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Sommergäste
(Leseprobe aus:
Seerücken, Erzählungen, 2011, S. Fischer).
SIE KOMMEN ALLEIN?, fragte die Frau am Telefon
noch einmal. Ihren Namen hatte ich nicht verstanden,
ihren Akzent konnte ich nicht einordnen. Ja,
sagte ich. Ich suche einen Ort, an dem ich in Ruhe
arbeiten kann. Sie lachte etwas zu lang, dann fragte
sie, was ich denn arbeiten würde. Ich schreibe, sagte
ich. Was schreiben Sie? Eine Arbeit über Maxim
Gorki. Ich bin Slawist. Ihre Neugier ärgerte mich.
Ach?, sagte sie. Sie schien einen Moment lang zu zögern,
als wäre sie nicht sicher, ob sie das Thema interessiere.
Gut, sagte sie schließlich, kommen Sie. Sie
kennen den Weg?
Ich hatte im Januar eine Tagung besucht, es ging
um die Frauenfiguren in Gorkis Stücken. Mein Referat
über die Sommergäste sollte in einem Sammelband
erscheinen, aber im täglichen Unibetrieb war
keine Zeit gewesen, es zu überarbeiten und fertigzu
stellen. Ich hatte mir die Woche vor Christi Himmelfahrt
dafür freigehalten und einen Ort gesucht, an
dem niemand und nichts mich erreichen oder ablenken
konnte. Ein Kollege hatte mir das Kurhaus empfohlen.
Er hatte als Kind viele Sommerferien dort
verbracht. Irgendwann sei der Besitzer des Hauses in
Konkurs gegangen, aber er habe gehört, das Hotel sei
vor einigen Jahren wiedereröffnet worden. Wenn du
einen Ort suchst, an dem nichts los ist, bist du da oben
genau richtig. Als Kind habe ich es gehasst.
Die Busse zum Kurhaus fuhren nur im Sommer.
Sie könne mich leider nicht abholen, hatte die Frau
am Telefon gesagt, ohne einen Grund zu nennen, aber
ich könne vom nächstgelegenen Dorf aus zu Fuß heraufkommen,
der Marsch sei nicht lang, eine Stunde
allerhöchstens.
Der Bus wand sich eine enge Straße hoch durch
eine terrassierte Landschaft. Er war spärlich besetzt,
und an der Endstation stiegen außer mir nur noch ein
paar Schüler aus, die sich sofort zwischen den Häusern
verloren. Ich hatte nur das Nötigste an Kleidern
eingepackt, aber mit den vielen Büchern und dem
Laptop war der Rucksack wohl an die zwanzig Kilo
schwer. Was haben Sie denn dabei?, fragte der Busfahrer,
der mir beim Ausladen half. Papier, sagte ich,
und er musterte mich misstrauisch.
Vor der Post standen ein paar Wegweiser, die in unterschiedliche
Richtungen zeigten. Ich folgte einem
Sträßchen und später einem Pfad, der quer durch eine
steile Wiese führte und dann in eine schmale, bewaldete
Schlucht hinunter. Am Waldrand wuchsen Lärchen
und vereinzelte Eschen, im Inneren Rottannen.
Überall lagen umgestürzte Bäume, vertrocknete Tannengerippe,
unter denen noch letzte Reste Schnee
zu sehen waren. Der Boden war nass, und meine Füße
sanken tief ein in der schwarzen Erde. Immer wieder
verklebten mir unsichtbare Spinnweben Gesicht
und Hände. Spuren von anderen Wanderern fand ich
nicht, vermutlich war ich der erste in diesem Jahr.
Nach einer Weile fiel mir auf, dass ich schon länger
keine Wegmarke mehr gesehen hatte, kurz darauf
verlor sich der Pfad zwischen den Bäumen. Ich hatte
keine Lust umzukehren und ging den Abhang hinunter,
der zunehmend steiler wurde. An manchen Stellen
musste ich mich an Wurzeln oder Ästen festhalten,
einmal glitt ich aus, rutschte ein paar Meter weit
und zerriss mir die Hose. Das Rauschen des Baches
unter mir wurde immer lauter, und als ich ihn
schließlich erreichte, fand ich auch den Weg wieder.
Es war ein reißender Bergbach mit grauem Wasser. Er
floss in einem breiten Bett aus hellen Felsen und Geröll,
das wie eine offene Wunde wirkte in der dunklen
Waldlandschaft. Ich kam jetzt leichter voran und
erreichte nach ungefähr einer halben Stunde einen
kleinen Holzsteg. Die Pfeiler waren unterspült, und
ein Baum, der mit dem Wurzelballen umgekippt war,
lag quer über der Brücke. Er hatte das Geländer abgerissen,
und einige der Bodenplanken waren unter
seinem Gewicht zerborsten. Vorsichtig kletterte ich
hinüber. Auf der anderen Seite der Schlucht stieg der
Weg steil an, und ich schwitzte, obwohl es kühl war
im Wald.
