stillborn von Michael Stavaric, 2007, Residenz

Michael Stavaric

stillborn
(Leseprobe aus: stillborn, Roman, 2007, Residenz).

Ich hatte zu viele Totgeburten. Sie wissen,
was ich meine, zu vieles ist nichts geworden, nichts
ist geblieben, nichts ist passiert, hat nie existiert.
Lebe, atme, lebe, atme, versuche Gedanken aufzublasen,
bis sie platzen. Niemand sieht mich, lebt mit,
in mir, massiert mich, sie, das Herz, Geschlecht,
Hautgeflecht, den Haaransatz, die Waden. Überall
bin ich fremd, fremd, belebte Plätze, Platzwunden, in
der Adventzeit Wunderkerzen. Ich bemühe mich,
dich, frage mich durch, auf der Straße, im Kino, vor
dem Supermarkt, es nützt nichts, nützt gar nichts.
Gewiss, es ist vorgekommen, ab und an eine Liebeserklärung,
Geplänkel, ist lang genug her, eine Seele
kam dabei nicht zustande, das nicht, sie wäre wohl
gestorben. In mir kann nichts leben, sich einnisten.
Lebe, atme, lebe, wenigstens eine Woche, ein Monat,
eine Stunde schon hätte genügt. Mir, ihm, allen hätte
es genügt.
Im Sommer, den ganzen Sommer über, ein kurzer
Rock, rote Schuhe, ich habe mich geschminkt, darauf
eingestimmt, die Nägel lackiert, worauf, wozu, es ist
ohnehin nichts passiert, tat es nie. Ich lebe nicht,
atme, atme, damit es nicht auffällt, im Supermarkt
stellen sie manchmal Fragen, wollen mich aushungern.
Kein Hund, ich nicht, keine Katze, einmal, vor
Jahren, da hatte ich einen Goldfisch, der schon auf
dem Weg von der Zoo-Handlung sterben wollte.
Manchmal belle ich, wenn jemand im Stiegenhaus
vorbeigeht, er geht dann gleich schneller, ich belle
tief, sehr tief.
Küss mich, ja, du, küss mich, sie, wir, ich kann mich
nicht mehr erinnern, es ist ja nie was passiert. Man
hat mich geborgen, geborgen, aufgezogen, ausgesetzt,
es wohl gut gemeint. Gebt ihr die Freiheit, die ganze,
aber nimm nicht alles auf einmal, Sie müssen auf sich
achten, Madame! Ich gehe zu Ärzten, gut, gern, wenn
ich gehe, die Füße, mit Nachdruck aufgesetzt, das
hört man, als würde ich die Welt stempeln, Herr
Doktor. Mein Doktor, sieht, hört, wir tauschen Tabletten,
eine Packung habe ich immer bei mir, man
kann ja nie wissen, lebe, atme, massiert mir die Brust,
tastet das Brustbein, die Rippen, die Hüftknochen,
ich rieche gut, bin immer frisch gewaschen. Ein Kind
treibe ich ab, ganz sicher sogar, ich kann nicht gebären,
mich hinlegen, so tun, als ob, ich bin tot, tot,
es würde auffallen. Ich habe nie existiert, mich betrogen,
dich, sie, gestorben bin ich jedes Mal mehr,
mehr, ein Stück fällt zu Boden, bleibt liegen, da war
ich auch schon. Den Mantel zuknöpfen, eine Naht
auftrennen, Mittwoch schwimmen gehen, Donnersstillborn-
tag, Freitag, so oft es geht, im Wasser bewege ich
Arme, schlucke, Chlor, Kohlensäure, es brennt, ich
atme, muss husten, der Körper gibt nicht nach, vertrocknet.
