahrheit entsprechen sollte, ist es zumindest auf eine Weise
erschwindelt, der Glaubwürdigkeit nur abträglich wäre. Gerade mal gegen ihre
Behauptung, die Entdeckung Amerikas gehe auf einen genuesischen Seefahrer zurück,
wagte ich Einspruch zu erheben. Soviel ich weiß, ist Genua als Geburtsort nicht
nachgewiesen, sagte ich an lässlich unserer zweiten oder dritten Bustour. Mit
dieser Meinung stehst du aber ziemlich allein da, lautete die unwirsche Antwort,
aber zu grämen brauche ich mich deswegen nicht, in meinem Alter sei das normal.
Weitaus am meisten Vergnügen bereiteten mir die Fahrten mit den Aufzügen, die
noch heute das spektakulärste öffentliche Verkehrsmittel der Stadt bilden. Die
von Touristen aus aller Herren Länder verstopften Großraumlifts zum Belvedere
oder zum Castello d’Alberti haben wir stets gemieden, wir hielten uns an die
weniger bekannten, häufig uralten Aufzüge an den nordöstlichen Hängen der
Stadt. Kurze Fahrten waren es zumeist, nicht wenige von mir sogleich als
hochriskant eingeschätzt. Ja, sagte meine Mitfahrerin, es handelt sich um das
älteste und vielleicht tatsächlich gefährlichste vertikale
Fortbewegungsmittel der Welt, ebenso von einem Genueser erfunden übrigens wie
die mit Frischkäse, Tomaten und Oliven belegten und im Spezialofen gebackenen
Fladen aus Hefeteig, die mehr und mehr in Mode kommen und über kurz oder lang
zum Hauptnahrungsmittel gerade von Menschen wie dir werden dürften.
Rezension I Buchbestellung I home IV06 LYRIKwelt © Nagel&Kimche