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Hallig Hooge
(Leseprobe aus: Karte,
Erzählung, 2003, Edition Selene)
An den Rändern, dem Übergang
zwischen Sand und Wasser, ist die Hallig Hooge mit einem Salzfilm überzogen.
Vereinzelte Fischkadaver, teils nur von nassen Sandkörnern, andere auch von
Salz bedeckt, bilden in ihrer Anordnung eine kurvenreiche Spur. Zum Mittelpunkt
hin steigt die Hallig nur unmerklich an. Stärkere Aufschüttungen sind zunächst
nicht zu erkennen. Auch unter dem Wasserspiegel fällt der sandige Boden in
flachem Winkel ab. Erst mehrere hundert Meter vom Rand der Hallig entfernt ist
der Grund nicht mehr zu sehen; trübt sich das Meerwasser oder ist es von
Wellenbewegungen aufgewühlt, auch schon bei kürzerer Distanz vom Rand.
Landeinwärts geht der Sandboden in eine steinigere Konsistenz über. Während
zuerst flache und spitze Kiesel, dazwischen Muschelreste, überwiegen, pflastern
weiter vom Wasser entfernt immer größere Steinplatten den Weg. Diese Steine
– wie überhaupt die Beschaffenheit des Bodens – resultieren aus
Ablagerungen, welche im Laufe eines großen Zeitraums vom Salzwasser „zurückgelassen“
wurden, das in Rinnsalen nach wie vor Hooge durchzieht. Erst in der Mitte der
Hallig erstreckt sich Gras- und Weideland, aus dem sich in gewissen Abständen
einzelne Warften genannte Erdhügel erheben. Auf jeder dieser Warften stehen
jeweils wenige zumeist mit Holz verkleidete Häuser. Die Mehrzahl der Häuser
weist ungefähr die gleiche Größe auf, nur einige unterscheiden sich von den
restlichen durch Form oder Höhe. Keines freilich hat einen Garten, worauf die
fehlende Umzäunung schließen läßt. Aus den breiten, niedrigen Schornsteinen
steigt kein Rauch auf. Die Bretter der Holzverkleidung sind naturbelassen oder
– zum Schutz vor dem ständig wehenden Meereswind – mit farbloser, einen
leichten Glanz verleihender Beize behandelt. Die schmalen Fenster haben die
Bewohner mit verschieden farbigem Lack gestrichen: Grün und Dunkelbraun sind
vorherrschend, auch weiße und sogar blaue Fenster gibt es. Zu nahe an den
Warften vorbeiführende Rinnsale wurden trockengelegt; Spuren von Salz und
Schlick zeugen davon. Das die Erdhügel umgebende Grasland ist zum Teil sumpfig,
dann wieder von fast ausgedörrter Konsistenz. Weidende Tiere sind nirgends auf
der Hallig zu sehen, obwohl das saftig grüne Gras reichlich Futter für Rinder
wie für andere Zuchttiere böte. Auch deutet keinerlei landwirtschaftliches Gerät
auf eine Kultivierung, eine ackerbauliche Nutzung des Grünlands hin. Die
Feuchtigkeit der Luft und des ständig aus nordwestlicher Richtung wehenden
Windes ist hoch.
Die direkt ins Wasser abfallenden Felswände wirken auch optisch wie Dämme
gegen die Brandung. Die Felsdämme umschließen die Insel fast vollständig, nur
an einigen wenigen Stellen ist sie über schmale, steil bergauf führende Wege
zugänglich. Die Öffnungen sind scheinbar wie Schneisen in den Stein
„gehauen“, die Wege beginnen und enden abrupt. Die Insel steigt von allen
Seiten zu ihrem Mittelpunkt an; einzelne Pfade treffen einander dort. Diesen
Mittelpunkt bildet ein seit langem erloschener kleiner Vulkan. Reste von
erkalteten und erstarrten Lavamassen zeugen von seiner früheren Aktivität.
Auch der Boden abseits des Vulkanberges ist unfruchtbar; nur selten ragen
einzelne Grashalme aus der hart gewordenen Erde, Pflanzen und Buschwerk sind
nirgends zu sehen. Obwohl die lehmigen Wege von der Felsküste zum Vulkan Fußspuren
zeigen, sind an keiner Stelle der Insel Hinweise auf eine Besiedelung durch
Menschen festzustellen. Bei näherer Betrachtung erweisen sich die Spuren auf
den Wegen als längst erhärtete Abdrücke von nackten Füßen im Lehm –
Sedimente einer „Begehung“ vor sehr langer Zeit. Die Sedimente sind
allerdings vom Berg in der Mitte bis zur Steilküste zu verfolgen. In welche
Richtung – ob in beide bzw. nur landein- oder -auswärts – hier Menschen
gingen, läßt sich nicht feststellen. Die die Insel umgebenden Felswände sind
so hoch, daß auch bei stürmischer See die Brandung diese Wände zu keiner Zeit
überwindet und die dahinter liegenden Küstenstriche daher nicht durch eine Art
natürlicher Bewässerung fruchtbar machen kann. Die Gezeiten unterscheiden sich
an dieser Küste nur durch die wechselnde Gewalt der gegen die Felsen
peitschenden Wassermassen. Erst weiter draußen sind Unterschiede in Höhe und
Frequenz der Wellen deutlich erkennbar. Die meiste Zeit, vor allem in der wärmeren
Jahreszeit, ist das Meer rund um die Insel relativ ruhig; bei stark wehendem
Seewind allerdings (erst recht im Falle von Unwetter und Sturm) türmen sich
meterhohe Wellen – dies vor allem im Herbst und in den Wintermonaten. In
unmittelbarer Umgebung der Steilküste ist das Meer tiefer als in einiger
Entfernung von ihr. Die Felswände reichen bis mehrere hundert Meter unter den
Wasserspiegel. Unter Wasser ist ihre Oberfläche glatter als darüber, dort
weisen die Felsen kleine Vorsprünge, leichte Einbuchtungen und immer wieder
haarfeine wie breitere Rillen auf. Auf beiden Seiten der breitesten Wegöffnung
ins Innere der Insel franst das Gestein in bizarr anmutende Zackengebilde aus,
welche, da sie die Wände an Höhe übertreffen, die „Torpfeiler des
Eingangs“ darstellen. Die übrigen Schneisen haben keine Torpfeiler.
(…)
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