Ich brauchte fast zwei Stunden, bis ich durch die
Bäume hindurch das Kurhaus auftauchen sah. Fünf
Minuten später stand ich vor dem riesigen Jugendstilgebäude.
Der Talgrund lag schon im Schatten, aber
das Haus, das etwas erhöht stand, leuchtete weiß in
der Abendsonne. Alle Fensterläden bis auf einen im
Parterre waren geschlossen, kein Mensch war zu sehen,
und nur das Rauschen des Baches war zu hören.
Die Eingangstür stand offen, und ich trat ein. Im Foyer
war es schummrig. Durch die farbigen Scheiben der
inneren Tür fielen ein paar Sonnenstrahlen auf den
abgetretenen Perserteppich, der auf dem Steinboden
lag. Die Möbel waren mit weißen Tüchern zugedeckt.
Hallo, rief ich leise. Niemand meldete sich, und ich
trat durch eine Schwingtür, über der in altertümlicher
Schrift
Speisesaal stand. Ich kam in einen großenRaum mit vielleicht dreißig Holztischen und umge
drehten Stühlen darauf. In der hintersten Ecke des
Saals war ein Tisch im Licht. Dort saß eine junge
Frau. Hallo, rief ich etwas lauter als vorher und ging
durch den Raum auf sie zu. Noch bevor ich sie erreicht
hatte, stand sie auf, kam mir mit ausgestreckter
Hand entgegen und sagte, willkommen, ich bin Ana,
wir haben telefoniert.
Sie musste ungefähr in meinem Alter sein. Sie trug
einen schwarzen Rock und eine weiße Bluse wie eine
Kellnerin. Sie hatte schwarzglänzendes, schulterlanges
Haar. Ich fragte, ob das Hotel geschlossen sei. Jetzt
nicht mehr, sagte sie und lächelte. Auf dem Tisch
stand ein halbvoller Teller mit Ravioli. Einen Moment
bitte, sagte die Frau. Sie setzte sich wieder hin
und aß auf. Sie schlang das Essen hinunter, es schien
sie nicht zu stören, dass ich ihr dabei zuschaute. Ich
hatte seit dem Mittag nichts gegessen und bekam
langsam Hunger, aber ich wollte erst mein Zimmer
beziehen, duschen und mich umziehen. Ich setzte
mich der Frau gegenüber, sie lud mich mit einer verspäteten
Handbewegung dazu ein und sagte, erzählen
Sie mir von Ihrer Arbeit. Ich erklärte ihr noch einmal,
weshalb ich hier sei. Sie wischte sich den Mund
mit der Serviette ab und fragte, weshalb interessiert
Sie das? Ich zuckte mit den Schultern und sagte, ich
sei zu der Tagung eingeladen worden. Gender Studies
seien im Moment in Mode. Und warum immer die
Frauen?, fragte sie. Ich weiß nicht, sagte ich, Männer
sind weniger interessant. Mit einem Schluck Wein
spülte sie den letzten Bissen hinunter. Ich zeige Ihnen
jetzt das Zimmer.
Im Foyer trat sie hinter die Rezeption und kramte
in den Schubladen des Möbels. Nach einer Weile
schob sie einen Block über die Theke und bat mich,
das Formular auszufüllen. Ich trug mich ein. Als ich
zurückblättern und die letzten Einträge lesen wollte,
nahm sie mir den Block aus der Hand und verstaute
ihn. Würde es Ihnen etwas ausmachen, gleich zu bezahlen?
Ich sagte, das sei in Ordnung. Sieben Tage
Vollpension, rechnete sie, das macht vierhundertzwanzig
Franken inklusive Kurtaxe. Sie steckte die
Geldscheine ein und sagte, das Wechselgeld gebe sie
mir später. Und eine Rechnung, bat ich. Sie nickte,
kam hinter der Rezeption hervor und lief mit schnellen
Schritten die breite Steintreppe hoch. Erst jetzt
fiel mir auf, dass sie barfuß war. Ich nahm meinen
Rucksack und folgte ihr.
Sie wartete im ersten Stock auf mich am Anfang
eines langen düsteren Flurs. Haben Sie einen besonderen
Wunsch?, fragte sie. Als ich verneinte, öffnete
sie die erste Tür und sagte, dann nehmen Sie doch
gleich dieses hier. Ich trat ins Zimmer, das ziemlich
klein war und spärlich möbliert, außer einem unbezogenen
Bett, einem Tisch und einem Stuhl gab es
Frauen?, fragte sie. Ich weiß nicht, sagte ich, Männer
sind weniger interessant. Mit einem Schluck Wein
spülte sie den letzten Bissen hinunter. Ich zeige Ihnen
jetzt das Zimmer.