Manchmal, da sprechen mich Männer an, das schon,
ich bin nie hübsch gewesen, hat nicht gestört, keinen
interessiert. In der Nacht, ich liege wach, laufe durch
Wohnungen, Zimmer, meine eigenen, fremde, schlafe
kaum, habe viele Schlüssel, ein dicker Bund in meiner
Hosentasche, meinem Aktenkoffer, meiner Handtasche
von Prada. Tagsüber verkaufe ich, vermiete,
Menschen schütteln meine Hände, beide, man könnte
sich daran gewöhnen, Maklerin zu sein, Gutes zu tun,
Lebensräume abzugeben, Schlupfhöhlen. Lebe, atme,
atme, laufe los, leere Zimmer, Wohnung, Lerchenfelder
Straße, 90m2, Flügeltüren, der Vollmond spuckt
an das Fenster, über die Straße. Stehen bleiben, eindämmen,
durchatmen, dich, sie, hierhin kommt der
Kühlschrank, ein Bett, die Maße gebe ich noch durch,
lassen Sie mich nur machen. Roter Teppich, Lampenschirme,
Küchentisch, Spiegel, Kommode, Schreibtisch,
Schmuckkästchen, ich dirigiere die Leere, ein
Konzert des Schreckens. Morgen, da kommt ein Pärchen,
will sich niederlassen, nicht dass ich keinem
was gönne, es tut nicht einmal mehr weh. Ich gehe
hinaus, in den Flur, schließe ab, so oft es geht, kann
das Echo hören. Eile nach unten, ganz nach unten, sie
sagen es ist der Keller, 5 m2, gefegt, ein paar Räder
passen schon hinein, ach, Sie fahren ein Tandem, wie
schön, hier unten soll es Ratten geben, das sage ich
natürlich nicht, ich sage nichts mehr, habe nie existiert.
Fahre nach Hause, wie das wieder klingt. Mein
Mann, wartet auf mich, die zwei Kinder, Stella, unser
Labradormischling, Judy, die Katze, wie konnte ich
jemals so denken? War das ich, du, sie, mein Kopf
prallt an die Tür, zurück, prallt noch einmal, es fühlt
sich taub an.
Meine Wohnung, 100 m2, das lässt sich durch zwei
teilen, durch vier, zehn, hört das denn niemals auf?
Ich bin tot, tot, lebe, lebe einmal pro Woche: Wäsche,
Einkaufen, Kino, Psychiater, Reitunterricht.
Meine Wäsche, die ist immer sauber. Irgendwas
stimmt mit mir nicht. Eine Drahtschlinge, ein Hanfseil,
das zwinkert, nimm die Nagelschere, das Messer,
schneide dein Auge heraus, leg es zur Wäsche, wenn
sie es finden, schweigen sie betreten. Einkaufen, Popcorn,
Joghurt, Alkohol, ich trinke ja keinen, sonst
drehe ich noch durch. Im Kino läuft auch nichts, läuft
nie etwas, Familienväter, Pärchen, halblaute Jugendliche,
etwas Stolz habe ich noch. Meinem Psychiater
erzähle ich etwas von Freunden, die ich nicht habe,
der Beruf stresst sehr, oh ja, Herr Doktor, Sie ahnen ja
gar nicht. Bloß nicht die Wahrheit, die kann keiner
verstehen, ich würde ja auch nicht. Der Reitlehrer,
leckt seine Lippen, sieht meinen Arsch, der allerdings,
gut in Form. Sagte ich, sagte ich wirklich, ich sei
hässlich? Sie ahnen ja gar nicht, wie Recht Sie tun,
das zu glauben. Morgens, nach dem Aufstehen, ich
gehe ins Bad, schaue mich an, mir zu, tief in die
Augen, den Ausschnitt, meine Maße sind bestens,
alles in allem kann ich mich gar nicht beschweren.
Ich bin hässlich, hässlich, hässlich innen drin, das ist
viel schlimmer.
Lebe, lebe, heute bin ich wieder nahe dran, es zu
tun, es nicht zu tun, mir fehlt nur etwas der Mut. Ich
fahre zu einer Wohnung, am Graben, gute Adresse,
200 m2, hier ist das Gästezimmer, gleich dort, alles
schon möbliert, habe ich selbst ausgesucht, wie schön
es doch glänzt. Hell, gleißend, groß, die Aussicht,
wunderbar, die Terrasse von unten nicht einsehbar,
unten, der Keller, eine Garage, alles frisch geweißt.
Nachts laufe ich hinaus, auf den Balkon, wenn ich
jetzt springe, muss ich niemandem mehr einen blasen.
Und was dann? Unten, liegen, liegen, vor den
Kellerfenstern, tot sein, alle schauen zu, mir, ihr, so
ist es, es wird nicht besser. Ich habe gelernt, mit mir
auszukommen, Herr Doktor, man muss mit dem
zufrieden sein, was man hat, darüber reden hilft ja
schon. So ein Schwachkopf, macht einen auf verständnisvoll,
hinten, an der Wand unter dem Diplom
hängt das Foto seiner Frau, der Kinder, einmal hat er
telefoniert, da hörte ich es irgendwo bellen. Wollen
Sie mit mir schlafen, Herr Doktor? Er wird rot, sagt
aber nicht nein, hätte ich mir denken können.
