Terminifera von Michael Stavaric, 2007, Residenz

Michael Stavaric

0.
(Leseprobe aus: Terminifera, Roman, 2007, Residenz)

Wenn ich träume, gehört mir die Welt ganz allein.
Im Kopf, da kann einem keiner gefährlich werden.
Im Heim sagten sie, dass man ihnen nicht blöd kommen
soll, das mögen sie überhaupt nicht, einen vorlauten
Bastard mit Sommersprossen. Im Sommer
kann mich nichts aus der Ruhe bringen, ist einfach so.

Ich erinnere mich, wie mir jemand erzählte, in einem
Heim am Land, das ist für ein Kind wie geschaffen.
Die frische Luft. In der Stadt bekommt man Allergien,
in Arlberg am Walde ticken die Uhren anders:
Du wirst sehen, ein Leben in der Stadt wirst du dir danach
nicht mehr vorstellen können, unmöglich. Wer würde nicht
gern Geld locker machen, um so zu leben, im Speck, im Heu,
nur Bio-Nahrungsmittel, da hast du aber Glück gehabt.
Ich weiß nicht, immer wenn einer wie ich Glück hat,
muss ein anderer um sein Leben bangen.
Der nächste Bahnhof dreißig Kilometer entfernt, es
hat über eine Stunde gedauert, bis sie kamen. Da
stand ich am Bahnsteig, viel zu still für mein Alter.
Ich meine, es wäre mir nie in den Sinn gekommen
davonzulaufen, wenn Gefahr drohte. Ich hatte keine

Angst vor Tieren. Wir fuhren in einem rostigen
Lieferwagen, dem alten Bäcker hatte der gehört.
Bis er sich einen Herzinfarkt holte, seitdem gab es
zum Frühstück nur noch Toast. Der Doktor im Dorf
drüben hinterm Berg glaubte bis zuletzt an seine Version
mit dem Zwerchfell: Der wird wieder! Ich sah in
den Rückspiegel, die Landschaft, die mir den Kopf
verdrehte, nach links, nach rechts, aber niemand fuhr
auf, hinten alles wie ausgestorben, bewaldete Bergkuppen:
Hier oben sind wir ganz unter uns.
Was ist gegen Luftveränderung schon einzuwenden?
Gar nichts!

Wenn ich ehrlich sein soll, ich war meiner Zeit etwas
voraus, hatte gleich das Gefühl, dass da was passiert,
weit hinter mir. Eine Rückblende für Fortgeschrittene:
Jemand kommt ganz langsam auf einen zu, sondiert
die Lenden, hat da ein Auge drauf, er lief mir
direkt vor die Flinte. Die Geschichte endet beim Abdecker.
Die Ankunft im Hof unter einer morschen Pappel:
Die wird übermorgen gefällt, pass auf, dein Kopf! Die Äste,
die mürben. Aber ich bin kein Gast, mir gegenüber
lässt man bald jede Höflichkeit fallen, wenn die Pappel
im Hof erst umgeschnitten ist, wenn sie fällt, das
weiß ich.

Die Türen, dass sie quietschen, ist doch normal, wir
sind auf dem Land. Es gibt Stallfliegen, im Heim zirkuliert
die Luft, angenehm kühl, schon bald werd ich
mich eingewöhnen, bestimmt: Bald wirst du dich eingewöhnen,
Junge. Für gewöhnlich dauert das angeblich
eine Woche. Wer es dann noch nicht kapiert, dem
ist nicht zu helfen. Insgeheim habe ich mich darauf
eingestellt, dass es länger dauert. Ich meine, ich bin
einer von der schnellen Sorte, die Zeit, das Unglück,
dass heute alles so schnell seinen Wert verliert. Sie
haben mir gleich in der ersten Woche ein Fahrrad
in die Hand, eines mit löchrigem Sattel, ganz unbequem.
Eine Frau weiß angeblich warum, sie sagen,
das hat noch keiner Frau geschadet. Einer von ihnen
sagt auch, dass man eine Frau oral befrieden kann.

Den Rest des Satzes kann er sich schenken.
Vor dem Fenster die Landschaft, ich kann nicht sagen,
dass es nicht schön ist. Der liebe Gott hat sein Bestes
getan, unter dem Horizont alles gut eingeklemmt,
damit nichts abhanden kommt. Die Unschuld geht
flöten. Irgendwann später. Hinter einem Holunderbusch
mit irgendeinem dahergelaufenen Hund.
Wenn sonst gar nichts mehr läuft.

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