Im Foyer trat sie hinter die Rezeption und kramte
in den Schubladen des Möbels. Nach einer Weile
schob sie einen Block über die Theke und bat mich,
das Formular auszufüllen. Ich trug mich ein. Als ich
zurückblättern und die letzten Einträge lesen wollte,
nahm sie mir den Block aus der Hand und verstaute
ihn. Würde es Ihnen etwas ausmachen, gleich zu bezahlen?
Ich sagte, das sei in Ordnung. Sieben Tage
Vollpension, rechnete sie, das macht vierhundertzwanzig
Franken inklusive Kurtaxe. Sie steckte die
Geldscheine ein und sagte, das Wechselgeld gebe sie
mir später. Und eine Rechnung, bat ich. Sie nickte,
kam hinter der Rezeption hervor und lief mit schnellen
Schritten die breite Steintreppe hoch. Erst jetzt
fiel mir auf, dass sie barfuß war. Ich nahm meinen
Rucksack und folgte ihr.
Sie wartete im ersten Stock auf mich am Anfang
eines langen düsteren Flurs. Haben Sie einen besonderen
Wunsch?, fragte sie. Als ich verneinte, öffnete
sie die erste Tür und sagte, dann nehmen Sie doch
gleich dieses hier. Ich trat ins Zimmer, das ziemlich
klein war und spärlich möbliert, außer einem unbezogenen
Bett, einem Tisch und einem Stuhl gab es
eine Kommode, auf der ein altes Porzellanbecken stand
und darin ein mit Wasser gefüllter Krug. Die Wände
waren weiß gekalkt und leer bis auf ein Kruzifix über
dem Bett. Ich ging zur Glastür, die auf einen winzigen
Balkon führte. Den sollten Sie besser nicht
benutzen, sagte Ana vom Flur aus. Ich fragte, wo sie
schlafe. Weshalb wollen Sie das wissen? Einfach so.
Sie schaute mich ärgerlich an und sagte, nur weil
sie allein hier sei, heiße das nicht, ich könne mir Freiheiten
erlauben. Ich hatte an nichts Böses gedacht
und schaute sie überrascht an. Ich fragte, wann ich
essen könne. Sie machte ein Gesicht, als denke sie
angestrengt nach, dann sagte sie, ich solle herunterkommen,
wenn ich mich frisch gemacht hätte. Dann
verschwand sie und tauchte kurz darauf noch einmal
in der Tür auf und warf, ohne ein Wort zu sagen,
Bettwäsche und ein Handtuch auf den Tisch neben
mir.
Das Bad und die Toiletten waren am Ende des
Flurs. Ich zog mich aus und stellte mich unter die Dusche,
aber als ich den Hahn aufdrehte, war nur ein leises
Röcheln zu hören. Auch die Toilettenspülung
funktionierte nicht. Nur in Unterwäsche ging ich
zurück in mein Zimmer und wusch mich mit Wasser
aus dem Krug und zog frische Sachen an. Dann
ging ich hinunter, aber Ana war nirgends zu finden.
Gegenüber vom Speisesaal war ein etwas kleinerer
Raum, über dessen Tür
Damensalon stand. Darin gabes einige ebenfalls mit Tüchern bedeckte Sessel und
einen großen Billardtisch. Auf dem grünen Filz lagen
eine rote und zwei weiße Kugeln, an den Tisch gelehnt
stand ein Queue, als habe eben noch jemand
hier gespielt. Der nächste Raum war mit
Fumoirangeschrieben und schien als Bibliothek zu dienen.
Die meisten Bücher waren alt und verstaubt und von
Autoren, deren Namen ich noch nie gelesen hatte.
Nur wenige Klassiker waren dabei, Dostojewskij,
Stendhal, Remarque. Dazwischen standen ein paar
zerlesene Bestseller von amerikanischen Autoren.
Ich ging zurück ins Foyer und von da in den Ballsaal,
den größten Raum, der bis auf einen aufgerollten
Teppich leer war. An der von falschen Marmorsäulen
getragenen Decke hing ein alter Kronleuchter
aus Messing. Es war kühl in den Räumen, durch die
geschlossenen Läden drang nur wenig Licht. In der
Küche im Untergeschoss war es noch düsterer. Dort
stand ein riesiger Kochherd aus Gusseisen, der offenbar
mit Holz beheizt wurde, und auf einer Anrichte
Dutzende von gebrauchten Weingläsern und Stapel
von schmutzigen Tellern, als habe im Hotel vor kurzem
ein Bankett stattgefunden. Ich ging wieder ins
Erdgeschoss und nach draußen.