Lebe, atme, gehe, aus, fort, es gibt keinen Gott, da
brauchst du dir auch nichts vormachen. Ich werde ausziehen,
meine Wohnung halbieren, vielleicht bleibt
etwas zurück, das mich quält, sticht. Mein Zimmer,
schlafen, wohnen, Umzüge sind schön, Ballast, neuer
Palast, etwas Glück, neues Leben. 50 m2, neues Reich,
irgendwie wirkt alles kleiner, bin ich vertrocknet,
oder habe ich einfach nur Angst? Ich kaufe mir eine
Sauerstoffmaske, dass ich nicht früher darauf gekommen
bin.
Ich kann manchmal ganz gut schlafen, das glaubt mir
nur keiner. Herr Doktor, er verschreibt mir Tabletten,
nur die Farben wechseln, bin ich ein Chamäleon?
Ich schlafe, schlafe tief, fest, im Keller nagen die Ratten.
Am nächsten Morgen, das Büro ruft, an, mich,
eine Wohnung sei aufgebrochen, es fehlt nichts, warum
kann ich mich nicht erinnern? Ich fahre hin,
laufe, die Wohnung, Siebensterngasse, alles noch da,
geraucht haben sie, ich, du, der Aschenbecher in der
Küche ist voller Kippen. Was wollten sie? Einfach
nur nachsehen, ausruhen, reden? Meine Damen, Herren,
ich kenne da einen Doktor, den kann ich nur
empfehlen.
Ich rufe im Büro an, einmal kurz durchputzen, lüften,
die Order, am Nachmittag kommen die ersten Kunden,
mit Kindern. Ich erkläre, erkläre alles, beiße mir
auf die Lippen, die Zunge, ich lächle, atme, lebe,
meine Stimme riecht nach Lavendel, das reicht nicht.
Zwei Kinderzimmer, je 15 m2, ich hatte das nicht.
Tobias und Toni, Antonio eigentlich, zwei echte Racker,
die Frau schaut glücklich aus, der Mann tut so,
die Kinder laufen durch die Wohnung, ins Bad, wieder
zurück, ins Vorzimmer, in die Küche, wollen eine
Küchenschabe gesehen haben, die Biester. Tobias, der
Blonde, schneidet Grimassen, Toni röchelt, sie spielen
Frankenstein, der Mädchenname meiner Mutter,
aber das kann ich nun wirklich niemandem erzählen.
Später, ich fahre nach Hause, es wird Mittag, die neue
Wohnung, die macht wirklich was her, ich stehe nur
ganz kurz im Stau. Manches kann man sich schon aussuchen:
Radiosender, Kreuzungen, Fahrstreifen, Kaustillborn_
gummisorten, Brillen, Putzmittel, Pelzmäntel. Ich
bin es, Frankenstein, habe wohl nicht den Anstand,
normal zu sein.
Kurz hinlegen, jetzt aber schnell, später habe ich
Kunden. Nägel lackieren, Lippenstift, etwas Rouge,
leben, atmen, leben, neue Wohnung, Glück in erster
Instanz. Im Büro, da ahnt niemand etwas, die halten
mich für exzentrisch, außergewöhnlich, talentiert,
eine erfolgreiche Frau, der es an nichts mangelt. Erklärungen,
ich brauche Antworten, auf Fragen, die
ich nicht zu stellen wage, weil ich sehe, was es nicht
gibt, bin tot, schon vergessen? Manchmal erkläre ich
mich, ist so ein Spiel, sage mir, was du, Sie, denken,
denkst, und ich zeige dir, Ihnen, wonach es für mich
aussieht. Es sieht nicht gut aus, tut es nie, auch nicht
weiter verwunderlich. Einen Mann habe ich getroffen,
Kunde, erfolgreich, außergewöhnlich, fährt eine
Limousine, kann gut Witze erzählen. Treffen sich
zwei Schwalben, sagt die eine. Ich lache, lache laut,
mich tot, mit mir ist es zu einfach. Abendessen, er
zahlt, sagt, es war sehr schön, sagt, wir sollten das
wiederholen, sagt, wir passen zueinander, passen. Ich
sage gar nichts, ich weiß nur. Kann nicht schlafen,
atmen, leben, wälze mich von einer Seite auf die
andere, läge ich auf einem Rost, ich wäre gut durch.
