An einem Tag wie diesem von Peter Stamm, S. Fischer, 2006

Peter Stamm

An einem Tag wie diesem
(Leseprobe aus: An einem Tag wie diesem, Roman, 2006, S. Fischer)

Andreas liebte die Leere des Morgens, wenn er am
Fenster stand, eine Tasse Kaffee in der einen, eine
Zigarette in der anderen Hand, und auf den Hof
hinausschaute, den kleinen, aufgeräumten Hinterhof,
und an nichts dachte als an das, was er sah. In der
Mitte des Hofes ein mit Efeu bepflanztes, viereckiges
Beet, darin ein Baum, aus dem in der Mitte und oben
ein paar dünne Äste wuchsen, zurechtgestutzt nach
dem wenigen Raum, der zur Verfügung stand. Die
leuchtend grünen Container, Glas, Verpackungen,
Restmüll, das regelmäßige Muster der Zementplatten,
von denen einige etwas heller waren, vor Jahren
ersetzt aus irgendeinem Grund. Die Geräusche der
Stadt waren nur leise zu hören, ein homogenes Rauschen,
dazwischen entfernte Vogelrufe und sehr deutlich
das Geräusch eines sich öffnenden und wieder
schließenden Fensters.
Dieser besinnungslose Zustand hielt nur wenige
Minuten lang an. Noch bevor Andreas die Zigarette zu
Ende geraucht hatte, fiel ihm der gestrige Abend ein.
Was er denn unter Leere verstehe, hatte Nadja gefragt.
Für sie bedeutete Leere einen Mangel an Beachtung, an
Liebe, die Abwesenheit von Menschen, die sie verloren
hatte oder die sich nicht genug um sie kümmerten. Die
Leere war ein Raum, der einmal ausgefüllt gewesen
war, oder von dem sie glaubte, er könnte ausgefüllt
sein, das Fehlen von etwas, das sie wohl selbst nicht
genau hätte bezeichnen können. Er habe keine
Ahnung, hatte Andreas gesagt, er interessiere sich nicht
für abstrakte Begriffe.
Die Abende mit Nadja verliefen immer gleich. Sie
kam eine halbe Stunde zu spät und gab Andreas das
Gefühl, er sei es, der sich verspätet habe. Sie hatte sich
schön gemacht, trug einen kurzen, eng anliegenden
Rock und schwarze Netzstrümpfe. Mit einer theatralischen
Geste ließ sie den Mantel auf den Parkettboden
fallen. Sie setzte sich aufs Sofa und schlug die Beine
übereinander. Für sie schien das der Höhepunkt des
Abends zu sein, ihr Auftritt. Sie steckte sich eine Zigarette
in den Mund. Andreas gab ihr Feuer und machte
ihr ein Kompliment. Er holte aus der Küche zwei Glä-
ser Wein. Nadja musste schon etwas getrunken haben,
sie war in aufgekratzter Stimmung.
Meistens aßen sie in einem Lokal in der Nähe. Das
Essen war gut genug, und der schwule Kellner schäkerte
mit Nadja und setzte sich manchmal, wenn nicht
viele Gäste da waren, zu ihnen an den Tisch. Nadja
trank und redete zu viel und machte sich zusammen
mit dem Kellner darüber lustig, dass Andreas Vegetarier
war und dass er immer dasselbe bestellte. Er sagte,
er sei kein Vegetarier, er esse einfach selten Fleisch.
Spätestens beim Dessert fing Nadja an, über Politik zu
reden. Sie war PR-Beraterin und arbeitete gelegentlich
für Unterorganisationen der Sozialistischen Partei,
deren Ansichten sie auf eine Art vertrat, die Andreas
ärgerte. Er sagte dann nicht mehr viel, und sie fragte
mit einem aggressiven Unterton, ob sie ihn langweile.
»Ich langweile dich«, sagte sie.