Die Schatten der alten Tannen, die in einiger Ent
fernung um das Kurhaus standen, waren inzwischen
länger geworden und griffen schon nach den weißen
Mauern. Ich ging um das Gebäude herum. An einer
Seite war ein kleiner Kiesplatz, auf dem ein paar
Blechtische und Klappstühle standen und einige Liegestühle.
Erst als ich näher trat, sah ich Ana. Ich setzte
mich neben sie und fragte, ob sie die letzten Sonnenstrahlen
genieße. Es war ein langer Winter, sagte sie,
ohne die Augen zu öffnen. Ich betrachtete sie. Ihre
Augenbrauen waren ungewöhnlich breit, ihre Nase
ziemlich markant. Die schmalen Lippen gaben ihrem
Gesicht etwas Strenges. Sie hatte die Beine angewinkelt,
und ihr Rock war ein wenig hochgerutscht.
Die obersten Knöpfe ihrer Bluse waren geöffnet. Ich
wurde das Gefühl nicht los, sie habe sich für mich
so hingelegt. Da öffnete sie die Augen und fuhr sich
mit der flachen Hand über die Stirn, als wolle sie
meine Blicke wegwischen. Ich räusperte mich und
sagte, die Duschen funktionieren nicht. Habe ich
Ihnen das nicht gesagt? Und die Toilettenspülung.
Improvisieren Sie, sagte sie mit einem freundlichen
Lächeln, jetzt liegt ja wenigstens kein Schnee mehr.
Wann fängt denn die Saison hier an?, fragte ich. Sie
sagte, das hänge von verschiedenen Dingen ab. Eine
Weile lang saßen wir schweigend nebeneinander,
dann stemmte sie sich hoch, brachte ihre Kleider in
Ordnung und sagte, Sie wollten doch in Ruhe arbei
ten. Da bin ich mir nicht mehr so sicher, sagte ich,
und als sie mich irritiert anschaute, ich würde gerne
etwas essen. Sie sagte, das Abendessen sei um sieben,
stand auf und verschwand.
Ich ging zurück auf mein Zimmer und versuchte
zu arbeiten. Der Hunger lenkte mich ab, und ich trat
auf den Balkon, um eine Zigarette zu rauchen. Da
fiel mir ein, dass Ana mir abgeraten hatte, ihn zu benutzen.
Aber er sah stabil aus, nur das Eisengeländer
war von Rost zerfressen und an einigen Stellen ganz
durchlöchert. Direkt unter mir war die Schlucht, und
ich hörte das laute Rauschen des Bachs. Als ich mich
umwandte, sah ich Ana wieder im Liegestuhl auf dem
Kiesplatz.
Um Punkt sieben war ich im Foyer. Kurz darauf
kam Ana von draußen herein. Ach Sie, sagte sie,
kommen Sie mit. Sie ging voraus in die Küche, zündete
eine Petroleumlampe an und führte mich in
einen kleinen Vorratsraum, in dem Kartons voller
Konservendosen standen. Ravioli?, fragte sie. Gibt es
nichts anderes? Sie drehte sich schnell um die eigene
Achse, als wolle sie schauen, was alles da sei, dann
zählte sie auswendig auf: Apfelmus, grüne Bohnen,
Erbsen mit Karotten, Thunfisch, Artischockenherzen,
Mais. Ich sagte, ich nähme die Ravioli. Sie griff
sich eine Dose vom Regal und drückte sie mir in die
Hand. Zurück in der Küche zeigte sie mir, wo Geschirr
und Besteck zu finden waren, und reichte mir
einen Dosenöffner. Nicht verlieren, den brauchen
wir noch. Und wo kann ich die Ravioli aufwärmen?
Sie runzelte die Stirn und sagte, soll ich vielleicht
wegen einer Dose den Herd einheizen? Außerdem
weiß ich nicht, wie das geht. Ich bat sie um Wein. Sie
verschwand und kam kurz darauf mit einer Flasche
Veltliner zurück und stellte sie vor mich hin. Der wird
separat berechnet, sagte sie, guten Appetit, ich bin
oben.
Sie ließ die Lampe stehen und verschwand mit
sicherem Schritt in der Dunkelheit. Ich kippte die
kalten Ravioli auf einen Teller und ging hoch in den
Speisesaal. Das Essen schmeckte scheußlich, aber wenigstens
war mein Hunger gestillt. Den leeren Teller
brachte ich in die Küche und stellte ihn zum schmutzigen
Geschirr. Ich überlegte mir, gleich wieder
abzureisen, aber inzwischen war es zu spät. Also setzte
ich mich mit meinem Laptop und der Flasche Wein
in die Bibliothek, um zu arbeiten. Ich fand eine
Steckdose, aber es gab keinen Strom. Auch das elektrische
Licht funktionierte nicht. Glücklicherweise
war der Akku des Computers voll. Ich las mein Referat
noch einmal durch und merkte schnell, dass weniger
daran zu tun war, als ich gedacht hatte. Ich versuchte,
mich auf den Text zu konzentrieren, aber ich
Hand. Zurück in der Küche zeigte sie mir, wo Geschirr
und Besteck zu finden waren, und reichte mir
einen Dosenöffner. Nicht verlieren, den brauchen
wir noch. Und wo kann ich die Ravioli aufwärmen?
