Ich bin gerne Deutscher von Harald Nicolas Stazol, 2011, PloettnerHarald Nicolas Stazol

Ouvertüre
(Leseprobe aus:
Ich bin gerne Deutscher – Eine Liebeserklärung, Essays, 2011, Plöttner-Verlag).

Sturm über Hamburg. Einige Gentlemen greifen

auf Ölzeug zurück, man sieht orange auf den Straßen,

ich selbst habe zu einer Segelhose, beschichtet, von

Nautica sinnig entworfen, gegriffen, nach dem Temperatursturz

von gestern Abend, der bei einer Vernissage

zu niedrigsten Graden führte. Man ging früh,

man hatte alles schnell erfasst, Gunnar wollte über

Oscar Wilde und Baudelaire sprechen, dieser furchtbar

dampfsprechende Fotograf aus Berlin, nun, ich

machte einen großen Bogen um ihn, dann nach Hause.

Iulia fährt uns, und der Qualitätsleiter von Montblanc

ist erfreut über meinen uralten Füllfederhalter,

ein "Meisterstück 147"von 1948, komplett mit Metallzylinder,

es sei gefärbtes Plexiglas, tatsächlich wird

der Schaft durchsichtig, der neue liegt tatsächlich bei

sechshundertfünfzig Euro, ich fand ihn tatsachlich bei

einem Trödler in St. Georg, nachdem ich ihn, um-

ständehalber auf Hartz IV reduziert, ein Jahr lang umkreist

hatte, ich kaufte ihn für hundert.

Wenn ein Berliner fragt, warum wir Hamburg so

lieben, hat es wenig Sinn, ihm die Liebe zur See zu

erklären. Das kennt er nicht, Meere aus Beton und

Glas wohl, hübsch anzuschauen, aber frieren wird die

Regierung in ihren Palasten aus Glas und Stahl, wenn

das Öl ausgeht. Nun gut. Das preußische Herrenhaus

hat ja jetzt auch neue Mieter. Demokraten im Haus

meiner Vater. Die Kanzlerin fährt Audi, entnehme ich

der FAZ am Sonntag, nun, das wusste ich. Ceauşescu

auch, das wusste ich nicht, aber Iulia sagt es mir gerade.

Dass Schirrmacher in einer Buchrezension das

Auswärtige Amt des Schutzes von Naziseilschaften bezichtigt,

mit Dokumenten belegt erwähnt, man findet

Paraphen, die Usancen Hitlers waren klar erkannt,

nun, das ist starker Tobak: Russian Black rauche ich

denn auch von Sobranie. Die Kondolenzbucher für

Frau Schmidt liegen aus und der Trauerflor am Flaggenmast

des Rathauses, vierzig Leute stehen dort um

13 Uhr in der Eingangshalle, ach, ewige Gegenwart

Hamburgs. Es ist der Präsenzbestand des Bürgertums,

es ist die Toleranz und Eleganz des Hamburger Wesens

vielleicht, und nun, nach zwanzig Jahren dort,

habe ich mir schon bei einem Spitzen S zugehört, das

ich ganz charmant finde und immer seltener höre.

Loki jedenfalls sprach so und eine Großmutter eines

Freundes, der nun in Zürich lebt, nachdem Berlin

sich auch erledigt hatte. Dort, wo ich vor sechs Jahren

in einer gemeinsamen Wohnung mit ihm lebte,

Chausseestrase 101, erhebt sich gerade die Baustelle

des BND, man fährt geschlagene sechs Minuten daran

vorbei, ich hatte den Entwurf gesehen, aber nicht

geahnt, wo das hin soll. Es ist interessant, dass es architektonisch

dem Reichsluftfahrtministerium gleichkommt,

das war der Bau ja nun mal, darf man es sagen?

