Michael Starcke

wir leben

meteorologisch ist schon herbst
und wir können uns irren,
was die kleidung betrifft
oder die menschen von nebenan,
unsere fenster schließend: zu viel luft.

wir leben und jene von uns,
die schon einmal fliehen mussten,
werden sich ihr leben lang erinnern,
sind vielleicht schon gestorben oder senil.
ihre zeit liest, niemals schlagend, keine uhr.

wir alle wissen, dass wir bis auf wenige
auf keiner insel leben, vielleicht
in gedanken manchmal auf einer wolke
oder im frieden unserer wohnungen,
gesellig oder einsam „carpe diem“ rufend.

wir verfolgen an unseren bildschirmen
krieg, flucht und vertreibung wie im film,
ein déjà-vu-erlebnis, als wären alle tränen
längst verbraucht, während wir zwiebeln
als vorbereitung einer mahlzeit schneiden.

keine frage, dass viele helfen möchten,
keine zeit für ausländerfeindlichkeit und rassismus.
hoffnung glimmt. auf helle ideen kommend
leben wir, um keinen augenblick betrogen,
dessen glanz, dem herz nicht fehlen darf.

Rezension I Buchbestellung III15 LYRIKwelt © M.St.