Sie runzelte die Stirn und sagte, soll ich vielleicht
wegen einer Dose den Herd einheizen? Außerdem
weiß ich nicht, wie das geht. Ich bat sie um Wein. Sie
verschwand und kam kurz darauf mit einer Flasche
Veltliner zurück und stellte sie vor mich hin. Der wird
separat berechnet, sagte sie, guten Appetit, ich bin
oben.
Sie ließ die Lampe stehen und verschwand mit
sicherem Schritt in der Dunkelheit. Ich kippte die
kalten Ravioli auf einen Teller und ging hoch in den
Speisesaal. Das Essen schmeckte scheußlich, aber wenigstens
war mein Hunger gestillt. Den leeren Teller
brachte ich in die Küche und stellte ihn zum schmutzigen
Geschirr. Ich überlegte mir, gleich wieder
abzureisen, aber inzwischen war es zu spät. Also setzte
ich mich mit meinem Laptop und der Flasche Wein
in die Bibliothek, um zu arbeiten. Ich fand eine
Steckdose, aber es gab keinen Strom. Auch das elektrische
Licht funktionierte nicht. Glücklicherweise
war der Akku des Computers voll. Ich las mein Referat
noch einmal durch und merkte schnell, dass weniger
daran zu tun war, als ich gedacht hatte. Ich versuchte,
mich auf den Text zu konzentrieren, aber ich
war müde von der langen Wanderung, vom Wein
und von der ungewohnten Höhe und nickte immer
wieder ein. Um zehn ging ich durch das stockdunkle
Gebäude nach oben und ins Bett, ohne Ana noch
einmal gesehen zu haben.
Ich traf sie am nächsten Morgen im Speisesaal, vor
sich einen Teller mit Apfelmus. Bedienen Sie sich,
sagte sie und zeigte auf ein großes Glas, das auf dem
Tisch stand. Ich sagte, ich hätte keine funktionierende
Steckdose für meinen Laptop gefunden und auch das
Licht gehe nicht, ob irgendetwas mit den Sicherungen
nicht in Ordnung sei. Wir haben keinen Strom,
sagte Ana, als sei es das Selbstverständlichste auf der
Welt. Während ich noch aß, stand sie auf und verließ
den Raum. Kurz darauf sah ich sie draußen mit
einem Handtuch und einer Rolle Toilettenpapier
zwischen den Bäumen verschwinden.
Mein Akku war leer, und da ich keinen Ausdruck
meines Textes dabeihatte, konnte ich nicht viel tun.
Ich las ein wenig in den
Sommergästen und in derKorrespondenz von Gorki und machte mir ein paar
Notizen, aber es hatte keinen Sinn. Am besten wäre
es, gleich wieder abzureisen. Aber statt zu packen und
nach Ana zu suchen, ging ich in den Damensalon und
spielte Billard. Am Mittag war im Speisesaal ein Tisch
für zwei gedeckt. Kurz nachdem ich mich hingesetzt
hatte, kam Ana mit einer Dose Ravioli. Ich habe sie
in die Sonne gestellt, sagte sie, um sie ein wenig aufzuwärmen.
Das Essen war kaum wärmer als am Tag
zuvor. Schmeckt es nicht?, fragte Ana.
Ich sagte, ich könne nicht arbeiten ohne Strom. Sie
schaute mich an wie einen Schwächling und sagte, Sie
werden schon etwas finden, um sich zu beschäftigen.
Ich muss diesen Text in zwei Wochen abliefern, sagte
ich. Wozu schreibt man überhaupt solche Sachen,
sagte sie, wen interessiert das schon? Darum geht
es nicht. Ich habe einen Termin, und den muss ich
einhalten. Sie lächelte spöttisch und sagte, Sie wollen
ja gar nicht abreisen. Ana hatte recht. Ich wollte hier
bleiben, ich wusste selbst nicht weshalb, vielleicht
ihretwegen. Machen Sie sich keine falschen Hoffnungen,
sagte sie, als habe sie meine Gedanken erraten.
Das Wetter war gut in den folgenden Tagen, und
ich lag oft draußen auf einem Liegestuhl und döste.