Der Neubau jedenfalls gemahnt an Brazil, er hat

sehr viele Fenster, und ich stelle mir an jedem einen

Topagenten mit Fernrohr vor, ähnlich den Häusern

Schweizer Uhrenmanufakturen wie Audemars Piguet,

dort richten die Uhrmacher ihren Blick manchmal

auf die Alpen im Valle du Joux, aber sie bauen eben

nur Uhren.

Es blies mir fast die Fenster aus dem Rahmen vorhin,

aber wenigstens ist es warm bei mir im sechsten

Stock, die Hausverwaltung war gnädig und effizient,

aber Kleiderberge und Bücherstapel nehmen langsam

überhand, wir wollen nichts beschönigen. Ich habe

zwei Wochen aus dem Koffer gelebt nach meiner

Deutschlandreise, die für den Leser dieser Zeilen erst

beginnt. Es ist eine Reise durch ein schöner Land

(Nein, das ist kein Druckfehler, Anm. d. Verf.).

Man muss sich wohl mit der Geographie abfinden,

mit der Topographie, und gemessen an den gottgegebenen

Moglichkeiten, haben die Deutschen, wir

Deutschen, wohl fast das Beste daraus gemacht. Es ist

nur ein Eindruck, und man moge mir dessen Äußerung

verzeihen, aber Kant fordert ihn ja, den Gewissensblick,

und wer diesen Essay nicht lesen will, dem

sei verziehen. Aber schreiben muss ich ihn dennoch.

Denn ein Blick auf den Deutschen, nun, ich darf ihn

mir wohl erlauben, auch wenn ich auf meinem biometrischen

Passbild wirklich aussehe wie ein Gesuchter,

naja. Mein Standpunkt hat sich verändert, das Land

auch, und mit Erstaunen reagiere ich auf die Erzählung

der Cousine meines Verlegers, sie sei mit vierzehn

Jahren "Wir sind das Volk!"-rufend den Ring in

Leipzig entlang gelaufen – zu einer Zeit, als ich mit

Konsumismus und Karrieresucht beschäftigt war. Es

schien der einzige Weg zu sein damals, immer bergan,

wo doch im Kreis laufen eindeutig sehr viel relevanter

war anderenorts, aber auch das konnte ich nicht wissen,

damals. Ich hätte es ahnen können nach meiner

ersten Berlinreise, ich glaube, es war 1988, als ich am

Schiffbauerdamm an Brechts Bronze stand und auf ein

Grauen blickte, grau in grau, das für immer zu gelten

schien. Nun gut, man hatte das Wappen über der Bühne

rot durchgestrichen, aber das war auch alles. Man

hatte mich beim Grenzübergang durchsucht, in einer

kleinen, fensterlosen Kammer und in meinem Portemonnaie

fand sich eine Quittung von einer Münchner

Boutique namens Marx & Mao. Das saß. Ich war bald

wieder frei.

Die Betonplatten der Transitautobahnen brachten

den Reisebus zum Vibrieren, was durchaus erotisierend

gewirkt hatte, ich glaube, das ist das Geheimnis

von Sex auf Waschmaschinen, aber ich habe keine

Waschmaschine – und der Rest ist Geschichte. Man

muss nicht alles preisgeben, finde ich. Es genugt, dass

ich schreibe.

Wohl um dem Sturm eine Parallele zu geben, hat

die Polizei gestern Abend auf der Reeperbahn eine

Demo zusammengespritzt. Ich sage ja, Ölzeug empfiehlt

sich. In Frankreich steht gerade die Jugend

auf und Sarkozy wackelt. Man will endlich eine Zukunft.

Während ein Anstieg des Rentenalters von

Sechzig auf Zweiundsechzig an den Champs Elysees

für einen Aufstand sorgt, haben die Deutschen das

klammheimlich von der Regierung durchgewunkene

Rentenalter von Siebenundsechzig stoisch hingenommen,

das wohnt ihnen wohl inne. Aber ein

Intellektueller kann schwer in Rente gehen. Es mangelt

an Bildung im Lande und die Integrationsdebatte

wird uns wohl weiter begleiten. Schön ist das

nicht. Aber eins kann ich dennoch sagen: Ich bin

gerne Deutscher.

