Karte von Robert Stähr, 2003, Edition Selene

Robert Stähr

Hallig Hooge
(Leseprobe aus: Karte, Erzählung, 2003, Edition Selene)

An den Rändern, dem Übergang zwischen Sand und Wasser, ist die Hallig Hooge mit einem Salzfilm überzogen. Vereinzelte Fischkadaver, teils nur von nassen Sandkörnern, andere auch von Salz bedeckt, bilden in ihrer Anordnung eine kurvenreiche Spur. Zum Mittelpunkt hin steigt die Hallig nur unmerklich an. Stärkere Aufschüttungen sind zunächst nicht zu erkennen. Auch unter dem Wasserspiegel fällt der sandige Boden in flachem Winkel ab. Erst mehrere hundert Meter vom Rand der Hallig entfernt ist der Grund nicht mehr zu sehen; trübt sich das Meerwasser oder ist es von Wellenbewegungen aufgewühlt, auch schon bei kürzerer Distanz vom Rand. Landeinwärts geht der Sandboden in eine steinigere Konsistenz über. Während zuerst flache und spitze Kiesel, dazwischen Muschelreste, überwiegen, pflastern weiter vom Wasser entfernt immer größere Steinplatten den Weg. Diese Steine – wie überhaupt die Beschaffenheit des Bodens – resultieren aus Ablagerungen, welche im Laufe eines großen Zeitraums vom Salzwasser „zurückgelassen“ wurden, das in Rinnsalen nach wie vor Hooge durchzieht. Erst in der Mitte der Hallig erstreckt sich Gras- und Weideland, aus dem sich in gewissen Abständen einzelne Warften genannte Erdhügel erheben. Auf jeder dieser Warften stehen jeweils wenige zumeist mit Holz verkleidete Häuser. Die Mehrzahl der Häuser weist ungefähr die gleiche Größe auf, nur einige unterscheiden sich von den restlichen durch Form oder Höhe. Keines freilich hat einen Garten, worauf die fehlende Umzäunung schließen läßt. Aus den breiten, niedrigen Schornsteinen steigt kein Rauch auf. Die Bretter der Holzverkleidung sind naturbelassen oder – zum Schutz vor dem ständig wehenden Meereswind – mit farbloser, einen leichten Glanz verleihender Beize behandelt. Die schmalen Fenster haben die Bewohner mit verschieden farbigem Lack gestrichen: Grün und Dunkelbraun sind vorherrschend, auch weiße und sogar blaue Fenster gibt es. Zu nahe an den Warften vorbeiführende Rinnsale wurden trockengelegt; Spuren von Salz und Schlick zeugen davon. Das die Erdhügel umgebende Grasland ist zum Teil sumpfig, dann wieder von fast ausgedörrter Konsistenz. Weidende Tiere sind nirgends auf der Hallig zu sehen, obwohl das saftig grüne Gras reichlich Futter für Rinder wie für andere Zuchttiere böte. Auch deutet keinerlei landwirtschaftliches Gerät auf eine Kultivierung, eine ackerbauliche Nutzung des Grünlands hin. Die Feuchtigkeit der Luft und des ständig aus nordwestlicher Richtung wehenden Windes ist hoch.
Die direkt ins Wasser abfallenden Felswände wirken auch optisch wie Dämme gegen die Brandung. Die Felsdämme umschließen die Insel fast vollständig, nur an einigen wenigen Stellen ist sie über schmale, steil bergauf führende Wege zugänglich. Die Öffnungen sind scheinbar wie Schneisen in den Stein „gehauen“, die Wege beginnen und enden abrupt. Die Insel steigt von allen Seiten zu ihrem Mittelpunkt an; einzelne Pfade treffen einander dort. Diesen Mittelpunkt bildet ein seit langem erloschener kleiner Vulkan. Reste von erkalteten und erstarrten Lavamassen zeugen von seiner früheren Aktivität. Auch der Boden abseits des Vulkanberges ist unfruchtbar; nur selten ragen einzelne Grashalme aus der hart gewordenen Erde, Pflanzen und Buschwerk sind nirgends zu sehen. Obwohl die lehmigen Wege von der Felsküste zum Vulkan Fußspuren zeigen, sind an keiner Stelle der Insel Hinweise auf eine Besiedelung durch Menschen festzustellen. Bei näherer Betrachtung erweisen sich die Spuren auf den Wegen als längst erhärtete Abdrücke von nackten Füßen im Lehm – Sedimente einer „Begehung“ vor sehr langer Zeit. Die Sedimente sind allerdings vom Berg in der Mitte bis zur Steilküste zu verfolgen. In welche Richtung – ob in beide bzw. nur landein- oder -auswärts – hier Menschen gingen, läßt sich nicht feststellen. Die die Insel umgebenden Felswände sind so hoch, daß auch bei stürmischer See die Brandung diese Wände zu keiner Zeit überwindet und die dahinter liegenden Küstenstriche daher nicht durch eine Art natürlicher Bewässerung fruchtbar machen kann. Die Gezeiten unterscheiden sich an dieser Küste nur durch die wechselnde Gewalt der gegen die Felsen peitschenden Wassermassen. Erst weiter draußen sind Unterschiede in Höhe und Frequenz der Wellen deutlich erkennbar. Die meiste Zeit, vor allem in der wärmeren Jahreszeit, ist das Meer rund um die Insel relativ ruhig; bei stark wehendem Seewind allerdings (erst recht im Falle von Unwetter und Sturm) türmen sich meterhohe Wellen – dies vor allem im Herbst und in den Wintermonaten. In unmittelbarer Umgebung der Steilküste ist das Meer tiefer als in einiger Entfernung von ihr. Die Felswände reichen bis mehrere hundert Meter unter den Wasserspiegel. Unter Wasser ist ihre Oberfläche glatter als darüber, dort weisen die Felsen kleine Vorsprünge, leichte Einbuchtungen und immer wieder haarfeine wie breitere Rillen auf. Auf beiden Seiten der breitesten Wegöffnung ins Innere der Insel franst das Gestein in bizarr anmutende Zackengebilde aus, welche, da sie die Wände an Höhe übertreffen, die „Torpfeiler des Eingangs“ darstellen. Die übrigen Schneisen haben keine Torpfeiler.
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