Ich las viel, spielte Billard oder legte Patiencen. Ana
war nie weit, aber wenn ich sie fragte, ob sie mit mir
Karten spielen wolle oder Karambolage, schüttelte
sie den Kopf und verschwand. Wenn ich in die Bibliothek
trat, saß sie schon dort und schaute aus dem
Fenster. Ich zog irgendein Buch aus dem Regal und
begann zu lesen. Wenn mir eine Stelle gefiel, las ich
sie laut vor, aber Ana schien nicht zuzuhören.
Nachdem die Wasserkanne in meinem Zimmer
leer war, wusch ich mich wie Ana jeden Morgen am
Bach. Ich wartete im Speisesaal, bis ich sie zurückkommen
sah, dann erst ging ich los. Ich hatte eine
schöne Stelle gefunden, an der das Ufer flach war und
das Wasser ruhig floss. In der weichen Erde entdeckte
ich Spuren von nackten Füßen, ich nahm an, es sei
dieselbe Stelle, an die auch Ana kam. Wenn ich den
Kopf in das eiskalte Wasser steckte, war es mir, als explodierte
er, aber danach fühlte ich mich den ganzen
Morgen lang frisch. Nur das Rauschen des Baches
fing an mich zu stören. Man konnte ihm nicht ausweichen,
sogar im Inneren des Hotels war es leise zu
hören. Ich musste dauernd an Ana denken, die ganzen
Tage lang umkreisten wir uns ruhelos, und mir
war oft nicht klar, wer von uns beiden den anderen
verfolgte.
Sie putzte nicht und kochte nicht, sogar mein Bett
musste ich selbst machen. Ihr einziger Dienst bestand
darin, Dosen zu öffnen und den Tisch zu decken.
Ein einziges Mal machte ich eine Bemerkung, ich bekäme
für mein Geld nicht sehr viel. Anas Gesicht verfinsterte
sich. Sie sagte, ich solle mir besser über mein
eigenes Frauenbild Gedanken machen als über jenes
von Maxim Gorki. Das hat doch damit nichts zu tun,
sagte ich, aber wenigstens Strom und Wasser dürfe
man in einem Hotel erwarten. Sie bekommen viel
mehr, sagte Ana barsch. Ich wusste nicht, was sie damit
meinte, aber ich hütete mich, das Thema noch
einmal anzuschneiden.
Ich versuchte mir vorzustellen, wie es sein würde,
wenn sich die Gäste hier im Sommer versammelten,
wenn der Speisesaal voller Menschen wäre, jemand
am Flügel säße und Kinder durch die Flure rannten,
aber es gelang mir nicht.
Die Stapel mit dem schmutzigen Geschirr in der
Küche wuchsen. Einmal zählte ich die Teller. Wenn
Ana jeden Tag drei benutzt hätte, müsste sie den ganzen
Winter hier verbracht haben. Ich fragte sie, ob sie
eine Art Hausmeisterin sei. Wenn Sie so wollen, sagte
sie. Ich glaubte ihr nicht, aber es war mir längst egal,
weshalb sie hier war.
Am Mittag aßen wir meist Thunfisch und Artischockenherzen,
am Abend machten wir draußen
ein Feuer und wärmten auf einem Stein eine Dose
Ravioli auf. Die Sonne verschwand früh aus dem Tal,
und es wurde schnell kühl, trotzdem saßen wir jeden
Abend lange am Feuer und tranken Wein. Wir hatten
den ganzen Tag lang kaum ein Wort gewechselt, und
auch jetzt war Ana nicht viel gesprächiger, aber wenigstens
hörte sie mir zu. Ich hatte keine Lust, über
mich zu reden, ich wollte nicht an mein Leben zu
Hause denken, das weit entfernt schien und ohne Be
lang. Also fing ich an, ihr die Sommergäste nachzuerzählen.
Sie reagierte auf die verschiedenen Figuren,
als seien sie lebende Menschen, ärgerte sich über die
ewig klagende Olga und nannte den Ingenieur Suslow
ein Schwein. Mit Warwara und ihrer Schwärmerei
für den Schriftsteller Schalimow konnte sie nicht viel
anfangen. Wie konnte sie nur auf den hereinfallen,
sagte sie empört, er ist wirklich ein schlechter Verführer.
Was müsste denn ein guter Verführer machen?,
fragte ich. Ehrlich müsste er sein, der Geliebten und
vor allem sich selbst gegenüber, sagte Ana und schüttelte
unwillig den Kopf. Am liebsten war ihr Marja
Lwowna. Ich konnte ihren berühmten Monolog aus
dem vierten Akt einigermaßen auswendig und musste
ihn Ana mehrfach wiederholen. Wir sind Sommergäste
in unserem Land, irgendwelche Zugereisten.