Es hat mich lange Zeit gekostet, und der Weg war

nicht immer angenehm. Aber wenn ich etwa sehe,

wie die Weltwirtschaftskrise fast spurlos an einem

Wirtschaftsmotor vorbeigeht, der auch die Wiedervereinigung

nur mit einem kurzen Stottern und zwei

Fehlzündungen überwand, wie der Mut nicht sinkt

trotz täglicher Tagesschauen des Inhalts "Das Land

ist im Arsch, schönen Gruß, Ihre Kanzlerin.", wenn

ich das Lacheln eines Busfahrers sehe, während man

hektisch nach Kleingeld fahndet, dann sehe ich eine

gewisse Schönheit des Arguments. Die will ich gerne

ausführen, wenn beliebt.

Natürlich schreibt sich das so leicht vor sich hin.

Gerne Deutscher sein. Ich sitze neben meiner Muse

und wir gucken 10000 B.C. Und der Muse fallt auf,

dass die DVD-Landereinstellung Österreich sein

muss, aber es schließlich um Deutsch geht, das den

Ossis gewissermaßen großmütig überlassen wurde,

und sie gehen ja auch gut damit um, aber an Thomas

Bernhard traue ich mich nicht heran, obwohl er mir

von verschiedenen Seiten ständig anbefohlen wird –

ich kann mich seiner nicht anbequemen. Wien schätze

ich sehr, und einen Seitenblick auf unsere alpinen

Nachbarn hat man als gebürtiger Bayer "in der Mulli",

wenn man so will. Ich mache Espresso im Akkord

und telefoniere viel, das musste man als Journalist,

und als Essayist tut man es noch viel mehr – ich

stelle mir einen Essayisten vor, der man immer nur

anstreben kann zu sein, aber ein Sein ist es nie, ähnlich,

wie man immer strebt, the perfect gentleman zu

sein. Nun gut, ich bemühe mich, mühe mich redlich.

Mein in Wismar beim Antikhändler gefundener grüner

Tourmalin, genaugenommen ein Elbaist, soll, so

habe ich mit Erstaunen erfahren, die Muse beflügeln.

Es ist auch schön, Deutscher zu sein.

Nicht sehr natürlich, wenn sich die Masse verletzt

an sich selbst, wogende Leiber zu lauten Klängen, es

scheint, die Tanz- und Musikrituale der Adolescence

auch bei den Massai haben sich eigentlich ganz gut

gehalten. Eine Vermutung, aber sie hat eben auch

die Schönheit des Arguments.

Und eins noch. Man möge mich widerlegen. Aber

bitte nicht anonym und mit Hass-Mails. Man muss

mich nicht lesen. Aber amüsant wäre es wohl.

Nun sieht die Muse Die Muse, ein amerikanisches

Movie mit Dialogen wie âPapa, was ist ein Humanist?

á – "Jemand, der niemals den Oscar gewonnen

hat." Ich bin bester Aufstellung, ein Stück Sachertorte

hat das Übrige getan. Nur die Hausverwaltung hat

aus irgendwelchen Gründen kein Reinigungspersonal

mehr. Hector Kirschtal, mein Nachbar, erwartet,

dass ich das Entree aufwische. Ich soll jaja sagen, urteilt

die Muse. Hector ist der Superdeutsche, glaube

ich.

Wir, die Muse und ich, wechseln auf Coco Chanel

und lachen gemeinsam darüber, dass sie sagt, ich

rede, wenn ich etwas zu sagen habe. Ich bin glücklich.

Ja, Deutscher sein ist auch ein großes Glück.

Aber stolz darauf sein, nun, das kommt nicht in

Frage, und wenn man die Wogen des Glücks in

Deutschland durch die Phasen relativiert, zu denen

man nicht sooooooooo gerne Deutscher ist, darf man

eben sagen, ich bin es gern. Außerdem klingt gern

so unaufgeregt, so sanft, ich bilde mir ein, fast rein.