Nein, sagte er, aber er sei Ausländer, er verstehe die
französische Politik nicht, interessiere sich nicht dafür.
Er halte sich an die Gesetze, er trenne seinen Müll, er
erfülle den Lehrplan. Ansonsten wünsche er in Ruhe
gelassen zu werden. Nadja ärgerte sich über sein Desinteresse,
sie hielt ihm einen Vortrag, es gab Streit. Andreas
versuchte, das Gespräch auf andere Themen zu
bringen. Dann begann Nadja jedes Mal, von ihrem
Exmann zu erzählen, von seiner Lieblosigkeit und
Unaufmerksamkeit, und es schien Andreas, als gälten
die Vorwürfe ihm. Nadja konnte nicht aufhören sich zu
beklagen. Sie rauchte eine Zigarette nach der anderen,
und ihre Stimme wurde weinerlich. Die anderen Gäste
waren längst gegangen, und der Kellner hatte die
Aschenbecher geleert und die Kaffeemaschine gereinigt.
Wenn er an ihren Tisch trat und fragte, ob sie
noch etwas wünschten, war Nadja wie verwandelt. Sie
lachte und flirtete mit ihm, und es dauerte noch einmal
eine Viertelstunde, bis Andreas die Rechnung bezahlen
konnte.
Auf dem Nachhauseweg war Nadja schweigsam. Sie
hatten sich den ganzen Abend nicht berührt. Jetzt hakte
sie sich bei Andreas unter. Vor dem Haus, in dem er
wohnte, blieb er stehen. Er küsste sie auf die Wangen
und dann auf den Mund. Manchmal küsste er sie auf
den Hals und kam sich lächerlich vor dabei. Ihr schien
es zu gefallen. Vermutlich entsprach es dem Bild, das
sie von sich hatte. Die Geliebte, der die Männer zu
Füßen liegen, die auf den Hals geküsst wird, die ihre
Verehrer verlacht. Am liebsten wäre Andreas jetzt
allein gewesen, aber er fragte sie trotzdem, ob sie mit
hinaufkomme. Sie sagte, ja. Es klang wie eine Kapitulation.
Nadja gehörte nicht zu jenen Frauen, die schöner
wurden, wenn man mit ihnen schlief. Ihre eng anliegenden
Kleider waren wie eine Rüstung, wenn sie nackt
war, schien sie jeden Halt zu verlieren und sah alt aus,
älter, als sie in Wirklichkeit war. Sie ließ alles mit sich
geschehen, ließ sich Andreas’ Zärtlichkeiten gefallen,
ohne sie zu erwidern. Das, hätte er sagen sollen, verstehe
er unter Leere. Diese Abende mit ihr alle zwei
Wochen, die Wiederholung des immer gleichen
Abends, der immer gleichen Nacht, ohne sich je näher
zu kommen. Aber er sagte es nicht. Er mochte die
Leere der Wiederholung. Er genoss das Gefühl, dass
Nadja mit ihren Gedanken anderswo war, dass sie ihm
ihren Körper nur zur Verfügung stellte, bis sie nach
einer oder zwei Stunden plötzlich ungeduldig wurde,
ihn wegschob und sagte, er solle ihr ein Taxi rufen. Die
Leere, das waren diese Abende mit ihr, die Nachmittage
mit Sylvie oder die Wochenenden, die er allein zu
Hause verbrachte in seiner gemütlichen, gut geheizten
Wohnung, an denen er fernsah oder ein Computerspiel
spielte oder las. Die Leere war sein Leben, waren die
achtzehn Jahre, die er in dieser Stadt verbracht hatte,
ohne dass sich etwas ver2ndert hatte, ohne dass er sich
eine Veränderung wünschte.

Die Leere sei der Normalzustand, hatte er gesagt, er
fürchte sich nicht davor, im Gegenteil.

Rezension I Buchbestellung I home III06 LYRIKwelt © S. Fischer