Wir irren geschäftig umher, suchen nach einem bequemen
Plätzchen im Leben, tun nichts und reden
abscheulich viel. Ja, sagte Ana, wir alle müssen anders
werden. Wir müssen es um unsretwillen, fuhr ich fort,
damit wir nicht mehr diese verfluchte Einsamkeit fühlen.
Ana schaute mich misstrauisch an und sagte, ich
solle nicht auf falsche Gedanken kommen. Sie würden
gut in das Stück passen, sagte ich. Gorki hat in einem
Brief geschrieben, alle seine Frauenfiguren seien
Männerhasserinnen und die Männer Halunken. Dann
passen Sie auch gut in das Stück, sagte Ana. Ich schaute
sie an, aber im flackernden Licht des Feuers konnte ich
ihren Gesichtsausdruck nicht erkennen.
Ich fand nie heraus, wo Ana schlief. Wenn wir
nachts zurück zum Haus gingen, jeder mit seiner
Lampe, sagte sie, ich solle vorausgehen, sie komme
gleich nach. Einmal wartete ich im Flur vor meinem
Zimmer. Ich hatte die Lampe gelöscht und lauschte
lange Zeit in die Dunkelheit, aber ich hörte keinen
Ton, und schließlich ging ich ins Bett.
Halb im Traum stellte ich mir vor, wie Ana in mein
Zimmer käme. Mitten in der Nacht erwachte ich
und sah im schwachen Mondlicht ihre Silhouette. Sie
zog sich aus, schlug die Decke zurück und setzte sich
auf mich. Alles geschah völlig geräuschlos, nur durch
die dünnen Scheiben war das entfernte Rauschen
des Baches zu hören. Ana behandelte mich grob oder,
besser gesagt, wie einen Gegenstand, den man zu
einem bestimmten Zweck verwendet, aber der einem
sonst gleichgültig ist. Als sie ihren Hunger gestillt
hatte, ging sie, ohne dass wir ein Wort gewechselt
hätten.
Am Morgen saß Ana wie immer schon am Frühstückstisch,
als ich in den Speisesaal kam. Ohne viel
zu überlegen, strich ich ihr, bevor ich mich hinsetzte,
kurz mit der Hand über das Haar. Sie zuckte zusammen
und duckte sich. Ich versuchte ein Gespräch zu
beginnen, aber Ana gab keine Antwort und schaute
mich nur finster an, als wisse sie, wovon ich in der
Nacht geträumt hatte. Wie immer schlang sie ihr
Essen hinunter und verließ den Tisch, sobald ihr Teller
leer war.
Nach dem Frühstück blätterte ich in der Bibliothek
in einigen Bildbänden, später ging ich in den
Damensalon und spielte Billard. Ana war nirgends zu
sehen, und sie kam auch nicht zum Mittagessen. Ich
aß unten in der Küche und ging dann wieder in die
Bibliothek und begann, einen der amerikanischen
Krimis zu lesen. Am frühen Nachmittag hörte ich ein
Auto vorfahren. Als ich aus dem Fenster schaute, sah
ich einen alten Volvo in der Einfahrt stehen, aus dem
zwei Männer stiegen. Einen Moment lang dachte ich
daran zu verschwinden, aber dann blieb ich einfach
sitzen und las weiter in meinem Buch. Vielleicht eine
Stunde später, ich hatte den Krimi eben gelangweilt
weggelegt, öffnete sich die Schwingtür und die beiden
Männer traten ein. Sie schauten mich entgeistert
an, und einer fragte, ohne meinen Gruß zu erwidern,
was ich hier machen würde. Ich lese, sagte ich. Und
wie sind Sie hereingekommen?, fragte der Mann.
Durch die Tür, sagte ich und stand auf, ich bin Gast in
diesem Haus. Das Kurhaus ist seit letztem Herbst geschlossen,
sagte der Mann. Der Besitzer ist Konkurs
gegangen. In einem Monat wird das Haus versteigert.
Jetzt erst stellte er sich vor, er hieß Lorenz und
war Konkursbeamter der nächsten Gemeinde. Der
andere war ein Kaufinteressent, ein Investor namens
Schwab, der schon andere Hotels in der Gegend besaß.
Ich erzählte ihnen von Ana und ging mit ihnen
ins Foyer und fand in einer Schublade hinter der
Rezeption den Meldeblock mit meiner Eintragung.
Trotzdem blieb der Konkursbeamte misstrauisch. Ob
ich mir denn nichts dabei gedacht hätte, fragte er. Ein
Hotel, in dem es kein Wasser gibt und keinen Strom.
Es sei wahr, das Telefon habe er nicht abgemeldet, er
habe schließlich nicht wissen können, dass jemand
sich im Gebäude einnisten würde. Ich gab keine Antwort,
was hätte ich schon sagen können. Und wo ist
diese ominöse Frau?, fragte er. Ich sagte, um sieben
werde sie hier sein, dann äßen wir immer zu Abend.