Einmal, ich habe Menschenfleisch gegessen, er war
ein echtes Schwein. Meine Art, Witze zu erzählen,
niemand lacht, ich würde ja auch nicht.
Herr Doktor, er schreibt mit, tut unschuldig, seine
Frau tut nicht viel, sie haben ja eine feste Bindung,
Kinder, einen Hund, wie der heißt will ich wissen. Er
sagt nichts, überlegt, ein Name, ein Name nur, wofür
zahle ich denn? Er sagt nichts, gibt sich irritiert, ich
frage lieber nicht weiter. Hätte ich einen Hund, es
würde besser um mich stehen, eine Katze, vielleicht
würde das reichen, ein Goldfisch, der jedenfalls nützt
gar nichts. Abends, nachts, atme, atme langsam,
schreie, das ist mir schon lange nicht passiert. Ich bin
wach, laufe nach unten, zum Auto, fahre in eine
Wohnung, die nächste, ob ich dort schlafen kann?
Die leeren Räume verheimlichen nichts, sagen dir,
wie es ist, wie es ist, allein zu sein. Ich will gar nicht
geliebt werden, nicht mehr, wozu? Bin eine Totgeburt,
hässlich, sehr hässlich. Ich könnte verkrampfen,
mich vergiften, andere, am Schluss heißt es, sie hat
gekocht, Humor, wie buchstabiert man das?
Auf dem Pferd, eine gute Figur, da gelingt es mir,
stelle mir vor, tot zu sein, wie es wäre, das geht einem
ins Blut über, mein Hengst ist wohl etwas morbid.
Hans, mein Lehrer, lächelt, ich nenne ihn Hänschen,
ist eine echte Sau, aber den lasse ich nicht ran. Den
Hengst würde ich schon, ganz kurz, dann trifft mich
ein Huf, auf den Kopf, es gibt dafür bestimmt einen
Paragraphen.
Als ich Maklerin wurde, da habe ich damit aufgehört,
mich umzudrehen, darüber nachzudenken. Hinten,
ist nichts, niemand, vorne, auch nicht, das täuscht.
Um mich herum ist es leer, leer, irgendwie mag ich
das ja, alles andere wäre schlicht gelogen. Manchmal
komme ich mir klein vor, auf der Straße, dort fragen
sie, wo ist deine Mutter, als ob ich nicht auf mich
selbst aufpassen könnte, oh ja, das kann ich, ich kann
vielleicht nicht viel, aber das schon. Atmen, leben,
einkaufen, waschen, reiten, darüber reden, wie es
wäre, was nicht ist, was hätte sein können, dem Doktor
ist es recht, wenn man den Mund aufmacht, einfach.
Ich erkläre gar nichts mehr, die Leere, die ist ein
Fenster nach innen, nur zu weit rauslehnen, das darf
man nicht.
Ein Satz sollte zwischen ihm, mir etwas klären. Ich
treffe ihn, immer noch, gut, groß gewachsen, erfolgreich,
fährt eine Limousine, im Vorbeifahren hat er
mir zugewinkt, meinte mich, meinte, ich könne mich
glücklich schätzen, meinte, ich sei sexy, meinte, ich
bewege mich, als ob ich eine Rikscha ziehe, dabei
wackle ich nur mit dem Hintern, es ist so einfach.
Was auch noch einfach ist: Wasser kochen, Kaffee,
Tee, Auftauen, Einfrieren, Glühbirnen wechseln,
Nägel feilen, sich etwas zwischen die Beine stecken,
mit jemandem dran. Ich sollte das alles aufschreiben,
so sieht es also aus, in mir drin. Außen, dort steht ein
Tisch, das Bett, ein Sessel, im Bad eine Dusche, Rollos
in den Fenstern, zugezogen, das Papier wird langsam
knapp. Im Mittelalter hätte man mich verbrannt,
unter Beifall, vor Publikum, man merkt mir das
an, wenn man nur hinsieht, aber das tut ja keiner. Ich
bestell einen Inquisitor, den lade ich ein, er soll mir
auf den Zahn fühlen, der Doktor will ja nicht, seine
Frau könnte dahinter kommen. Erklärungen, ich
sollte mit Erklärungen handeln, da besteht wirklich
Bedarf. Als Kind hatten sie mir die Welt so erklärt:
eine Scheibe, dann eine Kugel, rundherum Nichts,
im Nichts ein paar Sterne, viele Sterne, manche möbliert,
andere nicht.

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