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1. Komm, gehen wir. Und sie
gingen
(Leseprobe aus:
Komm gehen
wir, Roman, 2007, S.
Fischer)
Eigentlich waren sie nur zum
Braunwerden hierher gekommen.
Deswegen waren sie hier. Und das
Meer sehen wollten
sie. Und nichts tun. Und sonst gar
nichts.
Gerade hatte Jim sie um einen
Schluck Wasser gebeten und
sich neben sie auf sein kleines
Handtuch gesetzt. So begann
ihre Geschichte. Und wie jede Liebe
begann auch diese mit
einem Blick.
Das wusste er aus den Liebesfilmen.
Es war eine alte Sehnsucht, mit der
ihn Tante Paula infiziert
hatte. Sie liebte Capri, muss es
geliebt haben, denn anders ließ
es sich nicht erklären, dass sie
wie ein Kind sprach, wenn sie
davon erzählte.
Das Schönste auf der ganzen Welt!,
sagte sie, wie Kinder sagen.
Roland sah sie noch mit diesem Satz
dastehen und hörte noch
das Ausrufungszeichen hinter auf der
ganzen Welt.
Vielleicht war es auch wegen der
Liebe, von der Roland damals
noch nicht viel wusste, dass es
immer Capri sein musste.
Und die Liebe einer alten Frau gab
es für ein Kind von einst
ohnehin nicht – solche Sätze
waren Roland in den Sinn gekommen,
als ihm diese Frau in den Sinn kam.
Die Erinnerung war
Schnee von gestern und das Kapital
von Schriftstellern und
Verliebten, die ihre große Zeit
hinter sich hatten.
Tante Paula hat ihnen jedes Jahr
eine Karte von diesem
Meer und den Felsen geschickt. So
sah er auch nebenbei zum
ersten Mal das Meer. Als Kind saß
er auf ihrem Schoß, wenig
später hat sie seinen Händen
Manieren beibringen wollen,
dann die ersten Worte Französisch.
Sie sah, wie er wuchs,
und jedes Mal, wenn sie zu ihnen
nach Hause kam, das war
einmal im Jahr, sah Paula, wie er
Fortschritte gemacht hatte
im Leben.
Später, als sie wieder in die Nähe
gezogen war, an den See, in
der Illusion, zu Hause stürbe es
sich leichter, hat sie immer
wieder nach ihm gefragt, er solle
sie doch einmal besuchen.
Was kaum einmal geschah. Nach ihrem
Tod sagten die Fortschrittlichen
unter ihren Menschen, die zurückgeblieben
waren,
Tante Paula sei lesbisch gewesen.
Das war in einer Zeit, als
dieses Wort in den offiziellen
Mitteilungen noch nicht vorkam,
schon gar nicht im kleinen Nachruf
des Südkurier. Für Roland
war diese Tante jedoch das erste
Beispiel einer Liebe, die nicht
so war wie die anderen.
Tante Paula, viersprachig alt
geworden, das Frulein Hahn,
war vor Jahren viersprachig hier
herumgegangen, jedes Jahr,
früher mit Irmchen, später, nach
Irmchens Tod, immer allein,
auf diesen Wegen, denselben Wegen,
la recherche du temps
perdu (wie eine Witwe oder ein
Schriftsteller, der sich erinnern
muss), auf denen gerade Roland und
Rosemarie unterwegs gewesen
waren, eine Woche lang, und immer
wieder hatte Roland
an seine Tante gedacht und an sein
bisheriges Leben und
wusste auch nicht, warum gerade
jetzt, und er hat Rosemarie
von seinem Leben und seiner Tante
erzählt, vom Schnee von
gestern, der zur Erinnerung
verschmolzen war. Er hätte ihr gerne
eine Karte geschrieben, aber Paula
war tot, und ihre erste
Adresse, Himmelreich, hätte ohnehin
schon längst nicht mehr
gestimmt. Sie kam nämlich, wie
Roland auch, von einem Ort,
der Himmelreich hieß. Das dazugehörende
Land hieß Schwä-
bisch Mesopotamien, denn es lag da,
wo die Donau und der
zum Bodensee ausufernde Rhein, zwei
Flüsse, schon oftmals
besungen, am engsten zusammenkamen.
Andere sagten auch:
Das Goldene Dreieck, denn den
Neckar, auf den Hölderlin lange
genug hinuntersah (wenn er aber
eine Hymne schrieb auf
ihn, war es hinauf), muss man sich
auch noch dazudenken.
Rezension I Buchbestellung I home II07 LYRIKwelt © S. Fischer