Edward
St. Aubyn
Schöne Verhältnisse
(Leseprobe aus: Schöne
Verhältnisse, Roman, 2007, DuMont
- Übertragung Ingo Herzke)
David Melrose war des Ameisenertränkens müde und
beendete die Gartenbewässerung. Ließ sich die sportliche Betätigung nicht
mehr auf einen Punkt konzentrieren, ließ sie ihn verzweifeln. Es gab immer noch
ein Nest, noch eine Ameisensiedlung. Wie seine Tanten traten sie nie einzeln
auf, und es stachelte seine Mordlust noch an, wenn er dabei an die sieben überheblichen
Schwestern seiner Mutter dachte, hochmütige und selbstsüchtige Frauen, denen
er als Junge seine Begabung am Klavier hatte vorführen müssen.
David ließ den Schlauch auf den Schotterweg fallen und dachte daran, wie wenig
Eleanor ihm noch nützte. Sie war schon zu lange starr vor Schreck. Als wollte
man die geschwollene Leber eines Patienten abtasten, wenn man schon nachgewiesen
hatte, dass sie schmerzte. Nur gelegentlich konnte man sie dazu bringen, sich zu
entspannen.
Er erinnerte sich an einen Abend vor zwölf Jahren, als er sie zum Abendessen in
seine Wohnung gebeten hatte. Wie vertrauensselig sie damals war! Sie hatten
bereits miteinander geschlafen, doch Eleanor war ihm gegenüber immer noch schüchtern.
Sie trug ein eher formloses weißes Kleid mit großen schwarzen Punkten. Sie war
achtundzwanzig, sah aber mit ihrem einfach geschnittenen, glatten, blonden Haar
jünger aus. Er fand ihre verwirrte, erschöpfte Art hübsch, doch was ihn
erregte, war ihre Ruhelosigkeit, die stille Verzweiflung einer Frau, die sich
unbedingt in eine wichtige Aufgabe stürzen will, aber keine findet.
Er hatte ein marokkanisches Gericht gekocht, mit Mandeln gefüllte Tauben, die
er ihr auf einem Bett aus Safranreis servierte, doch dann zog er den Teller
wieder weg. »Würdest du etwas für mich tun?«, fragte er.
»Natürlich«, sagte sie. »Was denn?«
Er stellte den Teller hinter ihrem Stuhl auf den Boden und sagte: »Würdest du
dein Essen ohne Messer und Gabel und ohne Hände essen, direkt mit dem Mund vom
Teller?«
»Du meinst, wie ein Hund?«, fragte sie.
»Wie ein Mädchen, das so tut, als wäre sie ein Hund.«
»Aber wieso?«
»Weil ich es gern möchte.«
Er hatte das Risiko genossen. Sie hätte auch Nein sagen und gehen können. Wenn
sie blieb und ihm seinen Willen tat, hätte er sie. Das Eigenartige war, dass
sie beide nicht auf die Idee kamen zu lachen.
Eine Unterwerfung, selbst eine so absurde, war für Eleanor eine echte
Versuchung. Sie opferte Dinge, an die sie nicht glauben wollte –
Tischmanieren, Würde, Stolz – für etwas, an das sie glauben wollte:
Opferbereitschaft. Die Leere der Handlung, die Tatsache, dass sie niemandem nützte,
hatte die Geste damals noch reiner wirken lassen. Sie ließ sich auf allen
Vieren auf dem fadenscheinigen Perserteppich nieder, die Hände flach neben den
Teller gelegt. Ihre Ellbogen ragten nach außen, als sie den Oberkörper senkte
und ein Stück Taube zwischen die Zähne nahm. Sie spürte ein Ziehen am unteren
Ende der Wirbelsäule.
Sie richtete sich auf, legte die Hände auf die Knie und kaute still. Die Taube
schmeckte eigenartig. Sie hob den Blick ein wenig und sah Davids Schuhe, einer
zeigte auf dem Boden in ihre Richtung, der andere schlenkerte dicht vor ihr in
der Luft. Sie schaute nicht höher als bis zum Knie seiner übergeschlagenen
Beine, beugte sich lieber wieder hinunter, aß diesmal mit größerem Eifer, wühlte
im Reis nach einer Mandel, schüttelte sacht den Kopf, um ein Stück Taube vom
Knochen zu lösen. Als sie endlich zu ihm aufsah, war eine ihrer Wangen mit
Sauce glasiert, gelber Reis klebte ihr an Mund und Nase. Jegliche Verwirrung war
aus ihrer Miene verschwunden.
Einige Augenblicke hatte David sie verehrt, weil sie tat, was er verlangte. Er
streckte den Fuß aus und strich ihr mit der Kante seines Schuhs zärtlich über
die Wange. Ihr Vertrauen zu ihm fesselte ihn völlig, doch er wusste nichts
damit anzufangen, da es seinen Zweck schon erfüllt hatte: Er konnte sie dazu
bringen, sich zu unterwerfen.
Am folgenden Tag erzählte er Nicholas Pratt, was geschehen war. Es war einer
jener Tage, an denen er seine Sekretärin sagen ließ, er sei beschäftigt, um
dann im Club zu trinken, außer Reichweite der fiebrigen Kinder und der Frauen,
die ihren Kater als Migräne ausgaben. Er trank gern unter der blaugoldenen
Decke des Morgensalons, wo die Luft immer leicht vom Vorübergehen wichtiger Männer
vibrierte. Die langweiligen, verlebten und unbekannten Mitglieder munterte diese
Atmosphäre auf, so wie kleine Boote an ihren Ankerplätzen auf und ab
schwanken, wenn eine der großen Yachten aus dem gemeinsamen Hafen fährt.
»Warum hast du sie dazu gebracht?«, fragte Nicholas, zwischen Boshaftigkeit
und Abscheu schwankend.
»Sie hat so wenig Gesprächsthemen, findest du nicht auch?«, sagte David.
Nicholas antwortete nicht. Er hatte das Gefühl, zur Komplizenschaft gezwungen
zu werden, so wie Eleanor zum Essen.
»Hat sich das denn vom Fußboden aus gebessert?«, fragte er.
»Ich bin kein Zauberkünstler«, sagte David. »Ich konnte sie nicht
unterhaltsam machen, aber immerhin zum Schweigen bringen …«
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