Der Konkursbeamte schaute mich skeptisch an und
sagte, er wäre dankbar, wenn ich meine Sachen zusammenräumen
würde. Ich könne später mit ihnen
hinunterfahren. Sie würden vielleicht noch eine oder
eineinhalb Stunden brauchen. Ich sagte, ich hätte bis
morgen bezahlt, aber er gab keine Antwort und sagte
zum Investor, er werde ihm jetzt das Untergeschoss
zeigen. Ich ging auf mein Zimmer, um den Rucksack
zu packen.
Als ich fertig war, stieg ich zum ersten Mal, seit ich
hier war, in die oberen Stockwerke. Sie sahen genau
so aus wie das, in dem ich wohnte. Ich öffnete die
Türen aller Zimmer, aber keines davon war bewohnt.
Vom obersten Stockwerk aus führte eine schmale
Treppe auf den Dachboden, der vollgestopft war
mit alten Möbeln, Dekorationsmaterial, Pappkartons
mit Briefumschlägen und Toilettenpapier. Ein Stapel
Strohkränze lag neben einem alten Schild, auf dem
zwischen gemalten Eiszapfen Winterball stand. Ich
fand ein Dutzend Hornschlitten und große verstaubte
Korbflaschen, aber keine Spur von Ana. Trotzdem
hatte ich, seit ich das Haus durchsuchte, immer das
Gefühl, sie wäre bei mir und käme gleich hinter einer
Ecke hervor.
Nachdem ich das ganze Haus durchsucht und
nichts gefunden hatte, setzte ich mich im Foyer auf
einen der Sessel, ohne das weiße Tuch zu entfernen.
Nach einer Weile kamen die zwei Männer aus dem
Speisesaal. Herr Lorenz trug eine Papierrolle unter
dem Arm. Er schaute auf die Uhr und machte ein
ungeduldiges Gesicht. Sechs Uhr, sagte er zu seinem
Begleiter, ich will Sie nicht länger aufhalten. Wenn
Sie warten wollen, sagte Herr Schwab, ich habe es
nicht eilig. Ich möchte selbst gerne wissen, was es mit
dieser geheimnisvollen Frau auf sich hat. Er wandte
sich an mich und sagte, ich wisse doch bestimmt, wo
hier der Wein versteckt sei, ob ich nicht eine Flasche
holen wolle. Das mache ich, sagte Lorenz schnell und
verschwand in den Keller. Was halten Sie von diesem
Ort?, fragte der Investor, kann man es hier aushalten?
Er sei sich nicht sicher. Zwei Konkurse innerhalb weniger
Jahre seien nicht gerade ein gutes Zeichen für
ein Haus, aber vielleicht hätten es einfach die falschen
Leute geführt.
Wir setzten uns in den Speisesaal und tranken die
Flasche Veltliner, die Lorenz gebracht hatte. Um viertel
nach sieben sagte Schwab, er glaube nicht, dass die
Frau noch komme, vermutlich habe sie das Auto vor
dem Hotel gesehen und Reißaus genommen. Wenn
es sie überhaupt gibt, sagte Lorenz. Sie war da, sagte
ich. Lorenz nickte und sagte, ich glaube Ihnen ja. Wir
warteten noch eine Viertelstunde. Schließlich entschlossen
wir uns zu gehen. Der Konkursbeamte verriegelte
die Tür und sagte, er werde morgen die Polizei
raufschicken, um nach dem Rechten zu sehen.
Während wir auf der kurvigen Straße die Schlucht
hinunterfuhren, dachte ich an Ana und fragte mich,
wo sie jetzt wohl sein, was sie essen, wo sie die Nacht
verbringen würde. Ich war sicher, dass nicht das Auto
sie vertrieben hatte, sondern ich, meine gedankenlose
Berührung an diesem Morgen.
Ich übernachtete in einer kleinen Pension, die mir
der Konkursbeamte empfohlen hatte. Am Morgen
fuhr ich nach Hause. Es blieb mir noch eine Woche,
um meinen Text fertigzustellen, und ich arbeitete die
nächsten Tage intensiv daran. Dabei musste ich immer
wieder an Ana denken. Jetzt erst begriff ich, was
sie gemeint hatte, als sie sagte, ich bekäme von ihr viel
mehr als Strom und Wasser. Nachdem ich den Text
abgeliefert hatte, rief ich den Konkursbeamten an.
Er brauchte einen Moment, um sich an mich zu erinnern,
dann sagte er, die Polizei sei im Hotel gewesen
und habe alles durchsucht, aber außer den leeren
Dosen und dem schmutzigen Geschirr keine Spur
von einer Frau gefunden.
Rezension I Buchbestellung I home 0I11 LYRIKwelt © S. Fischer