Und Reinheit, nun, sie ist ein Gefährliches, wenn sie

in die falschen Hande gerät. Darum ist es mir bang

manchesmal um mein Deutschland. Ohne gleich in

Heine zu geraten.

Der Jupiter entfernt sich gerade wieder von der

Erde, Mitte August war er unserem Planeten so nah,

wie erst wieder 2022, zeitweise war er der hellste

Stern am Himmel. Was man auf der letzten Barkassenfahrt

der Saison nicht glaubte. Ich hatte es aus

der New York Times, nun, eine Art Directorin zuckte

ihr iPhone mit einem âAppá fur den Sternenhimmel,

dann gab sie mir recht. Ich kann nicht fassen,

dass einige Menschen auf das Display ihres Telefons

eher blicken als an das Firmament. Gott hat schwere

Zeiten vor sich. In Super Size Me, gestern im Ersten

gesendet, erkennen die Kinder Ronald McDonald

eher als Jesus Christus.

Wir sehen inzwischen Gandhi, die Muse zeigte mir

eine Verarsche von Britney-Fans, die auf Youtube

vierunddreisig Millionen Nutzer hatte, mir völlig

unbekannt bis zu diesem Moment, auch das liebe

geich an ihr, nun ist es gesagt. Dass Amis aber wirklich

etwas seltsam sein können, sehe ich an meinem

alten New Yorker Freund Ted Shields, der, als ich

ihn frage, ob man den Koran verbrennen darf oder

muss, wie einer der Provinzprediger seines Landes

ankündigt, antwortetet er: "What is a Quran?" Und

dass ein Club in der 56th Street Einjahriges hat, da

musse er wirklich hin. Gandhi wird als kleiner, brauner

Mann beschrieben nach seinem Tod, bemerkt

die Muse, und ich glaube, die Bezeichnung stammt

von Winston Churchill. Aber solches Wissen interessiert

heute nur wenige. Den Mann zum Beispiel,

der mich am Eingang zur U3 von hinten anbrüllte,

ich solle ihm jetzt gefälligst eine Zigarette geben? Ich

gehe weiter die Treppe hoch, er schreit noch einmal,

bis ich mich umdrehe und schreie "Leave me alone!"

 – und es ist Ruhe. Ich wundere mich daruber,

dass viele Deutsche fast alles Englische, eigentlich USAmerikanische,

für bare Münze nehmen – vor allem,

wenn man es im Befehlston äußert. Ein scharfes

"Belästigen Sie mich nicht!" genuügt oft nicht. Das

einzige, was half, als sich in einer Galerie eine alternde

Primaballerina halbstundenlang an meinem Arm

klammert (Ich habe – oh Graus – diese Wirkung auf

Frauen.), sind die Worte "Ich werde erwartet.", mei-

ne rhethorische Hiroshimabombe sozusagen, aber sie

hilft auch nicht immer. Es ist eben auch etwas anstrengend,

Deutscher zu sein.

Angesichts des gewaltlosen Protests im Film – die

Muse fragt übrigens, wieso man ihn nicht auch am

Abendgymnasium zeigt, ich sah ihn vor zwei Jahrzehnten

im Unterricht – frage ich mich wieder einmal,

warum eine alleinerziehende Mutter aus Mummelmannsberg

auf Hartz IV nicht mal einen Pflasterstein

in die Auslagen des Neuen Wall wirft, einfach,

weil die Preise der dort angebotenen Luxuswaren

schlicht obszon sind im Verhältnis zu ihren vielleicht

fünf Euro mehr. Ich denke an die Schlafsacke

vor dem anderen Konsumtempel Hamburgs, dem

"Arbeitsfallen – unbedingt die neue Kollektion angucken…"

–Voraussetzung ist naturlich ein gut gefülltes Bankkonto,

sowas, was heute ja kaum noch einer hat. Ich

bin sicher, dass der soziale Unfriede in Deutschland

in dem Maße wachsen wird, in dem auch die sozialen

Ungerechtigkeiten zunehmen. Ich traf einen

Hamburger Milliardär, der die Revolution quasi täglich

erwartete, noch zu seinen Lebzeiten. Zur Zeit

sahe es noch nicht danach aus, "aber es kann über

Nacht passieren", sagte der alte Herr. Ich werde die

weitere Entwicklung mit Interesse beobachten.

