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Konstantinopel
(Leseprobe aus: Konstantinopel,
Roman (1999, Pforte Verlag)
Auf beiden Seiten des Oslofjordes sah er die sanfte Linie der Hügel unter dem hohen Julihimmel. Weiße, leichte Wolken trieben nach Westen. König Sigurd und seine Männer hatten das flache Land und die beinahe weißen Sandstrände in Jütland hinter sich gelassen. An der norwegischen Küste sah Sigurd wieder steil ins Meer stürzende Felsen und lichte Kiefernwälder. Im Landesinneren blühten jetzt die Linden, umschwärmt von Bienen und Hummeln. Würde Eystein am Hafen stehen? Ein Bote war vor drei Wochen durch Schweden vorausgeritten, um den Bruder zu benachrichtigen.
Es war warm. Er spielte mit der goldenen Kette, die um seinen Hals hing. Von Sigurds riesiger Flotte war nur das eine Schiff geblieben, auf dem er jetzt stand. An Bord waren knapp hundert Mann. Wünschte sich Eystein wirklich, seinen Bruder mit offenen Armen willkommen zu heißen? Eystein wünschte seinen Tod. Das war die Wahrheit.
Der Wind stand günstig. Sie segelten nach Norden. In einem halben Tag würden sie Oslo erreichen. Vor dem Bug schäumte es. Am Ende der Goldkette hing eine Kugel aus Bergkristall. Er schaute sich um. Die Mannschaft blickte zu den prallen Segeln empor. Wind und Wellen trugen das Schiff in Richtung Hafen. Sigurd zog vorsichtig an der Kette. Die Männer um ihn herum schenkten ihm keine Beachtung. Er wog die Kugel in seiner Hand. In ihr verborgen war der kleine Splitter eines Ölbaumes. Wie war es dem Goldschmied gelungen, den Splitter in die Kugel zu bekommen? Eysteins Männer hatten gehört, es sei ein Splitter vom Kreuze Jesu. War das möglich? Es hieß, Sigurd habe diese Reliquie in der heiligen Grabeskirche in Anwesenheit des Patriarchen erhalten, doch hinter vorgehaltener Hand tuschelte man, Sigurd sei nie in Jerusalem gewesen.
Sigurd hatte geschworen, diese Reliquie eigenhändig in das Grab des heiligen Olav zu legen - in der Christuskirche von Nidaros, dem heutigen Trondheim.
Im Beisein von Adligen und Bischöfen sollte Sigurd die Reliquie dem Grab von Nordeuropas großem Heiligen übergeben, bei dessen Gedenken sogar der Papst auf die Knie fiel, die Hände faltete und mit geschlossenen Augen "passio et miracula beati Olavi" murmelte.
Sigurd stand an Deck. Er war am Leben.
Welche Macht und welche Kraft dieser kleine Holzsplitter in sich trug! Sigurd blickte noch einmal durch die glasklare Kugel, bevor er sie wieder unter dem Seidenhemd verbarg, das er vor einigen Monaten in Konstantinopel bekommen hatte.
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