Komm gehen wir von Arnold Stadler, 2007, S. Fischer

Arnold Stadler

1. Komm, gehen wir. Und sie gingen
(Leseprobe aus: Komm gehen wir, Roman, 2007, S. Fischer)

Eigentlich waren sie nur zum Braunwerden hierher gekommen.
Deswegen waren sie hier. Und das Meer sehen wollten
sie. Und nichts tun. Und sonst gar nichts.

Gerade hatte Jim sie um einen Schluck Wasser gebeten und
sich neben sie auf sein kleines Handtuch gesetzt. So begann
ihre Geschichte. Und wie jede Liebe begann auch diese mit
einem Blick.

Das wusste er aus den Liebesfilmen.
Es war eine alte Sehnsucht, mit der ihn Tante Paula infiziert
hatte. Sie liebte Capri, muss es geliebt haben, denn anders ließ
es sich nicht erklären, dass sie wie ein Kind sprach, wenn sie
davon erzählte.

Das Schönste auf der ganzen Welt!, sagte sie, wie Kinder sagen.
Roland sah sie noch mit diesem Satz dastehen und hörte noch
das Ausrufungszeichen hinter auf der ganzen Welt.
Vielleicht war es auch wegen der Liebe, von der Roland damals
noch nicht viel wusste, dass es immer Capri sein musste.
Und die Liebe einer alten Frau gab es für ein Kind von einst
ohnehin nicht – solche Sätze waren Roland in den Sinn gekommen,
als ihm diese Frau in den Sinn kam. Die Erinnerung war
Schnee von gestern und das Kapital von Schriftstellern und
Verliebten, die ihre große Zeit hinter sich hatten.
Tante Paula hat ihnen jedes Jahr eine Karte von diesem
Meer und den Felsen geschickt. So sah er auch nebenbei zum
ersten Mal das Meer. Als Kind saß er auf ihrem Schoß, wenig
später hat sie seinen Händen Manieren beibringen wollen,
dann die ersten Worte Französisch. Sie sah, wie er wuchs,
und jedes Mal, wenn sie zu ihnen nach Hause kam, das war
einmal im Jahr, sah Paula, wie er Fortschritte gemacht hatte
im Leben.

Später, als sie wieder in die Nähe gezogen war, an den See, in
der Illusion, zu Hause stürbe es sich leichter, hat sie immer
wieder nach ihm gefragt, er solle sie doch einmal besuchen.
Was kaum einmal geschah. Nach ihrem Tod sagten die Fortschrittlichen
unter ihren Menschen, die zurückgeblieben waren,
Tante Paula sei lesbisch gewesen. Das war in einer Zeit, als
dieses Wort in den offiziellen Mitteilungen noch nicht vorkam,
schon gar nicht im kleinen Nachruf des Südkurier. Für Roland
war diese Tante jedoch das erste Beispiel einer Liebe, die nicht
so war wie die anderen.

Tante Paula, viersprachig alt geworden, das Frulein Hahn,
war vor Jahren viersprachig hier herumgegangen, jedes Jahr,
früher mit Irmchen, später, nach Irmchens Tod, immer allein,
auf diesen Wegen, denselben Wegen, la recherche du temps
perdu (wie eine Witwe oder ein Schriftsteller, der sich erinnern
muss), auf denen gerade Roland und Rosemarie unterwegs gewesen
waren, eine Woche lang, und immer wieder hatte Roland
an seine Tante gedacht und an sein bisheriges Leben und
wusste auch nicht, warum gerade jetzt, und er hat Rosemarie
von seinem Leben und seiner Tante erzählt, vom Schnee von
gestern, der zur Erinnerung verschmolzen war. Er hätte ihr gerne
eine Karte geschrieben, aber Paula war tot, und ihre erste
Adresse, Himmelreich, hätte ohnehin schon längst nicht mehr
gestimmt. Sie kam nämlich, wie Roland auch, von einem Ort,
der Himmelreich hieß. Das dazugehörende Land hieß Schwä-
bisch Mesopotamien, denn es lag da, wo die Donau und der
zum Bodensee ausufernde Rhein, zwei Flüsse, schon oftmals
besungen, am engsten zusammenkamen. Andere sagten auch:

Das Goldene Dreieck, denn den Neckar, auf den Hölderlin lange
genug hinuntersah (wenn er aber eine Hymne schrieb auf
ihn, war es hinauf), muss man sich auch noch dazudenken.

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