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Fremdschläfer
(Leseprobe aus: Fremdschläfer,
Roman, 2007, Ammann)
Lou schweigt auf englisch und französisch, ich auf englisch, deutsch und
berndeutsch. Auch Selbstgespräche führe ich auf englisch, deutsch und
berndeutsch. Mein Französisch ist etwas bockig. Lou und ich sprechen und
schweigen englisch miteinander. Lou spricht, im Gegensatz zu allen andern hier,
sehr langsam, auch das ist zu meinem Vorteil. Sie stammt aus Québec City, von
einer irischstämmigen Mutter und einem frankophonen Vater, eine Mischung, die
man in Québec häufig antrifft. Zu meinem großen Glück hat sie ihre gesamte
Schulbildung auf englisch durchlaufen. Das ist Ende der fünfziger Jahre in
Québec City ziemlich ungewöhnlich gewesen, und Sie wissen besser als ich, daß
aus den sprachlichen Mischehen und den sprachlichen Anspannungen zwischen
Französisch und Englisch und Québécois und Französisch viel Ungewöhnliches
hervorgegangen ist.
So ist es beispielsweise im ersten Schuljahr einmal vorgekommen, daß die
anderen Mädchen im Winter eine chinesische Schülerin und Lou Rücken an
Rücken an einem Laternenpfahl zusammengebunden und stehen gelassen haben; denn
sie sind die beiden einzigen Mädchen in der ersten Klasse gewesen, die nicht
Englisch gesprochen haben, und so konnten sie Rücken an Rücken auch nicht
miteinander sprechen, weil das chinesische Mädchen kein Französisch sprach und
Lou kein Chinesisch, sondern nur ausharren, bis jemand kam, um sie zu befreien.
Frauen üben eine verführerische Faszination auf Lou aus. Die Zahl ihrer
Eroberungen ist legendär. Es heißt, sie sei auf breiter Basis mit den Frauen
ihres Landes in Berührung gekommen, was sie in doppelter Hinsicht zu einer
Québécoise de souche macht, einer Alteingesessenen. Sie meint bescheiden, es
liege daran, daß sie ihr Leben mit schönen Frauen angefangen habe, mit
Dekolletés, cleavages, Parfumwolken, erwachsenen Schwestern, die zusammen mit
der Mutter tanzen gingen, deren Kleider vor dem Spiegel raschelten. Im Haus
ihrer Kindheit haben weibliche Körper das Sagen gehabt. Ansonsten ist nicht
viel gesagt worden. Es war warm, es gab zu essen und viel Berührung, das
Lebensnotwendige eben, und Tanzen. Tanzen, sagt Lou, sei eine Sprache gewesen.
Monsieur, Madame, vielleicht fragen Sie sich, wie meine conjointe de fait mir
zur Seite stehen soll, wenn sie kein eigenes Haus hat. Mir scheint, es komme
weniger darauf an, ob sie bereits jetzt ein Haus hat, als darauf, daß sie einen
Traum von einem Haus träumt. Aus meiner Sicht spricht es für sie, daß sie
zwei Träume hat. Ich wüßte nicht, wie mir ein Mensch ohne Träume, die ihn
bis ans Ende seiner Tage begleiten und weitertreiben werden, beistehen könnte.
Ich darf noch anmerken, daß ich wiederum eine ausgesprochene Begabung habe,
Häuser zu finden, das heißt, ich werde mich in dieser Hinsicht als nützlich
erweisen. Lou ist auch ohne Haus vom ersten Augenblick an eine ausgezeichnete
Gastgeberin gewesen, eine Gastgeberin der altmodischen Art.
Madame, Monsieur, für Einwandernde und Auswandernde hat der Begriff
Fremdschläfer unterschiedliche Bedeutungen. Damit kann sowohl in der Fremde
schlafen gemeint sein, als auch mit einer Fremden schlafen, wobei es sich für
eine Einwandernde in einem fremden Land so verhält, daß die Einheimische, die
sie in ihr Bett einlädt, für sie ebenfalls eine Fremde ist, das heißt, daß
zwei Fremde miteinander schlafen. Am Anfang sind alle Einheimischen Fremde.
Lou hat mir sofort Niederlassungsfreiheit und Aufenthaltserlaubnis auf
Lebenszeit erteilt. Ich kann Ihnen versichern daß sie nicht auswandern wird,
denn eine Immigrantennatur ist sie nicht, ganz im Gegenteil. Sie gehört zu
jenen, die dort zu Hause sind, wo sie geboren wurden, und Fremdschläferinnen in
Empfang nehmen. Dafür zieht sie eine schwarze Jeans an, das jahrzehntelang
erprobte weiße Sommerhemd, die jahrzehntelang erprobte schwarze Leinenweste und
niedrige schwarze Cowboystiefel, die schon so weich wie Handschuhe sind. Ihrem
Körper sind Gesten der Verführung und des Anbietens eingeschrieben, eine
angedeutete Verbeugung, in der sich Bitte und Aufforderung in den Armen liegen.
Galant hält sie die Autotür auf: What would you like to eat?, sehr gut
italienisch oder sehr gut vietnamesisch?
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