Phelize, ein junger Freund, der darauf besteht, ganz

hanseatisch, hier nicht genannt zu werden, erzählt,

dass ein gewisser Sven Marquard, tätowiert bis ins

Gesicht, der machtigste Mann Deutschlands ist. Er

macht im Berghain die Tur, aber seine Freunde nennen

ihn den "Selecteur", ein Wort, zumindest debatable,

auch Phelizes Vater ist über die Wortwahl

entsetzt. Selekteure in Deutschland, soweit muss es

offenbar wieder kommen, ich hoffte, solches nicht

mehr zu erleben. Phelize meint, wie die Jungs eigentlich

rumliefen. Wir sehen noch einmal die Buddenbrooks,

der schönen "Anziehsachen wegen". Donergefuttert

seien sie, die Jungs, "wie die letzten Kanaken",

Saturn" (ausgerechnet): Während drinnen rudelhaft

Unterhaltungselektronik angeschafft wird, die keiner

braucht, liegen sie drausen vor der Fassade und frieren.

Neulich, in der DVD-Abteilung, piepste mein

Sony-Satio-Phone und wollte mir den Trailer von Karate

Kid draufladen, das hat schon die Dimension der

personalisierten Werbung wie im Hollywood-Sci-Fi-

Streifen Minority Report – das ginge dann so: "Harald

Nicolas", sagt dann so ein interaktives Plakat, "Die

Krawatte von Gucci hat dir neulich doch so gut ge-

so redet die Jugend nun mal, das sollte Sarrazin mal

horen, aber ich konnte dem Gefräßigen noch nie viel

abgewinnen. Schon die Muse echauffierte sich gestern

über das "All you can eat" bei einem Brasilianer, für

siebenundzwanzig Euro, die musse man ja dann auch

auffressen. Phelize tragt sich mit dem Gedanken, seiner

Angebeteten eine Kette aus dem Haar ihres Pferdes,

ihres Hundes und seiner Blondheit zu werken

– blüht da nicht die blaue Blume? Tief beeindruckt

hat er mich aber schon vor Monaten, als er mich fragte,

warum er im Religionsunterricht seine Ansichten

über Gott offentlich kundtun müsse, um gute Zensuren

zu erlangen. Zudem warnt er mich auch – ganz

Sohn Hamburgs – inständig, nicht zu viel Geld auszugeben

und meinen Favoriten nicht allzu viele Aufmerksamkeiten

zukommen zu lassen. Phelize kam mit

Croissants zum Frühstuck, auf ihn ist Verlass – ich

hoffe immer noch, seine Eltern verzeihen mir, dass ich

den an seinem neunzehnten Geburtstag irrtümlich

verabreichten Wodka ihrem Rosenbeet überantwortet

habe. Es wird nicht wieder vorkommen, aber man sah

an jenem Sommerabend grosbürgerlich darüber hinweg,

wofür ich dankbar bin.

In Switch Reloaded lehnt ein Migrant den so heisersehnten

Türsteherjob ab, "Wegge de krasse Arbeits

zeiten, acht bis fünf Uhr morgens, sechs Stunden…"

–er kann offenbar nicht mal rechnen! –von solchem

Geist sind die deutschen Selekteure. Und die Wenigen,

die es nicht sind, sind mir bekannt, und sie

dienen nicht selten der offentlichen Ordnung. Einen

Korkenzieherangriff eines besinnungslos-betrunkenen

Freundes auf einen Türsteher habe ich erleben

durfen, er hatte Glück, auf der Tanzfläche von den

Sicherheitsleuten nicht sofort vermobelt zu werden –

die Reeperbahn wird wochenends immer brutaler, ich

meide sie längst.

Ich finde das Land in prekärer Situation. Die Senioren

ruinieren uns in Kaffeefahrten oder dummen Bankengeschäften,

man halt die Nachfolgegeneration hin,

man blockiert, wo man kann, die Szene gleicht ein wenig

der Stefan Zweigs in Die Welt von Gestern, in der er

davon schreibt, dass junge Manner in führenden Positionen

unmöglich sind, man stattdessen kahle, wohlbeleibte

Manner vorzog. "Lasst wohlbeleibte Männer

um mich sein.", sagt Cäsar bei Shakespeare, und was

man davon hat, ist Geschichte. Unter den Linden

stellt Mercedes Benz einen Flügeltürer im Wert von

880.000 Euro einem immer mehr verarmenden Volke

vor, das bitter lernen muss, dass mit dem Konsum

eben nicht gleich das Glück ins Haus kommt. Man

tragt kaum noch Kleidung im Fernsehen. Ich habe

gehört, dass beim Brand des Moskauer Fernsehturms

durch den Ausfall der Sender in ganzen Stadtvierteln

Mord und Totschlag ausbrachen. Soeben beobachtete

ich zwei Gören mit ihren Schuhen auf den U-Bahnsitzen.

Ein anderer Passagier nahm sich ihrer Zurechtweisung

an. Deutschland hat zur Zeit etwas Nervöses,

ja, einem Rennpferd gleich, das zu Unvorstellbarem in

der Lage ist, wenn nur der Boden schwerer wäre –

nein, Herr von oder zu Guttenberg, Sie sind kein Jockey.

Ein Jockey weis, wann das Rennen vorbei ist. Ich

kenne einige gute, seien Sie versichert, und ihr Rennen

ist vorbei. Der Zieleinlauf wurde von der Rennleitung

für ungültig erklart. Ich werde auch Ihre Karriere mit

Interesse verfolgen. Akademische Grade wie Wurstwaren

zu behandeln – dazu gehört schon Chuzpe, Herr

Baron! Wenn das Schule macht, kann ich bei Ihnen ja

noch was lernen. Von Snob zu Snob.

Deutschland kann der Himmel auf Erden sein, diese

Caprice des dieux, dieser wunderbare Gedanken, ein

grauenvoller Irrtum dennoch dem anderen folgend,

Mephistopheles im Chor der Staaten, der Geist, der

stets verneint.

Ich rauche am Fenster, Phelize hat Asthma, schon

mein Papa sagte, ich wäre völlig perfekt, wenn ich

aufhörte zu rauchen, die Zigarettenspitze hielt er in

Ingolstadt für unpassend, sie sei nicht comme il faut.

Ich schlage ihm vor, ein Hirschleder-Trachten-Outfit

bei Lodenfrey zu erwerben, damit ich eher ins lokale

Kolorit eingehen kann, aber wir nehmen dann doch

Abstand.

Vodafone ist ein Halsabschneiderverein, darin stimmen

Phelize und ich uberein. Er hat das neue iPhone

G4 samt Vertrag bestellt, nur dass das Phone nicht

kam und er den Vertrag nicht kündigen kann, immerhin

siebzig Euro kostet das monatlich, für einen

Neunzehnjährigen ein hübsches Sümmchen: "Vodafone

wirbt mit Sachen, die sie gar nicht einhalten

können.", diktiert mir der Geschädigte in den

Block. Mich hat Vodafone auch abgezockt, als ich in

meiner Manie manieriert Gott und die Welt angerufen

habe, niemand hat mich damals gewarnt oder

beschützt, erst mein Anwalt hat alles geregelt.

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